Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerf itäts-Duch- und Steindruckerei. X Lange, ®teßen"
so behaglich Freude, die den grauen Welt schien heilige Rock Stunden
Das tat sie denn auch; so leicht und flüssig glitt das ,t>u‘ über die Lippen, als hätte sie's ihr Lebtag gesagt.
Nachdem sie eine Stunde gerastet, brachen sie wieder auf. Der Regen hatte aufgehört, die volle Mondscheibe schimmerte mit Hellem Licht hinter zerrissenen Wolken. Der Weg wurde steinig und mühsam; große Furchen hatte das strömende Wasser ins Erdreich gerissen, der Fuß rutschte aus, mehr als einmal mußte der kräftige Arm des Mannes das strauchelnde Mädchen umschlingen.
Margret wurde sehr müde, ihr Plaudern hatte aufgehört; wie ein verschüchtertes Vögelchen duckte sie sich an den starken Gefährten. Wie gut der war! Er führte sie wie ein Kind, er hob sie über Wasser und Steine, und ab und zu sprach er tröstend: „Bal sein mer derhäm!" Das ,Vald' war eigentlich ,Rechtlange'; zuletzt trug er sie mehr als er sie führte. Margret empfand alles wie im Traum; sie hielt die Augen geschlossen, sie dachte in seligem Vertrauen, es gehe so in die Ewigkeit weiter. Sie fuhr fast erschrocken zusammen, als der Bursche plötzlich stehen blieb und mit der Hand in einige Entfernung wies, wo dunkle Massen sich aus grauem Nebel abhoben und hie und da noch ein Lichtlein glänzte.
„Kyllburg!"
Sie schlugen den schmalen Pfad seitab und bergaufwärts ein; Margret war wieder wach. Hier der Weg, der führte zur einsamen Hütte droben auf kahler Höh', bald war sie zu Haus, die alte Margret — und der Traum hatte ein End'! Sie eilte nun vor dem Burschen her, hier kannte sie jeden Tritt, jeden Stein, jedes Rinnsal. In ihrem Herzen ging es hin und her, auf und nieder, Bedauern und Freude; Bedauern um's Scheiden von dem Begleiter, Freude auf's Wiedersehen mit der Mutter. Sie wußte selbst nicht, wie das so seltsam war.
Nun hielten sie inne. Da war die Hütte, dunkel und still, mit dem Grasrain davor und den dicken Sonnenblumen; da stand der Brunnen und der verfallene Ziegenstall, und der Mond übergoß alles mit silbernem Licht. ,
„Ech danken der nach vill daufendmaol", sprach sie leise und griff na<Y der Hand des Burschen.
Der war merkwürdig still geworden; nun sagte er: „Hm — bau — hm. Dem Hähr unnen zo Trier wolltste ke Kllhche geben, äwer Mir könntste doch — Margret, wat maanste?!" ~
Halb lächelnd, halb bittend beugte er sich nieder zu ihrem Gesicht aa, was war denn das?! Margret, die kleine schüchterne Margret schlang beide Arme um seinen Hals und gab ihm einen rechten, echten, nmy- hastigen Kuß, mitten auf den Mund! Dann riß sie sich los und sprang die Hüttentür. . ..
Der Bursche stand auf dem feuchten Rasen und wartete, &,5f8r!nulA in Balduin's Häuschen ein Lichtlein erglommen. Dann sprach er laur fest vor sich hin: „Die will ech!"
So endigte Margret's Wallfahrt. —
Der Abend dämmerte schon; früher als sonst sank er nieder in Wolken- und Regenschauern. Der Boden war aufgeweicht und klebte an den Sohlen, aber trotz alledem war's nicht häßlich zu wandern; der Bursche machte große Schritte, und die Mädchenfüße eilten vergnügt, wie beschwingt, nebenher. Was schadeten Dunkelheit und Nässe, wenn sich's ......schwatzte! Und in ihren Herzen saß eine heimliche groß« vor den Füßen herlief, den Weg mit Rosen bestreute und Himmel blau anglänzte. Die ganze schmutzige, verregnet« zum leuchtenden Paradiesgarten umgewandelt. Was der
nicht alles schafft! —
_________ stoffen vorüber. In dem einsamen Wirtshaus, das an der Wegscheide liegt, wo der Eifelbewohner die Mosel verläßt, um auswärts in feine Berge zu steigen, kehrten sie ein. Seit Mittag waren sie nun gewandert; Margret biß mit Wonne in ein kräftiges Butterbrot and trank in langen Zügen aus dem Glase, das ihr der Bursche hinhielt. Wie das schmeckte! Der feurige Landwein rollte ihr erwärmend durch dis Glieder und versetzte sie in einen seligen Taumel.
Der Valentin sagte: „De kannst als immer ,du' for mech saon!!"
^ntn Schluß immer das eine: „Heiliger Rock, heiliger Rock, manch mein
(Drinnen im Dom Hub wieder die Orgel an und d;e seligen Stimmen schwebten vom Chor: „Ecclesia missa est". Mit einer großen Zuversicht, mit einer heiligen Freude im Herzen erhob sich Margret von den Kmeen — ja, die Mutter ward gesund!
Als sie umher blickte, war von dem frennblichen Herrn nichts mchr zu sehen; die Menge zerstreute sich. Nun fühlte sie erst, wie müde und hungrig sie war. Die Kniee zitterten ihr; auch brannte die Sonne heiß und stechend und weiße Wolken ballten sich, es konnte wohl em Wetter ' "f«ie?mußte ein wenig ruhen, aber nicht hir drinnen in der dunstigen Stabt, draußen vor dem Tor, im Grünen; dann wollte sie gestärkt den Heimweg antreten. ...... ,. .
Ungehindert wanderte sie die Straßen zuruck, die sie gekommen, von den letzten Groschen kauft« sie Brot und etwas Obst. Dann eilte sie mit ihren Schätzen über die alte Brücke hinaus zu den heimlichen Weiden am Moselufer. Der Lärm der Stadt blieb zurück, nichts regte sich nichts rührte sich hier, als der Windhauch in den Büschen und die blauen surrenden Fliegen in der Lust. In der Mosel sprang ab und zu ein Fisch schnalzend in die Höhe und fiel plätschernd zurück ins erquickende Naß. (Sine traumhafte Stille umwob das müde Kind; kein Glockenhall, kein Menschenruf, kein Laut der Welt. , . „
Das Brot war verzehrt, die Früchte auch. Margret saß unter den schattenden Weidenbüschen, der Kopf sank aus den Arm — nur etn halbes Stündchen! — . , .
Ob sie gar geschlafen und wie lange, das wußte sie nicht; em lautes Lachen fchrcckte sie auf. Bor ihr standen die beiden Herren, die sie vom Dom her kannte. „Das nenne ich Glück", meinte der eine, „so ein Gänschen trifft man nicht alle Tage! Du bist wohl sehr erleuchtet, Kleine?
Laß sie doch", erwiderte der Freundliche, „sie ist zu niedlich! — Nun, liebes Kind", sagte er darauf und faßte sie unters Kinn, „einen Dank bist du mir aber noch schuldig. Ohne mich hättest du den heiligen Rock nicht gesehen und deine Mutter würde nicht gesund — na, was gibst du mir;
Och guter Hähr", die Kleine knixte und faßte zutraulich seine Hand, „ech danken Eich auch vill daufendmaol! On wann ech wöht, wuh Ihr wohnen däht, ech mechten Eich e su gären Tannäpfel bringen zom Feier onfänten, on Beeren, on sor Eier üeme Madam gären ummesunst {pinnen!"
„Ich danke dir, Kind", ter Herr verzog den Mund, „das ist zu weitläufig, aber einen Kuß kannst du mir geben, ober auch zwei — he?"
„Und mir auch", lachte der andere, „wir sind Freunde und teilen uns darein!"
Das erschrockene Mädchen starrte von einem zum andern; es zog mit der Linken seine Röcke an sich und hielt den rechten Arm abwehrend vor. „Ne — ne!"
„Doch, doch, — hab' dich nicht so, Kleine!"
Das Gesicht des Freundlichen war lange nicht mehr so nett; er streckte die Arme aus und preßte die Widerstrebende an sich. Mit einem gellenden Schrei riß sie sich los und sprang zurück.
Da raufchte es in den Büschen. Eine kräftige Männergestalt trat zwischen sie und ihre Berfolger. „Laoßt bat Mäbche gehn, — auf der Stell" — der Neuangekommene schwang einen derben Knotenstock, — „oder ich ziehn' Euch eins öwer, Ihr--."
Die Beiden machten sofort Kehrt, etwas murmelnd von „ungeschliffenem Bauernbengel" oder dergleichen.
Margret stand wie angewurzelt, sie war so erschrocken, daß sie zitterte.
„Komm!" sagte der Bursche, und faßte nach ihrer Hand.
Willenlos folgte sie auf die Straße, die sie am Tage vorher gekommen. Eine Weile schritten sie nun nebeneinander her, ohne zu sprechen; fchüchtern ruhten die Augen des Mädchens auf der Gestalt des Burschen. Wie schlank und kräftig er war, und wie hübsch kraus fein Haar, und so keck das blonde Schnurrbärtchen! Eine tiefe Röte breitete sich über Margret's Wangen; leise zog sie ihre Finger aus der sie sanft umschließenden Hand und trat hinüber auf die andere Seite ter Straße. Nun gingen sie, er hüben, sie drüben; und nur zuweilen glitten die Blicke verstohlen von rechts nach links. Der Himmel hatte sich verfinstert, die stechende Sonne sich längst verkrochen; von jeweiligen Windstößen beugten sich die Bäume am Straßenrain und ließen einen Schauer von Blättern und reifen Früchten herunterfallen. Die Stadt war hinter einem Schleier von wirbelndem Staub verfchwunden; ganz in der Ferne grollte (eifer Donner, ängstlich flatterten die Vögel und suchten piepend ein Versteck. Die Berge fingen an. graue Nebelkappen Überzuziehen, und die Luft roch nach Kühle und Regen.
„Et gilt schlächt Webber", meinte endlich der Bursche und sah prüfend zum Himmel auf.
„Jao", sagte Margret.
Richtig! Da fiel auch schon der erste Tropfen, dick und unverschämt. „Wuh biste här?" fragte der Bursche.
„Owen von ter Eisel bei Kyllburg!"
„Zo Kyllburg sein ech aach daohäm — bat trifft sech gub, bao kennen mer zosammengiehn!"
„Da jao", sagte Margret und atmete erleichtert auf. Ihr mar recht wohl neben dem stattlichen Begleiter; nun konnte ihr keiner was antun, nun brauchte sie sich nicht zu graulen durch die Nacht und den Wald zu gehen.
„Ech sein bän Valentin Rohles; mein Sabber es bub, ech wertschaften met meiner Modber allein — äwer die es als e fu alb!"
„0 jao", sagte Margret wieterum. Sie kannte den Namen, er war einer ter testen im Ort, aber den Burschen hatte sie nie gesehen; die Mädchen in Kyllburg hatten sich wohl gefreut, wenn der hübsche Rohles von den Soldaten keimkäm, aber was ging die Häuslerstochter ter Bauernsohn an? Was die Mädchen in Kyllburg wohl sagen würden,
wenn sie jetzt sehen könnten, wie freundlich der reiche Bursche mit der armen Margret sprach?! Sie guckte an sich nieder — war ihr Anzug auch noch schön in Ordnung? Dann sah sie mit den klaren Augen dankbar und vertrauensvoll zu ihrem Begleiter hinüber.
„Ech sein et Margret von Balduin's Häuschen! Ihr könnt bat von Kyllburg aus alb owen am Berg siehn!"
„On wat wolltste zo Trier? Biste nach zom heiligen Rock gewest?"
Ja, das war's eben! Und nun sprudelte über Margret's Lippen die ganze' Geschichte ihrer Leiden und Freuden; es tat ihr so gut, einer Menschenseele anzuvertrauen, was ihr Herz belastete und bewegte. Im Eifer der Rede kam sie von ihrer Straßenseite herüber, dicht neben den Burfchen, und legte mehr als einmal die braunen verarbeiteten Finger auf seinen feinen blauen Tuchrockärmel. „Aewer eweil es ales gub", schloß sie, „mein' Modder wird gesond — o du heiliger Rock!" Sie jauchzt« vor Freuden und hüpfte wie ein Reh über die Pfützen der Straße.
Sie hatte nicht acht, daß während ihrer Erzählung mehr als einmal ein halb spöttisches, halb gutmütiges Lächeln um die Lippen ihres Zuhörers glitt. Er räusperte sich zuweilen; seine Augen sahen mit merkwürdig schelmischem Zwinkern auf sie nieder, um bann fest auf ihrem vom Eifer geröteten, lieblichen Gesicht zu ruhen. Die offenen braunen Augensterne und die schalkhaften blauen begegneten sich in einem langen Blick; sie hasteten ineinander, bis bas Mädchen, plötzlich errötend, die seinen niederschlug, und der Bursche mit verlegenem Schmunzeln sagte:
„Bis en gutes Mädchen, Margret, gieb mer als immer wibber dein Hand!"
Es regnete stärker, ja es goß. Margret schlug ihren Rock über den Kopf und hielt ihn fest zusammen. Was war natürlicher, als daß der Bursche den Arm um ihre Schultern legte und sie leitete, ging sie doch halb blind durch die Welt, und einzig und allein die Nasenspitze guckte wie ein rosiger Punkt aus der schwarzen Umhüllung.


