«väre, den Aerger auszuschreien, als in der Hoffnung ihn anzuhalten. Sah noch einmal nach den Gäulen, — die ihre Wagen nicht auseinander brachten, auch schien es, daß ein Rad zerbrochen war, nicht von dem Müller — und machte sich daran, den Weg zu laufen. Nun war die Straße damals noch nicht französisch und also schlecht im Stand; und weil er eilig war, so rutschte er einmal und trat ins gelbe Wasser der tiefen Räderspuren und war verdreckt mit Lehm bis in die Haare, als er, den Hut nach der Gewohnheit in der Hand, endlich ans Löhrtor kam.
Da spielte ihm sein Mißgeschick den letzten Streich, indem der Wachthabende ein kluger Knaster und zum erstenmal auf diesem Posten war. Dem schien ein Pfarrer, fo mit Lehm beschmiert, verdächtig; und weils dem Reuter nicht gegeben war, breitspurig stillzuhalten, wozu ihm diesmal auch die Zeit mangelte, saß er nach einigen spaßigen Redensarten, die den Knaster grimmig ärgerten, in der Wachtstube fest verwahrt. Er muhte ein paar Stunden dem Kartenspiel zusehen und wäre von da noch tiefer in die Mauern des Gerichts geraten, wenn er nicht auf der Hauptwache fein Papier hätte vorzeigen können, wonach er als Pfarrer Reuter vors erzbischöfliche Konsistorium geladen war; um 9 Uhr, es war aber schon halb elf. So gab man ihm einen Soldaten an die Hand, der ihn gegen elf Uhr ins Konsistorium einlieferte, wo ihn sein Mißgeschick sogleich verließ.
Denn weil die Herrn nichts mehr zu rüffeln, auch sonst nichts mehr zu regieren hatten, so war die Tagesordnung zu einer Flasche Wein gegangen und stand bereits der fünfte Punkt erledigt auf dem Tisch, auch dampfte es wie in der Schmiede, als der Soldat den Reuter in das Zimmer ließ.
Da hätten sie nun nach dem Tatbestand und nach beliebter Weise Grund gehabt, der wachhabenden Behörde, die ihnen ihren Delinquenten so lange vorenthalten hatte, in einem scharfgesaßten Protokoll zu remonstrieren. Doch weil der Wein das seine tat, auch alle noch in einem stillen Gelächter waren über einen noch stilleren Witz, so ließ der Vorsitzende gnädiger Weise den Soldaten gehen und gab dem Reuter seinen Rüffel; mochte aber in seinem mit Weindunst arg beschwerten Kopf einen Gedanken haben, daß diese Abfertigung noch eine Folge finden müsse, und wies ihm einen Stuhl.
Da saß der Reuter, derweil sie tranken und blaue Wolken um ihn qualmten, und hing fast ineinander vor Müdigkeit und hatte von dem Laufen einen Durst wie nie im Leben, und dachte an seine Irrfahrt in der Nacht, und wie die Herrn ihn zu richten sich fett und witzig blähten beim Wein.
Und war so recht wie eine Batterie voll Zorn geladen, als einer von den Vieren, ein dürrer Kerl, schon grau mit aufgeschnippter Nase, ihn gähnend fragte, indefsen er di« Seine unterm Tisch ausstreckte, gleichsam wie wenn der Reuter es noch besonders verdienen müsse, solcher Gesellschaft beizusitzen: Was gibt es Neues in Kapellen?
Was soll ein armes Dorf für Neuigkeiten machen! sagte der Reuter, und wie das geht, schoß ihm der Gedanke an Waldesch und vieles andere durch den Kopf; bis da mit einemmal — der Vorsitzende goß die Gläser voll, und er saß immer noch im Durst dabei — ein Licht boshafter Art aufging: Ebbes neues gibt es doch, fing er bescheiden an, und als sie ihre Köpfe herablassend nach ihm drehten, kniff er die dicken braunen Augen ein wenig zu: Fünf Kälber hat dem Noll seine Kuh geworfen!
Fünf Kälber? Macht bei Sach! ermahnte ihn der Dürre, der mit der Diehwirtschaft vertrauter schien: Eine Kuh hat nur vier Strich. Was soll das fünfte machen, wenn die anderen trinken? So wurde die Sachs den Herrn der geistlichen Regierung wichtig; der Vorsitzende drehte sich förmlich mit seinem Stuhl nach ihm herum, vorsorglich noch das Weinglas greifend.
Da beugte sich der Reuter weit vor, indem er sich vertraulich flüsternd mit einer drastischen Handbewegung ins Konsistorium einschob, sein Geheimnis preiszugeben, und hatte ein verschmitztes Bouernlachen um den breiten Mund: Et sitzt dabei, wie ich.
Frühling -'n Achen.
Von unserem H. T.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! • Athen, Mai 1930.
Auch das ist ein Naturgesetz: jedesmal/ wenn daheim im kalten Norden die Knospen zu springen beginnen, knallen „bei uns in Südosteuropa" die Büchsen und die Handgranaten, kriecht der Komitadschi, vom Eise befreit, hervor aus seinem Schlupfwinkel, steigt der Räuber vom ungastlichen Olymp hernieder in die wärmenden Gefilde, setzen die Demarchen 6er für „Ruhe und Ordnung auf dem Balkan" verantwortlichen Weltpolizei ein und über ein Kleines, dann werden die Wetterpropheten wieder „Wolken über Albanien", „Krisenluft in Belgrad" und allerlei andere atmosphärische Strömungen in Sofia, Bukarest und anderswo sorgenvoll zu registrieren haben. Das ist im Frühjahr immer so gewesen, das ist heute so und das wird immer so bleiben, denn das ist Balkanfrühling...
Auch in A t h e n hat der Lenz nun endlich! endlich! — Gott sei gepriesen! — seinen Einzug gehalten und den regenschweren, melancholisch und trübsinnig stimmenden Winter abgelöst, jenen Winter, in dem die Temperatur eigentlich nie unter Null Grad zu sinken pflegt, dessen feuchte Kühle aber merkwürdigerweise gerade für den Nordländer schwerer zu ertragen ist als krachender, knackender Frost. Das alles ist nun vergessen, die behelfsmäßigen, eisernen Kanonenöfen sind wieder abmontiert, die Kamine frisch gekalkt und ihrer dekorativen Bestimmung wieder zugeführt, die Kohlenbecken in der Rumpelkammer verstaut und jung und alt ..blickt wieder hoffnungsfroh in der Zukunft hoffnungsvolle Ferne".
Nur die Händler- und Hotelwelt ist sorgenvoll gestimmt, denn die Zeiten sind schlecht und die obligaten „ersten Frühlingsboten", die raff- ,zahnigen, knochigen, stelzbeinigen Engländerinnen wandern, den roten Baedeker in der Hand, immer noch in recht spärlicher Anzahl die Athener Friedrichstraße — sprich Stadionstraße, genauer „Steedjen-Striet" auf und nieder. Sie sind heuer merkwürdig spät gekommen, und ihre Geldtaschen
sind zugeknöpfter denn je — das Geld! Das Geld! Das alte Selben! Selbst in old England scheint nicht mehr alles so zu sein wie früherl Deswegen wird die Werbung verdoppelt, und wenn man diese Athener Pracht- und Renommierstraße durchschlendert, könnte man glauben, sich in einem einzigen riesenhaften Musiksalon zu befinden: alle Türen der Geschäfte sind weit geöffnet und überall am Eingang ein Radio- oder Grammophonapparat aufgebaut, Maschinen, die unermüdlich die schmetterndsten Märsche oder die gellendsten Arien von sich geben. Kopf an Kopf drängt sich davor die mit Musik nicht gerade sehr verwöhnte Masse, andächtig lauschend ... aber hinein? Hinein lenken nur wenige den Schritt. Denn die allgemeine Lage ist „kritikos", kritisch, und die „Krisis" regiert auch im Ursprunglande dieses gutdeutsch gewordenen Wortes Ort und Stunde...
Trotzdem: es ist Frühling geworden! Kein Zweifel! Die Verkehrs, fchutzleute haben sich blütenweiße Handschuhe angezogen und den Mantel zu Hause gelassen, und am Abend ziehen sie sich — sehr praktisch! — über die Aermel, bis zu den Achseln reichend, weiße „Armschützer" wie Bureauärmel — es sieht von weitem aus, als hätten sie bis zu den Schultern in ein Mehlfaß gefaßt. Aber: das ist eben der Vorteil: ... schon auf hundert Meter erkennt man ihre Winksignale, diese weißen Arme ersetzen einen ganzen kompliziert beleuchteten Verkehrsturm.
Auch die „Euzonen", das Leibgardebataillon, hat Kostümwechsel vor» genommen: sie haben die langen blauen, enganliegenden Gehrock-Ueber- röcke in den Schrank gehängt und sind dafür wieder in ihre weißen Ballettröcke getaucht — von denen ein einziger 64 laufende Meter Leinewand erfordert!! Ein solcher „Euzone" füllt mit seinem abstehenden Plisse-Rock mit Leichtigkeit Vorder- und Hinterperron eines Trambahnwagens aus! Bisher bestand die Truppe nur aus 50 Mann, die den Wachtdienst vor den verschiedenen Ministerien und Präsidentenwohnungen versahen, wo sie, unter einem riesengroßen Sonnenschirm stehend, sich bereitwilligst von den „Xenoi" in allen gewünschten Stellungen bewundern und photographieren ließen. Jetzt — anläßlich der Jahrhundertfeiern hat man ein ganzes Bataillon von 500 Mann formiert, das ausschließlich nur repräsentativen und Paradezwecken dienen soll. Denn zu etwas anderem sind diese Männer ja auch nicht zu gebrauchen. Felddienstübungen in der Krinoline? Nicht gut möglich! Mir auch vollkommen rätselhaft, wie diese Krieger überhaupt sitzen können! Hinreißend schön sehen die Offiziere aus, an denen alles „echt" ist: die ledernen, schwer mit Gold bestickten Mokassins und Gamaschen, die breite, dicke, goldene Bauchbinde mit den altertümlichen, silder- und goldbeschlagenen Pistolen darin, das breite türkisch-albanische Krummschwert an der Seite, bas schöne Mieder, die blausamtenen, silbergestickten wehenden Engels- slügel auf dem Rücken, der rote Fez mit den langen, blauen Troddeln... einmal in diesem Auszug die Linden „rauf und runter", und der Asphalt ist mit geknickten Mädchenherzen bedeckt. Die fünfhundert Euzonen brauchen allein für ihre erste Garnitur 32 000 Meter Stoss — und dabei behauptet der Staat immer, er habe kein Geld! An sich richtig — aber dieses Geld für diese recht überflüssige Luxustruppe bringen ja nicht die verschiedenen Achillesse und Themistoklesse, sondern Herr Müller, Herr Schulze und die anSeren auf, sintemalen Deutschland auf Grund des Poungplanes an Griechenland runde 500 Millionen Goldmark zu zahlen hat..’. Dafür kann man sich schon einen Uniform- und Kleiderluxus erlauben, der jede Modekönigin vor Neid erblassen läßt...
Doch ... lassen wir das Nörgeln ... es springt nichts dabei heraus... am allerwenigsten im Frühling, im griechischen Frühling, der den Menschen so faul und müde und glücklich macht! Stundenlang könnte man, sich sonnend wie eine Katze, vor den zahllosen Kaffeehäusern sitzen und bei schillernden Fruchttees und kühlen Limonaden in den blauen Himmel starren. Genf, ... Indien, ... Türkeiftagen, wie ist das alles doch |o unendlich witzlos...
Im „Königlichen Garten" und in den Parks blühen die schönsten Blumen der Welt, leuchten aus tiefdunklem Grün wie gelbe Ampeln die „frei und wild" wachsenden Apfelsinen ... Tausende von Kindern, aber feins, das sie pflückt. Auch das ist merkwürdig. In langen Reihen fitzen auf den Bänken die deutschen Kindermädchen in ihren englischen Nurse-Trachten, und wenn man sich, den Eingeborenen markierend, mit einer Zeitung daneben setzt, dann bekommt man unfreiwillig die „schönsten Geschichten" zu hören. Immer der gleiche Refrain: „Wie man sich doch Griechenland so ganz anders und so viel schöner und so viel besser vorgestellt habe! Und daß Deutschland trotz allem und allem... zu beneiden sind sie nicht, diese kleinen, blonden deutschen Mädchen. Doch das ist ein anderes Lied und kein erfreuliches...
Auch vor dem „Zappeion", jenem Tempelbau, den man — sit venia verbo — als „Ausstellungshalle am Zoo" bezeichnen könnte — hat man die Stühle herausgestellt. Hier vor diesem Marmorbau, den zwei reiche ägyptische Griechen ihrer Vaterstadt gestiftet, trifft sich abends tout Athen, hier fließt im Winter — das heißt, im Frühjahr stellt er feinen Beine» ein — der berühmte Jlistus vorbei, ein Rinnsal, an dessen Ufern,'m«, vor dem Zappeion, einst Sokrates, der schrecklichen Tantippe eniron« neu, im Grase zu liegen pflegte, um mit feinen Freunden über die tiefsten Probleme zu philosophieren. Hier singen genau wie vor 2000 Jahren iw Nachtigallen, nur die Philosophen sind selten geworden in Athen, um dort, wo Sokrates einst Ewigkeitswerte schuf, werden auf rasch zustm- mengeschlagenen Freilichtbühnen französische Salonstücke serviert...
Von diesem Zappeion aus hak man den schönsten Blick auf die hoch' ragende Akropolis, und hier hat sich jene köstliche Geschichte ereignet,' deren Mittelpunkt zwei deutsche Hellas-Pilger standen, diet® Land der Griechen mit allem anderen, nur nicht mit der Seele suchte > Stundenlang hatten sie hier angesichts der Akropolis gehockt, einen saif nach dem anderen geschlürft und sich die wärmende, dösig machende tftv lingsfonrte auf den Schädel scheinen lasten. Bis urplötzlich der eine, seinem „Kes" erwachend, den Genossen fragte: „Du Franz, kucke mm, ohm'ne, was is denn das eejentlich for ne alte Burch?"... w !
So etwas pflegt man — glaube ich — den „natürlichen ■*»!» deutschen Mannes" zu nennen.,, I


