Ausgabe 
22.12.1930
 
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Nein!" widersprach der Förster.Richt auf den, Kirchhof eingraben! Da kann man nur quer über den See wegsehn. Und von weitem. Auf der Erde bleiben ja! Nicht in den Himmel! Nicht in die Hölle! Auf Erden bleiben! Aber am See. So daß ich ihn an meinen Füßen fühle. Daß ich ihn der Länge nach sehe. Von der Nordspitze bis zur Südspitze. Daß er mich sieht mit jeder seiner Wellen. Auf dem Kiekuut, ganz vorn, stehn für immer das allein ist Seligkeit!"

Bara-barg!" sagte die schwarze Ente.Ewig willst du auf dem Kiekuut >tehn?"

Viel, meinst du, ist das?" widersprach der Förster.Das Leben im Himmel und in der Hölle dauert ja auch ewig. Warum also nicht das Leben auf Erden?"

Arg-arg!" sagte die weiße Ente.Die Erde höher als den Himmel achten!

Stark-stark!" sagte die schwarze Ente zu der weißen.Es soll so sein, wie er es sich als Letztes wünscht."

Mark-mark!" sagte die weiße Ente zu der schwarzen.Richt als Strafe, wie du es dir denkst. Sondern als Muck!"

Und plötzlich waren beide Enten, die weiße und die schwarze, ver­schwunden.

Am andern Morgen fand man das Gewehr des Försters auf dem Eise. Es wies nach einer der warmen Quellen im See, deren dünnes Eis unter der Last des Menschen wcggebrochen war. Der mußte lange gegen den Tod gekämpft haben. Denn viel Eis war bei seinem Be- inühen, sich aus dem Wasser emporzuwuchte», in die Brüche gegangen.

Man fischte unter dem Eis mit Netzen, man fischte, als das Eis geschmolzen. war, im offenen Wasser den Förster holte man nicht herauf. Man wartete Monate, wartete Jahre, daß das Wasser den Er­trunkenen oder doch irgend etwas von ihm zurückgebe der See hielt ihn fest.

Auf der Spitze des Kiekuut aber stand am andern Morgen ein Baum, den dort früher niemand bemerkt hatte. Der wuchs und wuchs, schneller als irgendein Baum ungezählte Meilen in der Runde. Fischer, die vom Norden kamen, erkannten es in einer Mondnacht zuerst: Der Baum sieht aus wie ein Mensjhengesicht von der Seite! Segler, die bei Tag von Süden nahten, bestätigten es: Genau wie das'Seitenbild eines Menschengesichts! Vom Wind zurückgekämmte Haare, buschige Augen­brauen, Hakennase, aufgeworfener Mund und ein Zweigbart, der bis zur Erde reicht.

Die Segler legen denn auch, wenn sie sommers am Kiekuut vorbei­fahren, ihre Rechte an die blaue Schirmmütze und sagen:Guten Tag, Herr Oberförster! Machen Sie für uns heut guten Wind!" Die Fischer, die den Kiekuut queren, versäumen niemals, den schwarzen Lederhut zu ziehen und zu rufen:Gaudn Dag, Herr Oberförster! Laakens hüt ock ornlich wat in uns Netten gähn!"

Alle behaupten, daß der Herr Oberförster, wenn man ohne Gruß und Zuruf auf dem See an ihm vorbeisährt, Flaute oder Sturm schickt und den Fischen Weisung gibt, die. Netze der respektlosen Seeräuber zu meiden. Wenn man ihm aber die schuldige Ehre erweist, dann nickt der Herr Oberförster kein Mensch, sondern ein Baum! ein Baum auf der äußersten Spitze einer Landzunge, ein Baum sozusagen im Seel jedesmal glückselig.

Wie sollte er nicht seines Glückes selig sein? Kann es Schöneres geben als: Erde mit seinen Wurzeln umklammern, in den Himmel hinauf sein Haupt zu erheben, unendliche Wasser rundum rauschen hören und jedem Sturm gewachsen sein!

3ur Geschichte -er Weihnachtsmusik.

Von Peter Bauer.

Gesang hat es immer gegeben. Er ist älter als die Umgangssprache, wie die Malerei älter als die Schrift.Sieben Tage im Stillschweigen des Nachsinnens und Erstaunens saßen unsere Urahnen" sagt Hamann, und taten ihren Mund auf zu geflügelten Worten." Zum Lobe ihres Schöpfers. Lob Gottes ist der ursprünglichste, der tiefste und eigentlichste Sinn des Gesanges und der Musik, die bei allen Völkern die kultischen Handlungen begleiteten und die menschliche Seele andächtig und erdent- rllckt stimmten. Der israelitische König David führte zur Bereicherung des jüdischen Kultus den Gesang und die Instrumentalmusik ein. Er selbst dichtete prachtvolle Psalmen, die auch von Christus und den Aposteln gesungen wurden, und wohl den Hauptbestandteil bei der Darbringung dec heiligen Meßopfers in frühsten christlichen Zeiten bildeten. Mit diesen Elementen alter jüdischer Synagogal-Muflk vermischten sich die griechi­schen Volksgesänge der Heidenchristen zu neuen, von christlichem Geiste durchwehten Chorälen.Von der musica sacra der Hebräer holte sich die Musik Form. Gestalt und Schönheit." Einen neuen Aufschwung nahm die Kirchenmusik zur Zeit des Mailänder Bischofs Ambrosius, der sich als Hymnendichter in der Musikgeschichte den BeinamenVater des Kirchen- gcsangs" erwarb. Jedoch ist er nicht der Verfasser desTe deums", das auch heute noch vielfachAmbrosianischer Lobgesang" heißt. Vielmehr be­stand der erste Teil dieser Hymne schon im 3. Jahrhundert, während die beiden folgenden Teile erst im 4. und 5. Jahrhundert hinzukamen, lieber die geheimnisvolle Kraft und Wirkung dieser Gesänge schreibt Augustinus ums Jahr 400:O, wie sehr ward ich gerührt, wie viele Tränen flössen aus meinen Augen, als ich den wohlklingenden Gesang der Hymnen und Lieder hörte, die für dich in deiner Kirche ertönen! Während diese himm­lischen Stimmen meine Ohren fesselten, überwogten die so reinen Fluten Deiner Wahrheit mein Herz, und meine Frömmigkeit erhob sich zu dir in heftigeren Wallungen, meine Tränen ergossen sich reichlicher und ich fand die süßeste Lust darin, sie zu ergießen." Schließlich gab Papst Gre­gor der Große (590 bis 604) den Kirchengesängen eine einheitliche Form, rjCS<£ *m Wesentlichen »och heute übliche Reihenfolge der liturgi- schen Melodien, die einstimmig gesungen werden, den NamenGregoria- mscher Choral" tragen.

In ihm steht an zweiter Stelle das auf das Kyrie folgende hymnen- artige Gloria, die Wiederholung des Engelgesangs, den zum erstenmal die

Hirten von Bethlehem in der Geburtsnacht des Erlösers vernahmen. Es ist damit wohl das älteste Weihnachtslied, das wir kennen. Nachdem das Weihnachtsfest, dessen Feier bis in die vorkonstantinische Zeit hinaufreicht, allgemein als Gedächtnis der gnadenreichen Geburt des Herrn als kirch­liches Fest eingeführt war, mehrten sich die Antiphonen und Sequenzen, die die heiligste Nacht verherrlichten.

Um die Zeit der Kreuzzüge kamen die ersten deutschen Kirchenlieder auf, darunter auch die WeihnachtsweiseEin Kindlein so lobelich". Es war eine poesiereiche Zeit, in der nicht nur Walther von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg und andere Dichter geistliche, besonders Marien- lieder, schufen, sondern auch das Volk vielfach seinen weltlichen Melodien geistlichen Inhalt gab, oft sogar lateinische und deutsche Texte zu bunten Mischgesängen miteinander verband. So entstand um 1350 das Weih­nachtsliedIn dulci jubilo", dessen erste Strophe diese ganze Dichtungs­art charakterisieren möge:

In dulci jubilo, Nun finget und seid froh; Unseres Herzens Wonne Leit in praesepio

Und leuchtet wie die Sonne Matris in gremio Alpha est et O.

So oft Weihnachten wiederkehrte, tauchten neue Lieder auf. Priester dichteten sie für ihre Gemeinde, Organisten schrieben die Weise dazu. Man träumte und fabulierte aus gläubigem Herzen. Franz von Assisis Krippe, die er im Jahre 1223 in einer Waldgrotte der Sabinerberge bei Greceio baute, kam der Sehnsucht des Volkes, das göttliche Wunder der heiligen Nacht in ihrer Mitte aufs neue lebendig werden zu sehen, glücklich ent­gegen und in allen Landen regten sich fromme Hände, das Mirakel von Bethlehem erstehen zu lassen. Der ärmliche Stall, die Krippe mit Heu und Stroh, die heilige Familie, die Hirten mit ihrem Flötenspiel, die drei Könige mit ihren Gaben und die Tiere des Feldes wurden gestaltet. Vor ihnen versammelte man sich und fang Hirten- und Krippenlieder, in denen man das Kindlein und die Mutter pries, aber auch feine irdischen An­liegen, feine eigenen Freuden und Sorgen vortrug. Dazu jubelten und lärmten Geigen und Flöten, Harfen, Dudelsäcke. Schließlich begann man selbst das Bild der Anbetung und andere Szenen wie die Verkündigung, den Zug der Weisen, die Flucht der heiligen Familie zu stellen. Mit be­sonderer Vorliebe verlegte man solche Aufführungen, aus denen sich nach und nach ganze Mysterienspiele entwickelten in die Kirche. Knaben und Mädchen umtanzten fröhlich den Hochaltar, auf dem man ein kleines Jesuskind niedergelegt hatte, während die Erwachsenen dazu fangen. Oder zwei Erwachsene setzten sich bei eine Wiege, Joseph und Maria verkör­pernd und Maria fang:Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein." Natürlich kamen auch Hirten und Weisen mit ihren Gaben, zumeist mit Eßwaren und Kleidungsstücken, die man für ein kleines Kind für nützlich hielt. Dieses Angebinde ist sehr charakteristisch für die schlichte Denkart und die Zutraulichkeit, mit der man das Weih­nachtswunder erlebte. In einem oberösterreichischen Weihnachtslied heißt es:

Rüapl, Jaggl, Hansl, Stöffel, Wastl, Bartl und fein Bua, Nehrnt's ein jeder Virn und Aepfel, Mehl und Milch nehrnt's auch dazua."

In einer bayerischen Weise fragen die Hirten das Kind:

Möget Aepfel oder Birn, Oder Nüssen oder an Kos, Willst Zwetschken oder Pflaumen, Oder gar a g'sottnes Gfraß?"

Und in einem anderenGloria in excelsis" betitelten Lied derselbe» Gegend werden dem Kindlein die notwendigen Kleidungsstücke ver­sprochen:

Wart, wart, du kleines Mannderl,

Ich weiß, was ich tu, Ich kauf dir a Gwanderl, A Schacher! dazu, A damastenes Häuberl, Dein Nam muß drauf stehn, Dein Mutter muß selber sagen: Das Häuberl ist schön."

Als man schließlich die allzu sehr und zu laut im irdisch Menschlichen sich gefallenden Lieder und Darstellungen aus dem Gotteshaus verbannte, spielte oder fang man bei Besuchen ober zog von Haus zu Haus, den bunten Lichterstern vor sich her tragend. Die drei Könige stellten sich einzeln vor und gaben sich in ihren fröhlichen Liedern und Geschenken nicht minder originell als die Hirten.

Erst im 18. Jahrhundert haben wir sichere Kunde vom Lichterbaum, obschon die Weihnachtstanne schon im 16. Jahrhundert bekannt ist. Um diese Zeit entstehen dann auch die schlichten Volksweisen vom Weihnachts­baum und seinen strahlenden Kerzen, um den sich die Familie zur fröh­lichen Feier versammelt. Leider beginnt in diesen Liedern das Weiy- nachtsfest immer mehr seine Bedeutung als Feier der Geburt Christi zu verlieren. Selbst ein sonst den Ton des Kinderlieds fo fein treffender Dichter, wie Hoffmann von Fallersleben, dem wirAlle Vögel sind schon da" undKuckuck ruft's aus dem Wald" verdanken, hat ein ganz farb­loses Weihnachtslied geschrieben, das so schnell wie möglich vergessen zu werden verdient. Es ist das Lied vomWeihnachtsmann", der statt des Christkinds kommt, und der nichts weiter zu bringen weiß, alsTrommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn' und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Kriegesheer!" Ein echtes, von inniger Gläubigkeit beseeltes Weihnachts­lied dagegen verdanken wir Christoph von Schmid, dessenIhr Kinderlein kommet" die kleine Schar hinführt zur Krippeim nächtlichen Stall" und sie oussordert, ihr Knie mit den anbetenben Hirten zu beugen und mit ben Engeln bas göttliche Kinb zu preisen. Arn weitesten Verbreitung im Volke sand das LiedStille Nacht, heilige Nacht" des Salzburgisthen