Ausgabe 
22.12.1930
 
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hakten sie bestimmt, daß Rinaldus sie haben sollte: denn Rinaldus wäre der älteste, außerdem hatte er ost Gänge ins Dorf zu machen, so daß er wohl etwas Warmes brauchen konnte.

Rinaldus, komm her! sagte Tor. Hier ist eine Halsbinde vom Bruder Timian für dich. Und das ist eine gehörige Halsbinde! Aber du mußt vorsichtig damit sein, damit du noch etwas Feines um den Hals hast, wenn du vor dem Pfarrer stehst. Da, verbrauch sie mit Gesundheit!

Nun entstand eine Verwunderung und Freude, an der alle teilnah­men. Die weiche Boa wurde eine halbe Stunde lang beschaut und befühlt, und die kleine Lena ward nicht müde, mit ihren kleinen blauen Händchen darüber hinzustreichen. Aber sie durfte sie nicht fest umlegen, sie wäre noch zu klein dazu. Dagegen bekam Lena ein kleines Licht, und dieses Licht zündet sie fortwährend an. und löschte es wieder aus, denn sie konnte es sich nicht leisten, es brennen zu lassen. Didrik war der einzige, der nichts bekam; aber der Vater versprach ihm eine ganz neue biblische Geschichte, sobald er mit der Drescharbeit im Dorfe unten ein wenig Geld verdienen tönne

Der Schnee trieb immer dichter gegen die Scheiben, und bisweilen fiel sogar Schnee durch den Schornstein herab, bis ins Feuer auf dem Herde. Es war schon spät und Zeit, ins Bett zu gehen; morgen gab es wohl wieder dieselbe Arbeit mit dem Schneeschaufeln.

Ja, geht nun auf den Halbboden hinauf und legt euch zu Bett, Kinder! sagte Tor. Rinaldus durfte seine Boa mitnehmen und Lena kam mit dem Lichte nach...

Um zwölf Uhr, als alle schliefen, hörte die Mutter in der Stube oben etwas rascheln. Ein Weilchen später trippelten kleine Füße über den Boden, vorsichtige Schritte, die man kaum noch hören konnte das war die kleine Lena, die sich im Dunkeln zu der Boa hingeschlichen hatte, um sie doch umzulegen und nun schreckliche Angst hatte, dabei ertappt zu werden.

Die feine Boa! Es war der weichste Gegenstand, der je in der Berg­hütte gewesen war, und Rinaldus benutzte sie nur zweimal mit größter Vorsicht beim Kirchgang. Ader trotzdem begannen im Sommer jämmer­lich die Haare auszufallen, und in die Quasten kamen wahrhaftig die Motten.

Kiekuut.

Weihnachtliche Sage.

Von Hans Franck.

In einen der zahllosen mecklenburgischen Seen, der sich meilenweit von Süden nach Norden reckt, stößt vom hohen Westuser her eine schmale Landzunge vor. Sie heißt: Kiekuut. Was hochdeutsch Ausguck bedeutet. Aus der äußersten Spitze qm Kiekuut steht ein Baum. Und nicht nur dies ist sonderbar, daß sich inmitten von Krüppelbusch, Gras, Rohr, daß sich sozusagen im See eine mächtige Buche die doch auf trockenen Boden angewiesen ist! lebendig zu erhalten vermag; das Merk­würdigste vielmehr: der Kikuutbaum zeigt, wenn man den See entlang fährt, vom Norden und vom Süden aus das Seitenbild eines Menschen­gesichtes.

Von diesem Baum erzählt die Sage:

Auf dem hohen Westufer des Sees, in der Försterei nahe am Kiekuut, lebte einst ein Jäger, der ein gewaltiger Nimrod war. Der Wasserjagd hatte er einen noch größeren Teil feiner Seele verschrieben, als der Landjagd. In den Wäldern kannte er jeden Stand und Wechsel des Wil­des. Stück für Stück mar ihm bekannt wie jeder Hornknops an feinem graugrünen Jagdrock. So daß es manchmal kaum noch rechten Spaß machte, hinzulangen und Schußreifes zur Strecke zu bringen. Der See aber bot immer neue Jagdüberraschungen. Nirgendwo stand daher der Förster des Sommers und des Winters, bei Tag und bei Nacht, so häufig und so lange wie auf dem Kiekuut an. Gewiß' manchesmal begnügte er sich in der Tat mit dem Ausgucken, das ihn hier nie ermüdete denn auf der Spitze des Kiekuut ist der einzige Punkt des Landes, von wo man bei guter Sicht den See in seiner ganzen Sänge überschauen kann aber von keiner andern Stelle seines Reviers brachte er so verschieden­artige Jagdbeute mit. Welche Vielfältigkeit allein bei den Enten! Nicht nur Stockenten und Krickenten und Knäckenten fielen dort ein. Auch Speckenten, Schnatterenten und Löffelenten strichen auf dem Zug immer wieder einmal beim Kiekuut vorüber. Der Förster kannte aus Entfernun­gen, in denen gewöhnliche Sterbliche noch nicht einmalEnte!" zu sagen vermochten, jede Art.

In einem Winter aber spürte der in den See Verliebte eine Ente, wie er sie noch nie vor die Flinte gekriegt hatte. Obwohl der Förster immer wieder bei lagesgrauen aus den Federn sprang, halbe Nächte auf dem Kiekuut anstand, keine Vorsichtsmaßregel außer acht ließ, allerlei List nicht verschmähte, tarn er diesmal nicht zu Schutz. Mußte mit dem Teufel zugehn! Ja, das einzige Wort Teufel! Denn nach Wochen wußte der Förster noch nicht zuverlässig, wie die unbekannte Ente aussah. Zu­nächst hatte er geglaubt: Schneeweitz! Also hoch von Norden gekommen. Eine Art, die es in Deutschland sonst selbst Winters nicht gab. Dann aber ließen seine Augen nach? Täuschte das Zwielicht? War sonstwas mit der Ente los? dann mußte er feststellen: Kohlschwarz! Nicht der winzigste Spiegel auf den Federn. Die Frau des Försters meinte: Eine andere Ente als die abgestrichene weiße. Der Genarrte beteuerte: Die gelbe Ente! Beinah käme er in Versuchung wieder an den Gottseibeiuns zu glauben. Und wenn! Er wollte dem Lockvogel des Bösen oder diesem selbst schon eins braufbrennen! Heut noch!

Doch Tag um Tag ging hin, ohne daß dem Förster die Ente die schwarze oder weiße; denn am gleichen Abend, da der Schußgierige in Oer Früh seiner Frau geschworen hatte: Schwarz!, war sie wieder schnee­weiß bet der Heimkehr vom See an seiner Jagdtasche hing.

Der Winter war hart. Bereits Mitte Dezember trug das Eis. Der Förster hielt an der Spitze vom Kiekuut, wo des heftigen Wellenschlages wegen, das Wasser ohnehin schwer zufror, eine Wacke mit der Axt offen. Da wollte er der Ente, die ihn zum Besten hielt, schon den Meister

zeigen! Die schwamm in der Tat jedesmal, wenn der Förster anfchiich, in dem Eisloch. Jedoch ob er nun auf dem Kiekuut entlang, durch eine der weidgerecht geschnittenen Schlusten rohrgedeckt, vom Norden, vom Süden her gegen den Wind über das Eis kam stets stand die Ente so früh auf, daß ihr menschlicher Widersacher nicht zu Schutz kam. Ein paar Mal ballerte er vor Wut in die Luft.

Der Monat schwand hin, ehe der Förster es für möglich hielt. Am Nachmittag des Heiligenabends sagte der Verärgerte, der Weihnachten als den allerletzten Termin für den Fall der Ente beschworen hatte, zu seiner Frau:Ich geh noch ein wenig zum See runter."

Am Christabend?" fragte die Försterin vorwurfsvoll.Zur Vesper bin ich wieder da!"Und wenn du nicht wieder da bist?" erkundigte sich das zehnjährige Förstermädel.Geht ihr ausnahmsweise mal ohne mich zur Kirche."

Aber zur Feier im Hause bleibst du ganz bestimmt nicht fort!" stellte die Försterin fest.Natürlich!"Wenn du aber nicht zur rechten Zeit kommst?" wollte der achtjährige Försterjunge wissen.Fangt ihr schon an zu feiern. So früh, daß wir noch zusammen mit den neuen Sachen spielen können, die der Weihnachtsmann bringt, bin ich ganz gewiß da."Und wenn du nicht da bist?"Darfst du heut aufbleiben, bis ich komm!"Fein! Du bringst die Düwelsente mit. Die essen wir nicht. Ausgestopft wird sie! Und ich krieg sie für meine Stube!"Selbst­verständlich. Kriegst du. Niemand sonst!"

Die Försterin geleitete ihren Mann bis zur Tür. Dort bat sie:Du gehst heute nicht aufs Cis?"Trägt Pferd und Wagen."Es sind heiße Quellen im See, vom Kalk am Grunde, die niemals jufrierenr beharrte die Aengstliche.Die kennt keiner so gut wie ich. Selbst die Fischer nicht." Versprich mir, daß du heute, am Heiligenabend, in keinem Fall auf das Eis gehst!" drängte die Frau.Also, damit du ruhig in der Kirche fingen und beten kannst, meinetwegen: Nicht aufs Eis."Und die Ente?" Wenn ich das Biest nicht vom Kiekuut aus runterholen kann, kehr ich heut abend um."Halt Wort!"

Ms der Förster auf dem Kiekuut entlang geschlichen war, stand die schwarze Ente nicht wie sonst rechtzeitig auf. Unbekümmert um feine Nähe stürzte sie sich und zeigte ihrem Feinde höhnisch den Steiß. Schon hatte der feine Flinte an der Backe. Doch da berief er sich:Falle! Wächst du wohl, du Teufel, daß ich dir in die Latschen ober in die Stän­der oder in deinen Federbürzel schieße, durch den kein Schrotkorn geht. Wart nur. Gleich ifts aus mit dir." Er klatschte, so laut er konnte, in die Hände. Nun stand die Ente schwarz war sie, man sah es im Mond­schein deutlich wie am Tag, rabenschwarz! hoch auf und strich ab. Bauz!Quark-quark!" höhnte die Ente und ließ sich, als ob fein Jäger in der Nähe sei, auf das Eis nieder. Der Förster hinter ihr her. Die Ente hoch. BauzI ,^Quark-quark!"

Aus der Jagd wurde eine Hatz. Immer wieder saß die Ente auf dem Eise, stand auf, strich ab. Immer wieder der Förster hinter ihr her daß er über das Eis raste, wußte er nicht Flinte an die Backe. Bauz! Immer wieder höhnte die Ente:Quark-quark!"

Als das Pulver des Försters alle war, schrie er:Gut, daß ich nicht mehr schießen kann. Totschlägen muß man dich. Mit bem Kolben! Nein, mit dem Knüppel. Der Kolben ist zu schad für dich. Wenn ich nur einen Knüppel hält! Also doch mit dem Kolben! Wart!" Und wieder hinter der Ente her. Und wieder nach dem ZuschlägenQuark-quark!"

Plötzlich sackte der Förster weg. Als erstes dachte er:Flinte retten.' Schon flog das Gewehr auf das Eis und glitt nach dem Niederfallen noch eine große Strecke über die spiegelglatte Fläche. Erst als Zweites dachte der Eingebrochene:Ich komm schon wieder raus!" Er stemmte sich an der Eiskante nach oben. Doch es war, als ob Zentnergewichte an jedem feiner Beine hingen. Der Förster ließ sich nicht entmutigen. Mit aller Kraft mußte es gelingen, gelang es aber als sein Gürtel aus dem Wasser sah und er dachte:Geschafft!", brach das Eis unter feinem Körper weg.Festhalten!" kommandierte der Förster, sobald er nach dem Wiederauftauchen von neuem einen Halt an dem Eis gefunden hatte.Und um Hilfe rufen!" Er stemmte sich soweit nach oben, daß er beide Arme bis zum Ellbogen auf das Eis legen konnte und begann zu rufen:Hilfe!" Der Wind stand vom Land weg.Hilfeil" Auf dem Kiekuut hätte man feine Stimme vielleicht doch hören können.Hilfe!!!" Wer ging außer ihm auf den Kiekuut?Nur noch aufstützen! Keine Kraft ans Rufen verschwenden. Aufstützen! Nichtssonst. lieber Wasser halten, solange wie irgendmöglich. Vielleicht"

Quark-quark!" sagte die schwarze (Ente, die plötzlich waren Minu­ten, waren Stunden feit dem Einbrechen vergangen? auf dem Eise saß. So nah, daß der ums Leben Ringende sie hätte totschlagen können, wenn ihm fein Gewehr noch zur Hand gewesen märe.Nun mußt du dran glauben. Nicht ich!"

Wenn schon", gab der Förster zur Antwort.Einmal Muß es ja doch sein. Ob ein bißchen früher ober später macht nichts. Aber daß ich dich Luder nicht mitnehmen kann nach unten, verzeih ich mir nie."

Kark-kark!" sagte eine andere Ente, die zur Rechten neben der schwarzen Ente saß und schneeweiß war.Denk an deine Seele!"

Also doch zwei! stellte der Förster fest. Wie meine Frau behauptet hat. Zwei, nicht eine! Dann befolgte er die Weisung der weißen (Ente und sah zur Kirche hinüber. Darin brannten die Weihnachtslichter. Die Gemeinde fang der Wind trug Fetzen des Chorals quer über den See: Vom Himmel hoch... Auch feine Frau fang, und fein Mädel fang, und fein Junge fang. Seele ewiges Leben Himmel? Es wurde dem Ho^cken- ben weich ums Herz. Aber plötzlich schrie er bie weiße Ente an:Gibt's im Himmel auch Seen? Unb Wasierjagb? Natürlich nicht! Also was soll ich dort?"

Mark-mark!" sagte bie schwarze Ente zu ber weitzen.In bie Hölle will er."

Nichts zu merken!" wies ber Förster bie schwarze Ente ab.In bie Hölle? Erst recht nicht. Da gibts ja nicht mal Bäume vor Hitze!"

Sarg-Sarg!" sagte bie weiße (Ente zu ber schwarzen.In ber Erde will er ruhen unb des Nackts die Blätter über sich rauschen hören."