Ausgabe 
21.3.1930
 
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das Buch jemals zum Erlebnis geworden Ist, die literarisch Vemntwort- lichen der Zeitungen, der Volkshochschulen, des Rundfunks und der litera­rischen Gesellschaften, denn die Arbeit dieser Institute soll und kann ja nur eine vorbereitende sein, ein Schmackhaftmachen der geistigen Dinge durch Darreichung von Kostproben. Daneben aber sollte man nie ver­gessen, seinen Zeitgenossen etwas zu erzählen über die Kunst des Lesens und über die erneuernde Kraft, die aus dem guten Buch in uns ein­dringt.

Bücher und Buchhandel im Altertum.

Von Verlagsbuchhändler Alfred D e v r i e n t.

Im Altertum konnte es selbstverständlich, solange noch das A b s ch r e i - den die einzige Vervielfältigungsmethode war, nurSortimentsbuch­händler" geben, lieber diese Buchhandlungen in Griechenland wissen wir nur wenig. In Athen scheint es, da die Bücher bei dem Mangel an kundigen Abschreibern noch selten und teuer waren, üblich gewesen zu sein, daß die Buchhändler in ihren Läden die vorhandenen Werke, wohl gegen ein Entgelt, den Interessenten vorlasen.

Diogenes Laertius erzählt, daß bald nach P l a t o s Tode ein reicher Kaufmann Zeno, durch einen Schiffbruch an die Küste Atti­kas verschlagen, in Athen den Buchhändler ein Werk Tenophons vor­lesen hörte; er ward von dem Gehörten dermaßen ergriffen, daß er seine Geschäfte aufgab und sich der Philosophie widmete. Nach demselben Schrift­steller hatte es in Athen schon im 4. Jahrhundert vor Christus zahlreiche Buchhandlungen und Lesekabinette gegeben. Die großen Dichter müssen doch schon früh in zahlreichen Exemplaren verbreitet gewesen sein, denn wie können wir uns sonst die schallende Ohrfeige erklären, die A l k i b i a - des nach P l u t a r ch s Erzählung einem würdigen Schulmeister versetzte, als dieser ihm auf seine Anfrage gestehen mußte, er habe keinen Homer in seiner Schulbibliothek! Schon viel früher hatte Pisistratus eine öffentliche Bibliothek in Athen gegründet. Alexander der Große läßt sich nach Asien die Werke des Historikers Philistes, die Dramen des Euripides, des Aeschylus und des Sophokles schicken; das alles deutet auf einen regen Buchverkehr auch schon im griechischen Alter­tum.

lieber das literarische Leben in Rom sind wir natürlich viel besser orientiert. Dort liegen, im letzten Jahrhundert der Republik, die Ver­hältnisse für die Entwicklung 'des Buchwesens schon günstig; eine fein gebildete, selbstbewußte, dazu sehr begüterte Aristokratie, die selbst litera­risch sehr produktiv ist; tief unter ihr ein Heer von Sklaven, die zum Teil aus Ländern mit höherer Bildung flammen, aus Griechenland, Klein­asien und Aegypten. Es find große Herren, Staatsmänner, die die Feder führen, und denen jeder Gedanke, aus Literatur eine milchende Kuh zu machen, fernliegt. Die Reichtümer der ganzen bekannten Welt strömen, nach siegreichen Feldzügen, nach Rom. Die Anlegung von Privat-Biblio- iheken wird für alle diese hochkultivierten Patrizier ein Bedürfnis und es entsteht eine große Nachfrage nach Büchern. Das rege literarische Leben zeitigt nun den ersten bedeutenden Verleger, wenigstens erkennen ihn die meisten neuen Forscher als einen solchen an: Titus Pomponius A11i - c u 5, der Allerweltsfreund, der es verstand, sich die Gunst aller gegneri­schen Parteiführer, des Cicero und des Brutus fo gut wie des Antonius und O c t a v i an, zu bewahren. Er wird allen, die ein­mal auf einer Gymnasialbank geschwitzt haben, durch des Cornelius N e p o s lobpreisende Biographie in nicht immer ganz angenehmer Erin­nerung geblieben sein. Atticus war ein reicher, durch 20jährigen Aufent­halt in Athen zum literarischen Feinschmecker ausgebildeter Mann, auf dessen Urteil seine schriftstellernden Freunde großen Wert legten. Er war aber zugleich auch ein spekulatives Genie; durch Landkäufe und Geld­geschäfte aller Art vermehrte er sein großes Vermögen. Ebenso wie er Fechterschulen errichtete, die er durch das Vermieten seiner Gladiatoren für Festspiele bezahlt machte, so hatte er sich auch eine Schar von gebil­deten Schreibersklaven herangezogen, die er außer zur Vervollständigung seiner eigenen Bibliothek auch zur Massenherstellung der Schrif­ten seiner literarisck^en Freunde verwandte. Fast jeder Brief der sehr umfangreichen Korrespondenz Ciceros mit Atticus bringt uns Aufschlüsse oder wenigstens Winke über das literarische Treiben jener Zeit. Konnte man aber an wirkliche Massenproduktion denken, wo diese Produktion auf das Adfchreiben einzelner Bücher durch einzelne Schreiber ange- roiefen war? Der Vorgang stellte sich folgendermaßen dar: ein Verleger, Besitzer von hundert schreibfertigen Sklaven, läßt diesen gleichzeitig ein Buch diktieren. Es wird, dank der großen Hebung, ungemein schnell geschrieben mit Anwendung der von Ciceros berühmten freigeloffenen Tiro erfundenen tironischen Noten, stenographischen Verkürzungen. Nun sagt uns Martial am Beginn des ersten Epigramms feines z»Vei­ten Buches, daß einlibrarius" dieses Buch in einer Stunde nieder­schreiben konnte. Das wäre allerdings eine enorme Leistung, denn, da das Buch 540 Verse enthält, mühten 9 Verse in der Minute, die Zeile in weniger als 7 Sekunden geschrieben worden fein. Bei zehn Stunden Tagesarbeit der Achtstundentag war ja damals noch nicht erfunden würden 1000 Exemplare dieses Buches an einem Tage geliefert worden fein, eine Auflage von 3000 Exemplaren in drei Tagen; also eine recht respektable Leistung.

Daß Atticus die Schriften Ciceros in ganzen Auflagen und zwar in nicht geringen Herstellen ließ, geht u. a. aus folgender Stelle eines Briefes Ciceros hervor: Cicero hatte in einer Rede aus Versehen einen längst Verstorbenen L. Corsidius, als einen Lebenden erwähnt. Nun bittet er den Atticus, daß er diesen Namen durch drei Schreiber, den Phar - naces, Anthäus und den Salvius in allen Exemplaren aus- streichen lasse. Es muß also doch eine große Auslage vorhanden gewesen sein, daß er gleich drei hervorragende Schreiber denn daß Cicero sie mit Namen bezeichnet, beweist, daß es nicht die ersten besten waren zu dieser unbedeutenden Korrektur verwendet wissen wollte!

Wie ein modern denkender Verleger begnügt sich Atticus nicht damit, fertige Schriften zu vervielfältigen; er entwirft Verlagsprojekte, mit deren Ausführung er feinen Autor beauftragt.In betreff ,'ber Geographie' will

sch mir Mütze geben, Dich zu befriedigen" schreibt Cicero im 4. Briefe des 2. Buches an Atticus:aber etwas bestimmtes verspreche ich nicht. Es ist das ein Unternehmen von großem Umfang, doch will ich, wie Du es haben willst, dafür sorgen, daß von meiner Wanderung für Dich irgend­eine sichtbare Spur meines Tuns ins Leden trete." Im 6. Briefe dieses Buches kommt er auf dasselbe Verlagsprojekt zurück:Meine Zusage in einem früheren Briefe, es soll ein Werk während dieser Wanderung . von mir verfaßt werden, kann ich jetzt nicht mit Sicherheit zu halten versprechen." Gegen das Schreiben auf der Reise, klagt er, habe er einen entschiedenen Widerwillen; das geographische Werk sei ein gar umfangreiches Unternehmen. Das sind genau die Worte, die wir heute von den in der Sommerfrische um weiteres Manuskript gemahnten Auto­ren zu hören bekommen!

Auch Vorwürfe kommen vom Autor an den Verleger; einmal fragt er ihn,ob es wirklich fein Ernst fei, ein Buch von ihm ohne feine Ein­willigung verbreiten zu wollen?" Ein andermal beschuldigt er ihn der Indiskretion; er habe Abschriften machen lassen, ehe er sein Buch dem Brutus, dem es gewidmet war, überreichte, er ljabe ein Buch, das er noch nicht vor das Publikum bringen wollte, von feinen Leuten für eine gelehrte Dame Caerellia die von Leidenschaft für die Philosophie entbrannt sei machen lassen. Dann wieder lobt er ihn:Meine Rede für den ßigarius hast Du ausgezeichnet verkauft; was ich auch immer in Zukunft schreibe, Dir werde ich es zum Vertrieb übergeben". Sogar die Frage der Freiexemplare kommt zur Sprache.Du hast mich sehr verpflichtet durch Zusendung bes Buches Serapion; ich habe angeordnet, daß es Dir bar bezahlt werde, damit Du es nicht auf die Liste der Frei­exemplare setzest."

Wir sehen also: so sehr anders als heute lagen die Dinge imVer­lagsbuchhandel" auch damals nicht; es ging Sklaven waren ja billig schließlich ganz gut auch ohne Druckerpresse.

Oer Abend von Lltvitte.

Skizze zumTag des Buches".

Von Alfred Richard Meyer.

Was war der Sinn des Herbstes 1462? Nicht daß cs einen guten oder mittelmäßigen Wein gegenüber der Eltviller Aue am Rhein geben würde, sondern einzig die Tatsache, daß der bischöfliche Kurfürst Adolf von Nassau den Gegenbischof Diether von 'Isenburg besiegte und Mainz diesen Sieg durch die purpurne Fahne der Feuersbrunst schmecken ließ. Heute morgen war die ebenso schlimme wie gute Botschaft den Rhein heraufgeeilt und hatte auch ihn erreicht, Johann Gutenberg, wie die Geschichte später den Henne Gensfleisch nach seinem mainzerischen Fami­lienhaus nennen sollte, ihn, dem es erst jetzt gewahr wurde, daß es einzig die entblätternde Pracht der letzten roten Rosen mar, die den gewaltigen gotischen Kirchturm, die erzbischöfliche Burg, die Patrizierhäuser, den Strom, die berühmten Weingemarken des Sonnen- und Taubenbergs, von MLnchhanach, Grimmen, Bunken, Albus und Klümbchen wie in eitel Blut schwimmen und verschwimmen liefe.

Die Rosen, die letzten roten? Nein, das war vielleicht weit eher der schreckliche Widerschein der Flammen, die in Mainz auch seine Druckerei erfaßt und nach Gattes gerechtem Willen gefressen hatten, da Johann Fust, der reiche Bürger, und sein aus Gernsheim gebürtiger Schwieger­sohn, der Schönschreiber und Schönredner Peter Schäffer sie sich durch einen sogenannten Rechtsspruch im großenRefender" der Franziskaner samt allen herrlichen pergamentenen oder papierenen Drucken der zwei- undvierzigzeiligen lateinischen Bibel zu eigen machten, weil eine Schuld von 2026 Gulden einschließlich Zins und Zinseszins, der Vollbringung des angeblich schwarzkünstlerischen Werkes gewidmet, hinfort Bücher mit beweglichen metallen gegossenen Lettern drucken zu können, nicht rück­zahlbar war. Richt einmal selbst hatte Gutenberg seine Rechte bei der bestimmt unglücklich verlaufenden Verhandlung verteidigt, sondern nur einen ihm befreundeten Pfarrer und zwei feiner Gesellen entsandt, den Verlauf der Sache zu hören und zu setzen. Als armer Mann war er von bannen gezogen, hatte hier in Eltville eine neue kleine Druckerei mit den alten Typen der sechsunddreißigzeiligen Bibel halbgotischen Charakters, auf einen kleineren Grad geschnitten, eingerichtet und die grammatisch­lexikalische Kompilation des großenKatholikon" des Dominikaners Johan­nis de Balbis von Genua in Groß-Folio, ohne Signaturen, Seitenzahlen, Zierbuchstaben im Druck geschossen ein Werk, dem es technisch überall mangelte und das ihn an die Unzulänglichkeit menschlichen Schassens und frühen Altwerdens trübe gemahnte. Frist und Schösser hatten es ver­standen, Ruhm und Geld seiner Erfindung frech einzuheimsen mit der großen Bibel, die sein war und die seinen Namen tragen mußte, wenngleich er es damals in allzu großer Bescheidenheit adgelehnt hatte, die­sen guten Namen mit in das Buch zu drucken. Mainz und seine Drucke­rei durch Flammen zerstört!

Wer kam da den Berg herauf? Sein Gehilfe Heinrich Rechtermünze, dieses tölpelhafte Geschöpf mit den schwerfälligen Händen, die kaum den Winkelhaken halten konnten und die mühsam zusammengesetzten Kolum­nen sicher wieder auseinanderfallen ließen. Und seine eigenen Hönde? Ach, die zitterten noch weit mehr und würden das gütige Darlehn des Arztes Konrad Hummery nicht mehr zu Nutz und Frommen weiterer, schönerer Bücher verwenden können. Nun da der Abend über Eltville dunkelte und die Glocken des gotischen hohen Turms Sieg kündeten was wollte da dieser Heinrich bei ihm? Und was schleppte er in seinen plumpen Pranken, daß schon gewaltiges Keuchen seine breite Brust hob c

Das Buch! Herr, das Buch!" ächzte er heraus.Unser gnädigster Kurfürst und Bischof sendet es Euch! Hat es aus Eurer brennenden Druckerei in Mainz geholt! Schickt es Euch als Geschenk! Und nun Da raste der Bursche schon wieder den Berg hinab, nachdem er sich "es gewichtigen Gegenstandes aufatmend entledigt hatte. Was gab es denn da unten noch zu holen? Frage, die keine Antwort wissen wollte >m Augenblick für ihn, Gutenberg, der die Bibel, wie wenn es die leben-