Ausgabe 
22.9.1930
 
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Bitte, rauchen Sie einmal!"

Soleil überlegt kurz:Zu Befehl!"

Er nimmt die bargebotene Zigarre. Der Oberst grüßt kurz und meint, schon wieder bissig, halb im Gehen:Jetzt können Sie einmal zeigen, daß Sie ein Mannsbild sind!"

Er drehte sich nach einmal um. Ein merkwürdiger Glanz ist in den Augen des Alten:Wenn Sie wirklich Feuer brauchen sollten, die Deutschen werden Ihnen sicher welches geben."

Jimmy hat immer noch die Hand am Helm. Was soll das heißen? War es ein Witz ober eine Beleidigung? Er ist wütend, empört. Man ist sechsundzwanzig und kein Kind mehr...

Ein paar Stunden waren seitdem vergangen. Es ist Nacht. Eine verhältnismäßig ruhige Nacht. Da ist sogar ein Mond. Wenn sein trübes Licht durch die bewegten Walken fällt, sieht man eine Kraterlandschaft, die genau so unwirklich und so fern wie die dort oben ist. Aber es ist ein Gestank da, der einen an die Welt erinnert. Die vielen ver­wesenden Leichen...

But Burburry hat Dienst im Nachbargraben. Auf einmal, drüben bei den Deutschen: Komandos, Gesetz und Geschrei. Schüsse und platzende Handgranaten. Ist eine Patrouille draußen? Niemand weih etwas. Vom Abschnitt Soleil ist zwar keine Antwort zu bekommen. Aber ein Melder ist unterwegs.

Eine Weile knallt es noch, bann wird es wieder still. Leuchtraketen steigen. Es ist wie vorher, blaß gespannter, und der Mond ist hinter die Wolken gegangen.

Der Nordkanadier Soerfen, aus Dawson, der lange Felljäger war, ist letzter Posten des Flügels, der dem Abschnitt Soleils am nächsten steht. Jversen hat verdammt gute Augen. Er sieht einen roten Funken auf dem Feld. Zuerst war er da, nun ist er dort verschwunden. Aus einem Granattrichter leuchtet es rötlich herauf. Weih der Teufel, was das ist? Denn es wird doch wohl keinen geben, der zwischen zwei Schützen­gräben mit der brennenden Zigarre spazieren geht? Da muß etwas los fein. Jversen denkt: Dazu bist du da. Wenn es wiederkommt, wirst bu feuern. Und schau da ist es ja wieder, schon bedeutend näher. Der Soldat bringt Kimme und Korn in Linie, atmet ruhig aus, faßt an und läßt fliegen:Päng!" Und der Funken versinkt.

Draußen winselt etwas. Jversen freut sich, daß er getroffen hat. Nach einer Weile schreit es:But!"

Gottverdammich!"

But" und noch einmal schwächer:But!"

Jversen ahnt, daß er etwas Dummes gemacht hat. Er gibt die Mel­dung weiter: Draußen liege einer und schreieBut!" Er hätte vorher vorschriftsmäßig auf eine dunkle, sich bewegende Masse mit einem roten Funken gefeuert.

Auf einmal ist auch der Melder da, der berichtet, daß Leutnant Soleil, ein Korporal und zwei Leute abgängig seien.

But kriecht mit zwei Leuten durch den Draht. Sie finden Jimmy und bringen ihn noch vor Tag herein. Einschuß in die Schulter, Aus­schuß am Knie, also durch den ganzen Leib. Jimmy lebt noch. Er deutet mit den Augen auf die Tasche und But zieht verständnislos eine angerauchte, halbzerquetschte Zigarre hervor. Auf des Jungen Mund blühen rote Rosen. Jedes Wort ist rot:Für den Oberst. Deutsches Feuer. Grüß ... Jak ... Farewell ... But .., Endlich ist es aus.

But Burburry, der harte, hundsfchnäuzige, saufende und trinkende Soldat, But, bas Mannsbild heult. Er heult und fchämt sich nicht, daß er es sozusagen vor versammelter Mannschaft tut.

*

Bier Tage darauf fiel der Oberst Fly. Er war wieder auf den Graben gestiegen; kein Schwein hatte ihn daran gehindert, und kein Hahn krähte ihm nach. Wir haben ihn redlich gehaßt. Heute denke ich milder in der Sache. Stabsarzt Down, ein Jugendfreund Flys, hat mir nach dem Kriege erzählt, daß Jimmys bildschöne Mutter einmal die Verlobte Flys gewesen sei. Sie hätte die Verlobung wieder aufgelöst, nachdem sie Soleil kennengelernt hatte. Er sagte, Jimmy fei das absolute Ebenbild seines Vaters gewesen ... Fly hat bann später reich geheiratet. Wie diese Ehe ausfiel, wissen wir ja."

Das ist die Geschichte mit der Zigarre des Leutnants Soleil", schloß Blurry.

Es war eine milde Nacht geworden. Wir wußten uns nichts mehr zu erzählen. Manchmal sah ich des Freundes Zigarre im Dunkeln schim­mern, und mir war zumute, als sei ich bei allem, was er mir erzählt hatte, gegenwärtig gewesen.

Oie verschollene Franklin-Expedition.

Von Sven H e b i n.

Merkwürdige Duplizität der Ereignisse: drei Wochen nach der weltbewegenden Auffindung der seit 1897 vermißten Andree-Expedition wurde bekannt, daß ein kanadischer Polar­forscher, Major B u r w a s h auf der King-William-Jnsel die Reste zweier arktischen Winterlager entdeckt habe, die von der berühmten englischen Polarexpedition Franklins herrühren müssen. Sir John Franklin versuchte im Jahre 1845 bie sog. Nordwestdurchfahrt ausfindig zu machen und ist, wie man sich erinnert, mit zwei Schiffen und 128 Mann seit dieser Zeit bis auf geringe Spuren verschollen, obwohl später mehrere Such­expeditionen nach ihm geforscht haben. Sven Hedin schildert in seinem bei F. A. Brockhaus, Verlag, in Leipzig erschienenen BucheVon Pol zu Pol" das mutmaßliche Ende der Franklin-Leute im Polareis.

Wieder kam die Zeit, wo das Eis sich in Bewegung zu setzen begann und man auf offenes Wasser hoffen konnte. Sicher machten die Gefangenen desErebus" undTerror" Ausflüge nach allen Seiten hin, um zu fehen, wo die Brandung des offenen Meeres am nächsten fei. Vielleicht ver­

suchten sie auch, mit Eissäge und Sprengpulvern sich aus ihren Banden zu befreien. Alles umsonst! Das Eis hielt sie fest! Eines Tages aber ent­deckten sie zu ihrer großen Freude, daß sich das ganze Eisfeld südwärts bewegte. Wenn sie doch nur das feste Land auf diese Weise erreichen könnten! Eine große amerikanische Gesellschaft, die sich nach der Hudson- Bai benannte, hatte weit droben im Norden kleine Handelsstationen angelegt. Nur bis dahin gelangen, bann war man gerettet!

Der Herbst machte Fortschritte, aber bie Hoffnung auf Befreiung wurde wieder vereitelt. Nun, wo der Winter so nahe war, noch einen Versuch zur Erreichung des Festlandes zu machen, war undenkbar. Denn in jenen endlosen Einöden findet sich im Winter kein Wild, und das Wandern nach Süden führt daher zum sichern Hungertod. Im Sommer dagegen konnte man hoffen, dort schon ziemlich früh auf [Remitiere zu stoßen und auf Moschusochsen, diese seltsamen Polartiere, die ebensoviel Aehnlichkeit mit dem Schaf wie mit dem Rind haben, die von Flechten und Moosen leben und nicht weiter südwärts gehen als bis zum 60. Brei­tengrad. Im Westen Nordamerikas fällt die südliche Grenze für dos Auftreten der Moschusochsen ungefähr mit der nördlichen Baumgrenze zusammen. Eine Herde von zwanzig bis dreißig Tieren hätte Franklins notleidende Seeleute vom Tode errettet! Wäre man wenigstens Eis­bären begegnet! Oder besser noch Seehunden und Walrossen mit ihrer dicken Speckschicht unter der Haut. Auch der Polarhase wäre nicht zu verachten gewesen, wenn er sich in genügender Anzahl eingefunden hätte. Der Bergfuchs, der von Vogeleiern und jungen Vögeln lebt und im Winter, unkenntlich durch sein weißes Fell, auf die Schneehuhnjagd geht, wäre freilich weniger verlockend gewesen.

Nun aber war die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten, und die wilden Tiere zogen sich vor Schnee und Kälte südwärts. Sicherlich berieten die Offiziere, was nun zu tun fei. Sie hatten Karten und Bücher an Bord und wußten genau, wie weit es bis zu den ersten Handelsstationen der Hudson-Bai-Gesellschaft war, auf dem Wege dorthin hatten sie mög­licherweise Aussicht, auf Wild ober Eskimos zu stoßen. Man beschloß aber, auch den dritten Winter an Bord auszuhalten!

Warum benutzten sie nicht den Herbst, um die Walfischboote, Schlitten, Zelte, Werkzeuge, Munition und das ganze schwere Gepäck auf der King- William-Jnsel an Land zu bringen? Selbst bei der abnehmenden helle hätten sie täglich doch mehrere Stunden arbeiten können. Und nun zogen sie vor, in ihren Kabinen Winterschlaf zu halten! Jedenfalls waren sie völlig niedergeschlagen und sahen der Dunkelheit mit Grausen entgegen. Noch ging die Sonne auf, beschrieb im Süden aber nur einen flachen Bogen und tauchte nach anderthalb Stunden wieder unter. Bald dauerte der Tag nur noch eine halbe Stunde, der hellen Minuten wurden immer weniger, und eines Tages sah man nur noch den oberen Schneerand wie einen strahlenden Rubin einen Augenblick über dem Horizont funkeln, Am nächsten Tage schon herrschte um Mittag Dämmerung; nur ein Widerschein der Sonne flammte gleich einem Abendrot über dem südlichen Himmel auf. Dann wurde die Dämmerung tiefer und tiefer. Zwar gewahrte man im Süden um Mittag noch einen glutroten Streifen, bet einen matten Purpurschimmer über die Eisfelder warf. Aber auch dieser erlosch, und die Polarnacht, die auf diesem Breitengrade ganze sechzig Sage dauert, während sie am nördlichen Pol sogar ein halbes Jahr währt, war da, und die Sterne funkelten wie brennende Fackeln auf blauschwarzem Grund, selbst dann, wenn die Uhr in der Offiziers,nesss die Mittagsstunde verkündete!

Immer freilich war es wohl nicht so pechfinster. Außer den Sternen, die in der reinen Luft bei der scharfen Kälte viel klarer leuchten als in den mehr von der Natur begünstigten Ländern, tut auch der Mond seinen Dienst. Aber sein Licht ließ die im Frost erstarrte Heimat des Schnees und Eises noch viel ober und unheimlicher erscheinen. In der Dunkel­heit sah man wenigstens nicht, wie öde es auf allen Seiten war.

Wer zum erstenmal im hohen Norden überwintert, findet die Polar­nacht wunderbar anziehend, das tiefe Schweigen der kalten Dunkelheit und das klagende Heulen des dahinfegenden Schneesturmes. Nichts aber ist bewundernswerter als das Nordlicht...

Für die im Eis gefangenen Engländer hatten die Flammenzungen des Nordlichts wohl keine Anziehungskraft mehr! Ausgemergelt und ab­gestumpft, des verdorbenen Proviants überdrüssig, von drei Wintern endlosen, müßigen Wartens mürbe gemacht, lagen sie in ihren Kosen unb hörten die Uhr die Sekunden abticken. Die einzige Abwechselung d-s ein­tönigen Lebens waren noch die Todesfälle. Die Zimmerleute hatten ollt Hände voll zu tun, und Kapitän Crozier kannte seine Leichenreden inm schon auswendig. Neun Offiziere und elf Matrosen starben während der beiden letzten Winter, die meisten jedenfalls während des dritten. M verriet ein kleiner Papierstreifen, der versiegelt in einer Steinpyramioe an der Küste niebergeiegt und elf Jahre später gefunden wurde.

Auch die Monate'dieser Finsternis näherten sich ihrem Ende. Der wie Streifen entzündete sich wieder im Süden und wurde allmählich hellen Dämmerung löste die Dunkelheit ab, und endlich blitzten die ersten eon- nenstrahlen wieder am Horizont. Nie wohl haben die Brahminen an den Ufern des Ganges die aufgehende Sonne mit größerem Jubel willkommen geheißen als die Mannschaft dieser beiden UnglücksschiffeErebus un Terror". Mit der neuen Sonne erwachte die Hoffnung ber Besatzung nun zum letztenmal! Wer Kapitän Crozier persönlich gekannt hat, wa überzeugt, daß er die Hoffnung nie aufgegeben hat. . ,

Jetzt galt es den letzten Versuch. Der Kapitän hielt an feine U" eine Ansprache und verbarg ihnen nicht, daß ihr Leben auf dem epi stehe, und daß er bas Aeußerste von ihnen erwarten müsse. Noch war- himdertfünf Mann beisammen, aber viele wahrscheinlich krank mm ! ' benb, und alle ganz entkräftet. Indes mit dem zunehmenden Licht r 8 sich wieder die Lebens- und Arbeitslust. Mehrere Schlitten wurden y' gestellt, plump und schwer freilich, aber auch stark. Drei Walfische' ' die feit zwei Jahren feftgefroren in ihren Davits gehangen hatten, wu losgemacht und auf das Eis Herabgelaffen. Das Beste der noch vo x denen Lebensrnittel wurde ausgesucht, und um die Boote herum ew sich ganze Proviantstapel. Mit'steigender Erregung sah man die Tag für Tag länger über dem Horizont verweilen. Sicher wuroe