Jahrgang (950
Montag, den 20. Januar
Kummer 6
SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Corinna.
Von Eduard M ö r i k e.
Wir sahn dich im geschwisterlichen Reigen Boll Anmut, Blume unter Blumen, schweben, Im Lächeln blühete die Seele dir. Ganz eines mit der sichtbaren Gestalt — Sie muht' es nicht —, heraus aufs Angesicht Ui.schuld'ge Freude, dem Beschauer fast So innig fühlbar wie der Tänzerin!
O wessen ganzes Sein und Leben doch Sich so bewegte durch des Jahres Kreis In holdem Gleichmaß jeglichem Moment, Sich selber so zu seliger Genüge Uni) alle Welt zu letzen, zu erbäu'n!
Oer Baum.
Erzählung von Catherine G o d w i n.
Droben im fünften Stock wohnte ein älterer Herr. Er war Privat- gelehrter. Er hatte Bücher geschrieben, die von einsichtigen Professoren besonders gewertet, vom breiten Publikum jedoch nicht recht verstanden wurden. Seine Verleger wußten: er war «in gescheiter Kopf, aber sie bemerkten, daß seine Bücher in Vergessenheit gerieten und allmählich vergaßen sie auch ihn.
Der Herr im fünften Stock hatte sich immer einsiedlerischer zurückgezogen. Er schrieb an einem großen Werk kulturhistorischer Vergleiche. Er lebte in versunkener Vergangenheit: sein eifriges Studium ließ ihn zuweilen die geschichtlichen Ereignisie der eigenen Epoche vergessen. Oft, wenn der Abend über die Dächer der Großstadt sank, erhob sich der Emsige erst von seinem Schreibtisch: dann trat er hinaus auf den schmalen Balkon und schaute sinnend in den Wipfel des mächtigen Baumes, der in einem großen, modern ausgebauten Hof einsam zwischen den Steinmauern stand und mit seiner Krone die hohen Dächer noch überragte.
Oh, wie harte dieser Wunderbaum vor Jahren geblüht! Ja, wundersame Blütendolden trug er, die in heißen Sommernächten einen betäubenden Duft ausströmten. Aber in den letzten Jahren waren die Blüten ausgeblieben: einige Aeste ragten kahl und blätterlos, und endlich wurden ihm die großen Zweige amputiert.
9lun stand er als Torso und wehrte sich seines bedrohten Lebens. Denn drunten ward für den neuen Häuferbefitz der Hof frisch asphaltiert und nur ein kleines Erdrondell verblieb dem Baum: seine mächtigen Wurzeln mußten unter Stein und Asphalt ersticken, er konnte die nötige Nahrung nicht mehr in die verzweigten.Aeste treib.n.
Nicht nur die Aeste des Baumes, auch die Behausung des Gelehrten wurde kahler: von den Kunstwerken vergangener Studienreisen mußte er sich trennen. Er opferte willig, um sein Werk zu vollenden.
Und stets in der Arbeitspause galt seine Erholung dem Anblick des Baumes — noch stand er aufrecht, dem Drucke trotzend, noch reckte er stolz seine Krone empor! Allmählich ward ^er Baum dem Einsamen zum Symbol, sah er sich dort wie in einem Spiegel, erkannte er in ihm sein eigenes Schicksal.
Drunten rollten die Tage weiter, brachten Veränderung. Brachten dem reichen Kunsthändler, der gegenüber drei Etagen bewohnte, zwei neue Automobile und eine neue Loggia.
Nun erklang in die einstige Stille das lebhafte Ankurbeln der Motore, das lustige Pfeifen der Chauffeure und das vergnügte Kichern der Dienst- mägde.
Der Winter nahte. Der hohe Baum hatte alle Blätter verloren. Durch die Balkontür pfiff der Wind und spielte in den ergrauenden Haaren des emsigen Gelehrten. Er versenkte sich, wie oftmals in ferne Zeiten. Doch immer wieder schreckten ihn die lauten Hupentöne aus dem Hofe auf und erinnerten ihn an das übertriebene Tempo der Gegenwart.
Der Gelehrte hustete. Seine Brust begann zu schmerzen. Der Arzt nötigte den Erschöpften zu einer Fahrt in den Süden.
Um seines Werkes willen beschloß der Bedrängte, seinen letzten Wertbesitz, eine prächtige Bronzebüste, zu veräußern, die sein edles, schmales Gelehrtengesicht in jungen Jahren darstellte.
Aber auch die südliche Sonne wollte ihn nicht ernennen. Er war beunruhigt und sehnte sich nach seinem heimatlichen Zimmer mit dem Blick auf den Baum, fern über di« Dächer, wo die Türme und Kuppeln der Kirchen seine Freunde waren.
Als er heimkam, erschrak er heftig: er starrte auf den Baum. Man hatte die letzten kraftlosen Zweige amputiert — nur zwei mächtige Aeste ragten noch wie zwei Arme klagend empor.
Zuweilen beim Schreiben befiel den Gelehrten jetzt ein Schwindel- gefühl, und die Buchstaben schwankten auf dem Papier.
Vielleicht brachte der Frühling ihm neue Kräfte...? Er spähte zum Fenster, er wartete —: würde der Baum neue Blätter tragen?
Ja — der Gelehrte atmete auf: die ersten Blätter keimten, und zwar sproßten sie nur droben in der Spitze. Der Baum trieb nun alle Kraft empor in die Krone. Eines Abends spürte der Gelehrte einen seltsam vertrauten Duft. Er suchte bebend das Fernglas hervor, — traute er seinen Blicken? Er erkannte hoch droben wieder die ersten Blütendolden.
Und nun flog auch seine Feder wieder emsig über das Papier, nun begann er erneut zu hoffen. War es nicht auch feine Aufgabe, alle Kräfte zu sammeln, zu einer Höchstleistung zu steigern?
Unermüdlich gemahnten die Turmuhren an den raschen Ablauf der Zeit. Wie rasselten drunten die Automobile, wie schneidig fuhr der reiche Kunsthändler an dem wappenverzierten Portal des einstigen Palais vor, wie barsch erklangen seine Befehle!
Zuweilen war in der Hand des Gelehrten wieder ein Zittern, leise zitterten auch im abendlichen Winde die Blätter und Blütendolden des Baumes, dann begann der Gelehrte an sich selbst zu zweifeln und cm seiner Kraft das ersehnte Werk zu vollenden.
Sonne brütete. — Ach, der Baum dürstete. Früher hatte der Hausmeister an warmen Sommerabenden den Rasen um den Baum gegossen. Jetzt schaute er zuweilen kritisch an dem Riesenstamm empor ... der war ja doch nichts mehr wert, da lohnte die Mühe nicht mehr — der war reif gefällt zu werden.
Der Gelehrte fühlte Trockenheit in seiner Kehl«: er wagte den Arzt nicht zu konsultieren. Fieber pochte in seinen Schläfen: er preßte du Stirne an die Fensterscheiben und schaute hinüber auf seinen Baum...
Es wurde Herbst, schon rieselten wieder die Blätter. Kahler war die Wohnung und der Gelehrte fröstelte in seinem letzten, fadenscheinigen Anzug. Drunten aber stand der Hausmeister im Hof, blickte kritisch an dem hohen Stamm empor, tauschte mit dem robusten Chauffeur seine Meinung aus. Der zuckte abfällig die Achseln. Der Gelehrte sah auf den Robusten herab, als habe ein Richter nun den Stab über ihm gebrochen.
Mit bebenden Knien trat er inq. Zimmer zurück, das Fieber löste in dieser Nacht Wahnvorstellungen in ihm aus: strauchelnd erhob er sich und umklammerte fein Manuskript, als suche er an den vielen dürren Blättern Halt. Wie das Papier knisterte! — Doch vergebens versuchte der Fiebernde seine eigene Schrift zu entziffern, sein schmerzendes Gehirn nahm den Sinn der Buchstaben nicht mehr auf, — er taumelte zum Lager zurück: Angst und Oual durchbebte seinen Traum.
Bei heraufsteigender Dämmerung, aber weckte den Gelehrten der Ton einer krächzenden Säge.
Er lauschte und fühlte dieses gnadenlose Sägen, als bräche es ihn selbst entzwei. Nun wankte er zum Fenster.
Drunten im Hof stand ein kleiner, dicker Mann, der erteilte sachkundig feine Aufträge. Die Zigarre hing ihm im Mundwinkel, das Band an seinem Hut war fettig, er sah subaltern und wichtig aus. Der Hausmeister und die Köchin von drüben waren gleichfalls zur Stelle: Arbeiter gruben um den Stamm, als schaufelten sie ein Grab. Sie hieben mit den Aexten in die Wurzeln und legten den Baum im Erdreich blos.
Wie das Holz splitterte, wie es zäh war und sich wehrte!
Der Gelehrte am Fenster zitterte nicht mehr. Er wußte, sein Schicksal mar beschlossen. Er stand, ohne sich zu regen.
Und reglos stand drunten der Baum. Nun begannen zwei Arbeiter die Säge anzusetzen.
Es dämmerte, als noch immer das krächzende Geräusch der Säge das angespannte Gehör des fieberhaft Lauschenden traf.
Drunten lief der kleine dicke Mann mit der Zigarre irh Mundwinkel wichtig auf und nieder; gebietend spreizte er den kurzen Arm und bellte seine Befehle. Senn, falls der Baum nicht genau durch die Mitte der Toreinfahrt auf die Straße stürzte, dann zerschlug er womöglich die teuere Steinmauer, die der Kunsthändler hatte neu bauen lassen.
Zuweilen setzten die Arbeiter aufschnaubend aus — blickten mißtrauisch fragend empor, strebten schutzsuchend zur Seite.
Aber der Riese rührte sich noch immer nicht. Doch jetzt winkte der kleine Mann und schrie laut, man solle an den Stricken ziehen. Nun regte sich auch der Gelehrte im fünften Stock, als würde er vorangezogen; seine hagere Gestalt trat auf den Balkon, er hob den Ann, so wie der Baum seinen letzten Ast ohnmächtig in die Höhe reckt«, — nun neigte sich der Baum — neigte sich der Gelehrte — und dann stürzte ächzend der Baum.
Im Moment des Sturzes aber hatte feine Krone den Balkon des fünften Stockwerkes vom Nachbarhaus gestreift, und unter dieser Krone sank die hagere Gestalt des Gelehrten auf das Pflaster der Straße und die letzten Blätter und Blüten des Baumes deckten den Verunglückten zu.


