Aber lange wird es nicht mehr dauern, daß man von diesem Zap- peion aus die ewige Burg bei Eis und Schokolade bewundern kann ... irgendein tüchtiger Unternehmer ist gerade dabei, genau in der Blickrichtung, den steigenden Grundstückpreisen Folge leistend, ein Hochhaus zu errichten, das entschieden reizvoller werden dürste, als die „alten Steine" auf der „alten Burch"...
Und im übrigen steht der heurige Frühling im Zeichen der Jahrhundertfeiern, aber in die Feste will kein richtiger Schwung, kein „Schmiß" kommen: die wirtschaftliche Lage ist ernst, kein Mensch hat Geld und alle haben dringendere Sorgen, als die Schemen der Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken. Der große Fremdenzustrom, auf den man gerechnet hat, ist ausgeblieben und die verschiedenen Kongreßmitglieder leben auf Staats- und nicht auf eigene Kosten. Zur Zeit tagen die „Internationalen Seelenforscher", und alle Tageszeitungen sind mit okkultistischen Schauergeschichten angefüllt; die internationalen Zahnärzte tauschen ebenfalls ihre Erfahrungen mit noch schauerlicheren Einzelheiten aus; es finden Theateraufführungen in Eleufis und im antiken Herodes- iAttikus-Theater statt, ein paar Konzerte — alles gut gemeint, aber die Waffe macht nicht mit... auch der Athener beginnt gleichgültig zu werden im Frühjahr, um langsam in die sommerliche Apathie hinüberzu- dämmern, in jenen glutheißen Sommer, der den Frühling allzu schnell über Nacht ablöst. Den seltsamen „griechischen Frühling", den die Dichter aller Zeiten besungen haben und den doch nur der versteht und genießt, der nichts zu tun hat... das ist der Weisheit letzter Schluß!
Fahrendes Volk in der Literatur.
Von Peter Bauer.
Der Zirkus mit seiner Welt des Romantischen, Zigeunerhaften, wozu in der modernen Völker- und Raubtierschau noch der Zauber des Exotischen, der erregende Reiz, gezähmte Bestien der Wildnis in der Manege zu bestaunen, hinzukommen, diese Welt der Wanderkünstler mit ihren ausgeprägten Typen des Kunstreiters, Seilkünstlers, Spaßmachers, Dompteurs u.a. ist weit weniger von Dichtern und Schriftstellern dargestellt worden, als man es meinen sollte.
G o e t h e schildert in seinem „W ilhelm M e i st e r" mit packender Anschaulichkeit die Kunstfertigkeiten einer Seiltänzertruppe, unter der besonders ein junger Bursche und ein schlankes Mädchen, „Narziß und Landrinette", in buntem Flitterstaat mit ihren tollen Sprüngen und absonderlichen Posituren Gefallen finden. Der Liebling des Publikums aber ist die reizvolle Gestalt des Zigeunermädchens, Mignon, das mit verbundenen Augen zum Spiel einer Violine einen schwierigen Eiertanz vsllführt, von dem der Dichter folgende begeisterte Darstellung gibt: „Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. Mignon trat so scharf und sicher zwischen die Eierlinien, bei den Eiern nieder, daß man jeden Augenblick dachte, sie müsse eines zertreten oder bei schnellen Wendungen das sichere fortschleudern. Mit nichten! Sie berührte keines, ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja sogar mit Sprüngen und zuletzt halb knieend sich zwischen die Eierreihen durchwand. Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen, mehr feierlich als angenehm, zeigte sie sich — mit einem schrillen Klang der Violine beendete Mignon ihren Fandango..."
An einer anderen Stelle gibt er seiner Bewunderung Ausdruck über die Wirkung, die diese Artistik auf das Volk ausübt. Er läßt Wilhelm Meister sagen: „Wie schön wäre es doch, wie herrlich für dis Menschheit, wenn geistige Höhe und schöpferische Kraft nur ein Teilchen jener Begierde, jenes Zusammenstimmens und jener atemlosen Hast erregen könnten, wie Geschicklichkeit im Lustigen und in der Bewegung des Körpers."
Eine Kunstreiterin hat F r e i l i g r a t h in feinen zwei, „Land- rinett e" betitelten Gedichten besungen, die damals berühmte Virginie Kenebel. Ein paar Zeilen mögen das entzückte Gemüt des Dichters bezeugen:
„Und über allen sie, die kleine Fee
Des über Nacht entstand'nen Märchens! — Seh'
Ich sie nicht heute noch, jetzt tätschelnd
Ihr schnaubend Tier, jetzt mit holdsel'gem Gruß Die Bahn durchsprengend, jetzt den kleinen Fuß Der Kreide bietend, immer lächelnd!
Der Meteor aus unserer Knabenzeit! Es war uns wahrlich kein geringes Leid, Als du uns schiedest, Landrinette!"
Den „klassischen Roman des fahrenden Volkes" Hai der schlesische Achter Karl von Holtet geschrieben. In dem 1851 erschienenen Werk »Aagabunden" ist die bunte Welt der Artisten und Gaukler meisteret geschildert. Es sind alles „rechtschaffene Vagabunden, tapfere Land- Micher", treuherzige, frohgemute Vertreter dieser wackeren Zunst der Fahrenden. Der Taschenspieler und Bauchredner Charles, Madame Mollia wt ihrer Tierbude, Jeantet mit seinen dressierten Singvögeln, Advinent 'M seinen Schlangen, Storniert mit seinen Wachsfiguren, Baldavi mit i‘iMent Asfenzirkus, Schrarnprl, der Riese a. D., der mit Zwergen reift nicht zuletzt Anton Hahn, der Korbmachergehilfe und Held des Buches, °er°in tüchtiger Zirkusreiter wird.
rc- An Sachkenntnis und Einfühlungsvermögen, an Verständnis für alle s->nzecheiten und Kraft der Schilderung wird Holteis Buch nur noch von r;m •''Oman des Franzosen Edmond de Goncourt „Die Brüder jx.c ni Sann o" erreicht, der das Schicksal der Gymnastiker und Clowns i, siud Nello Bescape schildert. Wer schon einmal Gelegenheit Irun E, Artisten zusammenzusitzen oder gar einem kleinen Fest einer IW?» e*ton einer Geburtstagsfeier, beizuwohnen, der wird Goncourts coKk rü® .bestätigt finden, wenn er z. B. das Leben in einem Artiften- „reibt: „Was mag wohl der Grund dieses schweigsamen, fast cholisch«n Wesens fein, das den meisten diesem Berufe Angehören
den eignet? Ist es die körperliche Anspannung oder das Bewußtsein der Todesgefahr, der sie sich täglich aussetzen? Rein! Wenn diese Leute nicht mehr im Banne der furchtbaren Erregung während der Arbeit stehen, dann denken sie, daß sie ihrer Körperkräfte, von welchen sie leben, durch Krankheit, einen Rheumatismus, durch irgendeine Störung der physische« Maschine vielleicht mit einem Male verlustig gehen könnten, und sie überdenken es — es ist ihre fixe Idee —, daß die Jugendkraft ihrer Muskeln und Nerven einmal ihr Ende erreichen muß und daß lange vielleicht, ehe sie sterben werden, der gealterte Körper den schwierigen Exerzitien nicht mehr gewachsen sein wird..."
Bekannter als Goncourts Werk sind die Romane „Der Kunsts r e i t e r" von Friedrich Gerstäcker und „A n c a" von A. v. Perfols beide aus dem Zirkusleben. Auch Fedor v. Zabeltitz' Novelle „Sie Tierbändigerin" und Hermann Bangs Novelle „Fraislli B e d i n i" entstammen diesem Milieu.
Bühnenstücke, die sich mit Zirkusartisten beschäftigen, gibt es noch weniger. Schöuthans Komödie „Z i r k u s l e u t e" hatte wenig Er-, folg. Auch Carl Hauptmanns burleske Tragödie „Tobias Sunt» f ch u h", die zwar ein anderes Problem gestaltet, aber einige gute Zirkus- szenen bringt, fand wenig Anklang. Am besten hat Carl Zuckmayer in seinem Seiltänzerstück „Katharina Knie" die Welt der Fahrenden auf die Bretter gebannt.
Eigentlich Leute vom Fach haben bis jetzt kaum zur Feder gegriffen. Denn die meisten Artisten sprechen oder radebrechen wohl eine Reihe von Sprachen, schreiben sie aber nicht. Dennoch gibt es ein glänzend geschriebenes Buch, das wie eine Autobiographie anmutet, „Das Leben dreier Clown s", das der Pariser Schriftsteller Pierre Ma riet nach Erinnerungen der berühmten Brüder Fratellini, der besten Clowns der Welt, aufzeichnete. Hans Heinz Ewers hat dem Buch die Einleitung geschrieben, an deren Schluß dieses starke Bekenntnis zmn Zirkus steht: „Film, Grammophon und Radio haben in denkbar kürzester Frist alle echte Kunst, ganz besonders aber die darstellende, zu einem solchen Verfall gebracht — und das überall auf der Erde —, daß man unendlich dankbar sein muh, in irgendeinem Winkel noch ein wenig ganz stilreine Kunst zu finden. Es ist sehr charakteristisch für unsere Zeit, daß man zu diesem Zweck in einen Zirkus gehen muß, um sich dort drei Clowns anzusehen!"
Sehr interessante Einzelheiten aus dem Zirkusleben verdanken mir K. A. Vollrath, dem ehemaligen Pressechef des Zirkus Sarrasani, fa seinem Buche „La Plata Zick-Zack", der Momente und Bilder aus der südamerikanischen Fahrt Sarrasanis schildert und A. H. Kober, dem derzeitigen Pressechef des gleichen Zirkus, der in seinem Buch „Sie große Nummer" Geschichten und Schicksale berühmter Zirkus- und Varietenummern erzählt.
Ein leidenschaftlicher Freund des Zirkus, Frank Wedekind, schrieb einen begeisterten Essay „Im Zirkus", in dem er seine Bewunderung für die Manegenschauspicle und -künste mit folgenden Worten bekennt: „So oft ich das hohe, luftige, leichtgefügte Gebäude betrete, Überläuft mich ein eigener Wonneschauer. Es ist die festliche Luft, die mich hier umweht, das Prächtige, Großartige und in feiner Art doch so unsagbar Kindliche... In höchster Vervollkommnung, befreit von den beengenden Schranken der Gesetze, bäumt sich der junge arabische Schimmelhengst im Zentrum der Arena mächtig vor unseren Augen empor und bietet dem Aesthetiker einen Hochgenuß, wie er ihm großartiger nur in der Magie hinnnel- anstrebender Berge, wie er ihm feiner, durchgeistigter nur in den Linien des menschlichen Körpers entgegentritt..."
Oie schwarze Spinne.
Erzählung von Jeremias G o t t h e l f.
(Fortsetzung.)
„Mir gefällt das Haus ganz ausnehmend wohl", sagte eine der Frauen. „Wir sollten auch schon lange ein neues Haus haben, aber tote scheuen immer die Kosten. Sobald mein Mann aber kommt, muß er diese« recht besehen, es dünkt mich, wenn wir so eins haben könnten, ich wäre im Himmel. Aber fragen möchte ich doch, nehmt es nicht für ungut, warum da gleich neben dem ersten Fenster der wüste, schwarze Fensterposte» (Byftel) ist, der steht dem ganzen Hause übet an."
Der Großvater machte ein bedenkliches Gesicht, zog noch härter an feiner Pfeife und sagte endlich: Es hätte an Holz gefehlt beim Ausrichten, kein anderes sei gleich bei der Hand gewesen, da habe man in Not und Eile einiges vom alten Hause genommen. „Aber", sagte die Frau, „das schwarze Stück Holz war ja noch dazu zu kurz, oben und unten ist es angefetzt, und jeder Nachbar hätte euch von Herzen gerne ein ganz neue« Stück gegeben." „Ja, wir haben es halt nicht besser gsinnet und durften unsere Nachbarn nicht immer von neuem plagen, sie hatten uns schon genug geholfen mit Holz und Fahren", antwortete der Alte.
„Hör' Aetti", sagte der Vetter, „mache nicht Schneckentänze, sondern gib die Wahrheit an und aufrichtigen Bericht! Schon manches habe ich raunen hören, aber punttum das Wahre nie vernehmen können. Jetzt schicke es sich wohl, bis die Weiber den Braten zweg haben, du würdest uns damit so kurze Zeit machen, darum gib aufrichtigen Bericht!" Noch manchen Schneckentanz machte der Großvater, ehe er sich dazu verstund; aber der Vetter und die Weiber ließen nicht nach, bis er es endlich versprach, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß ihm dann lieber wäre, was er erzähle, bliebe unter ihnen und tarne nicht weiter. So etwas scheuen gar viele Leute an einem Hause, und er möchte in feinen alten Tagen nicht gerne feinen Leuten böses Spiel machen.
„Allemal, wenn ich dieses Holz betrachte", begann der ehrwürdige Alte, „so muß ich mich verwundern, wie das wohl zuging, daß aus dem fernen Morgenlande, wo das Menschengeschlecht entstanden fein soll, Menschen bis hierher kamen und diesen Winkel in diesem engen Graben fanden, und muß denken, was die, welche bis hierher verschlagen oder gedrängt wurden, alles ausgeftanben haben werden, und wer sie wohl mögen gewesen sein. Ich habe viel darüber nachgefragt, aber nichts er-


