Friedhöfe.
Don Bert Schiff.
I (Nachdruck verboten.)
_ Hns auf einen russischen Dorffriedhof. Höchst primitiv und ^rwrldert liegt er neben den strohbedeckten Holzhäuschen der Dauern. Äeme Mauer kem Zaun darum, der die Grabstätten von den an» grenzenden Feldern trennt. Keine Gräberpflege, keine Einfassungen Eb Dlumm tote bei uns in Deutschland. Die Grabstätten sind mit M Äreiyen^11 "verwachsen, im Sommer weiden die Kühe zwischen
Me griechisch-katholischen Kreuze sind enorm hoch, mindestens zwei- bis dreimal hoher als bei uns. Durch ihr beträchtliches Gewicht und die geringe Pflege fallen sie häufig ganz oder halb um. Obendran hmgmi kleine Leiterchen, eiserne Zangen und Hämmer. Ich dachte, r. aas das Gewerbe des Derstorbenen hindeuten. Ich wurde daß es einen Hinweis auf den Zimmermannsberuf Josephs von Nazareth darstellt.
, ®° tz^mitiv und verwildert und ungepflegt diese russischen Friedhöfe sind, so fehlt ihnen doch nicht ein naturhafter Reiz, ein malerischer eigenartiger Zauber. Die Friedhöfe sind, wenn irgend möglich, auf kmnen Hügeln angelegt. Außerdem sind diese Hügel mit lichten Wäldchen meist immergrüner Nadelbäume bewachsen. Ich dachte dabei em wenig an die Sitte der alten Germanen, die ihre Toten in Hainen begruben. Wenn auf den hohen Kreuzen die schwarzen Raben wie Schicksalsvogeln sitzen — und es gibt in Rußland älnmengen von Raben — wenn dann noch Schnee auf der winterlichen Landschaft uegtz glaubte ich ein derart ergreifendes Dild schon irgendwo einmal gesehen zu haben; ohne mich recht entsinnen zu können, wo.
II.
Ganz anders sind die Begräbnisstätten in Südfrankreich. Ich hielt Mich lange auf dem Friedhof von Mentone auf, der, noch auf einem Felsen angelegt, weit hinaus blicken läßt ins wunderbar blaue, farbenreiche Mittelmeer. Der Raum ist sehr knapp zwischen dem Meere und den steil aufsteigenden Seealpen. Deshalb liegt Grabplatte eng an Grabplatte, jede jedoch aus weißem Marmor gemeißelt. Wo ein Fußbreit Erde frei blieb, wuchs eine Zypresse oder eine haushohe Palme hervor, an der Feldwand wuchern Kakteen (Agaven), von denen;edes Blatt höher als ein Manu und deren Blüte so groß ist me em Tannenbäumchen.
_ Aber all das interessierte mich weit weniger, als die Bilder der Loten. Sn jede Grabplatte ist nämlich die Photographie des Verstorbenen eingelassen.
III.
Durch diese Photographien auf jedem Grabstein wurde ich schon ein wenig auf den weltberühmten Friedhof zu Genua, dem Campo vanto, vorbereitet. Dort begnügt man sich nicht mehr mit einer bloßen Photographie, sondern dort wird das Dild des Derstorbenen körperlich, plastisch festgehalten, in Erz gegossen oder aus Marmor gehauen. Wie "an in unseren Städten Schiller- oder Goethedenkmäler aufstellt, so ist dort der Friedhof eine Sammlung von Tausenden solcher Denk- maler und Statuen Genueser Bürger. Die großen Künstler Italiens Sebert diese Werke geschaffen. Es ist keineswegs immer ein Dild des j J « k^nen allein. Oesters sieht man die ganze Familie, etwa um eas Krankenlager versammelt. Oder man sieht die Witwe aus dem Lrauerhause treten. Die Köpfe sind nicht etwa kitschig verschwommen, Moern scharf realistisch herausmodelliert, so daß man jede Person wieoererkennen könnte, wenn man ihr am nächsten Tage in den vtraßen der Stadt begegnen würde.
A"r ein einziges Kriegerdenkmal sah ich, aber es hat mich mehr als all die zahlreichen Kriegerehrungen, die ich zuvor ge- I Yen. Ein Soldat, in Feldgrau, mit Patronentasche, steht da; er ist EtV? fallen, wurde offenbar kurz zuvor getroffen. Seine Mutter dahinter, sacht ihn aufzuhalten. Aber es ist nicht irgendeine l?!”' nicht irgendein Soldat, sondern die leidvollen Gesichter, die ^aalten sind so bestimmt, so scharf umrissen, so persönlich, so unver-
•5ar’ daß man sie unter tausend Kriegern und tausend Müttern wieder herausfinden würde.
Il»i^,^^dhof bedeckt das Tal und eine ganze Bergfront. Berge von nächtlicher Höhe. Rechts und links erstrecken sich weite, gedeckte
Damr setzte der Zug ft<5 wieder ’m Bewegung, und- Mike machke cmen Buckel und sprang mit, um dem Begräbnis beizuwohnen
Der Doktor hatte schon den Spaten in der Hand, und an derGeitz- blattlaube unter uberhängenden Lllmenztoeigen wurde nach reiflicher Erwägung die Stätte auserwählt. Da wurde ich von der Magd ins Haus zurückgerufen und überließ dem Doktor allein die Leitunai unserer Trauerfeierlichkeit.
Drinnen im Hause erwarteten mich ganz andere Dinge. Da war em Mann, der hatte einen bösen Schuldner, von dem er weder Kapital noch Zinsen erhalten konnte, und wir sprachen Wohl eine halbe Stunde miteinander, auf welche Weise ihm zu beidem zu verhelfen fei
• iP ^ann wieder in den Garten hinauskam, war der Doktor nicht mehr da; auch der Körper des verstorbenen Nine war verschwunden. und der Spaten lehnte an der Planke. Die beiden kleinen ^.otengraber aber— die natürlich ihr Schmierzeug anhatten — lagen E^^^Maitlaube auf den Knien und hatten einen kleinen, feltfam glanzenden Erdhugel zwischen sich, auf dem sie beide eifrig mit ihren rotfamerten Taschentüchern rieben. a
ihr da?" fragte ich, indem ich zu ihnen trat; denn diese Sache war nur völlig unverständlich.
, zuckte der Kleine auf. „Papa!" sagte er, und fein Gesicht leuchtete so fröhlich tote droben kaum die liebe Himmelssonne — „totr polteren Nine sein Grab mit Spucke!"
--Llnd also endete dies vergnügliche Begräbnis.
Saulenhakken. Sn zehn Schichten und mehr Degen die überirdischen Grabkammern übereinander. Daneben und im Freien sind die Monu- mente ausgestellt oft ganz einzigartige Bauwerke. Man glaubt weniger auf einem sriedhof als in einer Galerie, einer Kunstsammlung oder einem Museum zu fein.
. ^avergehlich prägte sich mir auf halber Dergeshohe die Gruppe 666 ein. x50fe Meirana streckt in voller Amtstracht die Hand und den Finger energisch weit ins Land hinaus, wie irgend einmal an einem kraftvollen, wichtigen Punkt seines Lebens. Der Giorgio Meirana links von ihm viel jünger, augenscheinlich sein Sohn, arbeitet dagegen mit der Gartenhacke. Dor ihm steht die mütterliche Angela Piazzo; zur Linken, mit häuslichem Arbeitsgerät, Theresa di Nicolino Del- bargo Alle Gestalten sind erzgegossen, Überlebensgroß, inmitten einer hohen, herrlichen Dergumrahmung. — Diese Grabstätte bat gar nichts friedhöflich Bedrückendes an sich.
Denk' es, o Seele!
Von Eduard Mörike.
Ein Tännlein grünet wo, Wer weiß, im Walde, Ein Rosenstrauch, wer sagt, In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon. Denk' es, o Seele!
Auf deinem Grab zu wurzeln und zu wachsen.
Zwei schwarze Rößlein weiden Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt In muntern Sprüngen.
Sie werden schriktweis gehn Mik deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh' An ihren Husen Das Eisen los wird. Das ich blitzen sehe!
Oer Schlund.
Roman von Alfred Bock.
(Fortfetzung.)
7.
Martini. Schon am frühen Morgen war Meister Möckel, der Schmied mit seinem Lehrling auf dem Weg in die Stadt. Der Wecklerskarl hatte heut ausgelernt. An dem bedeutungsvollen Tag, der ihn auf einen neuen Lebensabschnitt rotes, ließ er die Flügel hängen. Während der Meister redete, daß ihm der Bart rokichs, öffnete der Karl nicht den Mund. Sein Gesicht war blaß und schmal, er ging mit gesenktem Kopf, als ob feine Augen etwas auf dem Boden suchten. „He glaubt, scheinfs, sie fressen ihn in der Stabt auf , sprach der Meister zu sich. „Ich bin net ängsterlich, he wird sein Gesellenstuck machen!"
Die Landstraße stieg sanft an. Das Wetter war stürmisch und kalt, lieber die Aecker und Wiesen zur Rechten zogen neue Nebelschwaden, tm Tannengehölz zur Linken trieben die Meisen ihr Wesen. Der Wind zerriß das Gewölk, die Sonne kam hervor. Nur für ein halbes Stündchen. Dann sprühte ein feiner Regen hernieder.
Der Meister und sein Begleiter sputeten sich, daß sie ihr Ziel erreichten. , Glock zehn stellte Möckel seinen Lehrling dem Obermeister der Schmiede- innung vor. Dieser, ein älterer Mann mit scharfgeschnittenen Zügen, musterte den Wecklerskarl.
„Du hast einen guten Lehrmeister gehabt. Nu wollen wir sehen, was du kannst!"
Er gab dem Prüfling auf, daheim in der Werkstatt ein Schubkarrenrad zu beschlagen. Wenn der Karl die Arbeit fertiggestellt habe, solle er sie bringen.
Möckel hatte allerlei in der Stadt zu besorgen und verabredete mit feinem Lehrling, sie wollten sich nachmittags vor der Kaserne treffen.
Der Karl ging die Zehntgasse entlang und bog in die Kanzleistraße ein, wo das Gerichtsgebäude lag. Vor dem Gefängnis stand eine ärmlich gekleidete Frau. Hinter dem Gitter eines Fensters im oberen Stock sah man den Kopf eines jungen Menschen.
„Wie ift’s dann?" rief die grau, offenbar die Mutter des Häftlings, hinauf:
Die Antwort kam:
„'s ist hier gar nicht so schlimm!"
„'s sind ja nur sechs Wochen", sprach die grau, „die gehn rasch herum!"
Der Wecklerskarl setzte seinen Weg fort. Gestern hatte ihn der Kre- oanski, der Schießbudenmann, angehalten. „Du Schandbub", waren seine Worte gewesen, „ich hab gesehen, was du im Nonnenwäldchen mit der Kampmann getrieben hast. Ich sorg defür, daß du eingesteckt wirst!" Der Karl hatte geschwiegen, weil er sich nicht verteidigen konnte. Vielleicht, daß er in ein paar Tagen, wie der junge Mensch da drüben, im Gefängnis saß. Und feine Mutter? An Ermahnungen hatte fie's nicht fehlen lassen, und er war doch den bösen Weg gegangen. Jeden Tag hatte er den Vorsatz gefaßt: „Ich tu’s nicht mehr!" llnb er hatte es doch wieder getan. Die Helene Kampmann hatte ihm nachgestellt, hatte ihm Briefchen zugesteckt, hatte ihn auf Schritt und Tritt verfolgt. Sie abzuweisen, war er zu schwach gewesen. Seine Anständigkeit, feine Reinheit waren hin. Wurde er bestraft, geschah ihm ganz recht. Hatten sie ihn eingesperrt, würde seine Mutter nicht vor dem Gefängnis stehn und zu ihm hinaufrufen: „’s sind ja nur sechs Wochen, die gehn rasch herum!" Sie würde


