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Montag, den 2t. Juli
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Nummer 56
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unterfallen und auf dem Strom, kaum untersinkend, abwärts treiben. Sie liefen und riefen nach der Schiffbrücke hinunter, und weil der starke Gegenwind am Mantel noch immer ausgebauschte Zipfel fand, trieb er so langsam, daß sie ihn wirklich noch auffischten. Er hatte nicht mehr als zehn Minuten im Rhein gelegen und war mehr durch den Sturz als durch geschlucktes Wasser vom Bewußtsein. Sie brachten ihn in eine von den Kajüten auf der Schiffbrücke und brauchten nicht lange an ihm zu reiben, da schlug er schon die welken Augen auf. Er mochte meinen, in einer andern Welt zu sein: als er die nassen Kleider fühlte, besann er sich und wollte zornig werden. Seine Schwäche hinderte ihn daran, so fing er an zu meinen; und wenn die Retter etwas von seinem ersten angstvollen Blick verstanden, war es die Frage: Warum habt ihr mich nicht treiben lassen in dem Wasser, das schon eins mit mir geworden war?
Es gelang den Aerzten, denen soviel junges Leben unter den Händen stirbt, ihn wieder auf die alten Beine und in ein Altersheim zu bringen, darin der Tod soviel Auswahl unter stillen und verglimmten Greisen hatte, daß er ihn noch ein Halbjahr leben ließ. Es lag abseits der Stadt in einem Birkenwäldchen dicht am Rhein und war für Leute feines Standes sonst nicht eingerichtet. Da begann sein altes Holzwerk noch einen Wurzelschoß zu treiben. Sein Unglück war gewesen, daß er mit dem Gehör auch inwendig die Musik und damit den Inhalt seines Lebens verloren hatte. Nun kam sie wie ein Echo aus feinem Innern wieder. Es hatte schon in den ersten Sieberträumen damit begonnen, daß er wie einst ein Cellosolo spielte; immer wieder kam da eine Wendung vor, die er niemals geübt und auch von andern nicht gehört hatte: sie durchbrach den Strom von einer tiefen Melodie mit quirlenden Klängen, wie wenn aus einem fließenden Wasser ein Strahl aufbräche, der immer wieder von der Strömung fortgenommen würde und doch nicht ruhen konnte. Mit seiner mählichen Gesundung verschwanden solche Klänge nicht; und als er in der Wintersonne schon wieder um das Birkenwäldchen herum- spazierte, stand er oft still an feinem Stock und sah sich staunend um, weil er die Töne eines Klaviers in klarer Schönheit perlen hörte. Wenn Wolken auf den Hügeln lasteten, kamen Orchesterklänge; er brauchte nur nm Strom hinaufzugehen, wo er den Wellenwind an feinen Händen spürte, und schon warfen sich die Geigentöne in den Trompetenklang. Wenn er sich bann auf eine Bank hinsetzte, die unter einer hohen Pappel auf einer Art Bastei am Ufer stand, und vor der Helligkeit des Wassers die Augen schloß: zog die Musik in Massen zu ganzen Sinfonien auf. Manchmal war er selber der Dirigent davon; und wenn es ihn ganz überschüttet hatte, kam er in einer Glückseligkeit nach Haus, die seine Pfleger erst kopfschüttelnd und schließlich schmunzelnd bemerkten. Am meisten lächelten sie, als er mit Eigensinn darauf beharrte, sein Cello zu haben: denn nichts war wunderlicher als das Gekrächze der aufgeregten Saiten anzuhören und das glückstrunkene Gesicht dazu zu sehen. Er hatte es nicht ungern, wenn jemand zugegen war, und keiner brachte es übers Herz, dem tauben Greis nicht zu versichern, daß fein Spiel herrlich gewesen wäre.
So machte ein verwehtes Echo die alten Stunden dieses Virtuosen hell, der wieder jung und feurig trotz seiner alten Knochen dabei zu werden schien und zuletzt in einer Selbftbeglüctung die Seele bis in die vertrockneten Winkel mit Glanz erfüllte.
Er war an einem Mürzabend, als es Bollmond werden wollte, und der ungestüme Wind die Wolkenschatten von Ufer zu Ufer warf, noch zu der alten Bastei hinausgewandert. Man ließ ihn gehen, weil man die Harmlosigkeit von solchen Gängen kannte, obwohl der Rhein Hochwasser führte. Es war so hell, daß vom andern Ufer die Bäume deutlich zu erkennen waren, dahinter weithin die dunklen Windungen der Täler in blaffen Bergen. Der Wind kam von Gebirge und jagte die bläulichweißen Wolkenlappen im Mondlicht so vor dem dunklen Himmel her, wie wenn Eisschollen rasch bewegt auf einem schwarzen Wasser trieben. Wie da der alte Mann von Klängen angefüllt selig in der bewegten traumhaften Helligkeit der Frühlingsnacht saß und landwärts sah, wo eine Kette hoher Bäume in die Unendlichkeit zu ragen schien: wurden in der Kälte der hohen Luft die Wolken kleiner und kamen ihm wie Schneetreiben vor, bas in die Zweige dieser Bäume wehte und immer wieder darin verging. Darüber merkte er zum erstenmal, wie das, was er in dielen Monaten nur für (Erinnerungen fremder Musik gehalten hatte, eigene Musik und gleichsam ein geheimnisvoller Widerklang aus der in Wind und Licht bewegten Natur in feiner Seele war; denn wie Schneewolkenflocken da oben die Zweige überwehten und dennoch unwirklich darin verschwanden, fo überschütteten ihn die Töne, nicht in unwirklicher Ferne, sondern greifbar nahe. Wie er das erkannte und immer das T[)tma wiederkehren hörte, das aus dem Baß durch alle Stimmen lief und sich zum Geflecht einer klaren Fuge fest verrankke: da stand der Greis mit flehenden und abwehrenden Händen auf; weil er nicht fassen konnte, daß es Musik aus eigener Schöpfung war, daß er sie ausschreiben konnte,
Oer Morgen.
Bon Manfred Sturmann.
Wie ein silberner Lockruf gleitet der Morgen Bon den Hängen der Nacht über zitternden Tau Hin zu den Aeckern.
Und der Bogel wird wach. Taumelnd stürzt er, Die letzten Schleier der Nacht zerreißend, In das flammende Licht.
Und der Mensch zuckt mit schlafwarmen Gliedern.
Er atmet, den Traumreft vergessend, den Morgen.
Gebet flüstert die Lippe über der Hände Geflecht.
Zum Boden geneigt, in stummer Versunkenheit, Sät er das Korn. Und früher goldener Tag ist über ihm Wie die segnende Hand des Herrn.
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Oer Cellospieler.
Von Wilhelm Schäfer.
Er war in den guten Jahren ein Solist gewesen, der Tausende von herzen rührte mit seinem bräunlichen Cellospiel und den die Blicke der Bewunderung schon rühmten, bevor sein Bogen an die Saiten rührte. Doch hatte ihn der Ruhm und alle Süßigkeit der Töne nicht behütet, aus einem schwarzen ein ergrauter Mann zu werden. Er stand im ersten Greisenatter, als sein Gehör nachtieß, so daß die Töne wohl noch aus den Saiten, doch nicht mehr aus der Seele tarnen, die wie mit einer Taucherglocke aus dem Geriesel sonniger Wellen immer hoffnungsloser in die Tiefen der Stille hinuntersank; bis er ganz taub war.
Da mußte er, von dem Ersparten lebend, der fein Leben lang im Lichterglanz und Jubel großer Säle gewesen war, mit seiner Frau in stiller Stube das Tagewerk der alten Leute tun, die sich von Schlaf zu Schlaf durch Müdigkeiten und Beschwerden, auch Schmerzen und böse Hoffnungslosigkeiten schleppen. Er trug es, wie ein altes Reitpferd seinen Milchwagen zieht, nicht in Geduld. Als er darüber ein Siebziger und ein gebücktes Männchen geworden war, das sich an seinem Stock aufstützen muhte, um nach den Vögeln oder Wolken hinaufzusehen, starb ihm die Frau. Sie war ihm in den Jahren seiner Konzertfahrten wenig gewesen md wurde alles mit der Gebrechlichkeit: sie hörte für ihn mit, wenn in dm Stuben verhackter Einsamkeit die unbefriedigten Gedanken Wolfs- iprünge machten.
Run war sie fort; und als er eine Woche lang, der doch feit Jahren feinen Kirchhof mehr betreten hatte, täglich zu ihrem Grab hinaus gegangen war, wo ihr die gelben Ahornblätter fchon einen Teppich auf die frische Erbe geregnet hatten, und als er nicht begreifen konnte, daß sie barunter in einer Holzkiste liegen und verwesen sollte, die seinen ruhelosen Alterswünschen näher als sein eigener Körper gewesen war, indessen sich die fremden Menschen mit plumper Sorgfalt in seine Stuben drängten: da ging er eines Tages selber zum Tod hinaus, weil der nicht U ihm kommen wollte.
Er suchte ihn nicht draußen, wo die Opfer in engen Reihen auf ein wues Leben warteten, das ihre unverlierbaren Säfte, jedoch sie selber nicht mehr gebrauchen konnte. Es war aus seinen guten Zeiten noch ein «erschollener Celloklang in ihm, als er im flatternden Kragenmantel durch M nassen Novemberwind auf die Eisenbrücke hinaufging, die mit drei Wen Bögen den Rheinstrom überspannte. Da war der Sturm auch für bie Augen gleichsam zu hören: wie sich die hohen Bäume in den Rhein- anlagen aus- und nieberbogen, wie das Wasser mit weißen Kämmen Mmauswärts schäumte und wie die stachligen Lichter an der Schiff- * tanzten. Er hatte stets die Kühnheit geliebt, bevor das Alter ihn Mach in den Beinen machte; doch nur, wie ein Musiker im Konzert- M mit Tönen kühn [ein kann. Auch verließ ihn die Ordnung feines Wegten Lebens nicht; bevor er auf einem der dick vernieteten Rücken Mausging, womit die (Eifenbögen sich bis zur doppelten Manneshöhe aus ®Wnbe hoben, legte er die schwere Uhr, den goldenen Kneifer und e Sraroattennabet mit einem flach geschliffenen Rubin sorgsältig in ne wmbgeschützte Ecke. Wie eine prachtvoll aufsteigende Melodie dachte hin«.Q?QI& 3ur Höhe feines selbstgewählten Todes auf dem Eifenbogen m„“^Weiten, doch gelang es nicht, weil ihm ein Windstoß feinen ex ■Lu*,er den Kopf aufjagte. Seine zitternden Greifenhände konnten ben *10» ^al$cn Qn dem nassen Eisen; er glitt gleich aus und stürzte durch (f/2n ™aum hinunter in den quirlenden Strom.
(läm,.,®Qr noch in der letzten Dämmerung; so sahen verspätete Spazier- »r ous den Rheinanlagen das Bündel von der Hohen Brücke her-
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


