eenreföe erwartete sie, und Weiber in Wollhauben stürzten herbei, um die Körbe in Empfang zu nehmen und ihre Männer zu umarmen Eine von ihnen sprach eines Tages Felicitas an, welche kurz daraus außer sich vor Freude ins Zimmer trat. Sie hatte eine ihrer Schwestern wiederge- funden, und Anastasia Leroux, geborene Barette, erschien, einen Säugling an der Brust, an der rechten Hand ein anderes Kind und links neben sich einen kleinen Schiffsjungen, der die Fäuste in die Seiten stemmte und di« Mütze auf einem Ohre trug.
Nach einer Viertelstunde verabschiedete sich Frau Aubain.
Man traf sie immer wieder in der Nähe der Küche oder auf den Spaziergängen, die man macht«. Der Ehegatte zeigte sich nicht.
Felicitas faßte eine Zuneigung zu ihnen. Sie kaust« ihnen eine Decke, Hemden, einen Kochherd: ersichtlich beuteten sie sie aus. Diese Schwache ärgerte Frau Aubain, welche überdies die Vertraulichkeiten des Neffen nicht liebte — er duzte ihren Sohn —, und da Virginie hustete und das Wetter nicht mehr schön war, kehrte sie nach Pont-l'Eveque zuruck.
Herr Bourais beriet sie in der Wahl einer Schule. Die in Caen galt für die beste. Paul wurde hingegeben und überstand tapfer seinen Abschied, froh, in ein Haus zu kommen, wo er Kameraden haben sollte.
Frau Aubain fand sich in die Entfernung ihres Sohnes, da sie unumgänglich notwendig war. Virginie dachte immer weniger und weniger daran. Felicitas sehnte sich nach seinem Gepolter. Aber eine neue Obliegenheit lenkte sie ab, von Weihnachten an brachte sie das kleine Mädchen jeden Tag In die Katechismusstunde.
Nachdem sie an der Kirchentür das Knie gebeugt hatte, schritt sie an der doppelten Reihe der Stühle vorbei durch das hohe Schiff, öffnete Frau Aubains Bank, setzte sich hin und ließ ihr« Augen herumschweifen.
Die Knaben saßen rechts auf den Chorstühlen, die Mädchen links, der Pfarrer stand neben dem Pult, auf einem Fenster der Nische schwebte der heilige Geist über der Jungfrau, auf einem anderen kniet« si« vor dem Jesuskinde, und hinter dem Tabernakel stellt« eine Holzgruppe den heiligen Michael im Kampf mit dem Drachen dar.
Der Priester gab zuerst einen Abriß der heiligen Geschichte. Sie glaubt« das Paradies zu sehen, die Sintflut, den Turm zu Babel, bie brennenden Städte, sterbende Völker, umgeworfene Götzen, und sie bewahrte seit diesem Gesicht Ehrfurcht vor dem Höchsten und Angst vor seinem Zorn. Dann, bei der Leidensgeschichte, weinte sie. Wanim hatten sie ihn gekreuzigt, ihn, der die Kinder liebkoste, die Hungrigen speiste, die Blinden heilte und aus Güte inmitten von Armen auf dem Dünger in einem Stalle hatte geboren werben wollen? Die Saaten, die Ernten, die Keltern, alle diese vertrauten Gegenstände, von denen das Evangelium spricht, fanden sich in ihrem Leben, das Vorbeigehen Gottes hatte sie nun geheiligt, und Felicitas liebte fortan die Lämmer zärtlicher aus Liebe zum Lamm und die Tauben um des heiligen Geistes willen.
Es machte ihr Mühe, sich sein Wesen vorzustellen, denn es war nicht nur ein Vogel, sondern auch «in Feuer, und zu anderen Malen ein Hauch. Vielleicht war es sein Licht, was nachts über den Rändern der Moore schwebt, sein Atem, was die Wolken treibt, seine Stimme, was die Glocken wohlklingend macht, ... und sie verharrte in stummer Anbetung und genoß die Kühl« der Mauern und die Stille der Kirch«.
Was die Dogmen anbetras, so verstand sie gar nichts davon, versuchte nicht einmal, zu verstehen. Der Pfarrer redete, die Kinder sagten auf, sie schlief schließlich ein und fuhr erst in die Höhe, wenn sie das Klappern der Stiefeln auf den Fliesen hörte.
Auf diese Weise geschah es, daß sie durch Zuhören den Katechismus kennenlernte, denn ihr religiöse Erziehung war in ihrer Jugend vernachlässigt worden, und von nun an ahmte sie alle frommen Hebungen Vir- ginies nach, fastete wie sie und beichtete mit ihr. Am Fronleichnamsfest errichteten sie zusammen einen Ruhealtar. Das erste Abendmahl beunruhigte sie schon im voraus. Sie war um die Schuhe, um den Rosenkranz, um das Gesangbuch und um die Handschuhe in steter Aufregung. Mit welchem Zittern hals sie der Mutter, Virginie ankleiden!
Während der ganzen Messe fühlte sie sich beklommen. Herr Bourais verdeckte ihr eine Seite des Chors, aber ihr gerade gegenüber bildete die Schar der Jungfrauen, welche weihe Kränze über ihren herabgelassenen Schleiern trugen, etwas wie ein Schneefeld, und sie erkannte die liebe Kleine von weitem an ihrem biinneren Hals und ihrer andächtigen Haltung. Die Glock« ertönte. Die Köpfe beugten sich, es herrschte tiefe Stille. Beim Erschallen der Orgel stimmten die Sänger und die Menge das Agnus Dei an, dann begann der Zug der Knaben, und nach ihnen erhoben sich d>e Mädchen. Schritt vor Schritt, mit gefalteten Händen, gingen sie vor den über und über erleuchteten Altar, knieten auf der ersten Stufe nieder, empfingen nacheinander die Hostie und tarnen in der gleichen Ordnung auf ihre Betstühle zurück. Als die Reihe an Virginie war, beugte sich Felicitas vor, um sie zu sehen, und traft jener Phantasie, die die wahre Liebe verleiht, tarn es ihr so vor, als fei sie selber jenes Kind, feine Gestalt wurde die ihre, sein Meid umhüllte sie, fein Herz schlug in ihrer Brust; im Augenblick des Mundöffnens schloß sie die Augen und wäre beinah in Ohnmacht gefallen.
Am anderen Morgen erschien sie sehr früh in der Sakristei, damit der Herr Pfarrer auch ihr bas Abenbmahl reiche. Sie empfing es andächtig, genoß dabei aber nicht dieselben Wonnen wie am Tag« vorher.
Frau Aubain wollte aus ihrer Tochter ein vollkommenes Mädchen machen, und da Guyot sie weder im Englischen noch in der Musik unterrichten konnte, beschloß sie, sie zu den Ursulinerinnen nach Honfleur in Pension zu geben.
Das Kind wandte nichts dagegen ein. Felicitas seufzte und fand bie gnädige Frau unvernünftig. Später dachte sie, daß ihre Herrin vielleicht doch recht hätte. Diese Dinge überstiegen ihre Urteilsfähigkeit.
Eines Tages endlich hielt ein alter Wagen vor der Tür, und heraus stieg eine Nonne, bie bas Fräulein zu holen kam. Felicitas hob bas Gepäck auf bas Wagenverbeck hinauf, gab bem Kutscher allerlei Anweisungen
und legte tn den Koffer sechs Töpfe mit eingemachten Früchten, ein Dutzend Birnen und einen Veilchenstrauß.
Im letzten Augenblick wurde Birginie von einem großen Schluchzen überfallen, sie umarmte ihre Mutter, welche sie auf die Stirn küßte und unaufhörlich wiederholte: „Komm! Mut, Mut!" Der Fußtritt wurde aufgeklappt, der Wagen fuhr ab.
Da hatte Frau Aubain einen Ohnmachtsanfall. Am Abend erschienen alte ft)re Freunde, bie Familie Lormeau, Frau Lechaptois, bie Damen Rochefeuille, Herr von Houppeville und Bourais, um sie zu trösten.
Die Trennung von ihrer Tochter war ihr anfangs sehr schmerzvoll. Aber brcimal in ber Woche bekam sie Briefe von ihr, an den anderen Tagen schrieb fie ihr, ging in ihrem ©arten umher ober las ein wenig und füllte auf diese Weise bie Leer« ber Stunben.
Morgens trat Felicitas aus Gewohnheit in bas Zimmer Birginie« und starrte bie Wände an. Es quälte sie, daß sie ihr nicht mehr die Haar« zu kämmen, die Stiesel zu schnüren und bi« Bettdecke einzustopfen hatte — und daß sie ihre reizende Gestalt nicht mehr fortwährend sah und sie nicht mehr an der Hand hielt wie früher, wenn sie zusammen ausgegan» gen waren. In ihrer Untätigkeit versuchte sie Spitzen zu klöppeln. Ihre zu schweren Finger zerrissen die Fäden; fie war zu nichts gut, hatte den Schlaf verloren und fühlte sich, wie ihr Wort lautete, „untergraben".
Um „sich zu zerstreuen", erbat sie die Erlaubnis, ihren Neffen Viktor empfangen zu dürfen.
Er kam Sonntags nach der Mess« mit roten Backen und nackter Brust und strömte den Duft ber Felber aus, durch bie er gewandert war. Sofort legte sie ein Gedeck auf. Sie frühstückten einander gegenüber, und während sie selber so wenig wie möglich aß, um die Mehrausgabe wieder einzubringen, pfropfte fie ihn derart mit Speisen voll, bah er zuletzt einschlief. Beim ersten Vesperläuten weckte sie ihn, bürstete seinen Mantel, knüpfte sein Halstuch und begab sich, in mütterlichem Stolz auf seinen Arm gestützt, in bie Kirche.
Seine Eltern hielten ihn an, stets etwas aus ihr herauszuziehen, sei es ein Paket Zucker ober Seise ober Branntwein unb manchmal sogar Geld. Er brachte sein Spielzeug zum Ausbessern zu ihr, unb sie nahm diese Besorgung auf sich, glücklich über jede Gelegenheit, bie ihn zum Wiederkommen zwang.
Im Monat August nahm ihn fein Vater mit auf See.
Es war die Zeit ber Ferien. Die Ankunft ber Kinder tröstete sie. Aber Paul wurde launisch, und Virginie war nicht mehr in dem Alter, um geduzt zu werden, was eine Gezwungenheit, eine Wand zwischen sie brachte. ,
Paul ging hintereinander nach Morlaix, nach Dunkerque und nach Brighton; bei der Rückkunft von feder Reise machte er ihr ein Geschenk. Das erstemal war es ein Kasten aus Muscheln, bas zweitemal eine Kaffeetasse, das brittemal ein großer Hampelmann aus Pfefferkuchen. Er mürbe choner, hatte eine gute Gestalt, etwas Schnurrbart, gute, freie Augen und einen kleinen Leberhut, ben er wie ein Lotse nach hintenüber setzte. Er ergötzte sie, inbem er ihr Geschichten, untermischt mit seemännischen Aus- brücken, erzählte. _ . _ ,...
An einem Montag, ben 14. Juli 1819 (sie vergag das Datum nicht), teilte Viktor mit, daß er für lange Fahrt in Dienst genommen sei unb in ber Nacht bes übernächsten Tages mit dem Postschiff von Honfleur abfahren würde, um seinen Schooner zu erreichen, ber in ben nächsten Tagen von Le Havre abfegelte. Er würde vielleicht zwei Jahre fortbleibeit.
Die Aussicht auf eine so lange Abwesenheit machte Filicitas untröft« lich, unb um ihm noch Lebewohl zu sagen, zog sie am Dienstagabend, nachdem die gnädige Fran gegessen hatte, ihre Uederschuhe an unb durch» maß die vier Mellen, welche Pont-l'Eveque von Honfleur trennen.
Als sie an ben Kreuzhügel gekommen war, ging sie, anstatt nach links, nach rechts, verirrte sich zwischen Lagerschuppen unb mußte wieder umkehren; Leute, bie sie ansprach, rieten ihr, sich zu eilen. Sie machte ben Weg um den mit Sckstffcn angefüllten Hasen, stolperte über Taue, bann senkte sich ber Boden, Lichter glänzten wirr durcheinander, unb fie glaubte verrückt geworben zu fein, als sie Pferde im Himmel sah.
Am Rande des Hafenbammes wieherten andere, erschreckt durch das Meer. Ein Kran hob sie in bie Höhe unb ließ sie in ein Schiff herunter, wo sich Reisenbe zwischen Mostfässern, Käsekörben unb Getreibcsacken herumstießen; man hörte Hähne krähen, der Kapitän fluchte, und em Schiffsjunge stand mit aufgestützten Ellenbogen am Ankerbalken, unbekümmert um alles rings um sich. Felicitas, die ihn nicht erkannte, rief „Viktor!" er hob den Kops, sie stürzte vor — man zog bie Falltreppe cm.
Das Schiff, welches Frauen singend treidelten, verließ den Hasen. Seine Rippen krachten, Brechseen peitschten seinen Bug. Das Segel hatte sich gedreht, man sah niemand mehr — auf dem vorn Monde versilberten Meer bildet« «s einen schwarzen Punkt, der langsam verblich, versank, verschwand.
Als Felicitas micber am Kreuzhügel vorbeikam, wollte sie Gott das anbefehlen, was sie am meisten liebte, unb sie betete lange, aufrecht, bas Gesicht von Tränen gebadet, bie Augen gegen die Wolken. Die Stadt schlief, Zollwächter gingen auf unb ab, unb bas Wasser fiel ohne Unterlaß mit Stromesbrausen durch bie Löcher ber Schleuse. Es war zwei Uhr.
Das Haus ihrer Schwester würbe nicht vor Tagesanbruch geöffnet werden. Ein« Verspätung aber würde die gnädige Frau sicherlich erzürnen, und so machte sie sich denn, trotz ihrer Sehnsucht, das andere Kind zu umarmen, auf den Weg. Sie Wirtshausmägde fingen an auszustehen, als sie Pont-l'Eveque erreichte.
Der arme Junge sollte also monatelang auf ben Wogen schaukeln. Seine früheren Reisen hatten sie nicht geängstigt. Von England unb von ber Bretagne kehrte man zurück, aber Amerika, bie Kolonien, bie Inseln, bas lag in unbestimmten Gegenden, am anderen Ende ber Welt.
(Fortsetzung folgt.) ___
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Hniversitäts-Duch* und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


