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Gießen.
SietzenerZamilieiibliitter
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1930 Hrettaa, den 21. Februar NummeNö
Oer Mond.
Don Eugen Roth.
Noch ahnen die Wellen sein Sümmern nicht; denn Berge verstellen sein schimmernd Gesicht, doch ruht schon im Hellen Himmel sein Licht.
Wo Wolken sich neigen in bläulichem Brand, da wird er sich zeigen dem nächtigen Land. Gleich wird er nun steigen hoch über den Rand.
Jetzt rollt er vom Saume und hebt sich, hebt, bis er im Raume nun lautlos schwebt.
Still. Wie im Traume die Flut nur bebt.
Strahlen bekrönen die Stirn dir rein. Neig dich dem Schönen, und es ist dein.
Süßes Versöhnen schmilzt unsre Pein.
Geheimnis eines Lebens.
Von Ernst W i e ch e r t *).
Ich weiß nicht, wo die Quellen meines Blutes aus dem Nebel der Vergangenheit steigen. Ich weiß nicht, ob Träumer oder Helden sich über Men Rand gebeugt haben Schweigsam« oder Redselige, Helfer oder Zer- f‘orer.- fMß uur, datz ie irgendwo in den östlichen Wäldern zerrinnen. Die Geschichte kündet nicht von ihnen, die Sage nichts, die Bücher der Bosen nichts. Sie haben im Schatten gelebt.
3$ weiß, daß mein Vater ein stiller Mann ist, mit mancher verschütteten Sehnsucht in feiner Brust. Daß meine Mutter eine schwermütige Frau war, die das dunkle Kleid ihres Lebens freiwillig von ihren Schultern tat, als der Krug ihrer Tränen gefüllt war, daß ich ein stilles Kind war von einer leisen Trauer beschattet. Ich erinnere mich meiner kleinen Ober- uube im Forsthause, mit dem grünen Kachelofen, und des Rauschens der hohen Tannen im Garten, das über meinen uferlosen Träumen stand. Ich erinnere mich, daß ich stundenlang lauschte, ob meine Mutter unten weine bevor ich einschlief. Daß das Spiel der ersten Flöte, die ich hörte, mich zu Manen ergriff und das erste Orchester mich erschütterte, als habe Gott den Vorhang zerrissen und mich an sein Herz genommen.
.. 2ch erinnere mich, daß ich viel geweint habe, über eignes Leid und nber fremdes Leid. Wenn ich die Kühe hüten mußte und die Bremsen die m T? Ln,p-[le Winde sprengten. Wenn Bürgers „Lenore" mich eine ganze Rächt kostete, oder wenn das junge Geflügel sich verlaufen hatte und nagte.
Aber es ist mir, als ob die Flügel der Sehnsucht von Kind an über siM ^wuscht hätten. Ich seh« mich auf einem Waldweg stehen, zwischen
Kulturen, Tag für Tag viele Sommer lang, um den Fischadler zu « in!mer um dieselbe Stunde von unserem See nach seinem c i‘°3, einen Fisch in den Fängen, und der seinen unendlichen kla- u.n& «infamen Schrei herniederwarf in meine Seele. Ich sehe mich, ,-<!ur ^dend, auf einen Berg in unseren Wäldern steigen, von dem sraJrx rtir e!n grenzenloses Heiligtum von Wipfeln bis weit hinter den sehen konnte, wo der Abend versank. Ich faltete die Hände, und das lichem^"^ m r unsäglich schwer nach etwas Großem, Leuchtendem, Unend-
Verfasser der Wer abgedruckten Lebensdeu- ten$ ancnoL-f*r$J.lC^-n^lt "Literaturpreis der europäischen Zeitschrif- m Seme neueste Novelle „Der Schnitter im Mond" er* iuÄtnt in „Westermanns Monatshesten",
Weihnachten war und die erste Drossel, des Jagdhorns Klan« im herbstlichen Wald und der Schrei der Wildaus Über verschollener Zeih Und in den Sommernächten, wenn ein später Wagen fern über die Waldstraße fuhr und der Knecht ein trauriges Lied fang, vom Echo wiederholt und vom hohen Monde beglänzt, stand ich am Fenster gleich einem Kmd im Zauber und hob die Hände auf. Eine Stimme rief, und meine Seele, in jener frühen Ekstase der Hingabe, hing im blauen Raum wie ein Vogel über dem Rätsel der Ferne.
Menschen, Dinge und Ereignisse gingen nur mit leisen Füßen durch meine Welt. Tiere waren Brüder — o mein geliebter Kranich, der du an meinem Herzen schliefst! —, Blumen waren Geliebte, und der Wald wak mem Haus. Geheimnis war in ihm und Wunder, Grauen und Süße, Sehnsucht und Geborgenheit, Sprache und Schweigen, Zeit und Groigfeit Gs war ein Wald, in dem der Adler horstete und der Uhu schrie, er hatte nicht Anfang und nicht Ende, und selbst der Wolf war kein Fremdling in seinem Reich. Er war der Urgrund der Dinge, aus dem die Sonne stieg und der Silberglanz der Sterne, aus dem Mensch und Tier sich hoben, Engel und Dämonen, der Feuermann und die Schöne mit den sieben Schleiern. Gr speiste mich und tränkte mich, er wuchs in mein Blut, rote eine Mutter in das Blut ihres Kindes wächst. Sein Gutes ist mein ©Utes, fein Böses mein Böses, feine Wildheit meine Wildheit, feine Trauer meine Trauer, und ich bin ihm verfallen für Leben und Sterben.
Als ich elf Jahre alt war, stieß man mich aus dem Paradiese. Schule kam und Universität. Auseinandersetzung mit der Welt, mit Gemeinschaft. Autorität, Dogma, Schablone, Kultur, Zivilisation. Die Passion des Menschen begann. Sie bildeten und zerstörten, formten und zerbrachen, machten wissend und entheiligten, lockten und schändeten, predigten und läster- ten, höhnten und geißelten, und zuletzt richteten sie das Kreuz auf.
Aber ich spottete ihrer, denn ich beugte mich nicht. Ich hatte die Ekstase und das Lächeln des Schwärmers. Ich hatte gegrübelt und Gedichte ge- macht. Ich rüttelte an ihren Götzen und hob die Arme nach meinem Adler. Sie verschütteten mich, aber das Gras bebte über mir. Ich batte Beruf unb Einkommen, Glück und Heim. Aber in den Nächten tastete die blaff« Hand aus den Wäldern der Kindheit leise an mein Fenster, und die Stimme der verfchollenen Zeit flüsterte gleich der Stimme eines Sterben* »en: , Was schläfst du? Weshalb roachft du nicht?" Und ich verhüllte mein Angesicht. — Ich schrieb meinen ersten Roman und bekannte. Ader der Lohn der Bekenntnis war Haß. Doch die Stimme kam nun seltener an mein nächtliches Fenster.
Und der Krieg kam, und ich lebte die Geschichte eines Namenlosen. 3d) war jedermann. Ein Tier in den Höhlen des Niemandslandes. Blut und Erde auf der Stirn, die Gott liebte und das Tier, die Blumen und das Lied der Flöte im Abendglanz. Das Gesetz ergriff mich, und ich tat, rote das Gesetz es befahl. Die Passion beugte mich, aber sie zerbrach mich nicht Auch unterlag ich wie jedermann den Hypnosen und Berauschungen, den Illusionen und Idolen. 3ch schrieb mein zweites Buch, und als ich mich über mich beugte, sah ich, daß es wahrhaftiger war als mein Leben.
Der Friede tarn, und als Friedloser ging ich in ihn hinein. In den leeren Raum der vier blutigen Jahre stürzten sich gleich Stürmen Zwei- fei und Empörung, Lästerung und Krampf, Hingabe und Zersetzung. Die Grunde wankten. Das Leid der Erd« hob sich zum erstenmal vor das Erjchauen des inneren Gesichtes. Als der Krieg der Völker zu Ende war begann mein eigener Krieg. Gott stand im Felde, und ich rang mit ihm. Ber „Wald wurde geschrieben und der „Totenwolf". Sie wurden mit S^Hersen geboren, und es ist nicht recht, ihrer zu spotten. Sie haben ihren Tlugen<:trUntCn' baS ®ilbe der Waldgeschlechter funkelt aus _ Aber der Sturm ihrer Schöpfung ließ mich ohne Glück. Denn im Haste ist kein Gluck. Ich ging in die stillen Kammern meiner Seele und fetzte Mich an Gottes Herdfeuer und besprach mich mit ihm. Und das Leben meiner Seele verwandelt« sich. Ich grub bis an die Wurzeln meine« Lebensbaumes, furchtlos in feiner Unterwelt. Aber bann lauschte ich lange unb still. Unb als ich wieder aufftieg zu den Lebenden, zerbrach ich di« Ding« meines Geistes. Ich verbrannte meine Häuser unb wurde ein anderer Mensch Der Knecht Gottes begann In die Rüstung zu gehen. Ich schrieb bas Buch meines neuen Lebens.
Ich war nur sehr einsam, ein Narr unb ein Empörer. Menschen wendeten sich von mir, Freundschaften zerglitten, Hoffnungen erftarben. Die Jugend liebte mich, aber die Welt hob langsam den Schild, und es war mir, als sei es an der Zeit, den Helm fester zu binden für die Bekennuna meiner Seele.
Und dann sandte Gott mich in di« große Passion. Gr schlug an den Deckel meines Sarges, daß ich aufstände unb wandelte. Das Schicksal warf sich über mich, unb ich rang um mein Leben. Nicht mehr zerbrach ich die Dinge meines Ge'stes, sondern die Dinge meines Lebens. Ich erkannte, was Gott mit mir wollte, und ging zu ihm. Sie warfen sich über mich, aber ich ging zu ihm. Sie ächteten mich unb verfolgten mich.


