wirb, weil man ihr den^Balg streicht. Doch die Kotz«, von welcher es kam, konnte man trotz alles suchens nicht finden: da ward manchem unheimlich, und trotz aller Herrlichkeit lief er mitten aus dein Feste. Nur die Weiber hörten nichts oder achteten sich dessen nicht, mit dem neuen Haus« meinten sie alles gewonnen. ..
Ja, wer blind ist, sieht auch die Sonne nicht, und wer taub i|t, hort auch öen Donner nicht. Darum freuten die Weiber des neuen Hauses sich, wurden all« Tage hoffärtiger, dachten an die Spinne nicht, sondern führten im neuen Hause ein üppiges, arbeitsloses Leben mit Putzen und Essen, kein Mensch konnte es ihnen treffen, und an Gott dachten sie nicht.
Im alten Hache blieb das Gesinde alleine, lebte, wie es wollte, und wenn Christen dasselbe auch unter seiner Aufsicht haben wollte, so duldeten die Weiber es nicht und schalten ihn, die Mutter aus Hochmut hauptsächlich, das Weib aus Eifersucht zumeist. Daher war drunten keine Ordnung und bald auch keine Gottesfurcht, und wo kein Meister ist, geht es so durchweg. Wenn kein Meister oben am Tische sitzt, kein Meister im Hause die Ohren spitzt, kein Meister draußen und drinnen die Zügel hält, so meint sich bald der der Größte, welcher am wüstesten tut, und der der Beste, welcher die ruchlosesten Reden führt.
So ging es zu im Hause drunten, und das sämtliche Gesinde glich bald einem Rudel Katzen, wenn sie am wüstesten tun. Aon Beten wußte man nichts mehr, hatte darum weder vor Gottes Willen, noch vor seinen Gaben Respekt. Wie die Hoffart der Meisterweiber keine Grenzen mehr kannte, so hatte der tierische Uebermut des Gesindes keine Schranken mehr. Man schändete ungescheut das Brot, trieb das Habermus über den Tisch weg mit den Löffeln sich an die Köpfe, ja verunreinigte viehisch die Speise, um boshaft den anderen die Lust am Essen zu vertreiben. Sie neckten die NacPmrn, quälten das Vieh, höhnten jeden Gottesdienst, leugneten alle höhere Gewalt und plagten auf alle Weise den Priester, der strafend zu ihnen geredet hott«; kurz, sie hatten keine Furcht mehr vor Gott und Menschen und taten alle Tage wüster. Das wüsteste Leben führten Knechte und Mägde, und doch plagten sie einander wie nur möglich, und als die Knechte nicht mehr wußten, wie sie auf neue Art die Mägde quälen konnten, da fiel es einem ein, mit der Spinne im Loche die Mägde zu schrecken oder zahm zu machen. Er schtniß Löffel voll Habermus oder Milch an den Zapfen und schrie, die drinnen werde wohl hungrig sein, weil sie so viel hundert Jahre nichts gehabt. Da schrien die Mägde gräßlich auf und versprachen alles, was sie konnten, und selbst den anderen Knechten graute es.
Da das Spiel sich ungestraft wiederholte, so wirkte es nicht mehr, die Mägde schrien nicht mehr, versprachen nicht mehr, und die anderen Knecht« begannen es auch zu treiben. Nun sing der an, mit dem Messer gegen das Loch zu fahren, mit den gräßlichsten Flüchen sich zu vermessen, er mache den Zapfen los und wolle sehen, was drinnen sei, und sie müßten einmal auch was Neues sehen. Das weckte neues Entsetzen, und der Bursche, der das tat, ward allen Meister und konnte zwingen, was er wollte, besonders bei den Mägden.
Das soll aber auch ein seltsamer Mensch gewesen sein, man wußte nicht, woher er kam. Er konnte sanft tun wie ein Lamm und reißend wie ein Wolf; war er alleine bei einem Weibsbilde, so war er ein sanftes Lamm, vor der Gesellschaft aber war er wie ein reißender Wolf und tat, als ob er alle haßte, als ob er über alles aus wolle mit wüsten Taten und Worten. Er hatte ungleiche Augen, aber man wußte nicht, von welcher Farbe, und beide haßten einander, sahen nie den gleichen Weg, aber unter langem Augenhaar und demütigem Niedersehen wußte er es zu verbergen. Sein Haar war schön gelockt, aber man wußte nicht, war es rot ober falb, im Schatten war es das schönste Flachshaar, schien aber die Sonne darauf, so hatte kein Eichhörnchen einen röteren Pelz. Er quälte wie keiner das Vieh. Dasselbe haßte ihn auch darnach. Bon den Knechten meinte ein jeder, er sei sein Freund, und gegen jeden wies er die anderen auf. Den Meisterweibern war er unter allen alleine recht, er alleine war oft im oberen Hause, dann taten unten die Mägde wüst; sobald er es merkte, steckte er sein Messer an den Zapfen und begann sein Drohen, bis die Mägde zum Kreuze krochen.
Doch behielt dieses Spiel auch nicht lange seins Wirkung. Die Mägde wurden dessen gewohnt und sagten endlich: ,Tu es doch, wenn du darfst, aber du darfst nicht!'
Es nahte Weihnacht, dis heilige Nacht. An das, was dieselbe uns weihet, dachten sie nicht, ein luftiges Leben hatten sie abgeraten in derselben. Im Schlosse droben haust« ein alter Ritter nur, und der bekümmerte sich wenig mehr ums Zeitliche; ein schelmischer Vogt verwaltete alles zu seinem Vorteil. Um ein Sci^lmenstück hatten sie diesem edlen Ungarwein abgehandelt, neben welchem Lande die Ritter in großem Streite lagen; des edlen Weines Kraft und Feuer kännten sie nicht. Ein fürchterliches Unwetter tarn herauf mit Blitz und Sturm, wie selten sonst um diese Zeit, keinen Hund hätte man unter dem Ofen hervorgejagt. Zur Kirche zu gehen hielt es sie nicht ab, sie wären bei schönem Wetter auch nicht gegangen, hätten den Meister alleine gehen lassen, aber es hielt andere ab, sie zu besuchen; sie blieben allein im alten Hause beim edlen Weine.
Sie begannen den heiligen Abend mit Flucljen und Tanzen, mit wüsteren und ärgeren Dingen; dann setzten sie sich zum Mahle, wozu die Mägde Fleisch gekocht hatten, weißen Brei, und was sie sonst Gutes stehlen konnten. Da ward die Roheit immer gräßlicher, sie schändeten alle Speisen, lästerten alles Heilige; der genannte Knecht spottete des .Priesters, teilte Brot aus und trank seinen Wein, als ob er die Messe verwaltete, taufte den Hund unterm Ofen, trieb es, bis es angst und bange den anderen wurde, wie ruchlos sie sonst auch waren. Da stach er mit dem Messer ins Loch und flucht«, er wolle ihnen noch ganz andere Dinge zeigen. Als sie darob nicht erschrecken wollten, weil er das Gleiche schon manchmal getrieben, und mit dem Messer gegen den Zapfen kaum viel abzuringen war, so griff er in halber Raserei nach einem Bohrer, vermaß sich aufs schrecklichste, sie sollten es erfahren, was er könne, büßen
ihr Lachen, daß ihnen die Haare zu Berge ständen, und dreht« mit wilden; 'stoße den Bohrer in den Zapfen hinein. Laut aufschreiend stürzten alle auf ihn zu, aber ehe jemand es hindern konnte, lachte er wie der Teufel selbst, tat einen kräftigen Ruck am Bohrer.
Da bebte von ungeheurem Donnerschlag das ganze Haus, der Misst, täter stürzte rücklings nieder, ein roter Glutstrom brach aus dem Loche hervor, und mittendrin saß groß und schwarz, aufgeschwollen im ®ifte von Jahrhunderten, die Spinne und glotzte in giftiger Lust über die Frevler hin, die versteinert in tödlicher Angst kein Glied bewegen konnten, dem schrecklichen Untiere zu entrinnen, das langsam und schadenfroh ihnen über die Gesichter kroch, ihnen einimpfte den feurigen Tod.
Da erbebte das Haus von schrecklichem Wehgeheul, wie hundert Wölfe es nicht auszustoßen vermögen, wenn der Hunger sie peinigt. Und bald erscholl ein ähnliches Wehgeschrei aus dein neuen Hause, und Christen, der eben den Berg aufkam von der heiligen Messe, meinte, es feien Räuber eingebrochen, und seinem starken Arme trauend, stürzte er den Seinen zu Hilfe. Er sand keine Räuber, aber den Tod; mit diesem rangen Weib und Mutter und hatten schon keine Stimme mehr in den hochaus- gelaufenen, schwarzen Gesichtern; ruhig schlummerten seine Kinder, und gesund und rot waren ihre munteren Gesichter. Es stieg in Christen die schreckliche Ahnung dessen auf, was geschehen war; er stürzte ins untere Haus, dort sah er die Diensten alle verendet, die Stube zur Totenkammer geworden, geöffnet das schauerliche Loch im Bystal, in des scheußlich entstellten Knechtes Hand den Bohrer und auf des Bohrers Spitze den schrecklichen Zapfen. Jetzt wußte er, was da geschehen war, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und wenn die Erde ihn verschlungen hätte, so wäre es ihm recht gewesen. Da kroch etwas hinterrn Ofen hervor, schmiegte sich ihm an; entsetzt fuhr er zusammen, aber es war nicht die spinne, es war ein armes Bübchen, das er um Gottes' willen ins Haus genommen und unter dem ruchlosen Gesinde gelassen hatte, wie es ja auch jetzt viel geschieht, daß man Kinder um Gottes willen nimmt und sie dem Teufel in die Hände spielt. Das halt« keinen Teil genommen an den Greueln des Gesindes, war erschreckt hinter den. Ofen geflohen; ihn allein hatte die Spinne verschont, es konnte nun den Hergang erzählen,
Aber noch rvührend das Bübchen erzählte, scholl durch Wind und Weiter Angstgeschrei von anderen Häusern her. Wie in hundertjähriger, aufgeschwellter Lust flog die Spinne durch die Talschaft, las zuerst die üppigsten Häuser sich aus, wo man am wenigsten an Gott dachte, aber am meisten an die Welt, daher von dem Tod am wenigsten wissen mochte.
Noch war es nicht Tag geworden, so war die Kunde in jeglichem Hause: die alte Spinne sei losgebrochen, gehe aufs neue todbringend um in der Gemeinde; schon lägen viele tot, und hinten im Tale fahre Schrei um Schrei zum Himmel auf von den Gezeichneten, die sterben müßten. Da kann man sich denken, welch' Jammer im Lande war, welche Angst in allen Herzen, was das für ein« Weihnacht war in Sumiswald! An die Freude, die sie sonst bringt, konnte keine Seele denken, und solcher Jammer kam vom Frevel der Menschen. Der Jammer aber ward alle Tage größer, denn schneller, giftiger als das frühere Mal war die Spinne jetzt. Bald war sie zuvorderst, bald zuhinterst in der Gemeinde; auf den Bergen, im Take erschien sie zu gleicher Zeit. Wie sie früher meist hier einen, dort einen gezeichnet hatte zum Tode, so verließ sie jetzt selten ein Haus, ehe sie alle vergiftet; erst wenn alle im Tode sich wanden, setzte sie sich auf die Schwelle und glotzte schadenfroh in die Vergiftung, als ob sie sagen wollte: sie sei es und sei doch wieder da, wie lange man sie auch eingesperrt.
Es schien, als ob sie wüßte, ihr sei wenig Zeit vergönnt, oder als ob sie sich viel Mähe sparen wollte, sie tat, wo sie konnte, viele auf einmal ab. Darum lauerte sie am liebsten auf die Züge, welche die Toten zur Kirche geleiten wollten. Bald hier bald dort, am liebsten unten am Kirchstalden, tauchte sie mitten in den Hausen auf und glotzte plötzlich vom Sarge herab auf die Begleitenden. Da fuhr dann ein schreckliche« Wehgeschrei aus dem begleitenden Zuge zum Himmel auf, Mann um Mann fiel nieder, bis der ganz« Zug der Begleitenden am Wege lag und rang mit dem Tode, bis fein Leben mehr unter ihnen war, und um den Sarg ein Haufen Tote lag, wie tapfere Krieger um ihre Fahne liegen, von der Uebermacht erfaßt. Da wurden keine Toten mehr zur Kirche gebracht, niemand wollte sie tragen, niemand geleiten; wo der Tod sie streckte, da ließ man sie liegen.
Verzweiflung lag überm ganzen Tale. Wut kochte in allen Herzen, strömte in schrecklichen Verwünschungen gegen den armen Christen Ä an allem sollte jetzt er schuld sein. Jetzt auf einmal wußten alle, M Christen das alte Haus nicht hätte verlassen, das Gesinde nicht sich W überlassen sollen. Auf einmal wußten alle, daß der Meister für V® Gesinde mehr ober minder verantwortlich fei, daß er wachen solle über Beten und Essen, wehren solle gottlosem Leben, gottlosen Reden um gottlosem Schänden der Gaben Gottes. Jetzt war allen auf einmal Hoffa« und Hochmut vergangen, sie taten diese Laster in die unterste Hom hinunter und hätten es kaum Gott geglaubt, daß sie dieselben noch ior wenig Tagen so schmählich an sich getragen; sie waren alle wieder fromm hatten die schlechtesten Kleider an und die alten verachteten Rosenkranz« wieder in den Händen und überredeten sich selbst, sie seien immer gW fromm gewesen, und an ihnen fehlte es nicht, daß sie Gott nicht M Gleiche überredeten. Christen allein unter ihnen allen sollte gottlos jew und Flüche wie Berge kamen von allen Seiten auf ihn her. Und war« doch vielleicht unter allen der Best«, aber sein Wille lag gebunden । seiner Weiber Willen, und dieses Gebundensein ist allerdings eine Schuld für jeden Mann, und schwerer Verantwortung entrinnt er tw weil er anders ist, als Gott ihn will. Das sah Christen auch ein, «m war er nicht trotzig, pochte nicht, gab sich schuldiger dar, als er war; a damit versöhnte er die Leute nicht, erst jetzt schrien sie einander zu, groß seine Schuld sein müsse, da er so viel auf sich nehme, so wen unterziehe, es ja selbst bekenne, er sei nichts wert.
(Schluß folgt.) __-
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrioi. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieö«"-
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