Ausgabe 
21.3.1930
 
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GiehenerFamilienbMer

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <950 Freitag, den 2l.März ~ nimmer

Friedell.

in Papier, in cs mit einem

(Egon

Bucher in dieser Zeit.

Gedanken zumTag des Buches".

Bon Dr. E. Kurt Fische r.

Die Wälder wandern in die Stadt, verwandeln sich weches, harmloses Papier. Riesige Maschinen überziehen -Milliarde,igewirnmel großer und kleiner Buchstaben und verwandeln so den harmlosen Stoff, aus dem man auch Tüten kleben und Einwickel- papicr machen kann, zum geheimnisvollen, bald fruchtbringenden, bald giftigen Träger menschlicher Gedanken. Keine zehn Meter kann 'einer yehen in den Straßen der großen Städte, ohne daß sein Blick auf bedruck- les Papier fällt. Das Wort, durch die Schreibe entwertet, ist längst schon Scheidemünze des Geistes geworden. Man sieht nicht mehr hin, nachdem man langst aufgehört hat, hinzuhören. Aber weil man stumpf geworden Inflation der massenhaften Druckschristenerzeugung, weil es

Nichts Besonderes mehr bedeutet, ein Bilderheft oder ein Buch aufzu- lchlagen, weil man Goethe aus dem Automaten ziehen und moderne -Novellisten als Gratispackung im Warenhaus bekommen kann, ist es nötig, Mnlgftens e i n m a l im Jahr das Volk daran zu erinnern, daß unter tiilionen Büchern die Ware geworden sind, Stapelware. Schleuderware, carulatur, doch immer noch, verkannt, verkramt, vergessen und vielfach mißachtet das Buch lebt. Das Buch, das so viele besitzen und nach dem s'ch sehnen. Das Buch, dessen Wirkung verflacht und abge- L= t ro,, c gerade durch seine massenhafte Verbreitung. Das Buch, nf.* * * * 5 * * B o ycl(f"nfl mehr ist, weil jeder es haben kann, als Eigentum oder °ls Lecheremplar einer Bücherei.

jf( des Wiches: müßte es nicht Tag des Lesers heißen? Das Buch ' -olelleicht wird es, vom Verleger, vom Sortimenter aus gesehen, <Lfn4ni8r gekauft, aber es wird bestimmt noch zehntausendmal mehr cnffnf,, wir.lich gelesen, so gelesen, daß sein heimliches Leben sich ra,L der Geist seines Schöpfers eingeht in den nachschaffenden

amJinnf:! n.S- Cs gilt also, wenn das Buch da ist, wenn es jedem

ist, diese stille Bereitschaft des Buches dem Publikum deutlich Ob ii» öu lesen. Hier, und hier allein liegt die Aufgabe.

5 lolen ist? Man kann sich mit ihr nur befassen, wenn man sich

über die mannigfaltigen Ursachen der Entfremdung vom Buche einigem ntG^en Har tfi, wenn man also weiß, was das Tempo der Zeit, das Vie- ber ~agesneuigfeit»n die Zerrissenheit unseres Arbeitstages, das Fehlen einer schöpfenden Pause, der Mangel an Wohnkultur, die Flucht­versuche aus der Maschinenwelt in die Sportwelt, aus der Wohnstube auf 9?nnrfcnarf3b0Hn'T ?he"ker ins Kino, vom Stammtisch in die Boltjoerfaminlung bedeutet hat und immer noch bedeutet für die allmäb- chr Zermürbung der menschlichen Einzelpersönlichleit und ihren Eingang r nd Untergang m der amorphen Maste Mensch. U y

uoch nicht lange her, da haben viele sogenannte Geistige diese Wandlung stürmisch begrüßt. Heute wiffen wir bereits wieder, daß mir bs.n , r^^rs°nUchkeit eine Zeitlang verkannt, die wahren Werte der Gemeinschaft aber nicht oder zumindest noch nickst zurück- fyaben Und weshalb nicht? Weil das eine ohne das andere mcyt denkbar ift.

Die Persönlichkeit, der eigengesetzlich handelnde Mensch kann niemals &as Ergebnis rein organisierten oder gar mechanisierten Funktionierens und Zusammenwirkens von Menschenmassen sein. Er ist nicht denkbar ohne einen letzten Rest von Einsamkeit, denn Einsamkeit ist die Vorbe­dingung für, ledes wirkliche Zwiegespräch, für jede wesentliche geistige Ausemanderietzung m.t sich selbst, mit den Nächsten, mit Volt und Menfch- helt. Wer nicht lenseits alles Meinungskampfes, aller technischen und gei­stigen Betriebsregelungen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens sich

Ä» Mlrn weist, aus der das Besondere seines Beitrags

e!TC!<n[ s"ufl m die geistige Gesamtbewegung einströmt, der wird sehr bald die Kraft einbußen, diese Bewegung nicht nur zu vermeh­ren, sondern wahrhaft zu bereichern. >

Wie aber die verlorene Einsamkeit zurückgewinnen? Wie aber die Stunde im stillen Kämmerlein denen zurück,chenken, die ihre zermar- terten Nerven lieber bis zur späten Abendstunde durch grelles Licht und

geräuschvolle Musik betäuben lassen? In tausend Schaufenstern verlocken in bunten Umschlägen, in großsprecherischen

B ^.ichblnden, Slniiquanate bieten alte Klassikerausgaben an, Bücherkarren locken zu Ge egniheitskaufen, Zeitungskioske hängen die neuesten Maga- ms grelle Scheinwerferlicht, Volksbibliotheken find bis in die späten Abendstunden zugänglich und man kann dort völlig ungestört sitzen. Es !!nL?tUA9Äb^ner< Nutznießer da für all das Gebotene. Es ist auch statistisch festgestellt daß die Nachfrage nach Büchern dauernd im Steigen begriffen ist, Und dennoch hat das gedruckte Wort feine alte Macht zum Tei emgebußt. Cs rangiert gleichwertig mit anderen Reiz- und Genuß- mitteln. Es hat für die überwiegende Mehrheit aller denkbaren Leser den letzten Rest feiner ursprünglich magischen Kraft verloren. Geblieben ist feine tfunthon als Tatsachenvermiitler, in der es vom Film und vom illustrierten Blatt geschlagen werden kann.

Die magische Kraft: ist sie nur für den Leser nicht mehr vorhanden, hat sie nicht vielleicht auch der Dichter, der Philosoph, der Essayist unserer Tage endgültig eingebüfjt? Hat nicht das Wort für viele, die es mit Geschick und Wendigkeit handhaben, sein ursprüngliches Leben verloren? Es laßt sich nicht leugnen. Und die Erklärung? Auch dem Schriftsteller dieser Zeit fehlt die Einsamkeit, fehlt die schöpferische Pause, fehlt die Kraft zu den Quellen hinabzusteigen. Wer es dennoch kann, die wenigen Abseitigen, Barlach etwa oder Brust, werden von einer kleinen Gemeinde mit Ehrfurcht genannt, von der Kritik respektvoll begrüßt von opfermutigen Verlagen wider besseres Wissen um die Verschlossenheit des Publikums solcher Kunst gegenüber, rein um der Sache willen auf den Markt gebracht, der ihrer nicht begehrt.

So liegen die Dinge. Cs ift alles da, die verwirrende Fülle und Mannigfaltigkeit, und jeder Deutsche kann überdies lesen. Wie viele aber verstehen die Kunst des Lesens? Es werden kaum mehr fein als die kleine Schar terer. die als Dichter mehr find als Zeitberichterftatter, näm­lich wirkliche Künstler.

Doch es gibt auch ein Mittelding zwischen Dichtkunst und Wortklitte­rung; die ehrlich gemeinte Literatur unterhaltender und belehrender Art, die sich an den geistigen Mittelstand wendet, und damit eine ernst zu nehmende Kulturaufgabe erfüllt, wofern ihr nur mit der nötigen Bereit­schaft begegnet wird. Diese Bereitschaft zu fordern, zu dieser 'Bereitschaft mit vorsichtiger, menschenfreundlicher Werbung anzuregen, ist der $aq des Buches da. Er soll kein Tag der Propaganda sein, sondern ein Tag ber Besinnung, der Selbstbesinnung auf das Recht und auf die Pflicht des Menschen zur geistigen Auseinandersetzung mit der Welt, die ihm am besten gelingt, wenn er selbst, unabhängig von Konzertdirektionen und Sendeleitungen, von Oeffnungszeiten und Mitaliedschaften Zeitpunkt und Tempo, Auswahl und Umfang des geistigen Gutes bestimmen kann, dem er eine stille Stunde zu widmen bereit ist.

Der Zwang, sich zu sammeln, allein zu sein mit einem stummen Part­ner, formgewordene geistige Bewegung in sich einbringen, in sich nach­schwingen zu lassen, das ist, was wir brauchen. Und diesen Zwang müssen wir in eine Lockung verwandeln. Daran können alle mithelfen denen

Aphorismen über das Buch.

Ein Zimmer ohne Bücher ist wie ein Körper ahne Seele.

* Cicero.

Lesen ohne Nachdenken macht stumpf; Nachdenken ohne Lesen geht irre.

* Bernhard v. Clairvaux.

Glücklicherweise habe ich das Bedürfnis des mündlichen Umgangs in jcf)r geringem Grade. Auch kann man sich Nahrung des Geistes durch Lektüre sicherer und bequemer verschaffen. Körner an Schiller.

*

Wie ist das gestreute Geben doch ein leeres Leben; man erfährt nur gerade das, was man nicht wissen mag. Goethe an Schiller.

*

Wenn ein Kopf und ein Buch Zusammenstößen, und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche? Lichtenberg.

Cs ist eine Eigentümlichkeit vieler: sie behalten die Bücher, aber nicht ihren Inhalt. Lichtenberg.

Was nicht zweimal lesenswert gewesen, das war nicht einmal lesens­wert. * Rückert.

2ch würde vollständig elend geworden sein, hätte ich nicht die alten Vucher gehabt. Sie waren mein einziger Trost, und ich war ihnen so treu wie sie mir und las sie immer und immer wieder; ich weiß nicht wie­vielmal. Charles Dickens.

Zn einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hineinzuschreiben meinte. Marie von Ebner-Eschenbach.

*

Etwas Kurz-Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang- Gedachten sein. < Nietzsche.

'fk nicht etwasZeitraubendes" sondern ein Zeitersparen Lacher sind Surrogate für Erlebnisse, Notbehelfe für Menschen, die keine Zeit haben. Einem glücklichen Nichtstuer ist es vergönnt, sich das eigen­händig, mühevoll und langsam zu erwerben, was ihm ein Buch durch die Hand eines andern mühelos und in wenigen Stunden gibt.