Ausgabe 
21.11.1930
 
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GichenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang MO Mitag,-en 21-November Nummer 90

An ein totes Kind.

Von Hans Franck.

Und grübe ich mich ein in deinen Totenhügel bin dir nicht nah.

Und trügen mich in alle Himmelshöhen Flügel Du bist nicht da.

Äus einer Wallung meines lebenssüchtigen Blutes ward dir Gestalt.

Aus meinen Vaterhänden riß dich rohen Mutes Todesgewalt.

Ein Sehnen warst du einst, ein Traum, der erdenwärts sich nur verirrt.

Ein Wähnen bist du jetzt, ein Wissen und ein Schmerz, der mich zerwirrt.

Portugiesische Totenklage.

Von Professor Dr. Ed. Heyck.

Da saust in einem Tempo, wie ich es nie erlebt habe, ein Matrose vorbei und zur Kommandobrücke hinauf. Himmel, da ist was los! Die feinen Klingeln spielen in der Schiffsmaschine, sie stoppt, mit schrecklichem Getöse strömt der frei gewordene Dampf aus. Unverständliche Ruse im Getöse, die schrillen Pfeifen der Offiziere und der Bootsleute. Nun rück­wärts. Wie quirlender Sektschaum strömt das Wasser von der Schraube her zum Bug. Wieder stopp. Unruhig sich wiegend, von den hastigen Manövern, steht das Schiff.

Mann öwer Buurd!

Das ist fürchterlich. Mehr als man daheim sich vorstellt, wo man gleich an alle Rettungsmittel denkt. Bis es gemeldet ward und der große Dampfer zum Halten kam, ist die Unglücksstelle im günstigsten Fall um einen halben Kilometer schon überfahren. Die sonnige, funkelnde Ruhe des Meeres heute nachmittag, hier südlich des Aequators, ist geringe Be­schwichtigung. Sahen wir doch fast ständig, in der Form wie riesige Zigarren, die auf Abfälle lauernden Haifische neben den Schisfseiten mit­gleiten.

Wer mag's nur sein? Einer von der Mannschaft, die oben in den Masten saßen und liebevoll pinselten? Denn geputzt und gemalt wird unterwegs ja fortwährend, und bei den Deutschen wohl am unbegnügtesten. Reue Bewegung Frau X fiel in Ohnmacht! Die hysterische Dame die eben vor einer Viertelstunde ihren bis zur Erschöpfung geduldigen Mann die zweite der täglichen großen Szenen machte. Aber da kommt er eben gelaufen. Das tut der auch nicht, daß er sich tragisch ins Meer stürzt.

Mit einemmal rennt alles zu den Zwischendeckern. Dies sind allermeist Portugiesen, die von Lissabon mitgenommen wurden.

Eins der Boote ist im Nu ausgeschwungen worden und geht wie's Donnerwetter zu Wasser. Der erste Offizier ist drin und schreit seinen sechs Leuten zu, sie müssen sich besser sesthalten, wenn durch das Hin- und Herwiegen des Schiffskörpers das herunterschwebende Boot mit seinem Korkgürtel an die Eisenwand schlägt. Jetzt haken sie von den Davits- Tauen los, kommen ab, treiben in die glitzernde Fläche hinaus. Die Leute rudern aus Leibeskräften, fortwährend aufrecht steht der Offizier, steuert mit einem Riem, späht mit den blauen Westfälingeraugen umher, voraus, sieht nach dem Schiff um, nach Richtung und möglichen Zeichen. Immer ferner rudert das Boot. Aber nichts läßt sich beobachten, daß ihm eine Spur auftaucht in der grausam sich sonnenden Flut.

Also der Carlos ist es! Der bei allen beliebte, fixe, kleine Kerl! Gerade der! Was ist nur mit der einen Gruppe unter den verstörten Portugiesen? Diesen Grauköpfen, die sich bald so dick befreundet zusammengeschlossen haben. Warum wird so heftig auf sie eingeredet? Sonst geschwätzig und erreglich, wie kollernde Hähne, sind sie jetzt, wo Tod und Leben auf dem Spiel steht und von.einer vernünftigen Auskunft.abzuhängen scheint, mundfaul und abweisend verdrießlich. Sie wissen nur, daß sie den Menino (das Wort für Kleiner, Junge) an der Reeling haben turnen sehen. Aber wann gesehen, Senhores! Wann? Wie lange ist es her? Fünf Minuten. Nein, es kann auch eine halbe Stunde sein. Dann gesteht einer: vor zwei bis drei Stunden!

Und nun, stückweis, wird den sich Widersprechenden mehr heraus­gequetscht, und der Sachverhalt kommt ans Licht. Diese würdigen lusita- nischen Großpapas, die auf dem Hamburger Dampfer zu essen kriegen wie im Märchen, haben den armen Jungen beauftragt, außenbords herum in den Proviantraum einzusteigen, durch eins der zur Lüftung geöffneten Bullaugen und drinnen für sie zu hamstern. Von oben geholfen hatte ihm niemand, die klüglichen Anstifter verzogen sich alsbald nach anderswo. Ms er dann immer nicht kam, kriegten sie Angst und sagten nichts.

spionierten nur immer achtsam nach dem Verwalter, der die Vorräte

ausgibt. Der ging in den Proviantraum, kam allein wieder heraus und schloß harmlos zu. Das eine hätte ja noch sein können, daß der Junge aus Furcht vor dem Zurückgelangen drinnen sitzengeblieben wäre. Irgendwie hatten sie dann schließlich gemurmelt, es möge was mit dem kleinen Uebel- täter passiert fein.

Mitten im Schauplatz der Aufregung, im leergelassenen Kreise um sie, liegt die Mutter. Ein gelbes, verblühtes Portugiesenweib. Als sie's erfuhr, nach dem ersten starren Entsetzen hat sie mit ein paar Griffen das unerläßliche schwarze Umschlagtuch weggeschleudert, die pechigen Haare zerzau t, die Hemdjacke aufgerissen und sich dann schreiend auf das Deck geworfen. Aber so unwillkürlich ihr verstörtes Tun ihr kommt, vollzieht diese Unwillkürlichkeit auch einen in dieser Art sich geziemenden weiblichen Brauch. Es ist der urtümliche Ritus der Totenklage, wie ihn gleich dem Alten Testament noch viele Völker ähnlich kennen, mit Zerreißen der Kleider, mit rhythmisch modulierten Gesten und schreienden Wieder­holungen. Taktmäßig in gleichen kurzen Zwischenräumen, wirft sich die Liegende von der einen Körperseite auf die andere herum, die beiden Arme im Bogen mitschwingend, und je genau hierzu ihr herzzerreißendes Ooohhh ... menino! schreiend. Zur Rechten und Linken von ihr liegen ihre beiden kleinen Mädchen und tun im selben Takt das gleiche Herum­werfen mit. Kleine, feueräugige Hexen; mehrmals hat man ihnen zugesehen, wenn sie mit dem Bruder abends tanzten, eine hüpfende Art Quadrille zu britt, und mit den gellenden Klarinettenstimmen das kindliche Tanzlied dazu fangen.

Kein Mensch hätte diese Totenklage unterbrechen dürfen, hätte der Mutter zureden wollen. Die portugiesischen Frauen und Kinder bildeten die hockende Umfassung des teergelafienen Kreises und sahen mit dumpfer Ehrerbietung zu. Möglichst weitab saßen die würdigen Greise und mar­kierten Stumpfsinn.

Trotz der hoffnungslosen Aufklärung war das Boot nicht sogleich zurück- signalisiert worden, so nutzlos die Verzögerung der Weiterfahrt des Dampfers auch war. Ich sah in das Sorgengesicht unseres lieben, nicht nur von den Damen üblich geliebten Kapitäns. Nachher wird es im Schiffs­journal stehen, knapp und mitleidlos wie ein Polizeibericht. Ueberall wird orakelt und ähnlich Erlebtes erzählt. Die Erregung und Teilnahme versteckt auch hier sich in den Ton des kahlen Realismus.Wenn er bei dem Bullauge abgerutscht ist, dann hat er auch gleich einen vom Schrauben­flügel weg ..."Da sind jetzt mindestens fünfzehn Meilen zwischen ..." Uns ging mal beim Senegal ein Schiffsjunge über Bord, und wir kriegten ihn noch. Grad wie sie ihn. ins Boot ziehen wollen, da schnappt der Haifisch zu und dreht ihmn Bein aus. Es war man 'n Wunder, daß nicht schon eher welche gekommen waren ..."

Ooohhh ... menino! Ooohhh ... menino! Der unabänderliche Rhythmus. Anschwellend das jammernde langhingezogene Oh, und im Staccato abschließend das menino.

Das Boot, das wieder längsseits kam, wurde von einer Sonder­maschine unter Dampf aufgehißt. Die Sonne war hinter eine Wolkenbank am Horizont getreten, und ein Schauer riefelte über das kalt und blau« dunkel gewordene Wasser. Den grauen Sündern waren vorläufig aufs gründlichste die Leviten gelesen worden, diesen Kerlen, die, noch vom Mittag satt wie die Konstriktorschlangen, in ihrer Gelüstigkeit und bann noch Feigheit nun zu ben Mörbern eines blühenben jungen Lebens ge­worben waren.

Kurz nach zehn Uhr sagten ber junge Schiffsarzt unb ich uns gute Nacht. Wir hatten noch im Dunkel braußen geftanben und ins Meerleuchten gesehen. Da gab es neues Getümmel im Unterdeck. Bei dem großen Raum, wo die Portugiesen familienweise nach ihrer Sitte in den Kleidern auf den Matratzenpritschen schliefen. Rasch dahin. Aus dem Schlafraum fiel Licht heraus, und drinnen gestikulierte unb redete alles durcheinander.

Vor ein paar Minuten wollte eine Zwischendeckerin, eine ledige Deutsche, zur Ruhe gehen, und als sie das ihr zugewiesene Einzelgelaß betrat, fand sie darin zusammengekauert den Menino! Er war über dem unrechten Bullauge hinuntergeklettert.

Hineingekommen war er, aber zurück hatte er sich bann nicht getraut.

Eben strömte ber tärmenbe Knäuel aus dem Schlasraum heraus. Sie brachten im Triumph den Jungen nach oben zu seiner Mutter, die noch immer als schwarze Masse, reglos verstummt, auf dem dunklen Schiffsdeck lag. Sie fuhr auf, mitten in ihrer taumelnden Freude knöpfte sie zuerst sich zu unb riß dann bas wiebergeschenkte Kinb in ihre Arme. Aber Carlos war wie leblos! Ich merkte, wie ber herangetretene Arzt besorgt würbe. Der Junge war steif und ganz kalt anzufühlen. Plötzlich aber holte der Doktor aus unb gab ihm einen kräftigen Schlag auf bie geeignete, von ber Mutter unterarmte Hinterstelle, baß er sofort aufs lebenbigfte schrie unb flehte, ihn nicht zu strafen. Dieser winzige Komöbiant!

Der ganze Kajütsalon würbe auch noch wieder lebendig unb vergnügt. Selbst ber Kapitän kam, ber später obenbs sich sonst unsichtbar machte unb in seiner Kammer Schopenhauer las.