In einer Ecke ihrer Kammer sitzen, würde sich die Augen aus dem Kopf weinen. Es war ihm, als hörte er ihr Schluchzen. Einzling und in ihrer
besonderen Lage hatte sie wahrlich kein leichtes Leben. Für ihn schanzte
sie, für ihn rieb sie sich auf. Und wie vergalt er's ihr? Als kleiner Junge, erinnerte er sich, hgtte er eine Tasse zerbrochen. Die Mutter war auf die
Bleiche gegangen. Als sie heimkam und die Scherben sah, fragte sie ihn:
„Hast du das pexiert?" Er verlegte sich aufs Leugnen. Sie nahm ihn gehörig ins Gebet. Da gestand er, daß er die Taffe zerbrochen hatte. Lügen waren der Mutter verhaßt, Sie gewöhnte ihn an Wahrhaftigkeit. Er hatte kein Geheimnis vor ihr. Beging er einen dummen Streich, sagte ihm die Mutter kräftig die Meinung, er bekam wohl auch seine Prügel. Die Kinderschuhe hatte er ausgetreten. Er war alt genug, vernünftig zu handeln. Seine Mutter schenkte ihm volles Vertrauen. Wenn sie erfuhr, was zwischen ihm und der Kampmann vorgefallen war, würde sie keinen Lärm machen, wie er sie kannte, aber sie würde ihn verachten. Scham und Reue folterten ihn. Angenommen, der Krepanski zeigte ihn nicht an, und er entging der Strafe, sein gutes Gewissen hatte er verloren. Letzt sprach der Lehrer in der. Fortbildungsschule von einem Kaufmann, der, was er zu zahlen verpflichtet war, in seinem Geschäftsbuch einfach durchstrich, in der Hoffnung, seine Gläubiger würden ihn vergessen. Der Tor! Seine Gläubiger vergaßen ihn nicht. Seine Schulden blieben. Auch der Karl mochte einen Strich durch seine Sündenrechnung machen, das Schuldbewußtsein blieb. Er grübelte und grübelte, wie er die Last von sich ab wälzen könne.
Ziellos lies er durch die Straßen der Stadt. Vor den Lebensmittelgeschäften standen die Menschen in langen Reihen. Ein Einarmiger in zerlöchertem Mantel rief:
„Kein Hund möcht so weiter leben. Der Hunger des Volks schreit zum Himmel. Wenn es erst aufsteht, wackeln die hohen Stühle!"
Vom Güterbahnhof kam ein fchwerbeladener Kohlenwagen, den ein gefangener Franzose führte. Dahinter gingen ein paar arme Frauen und lasen die herabfallenden Stücke auf.
Auf dem Marktplatz in der Wirtschaft zum Automat saß Militär und Zivil, Kopf an Kopf. Ein Orchestrion spielte lustige Weisen.
Ein Leichenwagen fuhr vorüber. Auf schlichtem Soldatensarg lag ein Jmmortellenkranz. Nebenher schritt ein alter Mann mit gebeugtem Nacken, die Hand auf der Brust zusammengekrampft.
Vor der festgesetzten Zeit war der Karl in der Nähe der Kaserne, den Meister Möckel zu erwarten.
Just rückte eine Abteilung Infanteristen ins Feld, junge und ältere Leute.
Einer fing zu fingen an. Die andern fielen ein:
„Unser Bündel ist geschnürt Und alle Liebe drein.
Ade! Die Trommel wird gerührt, Es muß geschieden sein!"
Der Wecklevskarl hob den Kopf. Wie eine Erleuchtung kam's über ihn. Es gab einen Ausweg für ihn, sich zu reinigen, sich zu befreien: er meldete sich freiwillig zum Militär, er ging igs Feld!
Meister Möckel erschien mit Paketen beladen. Die Redlichkeit, knatterte er, war aus der Welt gereift. Sein Eisenhändler hatte ihn überteuert. Darob war er fuchsteufelswild. Beidfammen traten sie den Rückweg an. —
Der Karl machte sich an sein Gesellenstück. Zuerst wollte es mit der Arbeit nicht flecken. Doch ließ er nicht ab und spannte alle Kräfte an. Zuletzt gelang’s. Mit dem tadellos beschlagenen Rad wanderte er abermals in die Stadt zum Obermeister. Der sprach sich lobend über die Leistung aus. Zwei Meisterbeisitzer und ein Gesell wurden herbeigeholt. In deren Gegenwart, als den Beauftragten der Innung, hatte der Lehrling einen Zangenteil abzuschmieden. Das tat er mit großer Anstelligkeit. Eine Weile trat er dann ab. Ward wieder hereingerufen. Der Obermeister richtete an ihn das Wort:
„Der Gewerbeschullehrer steht im Feld. Die Prüfung in der Buchführung und im Rechnen wird dir erlassen. Wir machen dich zum Gesell. Wer was Rechtes gelernt hat, ist frei und findet überall fein Brot. Dein Meister sagt, du bist von guter Lebensart. Halt dich ehrlich und brav. Der Ausweis wird dir zugeschickt!"
Er gab dem jungen Gesellen die Hand. Damit war der Losspruch vollzogen.
Der Abend dämmerte, als der Karl zum Meister Möckel in die Werkstatt trat und verkündete, daß er Gesell geworden sei.
Der Schmied hatte sich eine kleine Rede zurechtgelegt. Die ließ er vom Stapel.
„Ich wünsch dir Glück und Segen zum Gesellenstand! Deine Mutter hat dich mir als Lehrling übergeben, ich hab dich gehalten wie meinen Sohn. Wozu man den Trieb hat, das gerät. Du hast's gepackt. Sei net jedermanns Gesell und guck dir die Menschen gründlich an. Sie werden net besser. Daß du dir die Finger net verbrennst, dadesür hast du die Zang. Was das Handwerk ruiniert, hast du oft von mir gehört: das Pfuschen! Lieber gar keine Arbeit als halbe Arbeit. Das Halbe taugt in keiner Sach nix. Du kann sehr geschickt sein und 's wird dir nix helfen, wann du keinen guten Namen hast. Das fällst du nie vergessen! Ich will heut net nuscheln. Du weißt, daß du in der letzten Zeit verzwirbelt und net merkisch warst. Einen Rat geb ich dir mit auf den Gesellenweg: tu dich net an schlecht Weiberfleisch hängen. Das kann ein Mannsbild herunterbringen. Hast du net gesehen, ist Ehr und Ruh beim Deubel. Respekt vor sich selber haben und vor unferm Herrgott im Himmel, dadrin liegt alles!"
Der Meister hielt inne. Er hatte wie aus einem Buch heraus gesprochen, ernst und feierlich. Jetzt nahm er eine behagliche Haltung an und endete:
„Du hast die Wahl. Ich kann dir einen Platz in der Stadt verschaffen, du kannst auf der Wanderschaft dein Glück probieren, 's ist mir auch Verantwortlich: l)r. Hans Thtzrivt. — Druck und Verlag: Brühl
recht, wann du bleibst. Du hast die Kost bei mir und kriegst die Woche acht Mark. Ueberleg dir s und sag mir Bescheid." ' 7
"JL ha? mir’s überlegt", versetzte der Karl, „ich meld mich freiroiUia zum Militär! a
"Ei die Kränk!" rief der Meister höchlich überrascht. „Du meld'st dich zum Militär? Ich glaub, dir ist net gut. Wie alt bist du dann? Siebzehn Gelle? Mit Buben führt man kein Krieg. Mach dich net mehlig. Du wir» den Pulverdampf noch früh genug riechen!"
„Ich meld mich freiwillig zum Militär!" wiederholte der Karl. Ein Zucken lief über fein bleiches Gesicht.
Dem Meister schwollen die Adern an der Stirn.
„Himmelschockschwernot! Was hast du dann für Unglücker in dir?"
Da faßte der Karl sich ein Herz und bekannte seine Schuld. Auf die Kampmann warf er keinen Stein. Der Schießbudenmann, erzählte er habe ihn mit dem Mädchen ertappt, wolle ihn anzeigen. Einerlei, ob er Zur Verantwortung gezogen werde ober nicht, er sei gewillt, den Schmutz mit dem er sich besudelt, draußen im Feld abzuwaschen.
Der Meister ballte die Fäuste.
„Dacht ich mir’s doch! Das Donnerwetter soll die Schnippel schlagen!' Erregt schritt er in der Werkstatt auf und ab. Dann blieb er vor dem jungen Gesellen stehn.
„Von wegen dem Krepanski brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Der hat sein Häufelche in der Salzbrüh liegen und hat Manschet, ten vorm Gericht. Der zeigt dich net an. Du fagft’s net, aber ich bin devon überzeugt: die Kampmann hat dich verführt. Wann du sie schonst, schad'st du dir selber. Sie kommt fort. Da kannst du dich drauf verlassen. Du hast Reu'. Reu' ist auch Straf. Die Dreckkneter haben im Dorf schon viel geschmeckt und ’s ist Gras drüber gewachsen. Wann dich sonst nix enaus treibt, dessentwegen brauchst du net ins Feld zu gehn. Und dann mein ich, deine Mutter ist doch auch noch da, daß du ein wink an sie denkst!'
Der Karl brach in Tränen aus.
Alleweil gibt’s Luft, dachte der Schmied. Doch täuschte er sich. Was er auch dagegen anführen mochte, der Junge war von seinem Entschluß nicht abzubringen. Er bat den Meister, weil's ihm zu schwer ankomme, mit der Mutter zu sprechen.
„Du willst’s durchdrücken", sagte der Meister bekümmert. „Dadegegen kann ich freilich nix machen. Ich werd mit deiner Mutter schwätzen!"
Als Möckel der Wecklersanna eröffnete, wie es um ihren Sohn stand, war sie wie vor den Kopf geschlagen. Still und stumm saß sie da. Der Schmerz schnürte ihr die Brust zusammen.
„Was geschehn ist, kann man net wenden", gab der Schmied feine Ansicht kund. „Ich halt' mich dadrüber letzt bei dir ausgedrückt, daß der Jung sich verscheuselt. Du wollt’st net glauben. Mit Pernern und schnauz!- gen Worten richt’st du bei dem Karl nix aus. He hat noch einen guten Funken in sich. Das muß ich loben. Meine Sag ist: he tut’s net aus Mutwillen, daß er bei’s Militär will, ehnder er’s nötig hat. Er folgt seinem Gewissen. Das Gewissen ist unferm Herrgott feine Stimm. Wann's auch hart für dich ist, laß ihn gehn!"
Der Meister entfernte sich. Lange saß die Wecklersanna in bitterem Weh. Sie hatte vermeint, ihrem Sohn ins Herz zu schauen, hatte auf seine Bravheit gebaut, nun sah sie, daß er ihre Warnung in den Wind geschlagen, sich an die Schmuttel fortgeworfen hatte. Aber wenn sie gerecht sein und von Schuld sprechen wollte, mußte sie doch bei sich selbst anfangen. War sie etwa frei von Schuld? Ein Jahr vor seiner Konsir- mation war der Karl mit verweinten Augen aus der Schule gekommen. „Was ist mit dir?" fragte sie besorglich. Er wollte nicht mit der Sprache heraus, „'s wär das erstemal, daß du was vor mir hehl hältst!" drang sie in ihn. „Der Bendersheinrich hat mich gescholten!" stotterte er. „Wie hat er dich gescholten?" forschte sie. „Bankert!" heulte er auf. Das gab ihr einen Stich ins Herz. Mit vieler Mühe beruhigte sie ihn. Sie hatte vor, zum Lehrer zu gehn. Dann besann sie sich anders und schwieg. Die große Glocke läuten, hieß dem Getratsch Nahrung geben, hieß, ihren Jungen neuen Kränkungen aussetzen. Der Karl hatte einen Vater und hatte doch keinen Vater. Wohl möglich, daß eine festere Hand als die ihre den Karl jetzt vor der Versuchung behütet hätte. Seiner unverdorbenen Natur war die Kampmann zum Verhängnis geworden. Was mochte in ihm vorgegangen sein, wie mochte er gekämpft und gerungen haben! Ihre Bitterkeit wich, das Mitleid siegte ob. Da der Karl gegen Mittag von der Arbeit kam, gewann sie's über sich, ihm mit Milde und Freundlichkeit zu begegnen.
„Ich war erst voll Dampf", sprach sie zu ihm, „das ist nu vorbei. Jeder mutz für sich selber stehn. Nach dem, was passiert ist, kann ich’s verstehn, dah du dein Gewissen net vor der Tür liegen läßt. Du möchl’st bei’s Militär, möcht'st ins Feld, sagt der Meister, 's ist mir gar arg, aber ich schick mich erein und laß dir den Willen!"
Sogleich begann sie, seine Sachen zu richten, daß ihm nichts an der Ausrüstung fehle. ' |
Abends faßen sie zum letztenmal beisammen. Geflissentlich hielt sich die Wecklersanna zurück, mied jedes herbe Wort. Mit trübem Blick, die Hände auf den Knien, faß der Karl ihr gegenüber. Er dauert mich schrecklich, waren ihre Gedanken, ich mutz ihm helfen. Und sie umgab ihn mit verdoppelter Liebe.
Am andern Morgen — es war noch dunkel — begleitete sie ihn in die Stadt. Er meldete sich auf dem Bezirkskommando, ward im Lazarett untersucht, ward für tauglich befunden und einem Futzartillerieregiment in Mainz überwiesen. |
Vor dem Kasernentor sagte die Wecklersanna ihrem Sohn Lebewohl Bei ihrer Rückkehr ins Dorf öffneten sich hier und dort die Fenster, Neugierige schauten heraus. Fest und gerat) schritt sie durch die ©affen.
Der Eulerskett aber, die sie an der Haustür empfing, offenbarte sie ihr gequältes Herz.
„Du wirst's sehen", sagte sie mit erstickter Stimme, „he kommt net wieder!"
______________________________(Fortsetzung folgt.)_______________ _ i fche Univerf itäts^Duch- und Steindruckerei, X Lange, Giehen.


