Ausgabe 
21.3.1930
 
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Eisland.

Roman einer Expedition.

Von Hellmuth Unger.

Copyright by Carl Schünemann, Bremen.

(Fortsetzung.)

Cap Sabine.

Wie ein Trugbild weicht es immer von neuem vor den greifenden Blicken zurück. ~ . ....

Rice stolpert und bricht in die Knie. Jens schreckt zusammen und hall an. Bückt sich hilssbereit.

Da sieht er das verzerrte Gesicht des Gefährten, tief in der Pelz- kutte versteckt. Langsam löst er ihm die Riemen von den Schultern.

George'versucht zu lächeln, um den Eskimo zu täuschen.

Müde?"

Ein wenig " ,,

Ixus Edvard steht neben dem Gestürzten wie ein plumper Pfahl. Unbeweglich. Er überlegt, ob es nicht günstiger wäre, noch eine Strecke weiter zu trotten und dann erst Rast zu machen. Bedachtsam in seiner ruhigen Art schätzt er die Entfernung. .

Hjce belauert seine Blicke und in seinen Augen flackert eine Flamme von Haß. Ist der andere zäher als er? Wie mitleidig er ihn ansah! Nein, er will kein Mitleid. Er ist keine Memme, die man bedauert.

Er empfindet in diesem Augenblick wie ein Boxer, den ein schwächerer Gegner durch einen Zufallstreffer niederschlug. Der am Boden Kauernde spürt genau, wie ihm die Kraft in die Fäuste zurückströmt. Er möchte aufjpringen und zuschlagen, doch das Blut In den Adern ist wie Blei. Das Hirn kommandiert, aber die Muskeln gehorchen nicht. Alles versinkt in nebelhaftes Grau, wird schemenhaft und gestaltlos.

Jetzt begreift der Eskimo die nahe, unerwartete Gefahr. Seine Hal­tung wird lauernd. In unbewußter Abwehr wartet er, was geschehen wird. Wie ein Tier wittert er eine Bedrohung.

Ich muß ihn niederichlagen, denkt der arme, verwirrte Rice, aber ich bin sa viel, viel zu müde. Viel ... zu müde. Die kleine Flamme er­lischt. Ruhe will ich haben und Schlaf. Ja und etwas zu essen. Em paar Bissen aufgeweichtes Brot mit Pcmmikan. Nicht mehr. Oder nur einige Züge aus der Tabakspfeife. Wenn Jens doch endlich den Kochapparat anzünden wollte.

Nur fein Trotz verrät noch müde Drohung.

Laufweiter, wenn du noch kannst. Ich bleibe."

Der Eskimo nickt.

Jetzt hat George Tränen in den Augen. Er schämt sich seiner Hmter- hältigkeit und möchte dem Kameraden etwas Gutes sagen.

Setz dich auch her, Jens!"

Jens steht noch immer reglos. Seine Aufmerksamkeit ist abgelenkt und spannt sich ein. Seine Hände zittern ein wenig.

Dort drüben, unfern, zieht sich an der Eisküste ein schmaler Streifen offenen Wassers entlang. Und der Eskimo hat dort etwas entdeckt, das ihn in taumelnde Erregung versetzt.

Er wartet.

Zuerst glaubt er, daß er sich täuschte. Dann aber halten seine falken­scharfen Augen einen dunklen Tierkörper im Blickfeld. Langsam hebt er die Hand.

Da!"

Was?"

Rice tastet seinen Blicken nach.

Was siehst du denn?"

Sekunden. Endlos.

Jetzt wieder!"

Der Sergeant stemmt sich mit den Ellenbogen auf.

Ein Seehund! ..."

Ei" ...?" t

Wie eine Glutwelle überströmt es den Erschöpften. Gibt es das denn wirklich noch in dieser schweigenden Einsamkeit? Ein Tier? Ein Tier! Warmes, frisches Fleisch?

Jens! Mein Gott!"

Rice kriecht zum Schlitten und greift nach der Flinte. Jens warnt ihn mit kurzem Zuruf. Es ist wie der Schrei eines Raubvogels.

Nicht schießen!"

Willst du ihn etwa lebend fangen, wie?"

Er taucht sonst unter und kommt nicht wieder herauf."

Jens spricht ein gebrochenes Englisch mit Slangworten vermischt, wie er es von der Mannschaft in Fort Conger lernte. Er wiederholt in der eigenen Sprache, deren Sinn der Amerikaner leicht errät.

Oh, Jens weiß genau, was er will. Er ist der beste Jäger unter Greelys Leuten und auf Seehundfang versteht er sich wie keiner. Sein Eisstock hat eine scharfe Spitze mit Widerhaken, die in seiner Hand eine gefährliche Waffe darstellt. Wenn man einige der langen Lederriemen am Söhaft befestigt und abrollen läßt, hat man eine Harpune. Fieberhaft rasch knotet Jens Riemen an Riemen. Seine blauen Augen haben einen dunklen, tierhaften Glanz bekommen.

Jetzt ist er fertig. Rice hat ihm wortlos geholfen. Beobachtet ihn und bleibt zurück. Aus Knien und Unterarmen kriechend schleicht sich Jens an die Beute heran, wartet geduckt hinter einem niederen Schneehügel und gleitet geräuschlos weiter.

Rice hockt mit entsicherter Büchse beim Schlitten. Alle Mattigkeit ist vorbei. Wie könnte man jetzt auch daran denken! Einen Seehund haben sie entdeckt, durch einen unerhörten Zufall des Glücks. Wäre er hier nicht zusammengeb rochen, hätten sie das Wild nicht gesehen. Wären stumpfsinnig an ihm vorübergetrottet. Einen Seehund!

Ihr wißt wohl nicht, was das für einen Mann in Cisland bedeutet! Ihr könnt es gar nicht begreifen.

Wochenlang haben die Kameraden in Camp Clay vergeblich irgend­ein Tier zu jagen versucht. In schmalen Eislöchern fingen sie nicht mehr als ein Krabben. Und jetzt... Ein Seehund!

Rice wartet noch, bis Jens das offene Wasser erreicht hat, dann läuft er ihm in weitem Umbogen nach, um zu helfen. Der Seehund muß, wenn er wieder auftaucht, zwischen die beiden Jäger kommen. Nur so kann er ihnen nicht entgehn.

Wie ein schlafender Wolf liegt Jens am Stellrand des Ufers und wartet. Dort, wo der Kopf des Tieres zuletzt sichtbar war, hat sich die Oberfläche des Wassers schon wieder mit einer dünnen Eisdecke überzogen.

Jens zählt laut vor sich hin. Er weiß genau, wie lange es das Tier unter Wasser aushalteu kann. Heute erscheint ihm jede Sekunde uner­meßlich. Da splittert es vor ihm auf. Ein triefender Kopf mit strotzenden Barthaaren steigt empor, schwarzglänzend wie Samt. Zwei große Kirsch­augen glotzen in hilfloser Neugier, ohne jede Furcht, hinüber zu dem dunklen Pelzbündel, in das plötzlich Bewegung kommt.

Die Harpune saust dem Seal in den Specknacken, auf den Punkt genau. Und das Eiswasjer färbt sich rot.

Sergeant Rice liegt dem Eskimo schräg gegenüber auf einem Vor­sprung und verfolgt den Wurf mit fiebernden Blicken. Oh, Jens hat einen trefflichen Plan, der bis ins kleinste überlegt ist. Jetzt läuft er zurück, bis sich der Riemen strafft und nicht mehr nachgibt. An einem Eisblvck findet er Halt. Hier klammert sich der Jäger an.

Das schwerverwundete Tier ist geschmeidig in die Tiefe geflüchtet, und wenn jetzt der Riemen reißt, ist es für die beiden Männer verloren. Es kommt nicht wieder herauf.

Aber das Leder ist zäh wie eine Stahliroffe. Jens spürt es, wird sicher und ruhig. Mit allen Kräften stemmt er sich gegen den Block, um nicht mitgerissen zu werden. Lockerer wird die Leine. Die Kraft des Seals läßt nach. Er muß wieder Luft schöpfen.

Paß auf!"

Der Eskimo zieht die schlappende Leine an sich und wickelt sie auf.

Ein Schuß peitscht ihm entgegen. Der Sergeant hat gut getroffen. Träge, bauchoben schwimmt das verendete Tier. Die beiden Männer ziehn es mit aller Vorsicht aufs Eis herauf. Edvard vergißt vor Freß­gier alle Vorsicht, packt den Seehund an den fettigen Flossen und bricht ihn mit seinem gröntänber Messer auf. In langen durstigen Zügen trink! er aus der Schlagader das heiße, quellende Blut, reißt Speckfetzen von der Innenfläche der Haut und verschlingt sie in rohen Streifen, die er vor den Lippen abtrennt. Auch Rice ist von dem süßlichen Blutgeruch roie berauscht, wirft sich neben den Eskimo nieder und sättigt sich, bis ihm der Magen schmerzt. . r. . ,

lieber Jens Edvards rundem Gesicht liegt ein irrsinniges Lächeln.

Trunken stiert er ins Wesenlose.

Das ist kein Mensch, denkt Rice. Das ist ein Raubtier!

Dreiundzwanzig Männer erwarten in Camp Clay die Rückkehr der beiden Gefährten. Dreiundzwanzig im Stich gelassene, zermürbte Manner, die noch immer nicht glauben wollen, daß sie verloren sind, wenn Ser­geant Rice und Jens Edvard ohne gute Nachricht vom Cap zuruik- kornmen. So abgestumpft ist noch keiner, daß er sich nicht trübe Ge­danken macht und mit dem Tode sich beschäftigte, aber Leutnant ©reell) hat ihnen wieder Mut gemacht. Es ist ja unmöglich, daß man sie in der Heimat vergessen hat und nicht alles versucht, sie zu retten.

Vor zwei Jahren, fast auf den Tag und die Siunde genau sind es wirklich erst zwei Jahre? brachte der DampferProteus" sie von Amerika als Expeditionsmannschaft zur Lady Franklin Bay. Dr. Pavy, der Arzt behauptete, daß es am 7. Juli gewesen sei. Dr. Pavy hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, das nicht unter all den Schrecknissen gelitten hat. Und außerdem hat er wie der Kommandeur genau Tagebuch ge- K. Kleinste Nichtigkeiten hat er aufnotiert, wohl aus tiattgeroeile, bisher halte er in seinem Berufe nicht viel zu schassen. Dr. Pnoy zählt auch die Ortsnamen her von damals, die den andern längst ins Dunkel entglitten sind. Am 14. Juni 1881 Abfahrt von Baltimore, am 7. Juli von Upernivik. An den Berry Inseln vorbei zum Cap York, ourt) die Melville Bay zum Fort Langer. Der Kongreß in Washington hntie beschlossen, in Grinnelland eine Hilfsstation einzurichten, die in den ersten Jahren auch wissenschaftlichen Forfchungen zu dienen hatte

Alle Teilnehmer dieser milltärischen Expedition, die im nächsten Sommer von einer neuen Mannschaft ab gelöst werden sollten, waren Freiwillige. In Upernivik waren die beiden Eskimos Christiansen um Jens Edvard an Bord gekommen, um die Expedition mit ihren Ersay- rungen zu unterstützen.

Bor zwei Jahren! Vor langer Zeit.

Was war das: Zeit? Zeit ist ein stumpfer Begriff, der jede Bedeu­tung verloren hat. Die Sonne geht auf und es wird Tag. Mit Dienst mit Arbeit, fnit Erholung sind die Stunden ausgefullt. Es wird Iben und Nacht. Nach nie überdachten Naturgesetzen erfüllt sich der AVI« dieser Stunden, und der Mensch ist eingegliedert in den großen Rhythms des Geschehens. Redet nicht von Zeit, wenn ihr in Eisland seid! Lcnn die Sonne unter der Horizontlinie verschwindet, bann beginnt eine roie ihr sie euch gar nicht uorftellen könnt, endlos und voll erschrecket Finsternis. Dann zählt einmal und rechnet! Schneidet Kerben ins LW, ehe euch das Gebächtnis trügt! Zeit! Zeit! Wenn das Licht wiedc kommt, ist Frühling. Aber was man hier fchon Frühling heißt! .

Damals hatte niemand den Schrecken eines Polarwinters

Keiner hatte ihn vorher erlebt. Und was bedeutete ein kurzes Jahr oben in Eisland! Ein Erlebnis, von dem sich gut erzählen ließ, we man erst wieder daheim war.

(Fortsetzung folgt.) _

Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'jche LlniverfitätS-Duch. undSteindruckerei.D. Lange,Gieb-m