Mann geworden.

(Fortsetzung folgt.)

- Druck und Derlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und SteindruSerei, A. Lange, Gießen.

Verantwortlich: Dr. Kans Thyriot.

mC-L 35lein, nein, mein Kind; das muh ich ganz allein." Mit diesen Worten nahm er sein Bambusrohr aus dem Uhrgehäuse und ging hinaus.

Das Postgebäude lag derzeit hoch oben in der Norderstraße; aber es war völlig windstill; ein leichter Frostschnee sank ebenmäßig herab. Carsten schritt rüstig vorwärts, ohne rechts oder links zu sehen; als er jedoch fast sein Ziel erreicht hatte, hörte er sich plötzlich angerufen:He, Freundchen, Freundchen, nehmt mich mit!" Und Herrn Jaspers' selbst in der Dunkelheit nicht zu verkennende Gestalt schritt aus einer Nebenstraße, munter mit dem Schnupftuche winkend, auf ihn zu.Merk's schon/ sagte er,Ihr wollt Euren Heinrich von der Post holen? Hab' nur gehört, soll ein Staatskerl geworden fein, der junge Schwerenöter!"

Aber," sagte Carsten, indem er längere Schritte machte, denen der andere, mit beiden Armen schaukelnd, nachzukommen strebte,ich dächte, Jaspers, Ihr hättet niemanden zu erwarten!"

Nein, Gott sei Dank, Carsten! Nein, niemanden! Aber zum Henker, Ihr braucht nicht so zu rennen! man muß doch sehen, was zum lieben Fest für Gäste kommen."

Sie waren an einer Straßenecke in der Nähe des Posthauses ange­langt, wo sich bereits eine Anzahl Menschen angesammelt hatte, um die Ankunft der Post hier abzuwarten, als Herr Jaspers von einem vorüber- gehenden Amtsschreiber angerufen wurde.

Hort Ihr nicht, Jaspers? Der Mann wünscht Euch zu sprechen , sagte Carsten, der eben aus der Tiefe der Straße das Rummeln eines schweren Wagens heraufkommen hörte. .

Aber der andere stand wie gemauert.Ei, Gott bewahre, Carsten! Laßt den Hasenfuß laufen! Ich bleibe bei Euch, Freundchen; wer weiß, was noch paffieren kann! Ihr kennt doch die Geschichte von dem tflens- burger Kandidaten, der feine Liebste aus der Kutsche heben wollte, und dem ein schwarzer Negerjunge auf den Nacken f prang!"

,Ich kenne alle (Eure Geschichten, Jaspers," erwiderte Carsten unge- duld'ig;aber wenn Jhr's denn wissen wollt, ich wünsche meinen Sohn allein zu empfangen; ich brauche Euch nicht dabei!"

Herrn Jaspers' unerschütterliche Antwort wurde von Peitschenknall und dem schmetternden Klange eines Posthorns übertönt; und gleich dar­auf rollte auch der schwerfällige Wagen vor die Tür des Pofthaufes, in den matten Schein, den die darüber befindliche Laterne auf die leicht be­schneite Straße hinauswarf. Dann fprang der Postillon Dom !Bod, vom Schirrmeister wurde die Wagentür aufgeriffen, und di« Leute drängten fich herzu, um die Fahrgäste ausftelgen zu sehen.

Carsten war etwas zurück im Schatten der Mauer stehengeblieben. Da er von hoher Statur war, so konnte «rauch von hieraus die m Mantel und Pelze vermummten Gestalten, welche eine nach der anderen aus dem Wagenkasten aus die Straße traten, deutlich genug erkennen.

Niemand mehr darin?" frag der Schirrmeister.

Nein, nein!" tönte es von mehreren Seiten; und die Wagentur mürbe 3 ^Carsten umklammerte die Krücke feines Stockes und stützte sich dar­auf' sein Heinrich war nicht gekommen. Er blickte uue abwesend auf die dampfenden Pferde, die auf dem Pflaster scharrten und thrrenb ihre Mefsingbehänge schüttelten, und wollte sich endlich schon zum Gehen wen- den, als er bemerkte, daß er hier nicht der einzige Getauschte se,. Eine junge Dirne hatte sich an den Postillon herangemacht, der eben die Decken über feine Pferde warf, und schien ihn mit aufgeregten Fragen zu de- drängen.Ja, jo, Mamsellchen," hörte er diesen antworten,es tarnt noch immer sein; es kommt noch eine Beichmse.

Nack, eine Beichaise!" Carsten wiederholte die Worte unwillkürlich; ein "tiefer Atemzug entrang sich seiner Brust. Der Postillon war ihm be- fannt- er hätte ihn fragen können:Sitzt denn mein Heinrich mit darin. Aber er vermochte sich nicht vom Fleck zu rühren; mit geschlosseneri Lip- pen stand er und sah bald darauf den Wagen fortfahren und b tfte auf die teeren Geleise, die in dem Schnee er ennbar waren, auf welche le,s und unaufhallsam neuer Schnee herabsank und sie bald bedeckte.

Um ihn her war es ganz still geworden; selbst Herr Jaspers schien ver­schwunden: das Mädchen hatte sich schweigend neben >hn gestellt, d,e Arme in ihr Umschlagetuch gewickelt. Mitunter klingelte eine .-.^Nolle, bann sangen die Kinderstimmen:Vom Himmel hoch, da komm' ich her! Die kleinen Weihnachtsbettler mit ihrem tröstlichen Berkundigungsliede

M-ru-dM.-

nocb einmal knallte die Peitsche und schmetterte das Posthorn, und letzt rollte die verheißene Beichaise in den Laternenschein des Posthauses hinein.

Und ehe noch die Pferde zum Stehen gebracht waren, sah Casten die Gestalt eines hohen Mannes behende aus dem Wagen fprmgen unb gegen sich herankommen.Heinrich!" rief er und stürzt« vorwarts^daß er fast gestrauchelt wäre: aber der Manu wandt« sich zu dem Mädchens« letzt mit einem Freudenschrei an seinem Halse hmg.Ich dachte schon, du wärst nicht mehr glommen!" -Ich? Nicht kommen am Weihnachts- o^Carsten blickte den beiden nach, wie sie durch den fallenden Schnee Arm in Arm di« Straß« hinab gingen ;als ers'chumwandte, mar auch her Dlati vor dem Hau e leer, wo vorhin die Chai e gehalten hatte.Er ist nicht g"kommm er wird kraift geworden fein", sagte er halblaut zu fni) ^Aber eine breite Hand auf feinen Arm,Oho, Freundchen! sprach dicht neben ihm Herrn Jaspers' wohlbekannte 'stimme,dacht« ch's nicht daß Ihr Euch Grillen fangen wurdet! Krank meint Ihr? Nein Carsten das laßt Euch den heiligen Abend nicht verderben. Ihr wißt doch, in Hamburg gibfs ganz andere Weihnachten für die ,ung«n Dur- fchen als in Eurem alten Urgroßvaterhause an der Twiete. Aber seht Ihr, war's nicht hübsch, daß ich Euch warten half? Da habt Ihr doch Gesell- schäft auf dem Rückweg!" «

' Herrn Jaspers' Stimme hatte einen fast zärtlichen Ausdruck ange­nommen; aber Carsten horte nicht daraus. Auch auf dem Rückwege ließ er Herrn Jaspers ungestört an feiner Seite traben; er war em geduldiger

hort unten. - Als er sich auf richtete, steckte er den Ring au feinen Finger; und es geschah das mit einer feierlichen Innigkeit, als wolle er die Tote sich noch einmal und fester als zuvor im Leben aiwermahlen, so wie sie einst aemeien wim in ihrer Schönheit und in ihrer Schwache und nut bei färg«n 5be,be fie\inft für ihn gehegt hatte. D°nn schritt er zur Tur und horchte auf den Flur hinaus; als alles ruhig blieb, ging er gur Treppe und stieg behutsam zur Kammer seines Sohnes hinauf. (Er fanb ben jungen Menschen ruhig atmend und m tiefem Schlafe, obgleich bar Mond fein volles Licht über das unter dem Fenster stehende Bett aus­goß. Bei dem gelockten, lichtbraunen Haar, das sich seidenweich an die Schläfen legte, hätte man bas hübsche, blosse LWlitz bes Schlafenben für das eines Weibes halten können.

Carsten war dicht herangetreten; ein leises Zittern lief durch seinen Körper.Juliane!" sagte er.Dein Sohn! Auch er wird mir das Herz zerreißen!" Und gleich daraus:Mein Herr und Gott, ich will ja leiden für mein Kind, nur laß ihn nicht verlorengehen!"

Bei diesen unwillkürlich laut gesprochenen Worten schlug der Schla­fende die Augen auf; feine Seele aber mochte schlummernd in den Schreck­nissen des vergangenen Tages fortgeträumt haben; denn als er plützttcy in der Nacht die brennenden Augen und den zitternd über ihn erhobenen Arm des alten Mannes erblickte, stieß er einen Schrei aus, als ob er den Todesstoß von feines Vaters Hand erwarte; bann aber streckte er flehend beide Arme zu ihm auf.

Und mit einem Laut, als müsse es ihm die Brust zersprengen:Mein Kind, mein einziges Kind!" brach der Baier an dem Bette des ver­brecherischen Sohnes zusammen.

Durch einen Freund in Hamburg hatte Carstens es möglich gemacht, feinen Sohn dort in einem kleineren Geschäfte unterzubringen. Indessen war trotz der Achtung, der er sich erfreute, dies (Ereignis feines Hauses scho­nungslos genug in der kleinen Stadt besprochen, freilich bet dieser Ge- leoenheit auch das Gedächtnis der armen Juliane nicht eben sanft aus ihrer Gruft hervorgeholt worden. Nur Carstens selbst erfuhr nicht davon. Als er eines Tages aus einem befreundeten Bürgerhause auffallend ge­drückt nach Hous gekommen war, fragte Brigitte ihn besorgt:Was ist dir, Carsten? Du hast doch nichts Schlimmes über unseren Heinrich ge­hört?"Schlimmes?" erwiderte der Bruder;o nein, Brigitte; man hat, Seit er fort ist, auch nicht einmal feinen Namen gegen mich genannt" Und mit gesenktem Haupte ging er an feinen Arbeitstisch.

Briefe von Heinrich kamen selten, und oftmals forderten sie Geld, da mit dem geringen Gehalte sich dort nicht auskommen lasse. Sonst ging bas Leben feinen stillen Gang; der alte Birnbaum im Hofe halle wieder einmal geblüht und bann zur rechten Zeit unb zur Freude ber Nachbarkinder feine Frucht getragen. Besonderes war nicht vorgefallen, wenn nicht, daß Anna den Heiratsantrag eines wohlstehenden jungen Bürgers ab gelehnt hatte; sie war keine von den Naturen, die durch ihr Blut der Ehe zugetrieben werden; sie hatte ihre alten Pflegeelfern noch nicht verlassen wollen.

Als aber kurz vor Weihnachten Carstens seinem Sohne den plötzlich eingetroffenen Tod des Senators gemeldet hatte, erfolgte in einigen Tagen schon eine Antwort, worin Heinrich feinen Besuch zum Weihnachtsabend ansagte. (Eine Geldforderung enthielt der Bries nicht; nicht einmal die Reisekosten hatte er fich ausgebeten.

Es war doch eine Freudenbotschaft, die sofort im Hause verkündigt wurde. Und wie eine glückliche Unruhe kam es über alle, da nun das Fest heranrückte; die Händedrücke, die Carsten im Vorbeigehen mit seiner alten Schwester zu wechseln pflegte, wurden inniger; mitunter haschte er sich die geschäftige Pflegetochter, hielt sie einen Augenblick an beiden Händen und sah ihr zärtlich in die heiteren Augen.

Endlich war der Nachmittag des heiligen Abends herangekommen. Im Hause hatte eine erwartungsvolle Tätigkeit gewaltet; doch bald schien alles zum Empfange des Christkinds und des Gastes vorbereitet. Vom Arbeits­tische der heute von allen Rechnungs- und Kontobüchern entlastet war, blinkte auf schneeweißem Damast das Teegeschirr mit goldenen Sternchen, während daneben die frischgebackeneri Weihnachtskuchen dufteten. Der Tur gegenüber auf der Kommode war Heinrichs Bescherung von den Frauen ausgebreitet: ein Dutzend Strümpfe aus feinster Zephirwolle, woran die sorgsame Tante das ganze Jahr gestrickt hatte; daneben von Annas, auberen Händen eine reichgesfickte Atlasweste unb eine grünseidene Börse, durch deren Maschen die von Carsten gespendeten Dukaten blinkten. Dieser selbst ging eben in den Keller, um aus seinem bescheidenen Vorrat zwei ganz besondere Flaschen heraufzuholen, die er vorzeiten von einem dank­baren Schutzbefohlenen zum Geschenk erhalten hatte; es sollte heute ein­mal nichts gespart werden.

Statt feiner trat Tante Brigitte herein, zwei blankpolierte Leuchter in den Händen, auf denen schneeweiße russische Lichte in ebenso weihen Papiermanschetten steckten, denn schon war die Dämmerung des heiligen Abends hereingebrochen; draußen zogen schon die Scharen der kleinen Weihnachtsbettler, und ihr Gesang tönte durch die Straßen:Vom Himmel hoch, da komm' ich her."

Als Carsten wieder eintrat, brannten auch die Lichter schon; die Stube sah ganz' festlich aus. Die alten Geschwister wandten die Ge­sichter gegeneinander und blickten sich herzlich an.Es wird auch Zett, Carsten!" sagte Brigitte;die Post pflegt immer schon um vier zu kommen." , . ,, ... .

Carsten nickte, und nachdem er noch eilig feine Flaschen hinter dem warmen Ofen aufgepflanzt hatte, langte er mit zitternder Hand seinen Hut vom Türhaken.

Soll ich nicht mit Euch, Ohm?" rief Anna;hier ist für mich nichts