Ausgabe 
22.12.1930
 
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Pfarrers Joseph Mahr, das die ruhige, feierliche Weise, die der Lehrer- kompanist Franz Gruber schrieb, zum schausten der neueren Weihnachts- lieder machte. Es klingt bei aller Schlichtheit aus ihm eine wahre, tiefe Freude, die beseligt und erhebt. Es hat das, was die Dichterin von Ebner- Eschenbach ein kleines Lied so lieben läßt:

,,... ein wenig Klang,

Ein wenig Wohllaut und Gesang

Und eine ganze Seele!"

Oer Werhnachtsstern.

Von Franz P o c c i.

Vom Osten strahlt ein Stern herein Mit wunderbarem Hellen Schein, Es naht, es naht ein himmlisch Licht, Das sich in tausend Strahlen bricht!

Ihr Sternlein auf dem dunklen Blau, Die all ihr schmückt des Himmels Bau, Zieht euch zurück vor diesem Schein, Ihr werdet alle winzig klein!

Verdunkelt, Sonnenlicht und Mond, Di« ihr so stolz am Himmel thront. Er nahet heilig leuchtend fern Vom Osten her der Weihnachtsstern!

Oie Mausefalle.

Eine Weihnachtsgeschichle.

Bon Selma L a g e r l ö f.

(Schluß.

Das hätte ich mir aber doch nicht gedacht, daß das gnädige Fräu­lein selbst sich die Mühe macht, meinetwegen bei der Nacht in die Schmiede zu kommen", sagte er,ja, dann geh' ich halt doch mit."

Damit nahm er den Pelz, dem ihm der Bediente mit einer tiefen Verbeugung reichte, warf ihn über seine Lumpen, und ohne den erstaun­ten Männern in der Schmiede auch nur einen Blick zu schenken, ging er an der Seite des jungen Mädchens zum Wagen hinaus.

*

Der nächste Tag war der heilige Abend. Und als Hüttenherr Will- manson zum Frühstück in den Speisesaal kam, dachte er mit erwartungs­voller Freude an den alten Regimentskameraden, der ihm so recht gelegen und passend in den Weg gekommen war.

Jetzt soll er sich zuerst ordentlich bei uns anessen", sagte er zu seiner Tochter, die irgend etwas auf dem Speisetisch ordnete,dann will ich schon dafür sorgen, daß er eine bessere Beschäftigung findet, als im Lande herumzuziehen und Mausefallen zu verkaufen."

Cs ist doch merkwürdig, wie rasch es mit ihm bergab gegangen ist", sagte seine Tochter.Gestern erinnerte nichts an ihm daran, daß er ein gebildeter Mann ist."

Warte nur, mein Kind", sagte der Vater.Wenn er nur erst ordent­lich herausgeputzt ist, wirst du' schon anders sprechen. Gestern war er geniert, verstehst du. Die Vagabundenmanieren fallen mit den Vaga- bundenkleiöern."

Gerade als der Hüttenbesitzer dies sagte, ging die Tür auf, und der ehemalige Mausefallenhändler kam herein. Ja, das war sicher: heraus­geputzt 'war er. Der Bediente hatte ihm die Haare geschnitten, ihn rasiert und gebadet, er war so rein, daß er förmlich blinkte. Außerdem trug er ganze Schuhe und Strümpfe, ein weißes Hemd mit einem gestärkten Kragen und einen hübschen Sakkoanzug, den der Gutsherr von Ramsjö ihm geliehen hatte.

Aber obgleich er so sein herausstaffiert war, schien der Hausherr nicht recht zufrieden. Er betrachtete seinen Gast mit zusammengezogenen Augenbrauen.

Denn es ist zu bedenken, als er den fremden Mann in dem flackern­den Feuerschein der Schmiede sah, hatte er ihn freilich leicht verwechseln können; aber nun er ihn reingewaschen und rasiert bei vollem Tageslicht sah, gab es keine Möglichkeit mehr, ihn für einen alten Bekannten zu halten.

Was soll das heißen?" brüllte er ihn an.

Der andere machte keinen Versuch, sich zu verstellen. Er begriff sofort, daß die Herrlichkeit jetzt ein Ende hatte.

Ja, gnädiger Herr, da kann ich nix dafür", sagte er.Ich hab' mich nie für was anderes ausgegeben als für einen armen Handelsmann, und ich hab' gebeten und gebettelt, daß man mich in der Schmiede kaffen soll. Und es ist ja weiter kein Unglück passiert, ich zieh' halt meine alten Lumpen wieder an und mach mich auf den Weg."

Nun ja", sagte der Hüttenherr etwas gedehnt,aber ein ehrliches Spiel war das doch nicht, das mußt du doch einsehen. Und vielleicht hätte der Dorfrichter auch noch ein Wörtchen in die Sache dreinzureden."

Der Landstreicher kam nun ein paar Schritte näher heran und schlug mit der Faust auf eine Stuhllehne.

Ich werd' dem gnädigen Herrn sagen, wie die Geschichte ist", sagte er.Die ganze Welt ist nix anderes als eine große Mausefalle. All das Gute, was man einem gibt, das find nur Speck und Käsebrocken, hin­gelegt, um einen armen Teufel ins Verderben zu bringen. Und wenn jetzt der Dorfrichter kommen und mich noch einkasteln soll, dann soll der

gnädige Herr lieber dran denken, es kann ein Tag kommen, wo er selber Lust auf so ein schönes Speckstückel kriegt und sich in der großen Mause­falle fängt."

Der Gutsherr lachte.

Weißt du was, du Schlingel? Das war nicht so übel gesagt. Wir wollen den Dorfrichter am Weihnachtsabend vielleicht in Ruhe lassen. Aber schau jetzt, daß du weiter kommst!"

Doch als der Mann sich zur Tür wandte, ergriff die junge Guts- besitzerstochter das Wort:Ich finde, er sollte heute bei uns'bleiben", sagte sie.Ich will nicht, daß er geht." Und damit ging sie vor und stellte sich dem Landstreicher in den Weg.

Was um Himmelswillen meinst du?" fragte der Vater.

Die Tochter stand mit ganz roten Wangen da und wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Seht, morgens hatte sie sich so schön ausgemalt, wie sie es so recht gut und weihnachtlich für den armen, verhungerten, ver- wilderten Menschen, der zum Heiligenabend zu ihnen gekommen war, einrichten wollte. Sie konnte sich nicht so plötzlich von diesem Gedanken losreißen, und so hatte sie gebeten, daß der arme Landstreicher bei ihnen bleiben dürfte, damit sie doch für irgend jemanden das Fest feiern konnte.

Ich denke an diesen Wandersmann", sagte das junge Mädchen.Er geht und geht das ganze liebe Jahr, und sicher gibt es auf der ganzen Erde kein Fleckchen, das er fxin nennen könnte, keinen Ort, an dem er willkommen ist und in Frieden ruhen kann. Gehetzt und vertrieben wird er wohl überall, wo er hinkommt. Er hat immer Angst, eingefangen und feiner Freiheit beraubt zu werden. Ich wünschte, er fände doch hier bei uns einen Tag des Friedens. Einen einzigen im ganzen Jahr."

Gutsbesitzer Willmanfon murmelte etwas in feinen Bart. Er konnte sich nicht recht aufraffen, der Tochter entgegenzutreten.

Es mag fein, daß das Ganze ein Irrtum war", sagte das junge Mädchen,aber jedenfalls finde ich, wir können den nicht fortweifen, den wir zu uns gebeten haben und dem wir eine Weihnachtsfreude ver­sprachen."

Du predigst ja besser als ein Pfarrer", sagte der Gutsherr.Nun ja, ich will nur hoffen, daß du das, was du tust, nicht zu bereuen hast."

Da nahm die Gutsbesitzerstochter den fremden Mann bei der Hand und führte ihn zum Eßtifch.

Setz dich nieder und mit uns", sagte sie, denn sie merkte ja, daß der Widerstand des Vaters überwunden war.

Der Mausefallenhändler hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt, und auch jetzt verhielt er sich still. Aber er sah das junge Mädchen nur immerzu an, das sich so für ihn eingesetzt hatte. Was sie für ihn getan, war etwas fo Wunderbares, daß es ihn ganz verstummen ließ.

Dann verging dieser Weihnachtsabend auf Ramsjö ungefähr ebenso wie alle anderen Weihnachtsabende. Man hatte nicht viel Mühe mit dem fremden Gast, denn er tat eigentlich nichts anderes als schlafen. Den ganzen Vormittag lag er auf dem Sofa des Fremdenzimmers schlafend. Um die Mittagszeit wurde er geweckt, damit er von all den Weihnachts­speisen mitessen konnte, aber dann schlief er weiter. Es war, als hätte er seit Jahr und Tag keinen guten erquickenden Schlummer gefunden, bis er nun hierher gekommen war.

Am Nachmittag, als der Christbaum angezündet wurde, weckte man ihn abermals, und da stand er nun ein Weilchen und sah blinzelnd in die Weihnachtskerzen, und als die Weihnachtspolka gespielt wurde, tanzte er eine Runde herum. Aber die Augen fielen ihm dabei zu und er ver­schwand wiederum. Einige Stunden später wurde er noch einmal gestört. Er sollte in den Speisesaal herunterkommen und Fisch und Grütze mit ihnen essen.

Doch kaum war er vom Tische aufgestanden, ging er van einem zum andern, gab die Hand und sagte gute Nacht und vielen Dank.

Als er zu dem jungen Mädchen kam, sagte sie ihm, ihr Vater wünsche, daß er, die Kleider, die er anhabe, als Weihnachtsgeschenk betrachte. Er brauchte sie nicht zurückzugeben. Und wenn er am nächsten Weihnachts­abend in ein Haus kommen wollte, wo er sich in Frieden ausruhen und sicher sein konnte, daß ihm nichts Böses widerfuhr, fo möchte er zu ihnen kommen.

Der Mann erwiderte nichts auf dies. Er sah die Gutsbesitzerstochter nur mit derselben unermeßlichen Verwunderung und Bestürzung an.

Am nächsten Morgen standen Hüttenherr Willmanfon und seine Toch­ter sckon in aller Frühe auf, um zur Weihnachtsmette zu fahren. Ihr Gast schlief noch immer, und man ließ ihn schlafen. Es wäre unbarm­herzig gewesen, ihn zu stören.

Als sie gegen zehn Uhr zurllckkamen, ließ das junge Mädchen den Kopf noch tiefer hängen als gewöhnlich. Sie hatte in der Kirche gehört, daß einer der früheren Taglöhner des Gutes von einem Kerl bestohlen worden war, der herumging und Mausefallen verkaufte.

Ja, das ist ja ein netter Geselle, den du da ins Haus gebracht hast", sagte der Vater.Ich möchte wissen, wie viel silberne Löffel jetzt noch in unserem Büfett liegen."

Kaum war der Wagen vor der Freitreppe stehen geblieben, als der Gutsherr sich beeilte, den Bedienten zu fragen, ob der Fremde noch im Haufe fei, und er fügte hinzu, sie hätten in der Kirche gehört, daß er ein Dieb fei. Der Bediente erwiderte, der Mann fei fort, aber er habe nichts mitgenommen. Vielmehr habe er ein kleines Päckchen zurückgelasfen, das das gnädige Fräulein die Güte haben sollte, einem alten Mann zu senden, der einmal Taglöhner auf dem Gute gewesen war und jetzt aus der anderen Seite des Waides an der großen Landstraße wohnte.

Er bat, das gnädige Fräulein solle das Päckchen zuerst öffnen", sagte der Bediente.

Das junge Mädchen riß den Umschlag auf und stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Sie hatte eine kleine Mausefalle gefunden, in der drei zufammengerollte Zehnkronenscheine lagen.

Da siehst du, Papa", sagte sie.Er ist allerdings in der Falle ge­wesen, aber diesmal ist es ihm doch gelungen, wieder herauszukrabbeln." (Autorisierte Üebersetzung von Marie Franzos.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Duch- und Steindruckerei. Jl. Lange, Sieben.