ßige Kreatur dieser Welt gewesen wäre, lachend und weinend an sein hort pochendes Herz drückte.
„Buch du — heute noch eines der ganz wenigen! Papier, gepreßt gegen bie Unbeweglichkeit gebundener Lettern, vom Druckerballen voll schwärzester Farbe in gemessenen Gängen eingerieben, nun Worte, Sätze, Seiten, ganze Bogen von Worten, guten, zu Herzen gehenden, ins Auge schleudernd und dem geheimen Zentrum des Gehirns weitergebend: Sinn sein, Ordnung schaffen, Freude spenden, alle verwehenden Geschlechter überdauernd — Buch! Schon dem Kinde in die kleinen Hände gegeben, also die Jugend aufzubauen wie Brot und Milch. Jünglingen und Jungfrauen ein stiller Wegweiser ins Leben, es milder und weiser zu gestalten. Waffe in der Hand des Mannes, die Schlachten des Geistes zu schlagen und an Schärfe und Glätte das tötende Eisen zu beschämen. Tröstung an Abenden wie dieser hier in Eltville, da mein Atem schon flüchtig wird und Dunkelheit die Sinne umwallt, des Körpers Aufgerecktheit ins Schwanken kommt und dem Grabe zusinkt. Lied der Vorzeit, das Frühling und Herbst, den Wechsel des Sommers und des Winters überlebt. Freund! Getreuester, wenn alle anderen weichen, von Mißgunst und Habgier eingefangen, Gesang der Zukunft — wenn du, alter Rhein, noch immer derselbe bist — mit deinen Weinbergen, mit deiner Sonne, mit deiner Erde, die aus Sonne der Traube gesegnete ewige Wiederkehr schafft. Das erzählt man sich getreulich von Mund zu Mund? Das liest sich in Büchern sicherer, plastischer, bunter, vollendeter, weil an des gedruckten Wortes Denkmal nicht zu deuten ist. Schwarze Kunst? Mit Nichten. Sie soll weiß bleiben, ein Spiegel der Wahrheit und des Lebens sein. Wie jetzt — ja, Heinrich, Jungs — was haft du nun da wieder gebracht? — ja, heute soll mir das willkommen sein! — wie jetzt dieses alles im golden schwankenden Becher Rheinweins, wie er keinem anderen aller Völker ward zur Erhebung des Wortes über seinen innersten Sinn hinaus. Es ist die große metaphysische Welle, di« sich über das Materielle: Buch wie Wein, Versenkung und Erkenntnis hinweghebt, die vom Ding, dessen innerstes Leben wir mitfühlen, dessen Welisches uns bestrahlt, und von uns allen, die wir je ein Buch lesen, einen Becher Wein trinken, die Gemeinsamkeit erschosst, die keiner Dimension mehr angehört, die das Ewige ist!"
Die Glocken waren verhallt. Aber in der Lust des sinkenden Abends von Eltville lag ein feines Klingen, dessen Ursprung keinerlei Deutung ergründen würde, und war geheim ein Licht geworden, fern allen Kriegs- slammen und dem zitternden Verleuchten der letzten herbstlichen Rosen. Hart, ein schwerer Gegenstand, lag das Buch auf dem Tisch und mußte sein« Seite vom Abendwind, eine nach der anderen, umblättern lassen. Die karge Neige des Weins hatte die volle Scheibe des Mondes in sich ausgefangen: aber keine Wolke huschte dunkel über diesen reinen Spiegel. Johannes Gutenberg lächelte; und da war es ihm, wie wenn auf jeder schimmernden Woge des Rheins ein Lächeln schwebte, verschwebte und doch immer wieder erneut ein Schweben war.
Oie Rumpelkammer des Theaters.
Auch ein Beitrag zum „Tag des Buches".
Von Peter H a m e ch e r.
Karl Hein«, der ehemalige Leiter des Jbfentheaters, erzählte einmal felgende Anekdote: Als er noch Direktor in Frankfurt a.M. war, wurde ihm ein Stück eingereicht. Es wurde in einer geheimen Kammer zu den taufenden andern Stücken versammelt, die hier ihrer Auferstehung harrten. Eines Tages aber kam ein Brief des Autors, der die Theaterleitung der schwersten Indiskretion beschuldigte und die berühmte Entschädigung verlangte: In der „Jugend" sei eine Novelle erschienen, die denselben Stoff behandle wie sein Drama, und sein Stück sei nur in Frankfurt bekannt; hier müsse also auch der Diebstahl geschehen sein. Heine antwortete: „Ich kann es beschwören, niemand kennt Ihr Stück, niemand hat je hineingesehen!"
In jedem Theater gibt es solch eine Geheimkammer, in der auf Regalen die eingereichten Stücke endlos aufgestapelt werden und allmählich zu Altpapier vermodern. Auf dem Tische liegt ein großes Buch, dick wie der Höllenzwang; in dieses werden die Eingänge eingetragen, bevor sie aus bi« Borde kommen. Manchmal verläßt auch ein Stück wieder den Raum, wenn der Autor kategorisch die Rücksendung verlangt oder die Bretter zu voll werden. Aber keiner lieft eines dieser eingesandten Stücke; woher sich dann die Mär schreibt, der Dramaturg sei der Mann beim Theater, der überhaupt keine Stücke lese.
Das ist nun nicht wahr. Der Dramaturg liest schon Stücke, aber nur nicht die der obligaten Eingänge. Was er liest, kommt auf andern Wegen zu ihm: durch die Bühnenvertriebe oder durch die Empfehlung gewichtiger Leut«; denn kein Talent bleibt im Dunkeln. Als ich seinerzeit beim Theater war, suchte man Genies, und eine Kommission von zehn Mann stürzte sich auf den Einlauf. Ein Jahr lang lasen wir alle Stücke, die kamen; vber nicht einmal ein Talentchen wurde gefunden. Das Resultat.war gleich Aull. Das genügte, um auch den Mutigsten mutlos zu machen, und im nächsten Jahr hatten wir alle etwas anderes zu tun, als verborgene 33ei(= NM zu suchen.
Das dramaturgische Bureau ist die Stätte der enttäuschten Hoffnungen. -0a läuft einer viele Wochen umher und verkündet allen Bekannten: „Ich yav« da und dort ein Stück liegen." Hat er viel Phantasie und starkes Mltungsbedürfnis, erklärt er auch wohl: „Ich habe Verbindung mit Rein- E; er wird nächstens ein Stück von mir aufführen." Aber eines Tages ®'.r® "•<* Hoffnung stumm. Er bekam keine Antwort, und der Mut , "Mite; oder das Manuskript kam zurück mit dem vorgedruckten Zettel, 5V! o es trostreich heißt, daß eine Annahme „zur Zeit" unmöglich sei. Ii° Ete behandeln das Theater als literarische Prllfungsanstalt, und oürr »•! n natürlich alle, den großen Wurf getan zu haben. Die Gleich- nfJJi l gegen den Einlauf erklärt sich, wenn man erst seine Fülle zu ffnnb ^en "erwäg. Bei der Bühn«, zu der ich im Angestelltenverhältnis waren in zwanzig Jahren 13 000 Manuskripte eingegangen; das
sind 65 0 Stücke pro Jahr. Dehnt man dieses Verhältnis auf die übrigen Theater aus, so kann man wohl sagen, daß jeder fünfte Mann in Deutschland «in „Dramatiker" ist oder die Ambition hat, ein Dramatiker zu sein. Anfangs ist wohl jeder Dramaturg dem Eingang gegenüber optimistisch, und er möchte den neuen Shakespeare finden. Aber bas verliert sich, und er wird gefühllos.
Einmal wollte ich eine Statistik aufnehmen über Alter und Beruf der Leute, di« die Stücke versaßt haben; es wär« sehr lehrreich gewesen. Jedenfalls ist kein Beruf von der Ansteckung durch die dramatisch« Krankheit ausgeschlossen, weder der Gymnasiast, noch der Professor, weder die Arbeiterfrau, noch der Kaufmann. Einmal, da ich eben mit meiner Tätigkeit begonnen hatte, verlangte einer sein Stück zurück; da mich der Zufall in die Näh« der angegebenen Wohnung führte, nahm ich das Manuskript unter den Arm, um es seinem Eigentümer auf dem schnellsten Weg« zurück zu erstatten. Ich sand den Mann nach einigem Suchen als Gehilfen in einem Friseurladen. Ein andermal kam ein Drama „Wilhelm II.". Die Verfasserin war eine Arbeiterfrau aus Westfalen. Sie hatte augenscheinlich das in ihrer Heimat angeblich so verbreitete „zweite Gesicht"; denn sie schrieb, daß sie das Stück im „medialen Zustand" empfangen habe. Reizend waren die eingestreuten Kostümbilder, u. a. die Kaiserin im rüschenbesetzten, streng bürgerlich geschlossenen Kleid. Ein Arbeiter, der im Junggesellenheim in Moabit wohnte, hatte ein Kriegsdrama in Versen, „Himmel und Hölle", eingesandt. Auf dem Schlachtfeld von Cambrai trafen die himmlischen und höllischen Heerscharen in blutiger Schlacht zum entscheidenden Ringen um den Besitz der Welt aufeinander. Nach ein paar Wochen verlangte der Autor, der inzwischen in den Lungenheilstätten Beelitz gelandet war, sein Opus zurück: er müsse es an Hindenburg schicken, um noch Einiges über Tannenberg zu erfahren. O göttliches Licht der Inspiration! O herrliche Naivität der Stückeschreiber!
Wie alle Berufsschichten vertreten find, so auch in den Werken alle Schichten der Weltgeschichte von Gilgamesch und Echnaton bis Ludendorff, Lenin und Stresemann, und kein Winkelproblem des modernen Lebens wird ausgelassen. Das Entzückendste aber sind die Begleitbriefe, di« den Manuskripten einliegen. Ein junges Mädchen aus der Eifel sendet das Stück ihres Bräutigams, eines angehenden Philologen, und sie erzählt ihren Lebensromon: der nette junge Mann brauchte Geld zum Studium, und er müsse sich einer Begüterten zuwenden, wenn die Aufführung feines Werkes nicht Hilfe bringe. Einer hat in „fortlaufenden Versen" ein Stück mit politischen Ideen geschrieben, und «in ehemaliger Ministerpräsident hatte auf das Manuskript di« Worte gesetzt: „Im Interesse eines dauernden Völkerfriedens wünsche ich diesem Werk, das geeignet ist, die Völker mit hohen Idealen zu erfüllen, einen weit verbreiteten Erfolg." Am besten gefiel mir jedoch jener Mann, der sein Lustspiel einen „ungeschlachteten Riesen" nannte, von wegbahnender Bedeutung der „Minna von Barnhelm", der von den vier großen 8-Dramatikem redete, womit er Sophokles Shakespeare, Schiller und — sich selber meinte, von der Mystik der beiden Mondhälften, die im lateinischen 8 zur Erscheinung komme, und der versicherte, daß er „die starke Gewißheit innerlich erlebt habe, daß er inspiriert werde, in den gebundenen Strahlen des Pentagramms schaffe, unter magischen Einwirkungen des ab- und zunehmenden Mondes". Natürlich verlangte er auch den großen Magier unter den Regisseuren für die Inszenierung seines Stückes!
Manchmal kommen auch die Dichter persönlich. Fast bescheiden und ängstlich tun sie im Anfang. Aber das verliert sich, und wenn man ihnen unverhohlen die Wahrheit über ihre dramatische Produktion sagt, regt sich der Größenwahn des Genies, und man bekommt sehr artige Grobheiten zu hören. Einer aber sagte sich von vornherein: „Nur die Lumpe sind bescheiden." Wie ein Gott aus der Wolke stand er eines Tages da. Er stellte sich nicht vor, weigerte sich überhaupt, seinen Namen zu nennen, und fragte in einer Weise, die eigentlich keinen Widerspruch duldet«, und die schon Befehl war, ob ich in einer Stunde ein Stück lesen könne. In ungarisch gefärbtem Deutsch erklärte er: „Heute kennen mich die Größten in Europa; bald wird mich die Welt kennen." Ich bin dennoch nicht auf den Schmus hineingefallen.
Ein Kapitel für sich sind die Dauergäste, die man nie los wird. Eine österreichische Adlige, die auf einem Gut« wohl zuviel übrige Zeit hatte, schickte jeden zweiten Monat ein Drama. Einmal las ich ein paar der Stücke und sandte sie mit ehrlich vernichtender Kritik zurück. Sie schrieb «inen ebenso ehrlich entrüsteten Brief, in dem sie von der Nafeweisheit eines jungen Mannes sprach. Da ich doch schon über vierzig war, brauchte ich mir das nicht gefallen zu lassen. Ich antwortete entsprechend; aber die Dame war ich los. Einer meiner liebsten Gäste war ein Herr B.; war ein neuer Mann bei uns eingezogen, gleich war er mit mehreren Stücken zur Stelle. Nach jedem Durchfall kam eins seiner vergilbten Manuskripte, mit einem Brief, der uns allemal sagte, was wir wieder versehen hätten, und wie wir uns schädigten, wenn mir nicht endlich, nach .... zig Jahren, ihm und seiner Dichtung „sein Recht" gäben. Er kämpfte mit Verbissenheit, und eigentlich tat mir der alte, elende Mann in seinem verfärbten Mantel von einst kokettem Zuschnitt leid. Bei feinen Einsendungen bediente er sich des berühmten Dilettantentricks, um sich zu versichern, daß die Stücke wirklich gelesen worden seien: er klebte die Blätter leicht zusammen, kniffte sie ein, und was solcher Scherz« mehr sind. Sein „Recht" wurde ihm doch nicht! Nachdem ich hinter feine (nicht mit Unrecht) mißtrauische Methode gekommen war, mußte mein junger Mann erst jedes Stück des Herrn B. sorgfältig durchlesen, bevor es auf das Regal gestellt wurde, auf dem es schon fo oft gestanden hatte.
Manch« gutherzigen Leute beschuldigen die Theater, daß sie in ihren dramaturgischen Bureaus Werke der Genies verkommen lassen, und sie weisen, um ihre Behauptung zu erhärten, auf jenes frühe Jambendrama Gerhart Hauptmanns hin, das im Königlichen Schauspielhaus verlorenging. Ich glaube nicht an die unbekannten Genies; eher an die nicht verstandenen. Jene Leute weiser Rede aber sollte man samt den „Dramatikern" einige Jahre Dienst in einem dramaturgischen Bureau tun lassen; es könnte nur zu ihrem Heile (ein!


