Ausgabe 
21.11.1930
 
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um bsn Hals; ob es eine VerwanDte oDeb gar Ne Tochter Desselben gewesen, haben wir nicht erfahren können.

Außer solchen Festen lebte übrigens der alte Herr still für sich weg; nur manchmal liebte er es, aus seinem Hause auf die Spiele der Kinder in der Kammer hinabzublicken, wozu er die bequemste Ge­legenheit hatte, da das HotelZur schwarzen Anna" auf einer Fensterbank erbaut war. Dann stieß Wohl eins der Kinder das andere an und flüsterte:Seht, seht! Der alte Herr steht wieder einmal

Auch seinen Geburtstag sollte er noch erleben. Zu diesem Feste, an welchem alle Kater und Katzen sich zur Gratulation versammeln sollten, bekam ich den Auftrag, sein Brustbild in Lebensgröße zu malen, was dann auch wirklich am Morgen des Festtages, in einen breiten Goldrahmsn gefaßt, im Saale des Hotels aufgehangen wurde.

Aber es nimmt alles einmal ein Ende. Da wir eines Morgens aufgestanden waren, fanden wir ihn tot in seinem Bette. Ob er bei dem letzten leckeren Mahle sich zu viel getan, ob die ihm zugemessene Lebensdauer abgelaufen war; so viel steht fest, was wir hier vor uns sahen, war nur noch seine entseelte Hülle.

Also wurde ein Schächtelchen mit schwarzem Papier beklebt und ausgeschlagen und so ein Sarg daraus gemacht. Der alte Herr wurde hineingelegt und stand zur Parade in dem großen Saale des Hotels wo von der Wand sein noch in aller Lebensfülle gemaltes Bildnis auf den Sarg herabsah. , , .,

Endlich wurde er auf dem Steinhofe ach, ernen Garten hatten wir da draußen nicht! in das für ihn gegrabene Grab gesenkt und mit einem schweren Steine fest und dauerhaft bedeckt.

--"Aber wer möchte nicht gern wissen, wie die Toten aussehen! Natürlich wurde der alte Herr nach einem halben Jahre wieder ausgegraben, sehr mit Schimmel überzogen vorgesunden, schaudernd und ganz genau betrachtet und dann endlich noch einmal und auch zum allerletztenmal begraben. ,. , .

Für Kinder und alte Leute, welch ein erlösender Zauber liegt ut dem Begraben! , , _. .

In der Heimat zur Zeit der Manschettenmreße, als die zwei ältesten Knaben ihre ersten Kittel noch nicht ausgetragen haiten. als sie für den großen Garten, der am Hause war, mit eignemSchmrer- zeug" noch versehen waren, in jener glücklichen Zeit gab es außer Katzen auch noch anderes Getier im Hause. Da war ein kleiner ivecher Pudel, welcher"Bube" hieß, aber leider trotz des Tierarztes schon verwart sein ' ' ' I früh an einer Hunde-Kinderkrankheit sterben mußte; dann war em

Es geschah aber, daß unser mit drei Katzen also stattlich begründetes weißes Kaninchen, welchesMine" hieß, und auherdenr noch eure weihe Heimwesen durch den hereingebrochenen Dänenkrieg gar lammerlich I Taube, welche keinen Namen hatte, sonst aber sehr wohl Feoerios zugrunde ging; meine beiden Knaben und noch ein kleiner dritter, 1 ---

Der hinzugekommen war, muhten mit mir und ihrer Mutter in die Fremde wandern, und so gastlich man uns draußen aufnahm, es war Doch in den ersten Jahren eine trübe, katzenlose Zelt. ,

Zwar hatten wir ein Kindermädchen, welches Anna hieß; ihr gutes rundes Gesicht sah allzeit aus, als wäre sie eben vom Torfabladen hergekommen, weshalb die Kinder sie dieschwarze Anna' nannten; aber eine Katze in unser gemietetes Haus zu nehmen, konnten wir noch immer nicht den Mut gewinnen. Da drei Jahre waren so ver­gangen kam von selber eine zugelaufen, ein weih und schwarz ge­flecktes Tierchen, schon wohlerzogen und von anschmiegsamer Gemütsart.

Was ist von diesem Käterchen zu sagen? Zum mindesten der

Son Kindern und Katzen, und wie sie die Nine begruben.

Don Theodor Storm.

^Begraben! Das Zauberwort war gesprochen Das Geschm verstummte, die Tränen wurden abgewischt, ein wah^s Sonnen leuchten verklärte die Gesichter der beiden Kinder. Schon warm sie aus dem Zimmer und die Bodentreppe hinauf; und nicht lange, so kamen sie fröhlichen Angesichts mit dem Leichnam ihres Alne an gezogen; der eine hatte es an den Ohren, der andere an den Himer laufen. So zogen wir mit?amen in den Garten hinaus.

Als wir auf dem großen Steige waren, begegnete uns die ME schettenmietze.Miau!" sagte sie, indem sie stehenblieb und uns E-m Der Zug hielt; und die Kinder sahen sie wieder an.Mite , teS der Kleine, noch einmal in seinen Klageton verfallend,unser ist tot!"

hätte heißen können. , , , . , f.

In dem geräumigen Taubenschlage auf dem Hausboden hatte sie einst mit vielen schönen Gefährten, Hahnenschwänzen und Mohren­köpfen, gewohnt und sich von dort aus lustig nut ihnen über den grünen Gärten in der Luft getummelt; aber eines Nachts w<^ der Marder eingebrochen, und sie allein blieb die äleberleberi&e. Damit sie in dem großen leeren Schlage nicht allzu sehr die Einsamkeit emp­finde, wurde das Kaninchen ihr zum Gesellen beigegeben, und da weder dieses von ihren Erbsen, noch sie die Hundeblumenblatter des Kaninchens begehrte, so lebten sie wie Geschwister, eintrachtiglich beisammen. Wenn die Taube von ihren Ausflügen heimkam klappte Rine allzeit freudig mit den Hinterläufen; denn sie spielten dann Greif oder Haschemännchen miteinander, und da das Kaninchen sehr gut greifen konnte, so geschah es dabei ganz von selber, daß es seirwr Freundin einen Mund voll Federn nach dem andern abbih. So wurde sie das TäubchenFederlos" und konnte nur noch mit den Posen (die Kiele der Federn) fliegen.

Aber weiter kam es nicht; die Posen sollte sie behalten. Denn da die Knaben eines Morgens in den Schlag hmaufstiegen, flatterte das Täubchen Federlos zwar noch um sie herum, Nme aber lag nut ausgestreckten Bieren tot und platt am Boden. . ,

Eilig stürmten sie die Treppe hinab und verkündeten rm Wohn­zimmer ihre Trauerkunde, wo ich ahnungslos bei meiner --.affe ~_.ee faß.

Wahrscheinlich hatte Nine sich an Taubenfedern tot gegessen, indessen ich bedachte solches nicht und sagte ohne viele Llmstan.de. Da habt ihr's wohl verhungern lassen!"

Ob das Gewissen der beiden dennoch nicht ganz rein gewesen? Aber hilf Himmel! wie Huben auf dieses Wort die kleinen Kerle an zu schreien! Kein Trost, kein Zuspruch half, die Tranen liefen ihnen stromweis über die Backen. . . fn

Da trat mein Freund, der Doktor der als Primaner musts schön die Klarinette spielte in die Dur.Hallo! Jungens, was lft Die l Augen wandten sich zu dem Sprecher, und einen Augenblick lang stockte das Geheul.Doktor", rief der eine im wehmütigsten Klagelaut,unser Nine ist tot!" . . .

Hn& wir haben es verhungern lassen! schrie der andere. Dann heulten sie beide wieder mit vereinten Kräften.

Jungens!" ries der Doktor.Euer Nme wird nicht mehr tebendig^ Aber wißt ihr denn das nicht? Wenn es tot ist, so mußt ihr es

Mit Katzen ist es in früherer Zeit in unserem Hause sehr begänge" gewesen. Noch vor meiner Hochzeit wurde mir von einem alten Hof­besitzer ein kleines, kaninchenblaues Kätzchen ins Haus gebracht, er nahm es sorgsam aus seinem zusammengeknüpften Schnupftuch, fetzte es vor mir auf den Tisch und sagte:Da bring' ich was zurAussteuer!

Diese Katze, welche einen weißen Kragen und vier weiße Pfötchen hatte, hieß dieManschettenmieße". Während ihrer Kindheit hatte ich sie ost, wenn ich arbeitete, vorn in meinem Schlafrock sitzen, fo daß nur der kleine, hübsche Kopf hervorguckte. Höchst aufmerksam folgten ihre Augen meiner schreibenden Feder, die bei dem melodischen Spinnerlied des Kätzchens gar munter hin und wieder glitt. Oftmals, als wolle sie meinen gar zu großen Eifer zügeln, streckte sie auch wohl das Pfötchen aus und hielt die Feder an, was Mich dann stets be­denklich machte, und wodurch mancher Gedankenstrich in meine nachher gedruckten Schriften gekommen ist.

Die Manschettenmieße selber ist, wie ich furchte, durch diesen Der- kehr etwas gar zu gebildet geworden; denn da sie endlich groß uns I Dann auch Mutter manches allerliebsten kaninchengrauen Kätzchens ge- 1 1 worden war, verlangte sie, gleich den feinen Damen, allezeit eine Amme für ihre Kinder; und da die Nachbarskatzen sich nur selten zu Diesem Dienst verstehen wollten, so sind fast alle ihre kleinen Eben­bilder elendiglich zugrunde gegangen. Nur einen kleinen weißen Kater zog sie wirklich groß, welcher wegen seines grimmigen Aussehens der weihe Bär" genannt wurde und nachher aber eine Katze war.

Später, da schon zwei kleine Buben lustig durch Haus und Garten tobten, waren drei Katzen in der Wirtschaft: nämlich außer den vor­benannten noch ein Sohn des weihen Bären, genanntder schwarze Kater", ein großer, ungeberdiger Geselle; vielleicht ein Held, aber jedenfalls ein Scheusal, von dem nicht viel zu sagen, als daß er, be­sonders in der schönen Frühlingszeit, unter schauderhaftem Geheut gegen alle Nachbarskater zu Felde lag, daß er stets mit einem blutigen Auge und zerfetztem Fell umherlief und außerdem noch ferne kleinen Herren biß und kratzte. .

Bon der Großmutter, der Manschettenmieße, die nachmals ganz berühmt geworden ist, wäre noch vielerlei zu berichten; da sie aber in der Geschichte, die ich hier am Schluß erzählen will, nur em einzig- malMiau" zu sagen hat, so soll's für eine schicklichere Gelegenheit

Phramidenritt. .., , ,,

Da nämlich den beiden größeren Buben das gewöhnliche Zubett- gehn doch gar so simpel war, so hatten sie's erfunden, auf der schwar­zen Anna zu Bett zu reiten; derart, daß sie dabei auf ihrer Schulter saßen und die kleinen Kinderbeinchen vorn heminterbaumelten. Jetzt aber wurde das um vieles stattlicher; denn eines Abends, da sich bie Tür der Schlafkammer öffnete, kam in das Wohnzimmer zum | Gutenachtsagen eine vollständige Pyramide hereingeritten: über dem großen Kopf der schwarzen Anna der kleinere des lachenden Jungen, über diesem dann der noch viel kleinere Kopf des Käterchens, das sich ruhig bei den Dorderpfötchen halten und dabei ein gar behagliches und vernehmbares Spinnen ausgehen lieh. Dreimal ritt diese Pyramide die Runde in der Stube und dann zu Bett. ,

Es war sehr hübsch; aber es wurde der Tod des kleinen Katers. Die guten Stunden, die er nach solchem Nitt zur Belohnung im Feder­bett bei seinem jungen Freunde zubringen durfte, hatten ihn so ver­wöhnt, daß er eines scharfen Wintermorgens, da er am Abend aus­geschlossen worden, tot und steifgefroren im Waschhaufe aufgefunden wurde.

Lind wieder kam eine stille, katzenlose Zeit.

Aber wo fände sich nicht eine Aushilfe! Ich konnte ja vortrefflich Katzen zeichnen; und ich zeichnete! Freilich nur mit Feder und Tinte; aber sie wurden ausgeschnitten und aus dem Tuschkasten sauber angemalt: Katzen von allen Farben und Arten, sitzende und springende, auf vieren und auf zweien gehend, Katzen mit einer Maus im Maule und einem Milchtopf in der Pfote, Katzen mit Kätzchen auf dem Arme und einem bunten Vöglein in der Tatze; den Preis über alle aber gewann ein würdig blickender grauer Kater mit rauhem, bärtigem Antlitz. Ihm wurde in einer Kammer, wo die Kinder spielten, aus Bauholz ein eigenes Haus mit Wohn- und Staatsgemächem aufgebaut. Diel Zeit und Mühe war darauf verwandt worden; deshalb erhielt es aber auch das Vorrecht, vor dem zerstörenden Eulbesen (ein Besen mit langem Stil) der Köchin durch strenges Verbot geschützt zu werden. Es hießdas Hotel zur schwarzen Anna"; undder alte Herr, welchen Namen der Graue sich gar bald erworben hatte,, hat lange Darin gewohnt. Selten nur verlieh er seine angenehmen Räume; desto lieber, da es ihm an Dienerschaft nicht fehlte, versammelte er bei sich Die Gesellschaft seiner Freunde und Freundinnen. Dann ging es hoch her; wir haben oft durchs Fenster eingeguckt. Fetter Rahm in Taffen­schälchen, Dratwürstchen und gebratene Lerchen wurden immer auf- getragen; den Ehrenplatz zur Rechten des Gastgebers aber hatte allezeit ein allerliebstes Weißes Kätzchen mit einem roten Bändchen