Ausgabe 
24.1.1930
 
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___ Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang l-3« Freitag, den 24. Januar Nummer 7

Zwölfjähriger Geiger.

Von Werner Bock.

In deiner Geige klingt der Väter Blut.

Sie fuhren übers Meer im Nordlichtschein,

Sie jagten durch die dunklen Tannenwälder,

Sie starben einsam in der Felsenöde.

In deiner Geige klingt der Mütter Leid.

Sie haben oft und schwer geboren.

Die Söhne riß der Krieg von ihrer Brust,

Die Gatten zogen in «in fernes Land,

Die Töchter flohen mit dem fremden Mann.

In deiner Geige klingt dein künstges Sein.

Auch du wirft einer Frau gehören,

Auch du wirst fahren übers Meer,

Auch du wirst Glück und Schmerzen tragen, Auch du wirst einsam deine Augen schließen.

Doch heute bist du jung und zart und schön

Und morgen spielst du, Kind mit andern Modern.

Die Sonne und der Wind sind dir im Haar,

Die Wiesenblumen stehn ain Weg und lächeln:

O hört, mm jauchzt die Geig« wie ein Kind!

General Bornemann.

Von Peter Peppermint.

Gestern habe ich Bornemann wiedergesehen. Daß inich ein Clown jemals so tief erschüttern und mir eine unruhvolle Nacht bereiten würde ich hätte es früher nie geglaubt. Noch sehe ich Borninis, Friedrich Bornemanns Grimassen, noch tanzen, die grotesken Figuren seiner Hüh­ner vor meinen Augen...

Es fällt mir schwer, sein Leben wieder aufzurollen. Denn das ist lange, lange her, daß wir auseinandergingen ...

In der Sexta saß Friedrich Bornemann auf meiner Bank... schmäch- tig, hochgeschossen, kalkig blaß, verschüchtert, müde graue Augen, groß- vaterhast alt, in verwachsenen gestapften Hosen. Die Backenknochen stan­den kantig aus dem Gesicht, die Kinnpartie schob sich unter der Unter- lippe hervor. Auf viel zu langen Beinen stieg er daher und knickte in den Knien ein. Seine Eltern waren einfache Leute, und der Vater sparte sich die Erziehung des Sohnes am eigenen Munde ab. Friedrich Borne­mann war schüchtern, aber nie deprimiert. Seine Miene war eine be­ständige Bitte um Verzeihung, daß er auch da war. Wenn er lachte, Srinste er, lind die Breite seines offenen Mundes, der gelbe Zähn« sehen ließ, weckte beinahe Mitleid...

Er war ein guter, guter Mensch. Viel zu gut für diese Welt, aber leider nicht klug genug, um dessen bewußt zu werden.

Sein liebstes Spielzeug lvaren Bleisoldaten, die er vor sich paradieren ließ und die er gegen Burgen von Zigarrenkisten trieb. Viel Zeit zum Spielen blieb ihm nicht, denn den Schulaufgaben stand er hilflos gegen­über. Er brauchte zu ihrer Bewältigung bei weitem mehr Zeit als die anderen.

Einmal fragte uns der Lehrer, was für einen Beruf wir wohl einmal ergreifen möchten. Die Wünfckx waren seltsam cs wäre nicht schön, ivenn sie alle in Erfüllung gegangen wären, denn dann wäre das groß« Hoffen ausgeblieben, um das allein zu leben es sich lohnt. So kam' auch an Bornemann die Reihe.

Als er sagte:Offizier, General!" da lachten wir alle. Warum? Wir wußten es selbst nicht, aber wir dachten in diesem Augenblick vielleicht an die knickenden Knie beim Parademarsch, dachten an das unter dem blanken Helm vorspringende Kinn, dachten wohl auch an Kommandos, die eine verquollene, muffige Stimme röchelte...

Bornemann Offizier! Wir wußten damals noch nicht, daß das aus häuslichen Gründen nicht möglich war, die auch durch die unermüdliche Arbeit des sorgenden Vaters nicht aufgehoben wurden.

Der Wunsch verdichtete sich ernstlich in Bornemann. Denn er sprach uns ost davon, daß er mit allen Fasern seines Herzens Offizier fein würde, der rasch, sehr rasch avancieren würde. Er war inzwischen zurück­geblieben und mußte manche Klaffe ein zweites Mal abfitzen. Zwischen aller Arbeit, die er nie begriff, und die ihm weder sck>adete noch nützte, sand er Minuten, in denen er di« Soldaten seiner Kinderjahr« heimlich wieder aufbaute.

Er malte auch ein wenig. Immer das gleiche: Uniformen, bunt und blumig... Generäle mit glitzernden Orden... Exzellenzen mit großen, roten Streifen an den Hofen... Paraden, Paraden... Kopf an Kops, ein Soldat wi« der andere, mit weit vorgeworfenen Beinen... dilettantisch und schematisch die Gesichter...

Und wurde einmal eine richtige Parade abgehalten, dann stand er und wartete stundenlang und klassifizierte mit feinen grauen, sachlichen Augen die Feldwebels, die Leutnants, die Major«. Von einigen wußte er gar di« Namen ... kaum konnte er es verwinden, daß er bei einer großen Kaiserparade nach fünfstündigem Warten ohnmächtig umfiel und so des ersehnten Augenblicks verlustig ging.

Als wir schon langst im Kolleg saßen, drückte Bornemann noch die Schulbank. Er war um drei Jahre zurück, als der Krieg kam.

Er meldet« sich freiwillig, wurde aber zunächst abgewiesen. Mürrisch und verdrießlich stelzte er herum. Um das muffige Gesicht sproßten die Stoppeln, und alt sah er aus, als trüge er die Sorgen von Generationen.

Dann nahmen sie ihn doch. Der Krieg verwischte alle Beziehungen. Als er zu Ende war, verwunderte man sich, wenn der ein« noch lebte oder ein anderer auftauchte, den man noch nie gesehen zu haben meinte. Bor­nemann sei in Rußland gefangen genommen worden, hieß es. Aber man hörte und sah ihn nie wieder...

Daß ich gestern mittag in dem kleinen ostpreußischen Städtchen Rast machte, daran war das herrliche Herbstwetter schuld. Von der See her wehte eine würzige, gesunde Luft, die mich lockte, einen Tag zu bleiben.

In dem kleinen Gasthaus, das ich gegen Abend aufsuchte, hatte ich schon früher gewohnt. Man kann von den Zimmern oben hinunter auf den Marktplatz sehen, auf dem gerade di« kleine Arena einer wandern­den Zirkusgesellfchaft errichtet wurde.

Das Gastzimmer, das ich betrat, war leer. Nur in der gegenüberlie­genden Ecke hockte ein Mensch bei einem Glase Bier. Sein faltiges Ge­sicht wandte sich mir zu uralt und greisenhaft und dennoch nicht müde und verbraucht starr blieben die grauen Augen an mir hängen.

Gewiß, ich kannte das Gesicht... wer war bas gleich? Wann begegnete ich ihm?

Der andere verzog feinen Mund zu einem breiten Grinsen.

Bornemann?" fragte ich.

Ja ich bin es", gurgelte es.Wie kommst du hierher?"

Bornemann? Du bist es wirklich? Seltsam, daß man sich nach Jah­ren in einem so versteckten Winkel trifft! Was treibst du?"

Was soll man treiben?", druckste er langsam.Heute hier mor­gen da!"

Nanu?" Ich fühlt«, er schämt« sich. Wir setzten uns zusammen, und erst nach einem neuen Glase fand er Worte.

Es ist mir peinlich, dir zu begegnen."

Was heißt peinlich? Geht's dir nicht gut? Das ist doch kein« Schande."

Du hast den Zirkus drüben gesehen?"

Ja, ich habe sogar die Absicht, ihn heute abend zu besuchen. Ich seh« so was mal ganz gern. Gehst du mit?"

Ich bin sowieso dort." Er nestelte an seinem Anzug herum, und mir kam erst jetzt zu Bewußtsein, daß Bornemann recht schäbig ange- zogen war.

Wie soll ich das verstehen?"

Ich bin dort Clown. Dummer August." Er sah zum Fenster hin- aus.Ich habe Pech gehabt. Frage nicht. Jetzt geht's mir gut, denn ich brauche nicht viel. Bernini, der Clown, ja..." Müde lächelnd wandte er sich mir wieder zu.Geh nicht in die Vorstellung, es ist mir unan­genehm ... allerdings: hindern kann ich dich nicht!" Und polternd stand er plötzlich auf und stärkste aus der Stube...

Natürlich ging ich hin. Ich ärgere mich heut« selbst darüber, aber ... ich konnte dem Wunsche nicht widerstehen ...

Die fleißigen Leut« leisteten viel. Da roar eine ganz tüchtige Reiterin, die auf einem ungefatteltem Pferde tanzte, da war' auch eine ganz junge Seiltänzerin, ein Kind noch, vielleicht die Tochter des Direktors, der selbst einenklugen Hans" zeigte. Cs war derselbe Gaul, der den kleinen Wohnwagen gezogen hatte. Im zweiten Teil kamB o r n i n i, der größte Spaßmacher der Welt, mit seinen klugen Hühnern eine unerreichte Dressurnummer!"

Die drei Blechbläser bliesen einen erbärmlichen Tusch. Und dann fetzt« der Radetzky-Marsch ein man erkannte es an dem tatatam, tatatam, tatatam, tato, das die fistelnde Trompete schmetterte. Der Direktor hielt mit dem Akrobaten den Vorhang auf und herein marschierte Bornini, Friedrich Bornemann, kreidig beschmiert, mit großen wulstigen, roten Lippen, die bis zu den Ohren reichten, im glitzernden Clownskostüm, mit einem Holzfäbel an der Seite.

Achtung!" schrie er,»und hinterher tarn ein Dutzend Hühner, fette Hennen, zu viert nebeneinander in drei Gliedern, grotesk die dürren

1 Beinchen vvrfetzend. Und Borninis verquollene Stimme kommandierie