Ausgabe 
23.5.1930
 
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SietzenerKmilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang MV Freitag, den^mäi Kummers

3m Zimmer.

Von Manfred S t u r m a n n.

Des Abends weicher Atem strömt herein, Von zauberhaften Lippen ausgehaucht.

Mein Herz, jetzt darfst du gut und friedlich sein, Jetzt ist die letzte Kümmernis verraucht.

Das Zimmer wächst zu ungemessnem Raum, Und das Gewölbe Dunkelheit verspinnt In Grenzenloses deinen wachen Traum, Indes, ein toter Tropfen, Zeit verrinnt.

Und plötzlich kommt an dich ein kalter Zug, Di« Straße weckt dich, und ein Licht flammt auf. Ein Kind weint irgendwo im Schlaf, es trug Sein müdes Aengften jäh zu dir herauf.

Und durch das Fenster sieht die Nacht herein, Sie ist ein blaues Meer, so still, so tief...

Du möchtest gern bei jenem Kinde sein, Das schlafend weinte und dich zu sich rief.

bei

die er

Der Pfarrer Rerrier.

Von Wilhelm Schäfer.

Das mochte wohl ein Urteil sein: Sie traten die Bittsahrt an Dunst und Sonne, doch fiel beim Rückweg ein Sturm und ein Gewitter

vem Kühkopf so furchtbar in das Rheintal, wo der Wein schon in der ersten Stäub« stand, daß sie wie nasse Mäuse so klebten die Kleider an den Beinen durch geschwollene Bäche, an den Ruinen von Stolzen- sclz hinab das Dorf erreichten. Und wie sie bei den ersten Häusern aus­einanderlaufen wollten, die schönste Blüte war verwaschen und es sah nach wochenlangem Regen aus, da konnte der Pfarrer Reuter seinen Zorn nicht bei sich behalten und drohte mit der Faust und schrie sie an: Da hat er Reen! Pflanzt Killl Freßt Kappes! der Wein is

Das war nun kein besonderer Ort, an dem sich der Wein nach einer rheinischen Redensart befinden sollte, und unpassend war es von einem Priester im Ornat, ihn namentlich zu nennen. Es duftete ein Gerücht auch bald den Rhein hinunter, so übel an den Wirtsbänken von Koblenz sich verbreitend, daß dem Pfarrer eine Ladung vor ein erzbischöfliches Konsistorium davon wiederkam. Das wäre einem anderen schlimm gerne» Kn; der Reute meinte, indem er mit dem Papier in Händen durchs Fen- Mr in den Regen sah: das Konsistorium könnte den Wein auch nicht wieder herausholen. Er machte bei dem Fährmann die Stunde der Ab- lahrt aus und ging nach einem guten Trunk zu Bett mit dem Gewissen, oag auch im Weinberg des Herrn mit sanften Reden nichts geschaffen wird, besonders wenn er steinigt ist wie bei Kapellen.

, lag in der Nacht noch wach, mit offenen Augen dem Regen lau­fend, der draußen in Tonnen und Traufen seine Arbeit hatte, als es N" war, wie wenn sich einer ums Haus hinschleiche. Er hörte weinen, auf und fand da einen Jungen von zwölf Jahren, der n x schwarzen Nacht die Tür und auch den Mut zu klopfen nicht hatte «Ä ^nnen. Der kam aus Waldesch, das zur Gemeinde des Pfarrers , und war so naß wie schmutzig, denn von dem armen Huns» U sum Stolzenfels, das geht zwei Stunden weit und dreihundert (ins ^ur<$ **en Wald hinunter auf Wegen, die noch heute beschwerlich nn* kamats halsbrecherisch zu gehen waren. Da sollte der Pfarrer [J?ln der Nacht hinauf; denn mit dem Vater von dem Jungen, einem b mnlen, schwarzen Kerl, war etwas passiert: Er hatte beim Wll- der Pfarrer merkte einen Sturz getan, und wollte nun &h.lLuU?incn Leib als für die Seele Hilfe haben, weil er sich eine n9 Schrot hineingeschossen hatte. Da hieß es, schwere Stiefel und

Der große Schinkel hatte den Stolzenfels noch nicht im mittelalterlichen Stil verbaut, so daß man von Kapellen noch nicht mit Eseln in den Schloßhof ritt, da lebte dort und war mit seinen Späßen weithin am Rhein bekannt der Pfarrer Johann Georg Reuter. Dem lagen einmal die Bauern der Gemeinde mit einem Regenbittgang in den Ohren. Nun war die Trockenheit zwar so, daß auf den Wegen der Staub wie Mehl geschüttet war; doch hätte der Pfarrer gern der Winzer wegen die Trau­benblüte abgewartet. Drum predigte er fo lange christliche Geduld, bis die Bauern keine mehr hatten, sich vor der Kirche zusammentaten und ohne ihn gegangen wären, wenn er nicht schimpfend auf ihren Unverstand Führung übernommen hätte: Weil hoffentlich der Herrgott wie sagte von Traubenblüte mehr verstände als vom Vieh.

einen Mantel antun und wie ein Doktor sich mit dem Pflasterkasten rüsten, und dann am Stolzenfels hinauf durch den Wald und Regen, über Wurzeln, Steine und durch Bäche mühsam im schwankenden Later­nenlicht zur Höhe stampfen.

Doch saß dem Reuter sein freches Maul an einem Kerl, den nichts verdrießlich machen konnte, und den die Mühsal seiner Werkeltage ver­söhnte mit dem Sonntagskram. Als er den Kerl naß und verdreckt auf seiner Streu da liegen hatte es war so schlimm nicht wie er dachte, nur ein mit Schrot zerschossenes Bein; und mehr die Angst, daß sie ihn fassen würden, hatte den Mann vermocht ihn noch zu rufen: da wusch der Reuter ihm tüchtig seine Löcher aus und band sie zu mit Oel und Leinwand; und wusch ihm auch den Kopf, daß er, ein großer, starker Kerl, den armen Tieren mit dem Gewehr so hinterlistig nach dem Leben trachte. Und plante im geheimen manches, wo er ihn wohl verstecken könnte noch in der Nacht, daß ihn die guten Nachbarn nicht verrieten mit Geschwätz. Und weils in jeder Hütte, mehr noch hier oben im Walde ver­dächtig war er glaubte gar nicht an den Sturz und fragte ihn erst tüchtig durch, ob er den Schuß des Försters nicht erwidert und mehr auf seiner Seele als im Schenkel hätte, vielleicht gar einen Mord und weil er als ein Mann von fünfzig Jahren keinem traute, nur sich selber: ließ er den Jungen die Laterne wieder nehmen und leitete den Mann mit seinem Bein, recht wie ein Jüngling seine Liebste mehr trägt als führt, mit sich nach Haus: Er habe da im Schuppen viel Holz, im Sitzen gut zu spalten; auch fürchte er sich in der Nacht allein zum Stolzenfels hinunter.

Und gab der Frau genau Bescheid, und tappte sich so durch mit seinem Kerl, und schleifte ihn und ließ ihn rutschen an den schlimmsten Stelen und trug ihn von dem letzten Abhang auf dem Rücken wie ein Kalb und kam noch vor der Dämmerung das frühe Licht drang erst spät durch den Regen im Pfarrhaus an und machte ihm im Schuppen aus Heu die Lagerstatt zurecht und ließ ihn trinken gegens Fieber, und kam so endlich mit dem ersten Sonnenrot, das durch die Nässe brach, ins Bett. Und war rechtschaffen müde und wollte wie ein guter Christ, die Hände auf der Brust gefaltet, gerade schlafen: als ihm das Konsistorium einfiel, und daß der Fährmann anderer Passanten wegen, und weil auch Markt in Koblenz war, schon in der Frühe fahren wollte... Er kannte sich als einen Schläfer, der kein kleines Stück anfängt zu weben, stand also wieder auf und machte sich zu tun mit seiner Morgensuppe weil er doch keine Dienstmagd hatte und kam zwar müde, doch nicht verschlafen wie die anderen, im letzten Regen an das Ufer, nach der Gewohnheit gleich mit zwanzig Spässen, die diesmal auf den Wein und auf das Wetter gingen. Es sollte abgefahren werden, als ihm der Junge beifiel, daß der heimgehen und ihm den Alten verlassen könnte; so sprang er noch einmal hinauf, trotzdem der Fährmann maulte, weckte den müden klei­nen Kerl, und kam noch eben mit der letzten Geduld des Fährmannes an.

Sie fuhren nicht allzu weit am Ufer hin; es war auch Weibervolk mit Körben in dem Kahn, und an der Königsbach gerade ein Gespräch im Gang von Labans, biblischem Töchterhandel: da tat der Christian Noll, ein Kerl, schon grau, mit einem Klumpfuß, und Müller auf der Schlucht bei Rhens«, einen Fluch nach einem Wagen, der auf der Straße mit einem anderen festgefahren war, und um den sein Knecht sich mit kurfürstlichen Soldaten heftig stritt. Der Fährmann wollte nicht, doch ließ der Noll nicht ab und auch der Pfarrer stand ihm bei, bis er, zwar räsonierend, ans Ufer hielt. Da war nun das Geschrei im Gang; der Weg zu schmal und durch den Regen bis an die Felsen aufgeweicht: so hatten sich die Wagen ineinander verfahren, wie sich zwei Hunde ver­beißen. Und weil bei dem einen kurfürstliche Soldaten waren und noch dazu ein Mensch darin mit einer Mappe, der sich die Schuhe nicht schmut­zig machen wollte, obwohl sie ihm die Pferde schon hinten an den Wagen fp'annten, ihn rückwärts loszubringen: so wäre der Müllerknecht mit Säbeln längst verschlagen worden, wenn er nicht ein baumstarker Kerl gewesen wäre, der den Knechten von der Obrigkeit mehr antwortete als sie fragten, und lange schon gern mit feiner Peitsche dreingehauen hätte. Der Reuter wäre mit den anderen im Kahn geblieben; doch sah er kaum einen Försterburschen bei den Soldaten, als er auch schon an dem Mül­ler Noll vorbei mit wenigen Sprüngen die Böschung nahm. Er dachte, sie möchten nach Waldesch wollen, wo sie so früh noch nichts zu suchen hatten; und weil ihm selten etwas «infiel ohne Hand und Füße, so raffte er die Deichsel hoch, indem die anderen an den Zügeln mit Schreien und mit Peitschen die Pferde trieben, wie wenn er fürchte, daß sie dabei zer­brochen würde; und tat sehr eifrig und schleppte sie nach vorn, so daß ganz unbemerkt der Eifenbolzen, womit sie festgesteckt war, in eine Pfütze fiel. Er klopfte den Gäulen, die verschnaufend standen, auf die Hälse, grüßte den grünen Herrn im Wagen und wollt« eilig in das Boot zurück.

Da war der Fährmann ihm aus Schabernack, vielleicht auch von den Weibern gedrängt, davongefahren und trieb, weil hier die Strömung heftig war, schon weiter hinunter. Darüber hätte der Reuter gerne geflucht, wenn's ihm als einem Pfarrer mehr darum zu tun gewesen