Wenige Tage vor Weihnachten 1914 waren wir über Lodz — o blutige Tage von Brzeziny! — zur Rawka vorgestoßen. Damals gerade erstarrte der Bewegungskrieg in den Schützengräben. Aber wir wußten es noch nicht, glaubten uns noch immer in Bewegung. Fuhren jeden Morgen vor Hell gleit mit der Batterie in unsere Feuerstellung und fuhren abends bei Dunkelheit wieder zurück in unser sog. Quartier, was ein zusammengeschossenes Dorf hinter der Front war. Erst später lernten wir, uns diesen mühseligen Weg ersparen, und blieben gleich vorne wohnen. Am Tage vor Weihnachten kam schon allerhand Weihnachtspost an. Mein Gott, was schrieb man damals für Briefe! Wie in der seligen Zeit der Romantik war es. Drei, vier Briefe am Tag war gar nichts. Mit allen Menschen korrespondierte man, hauptsächlich mit hübschen Mädchen, die damals überhaupt keinen anderen Dasemszweck zu haben schienen, als mit uns draußen Briefe zu wechseln. Es war ihr Beruf, Briefe zu schicken und womöglich Bilder beizufügen.
Am Nachmittag wußten wir, daß heute Heiligabend sein wird. Zum Unglück lag das Weihnachtsfest der Russen anderthalb Wochen später. Wir trauten ihnen nicht, ob sie uns nicht mit Gegenangriffen ärgern würden, aber in unserem Abschnitt verhielten sie sich Gott sei Dank ruhig und vernünftig. Einige tausend Mütter, Frauen, Bräute weniger brauchten sich die Augen auszuweinen, oder sie kamen doch erst später an die Reihe. Wir lagen hinter den weißbeschneiten Hügeln, zwischen Haubitzen und Geschoßkörben, und lasen Briefe. Unser Hauptmann war von einigen Tagen am Bein verwundet worden. Aber er trennte sich nicht von der Batterie, sondern lag hinten in einem Dorfe, um sich auszukurieren, und humpelte manchmal an einem Stock durch die Quartiere. Im allgemeinen fanden wir diese Besuche ziemlich lästig. Aber heute, wußten wir, bereitete er uns hinten ein Weihnachtsfest vor, hatte schon eine alte Scheune gefunden und ausgeschmückt. Tannenbäume brauchte man nicht erst beim Händler zu kaufen. Man ging mit der Axt in den Wald und hatte genug. Heute würden wir wirklich etwas von unserem humpelnden Hauptmann haben. Wir freuten uns schon darauf. Freuten uns? Aber das war so fern. Weihnachten im Felde, das war ein so ungewohnter, fast literarisch gewordener Klang- Na schließlich, dachten wir, weshalb soll man nicht auch einmal ein Weihnachtsfest im Felde erleben? Hätten wir gewußt, daß es noch drei Weihnachtsfeste im Felde geben würde, wir hätten es erstens nicht geglaubt und zweckens uns alle aufgehängt. Ich glaube wirklich, wir hätten uns alle, ohne viel zu sprechen, aufgehängt.
Am Nachmittag kam unser Regimentskommandeur mit einem General an unsere Feuerstellung. Sie kannten mich beide noch vom Frieden her persönlich und forderten mich auf, mit ihnen nach vorn auf die Beobachtung zu gehen. Die Infanterie hatte in den Mittagsstunden die Hälfte eines großen, langgestreckten Dorfes gestürmt. Das Dorf befchrieb einen Halbkreis, lag wie eine Mondsichel im weißen Felde. Die eine Hälfte des Halbkreises war in unserer Hand, in der anderen Hälfte lagen noch die Russen. Die Häuser waren ziemlich zusammengeschossen. Es war ein ungemütliches Quartier, aber unsere Leute und auch die Russen mußten sich schließlich hier für die Nacht einrichten. Dazu brauchte man in erster Linie Stroh. Ohne Stroh hatte der ganze Krieg nämlich keinen Zweck. Aber woher Stroh nehmen? Da lag eine riesenhafte Stroh- ober Getreidemiete (Getreide war uns damals ja fast ebenso lieb wie Stroh!) mitten im Felde, zwischen den beiden Flügeln des langgestreckten Dorfes, gleich weck von uns und den Russen. Dieses Stroh brauchien wir, und die Russen brauchten es auch. Schließlich war Weihnachten. Vielleicht vertrauten die paar kühnen Infanteristen darauf, die sich erst langsam über das weiße Feld als schwarze Scherenschnitte vorwagten, halb gedeckt durch den riesigen Strohhaufen. Der Russe hätte sie einfach abschießen können, aber er schoß sie nicht ab, sondern auch von russischer Seite kamen jetzt einige besonders Kühne über das Feld geschlichen, halb gedeckt durch den großen Hausen, und dann zog sich langsam von beiden Seiten je ein schwarzer Strich hin zu der Miete, und die Leute hatten nicht einmal ihre Gewehre mitgenommen, sondern gingen unbewaffnet, um desto mehr Stroh raffen zu können, und andere gingen, fast in wandelnde Strohhaufen verwandelt, auf dem schwarzen Strich wieder zurück, um die köstliche Beute zu bergen. Immer breiter wurde dieser schwarze Strich, immer kleiner die Miete.
Wir sahen beklommen zu. Noch brauchten sich die Feinde gegenseitig nicht zu bemerken. Natürlich bemerkten sie sich, aber sie brauchten es nicht. Wie aber, wenn der Häufe zusammenschmolz und sie sich ins Gesicht sahen? „Das Weiße des Auges" sagt man vom Feinde. Und der Haufen schmolz zusammen und von beiden Seiten rafften noch immer die Leute für ihres gebrechlichen und gefährdeten Körpers Notdurft, für ein weiches ober nur trockenes Lager wenigstens in der Weihnacht. Und nun war von dem ganzen großen Haufen nichts mehr übrig. Noch immer taten die gegenseitigen Feinde, als ob sie sich nicht sähen, obwohl sie schon ohne Verhau und überhaupt irgendein Hindernis unmittelbar neben einander arbeiteten. Jetzt mußte eine Katastrophe kommen. Im nächsten Augenblick mußten Kugeln zischen, Verwundete aufschreien. Ein Deutscher raffte gerade einem Russen noch vor der Nase den letzten Arm voll fort. Und der, ein riesiger Kerl, holte aus und versetzte dem eilenden Deutschen einen Tritt in den Rücken (damals hieß der untere Rücken noch anders), fo daß er einige Schritte im Laufschritt zurücklegte. Und dann — es war schon dunkler geworden — zuckelten die letzten Schatten von dem einstmaligen Haufen fort und verschwanden zwischen den ein« geschneiten Hütten, und das eingefchlasene Tack—tack der Flinten lebte wieder auf, und die schweren Brummer zogen wieder wie Schwäne hoch in der Luft ihre Plätscherbahn. Aber es war doch eine Art, eine sehr blasse und kränkliche Art von Weihnachtsstimmung in dem umtnmpften Dorfe gewesen, und wir alle, die wir dcm schmelzenden Strohhaufen zu- schauten, hatten sie empfunden, und die schwarzen Scherenschnitte der Dcrstichen und Russen hatten aus sie sogar vertraut.
Eine Stunde später bekam ich den Auftrag, von der Batterie ins „Quartier", ober was wir so nannten, zurückzureiten, um irgend etwas
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auszurichten, und ich ritt mit meinem Burschen durch den sinkenden Abend und die steigende Nacht. Ich besinne mich noch genau, daß ich meinen hohen ostpreußischen Schimmel, den „Schiachtesel", ritt, und mein Bursche mein zweites Pferd, einen kleinen dunklen Panse, den Purr- Hengst". Nach diesen beiden Pferden teile ich heute noch die Menschen
''Schl°chtesel und „Purrhengste" ein. Die Schlachtesel sind die großen, stattllchen, stolzen Menschen, die „Purrhengste" die freundlich molligen. Die Schlachtesel machen mehr her im Leben, aber die Purrhengste sind die Netteren.
Wir ritten den verschneiten Weg entlang, zwischen den verkrüppelten Weidenbaumen, durch die elenden Stümpfe der Dörfer und Gutshofe die nur noch van Katzen und Hunden bewohnt waren. Und nun kam'das erste Dorf, das noch einigermaßen erhalten war und wo es sogar noch Einwohner gab, die sich mit den Soldaten in den kärglichen Raum teilen mußten. Man hatte schon das Fest im Herzen, und die erhaltenen Briefe rumorten wieder im Kopfe. Die heißen Wünsche stiegen auf, die aus der Heimat zu uns strömten und von uns zur Heimat. Tannenbäume mit Sidjtern blinkten durch die Fenster. Hier feierte der kleine Trupp der Feldküchenfahrer in einem Zimmer, und hier lag eine kleine ver- schneite Feldtelephonstation und hatte den Lichterbaum in der Ecke stehen. Wie auf weihnachtlichen Kitschkarten flutete schweres gelbes Licht unter weißbelasteten Dächern hervor. Mundharmonikas spielten die alten kind- ließen Lieder von dem Christkind und dem Weihnachtsmann und dem trauten hochheiligen Paar. Dazwischen ging die ganze schwere unbarmherzige Maschine des Krieges weiter. Meldereiter trabten über die sieglosen Wege, Kolonnen geisterten mit nickenden Pferdeköpfen vorüber, Stäbe kamen nach vorn geritten und verschwanden in der Dunkelheit. Dazu fiel es noch immer in großen weichen Flocken hernieder wie himmlischer Segen, aus liebenden Händen hernieder gestreut.
Unser Hauptmann hatte eine alte leere Scheune als Festsaal her- gerichtet. Nie wieder im Leden habe ich solche Pracht gesehen. Gibt es sonst noch so hohe Hallen, daß sich die Blicke oben in Rauchschwaden verlieren? Daß trotz einiger hundert brennender Kerzen noch ganze Ecken im Dunkel liegen wie unheimliche Tiere? Dazu die Pracht der langen Tafeln, aus Brettern am Nachm.ttag zusammengeschlagen, und die Nägel wird man nachher wieder sorglich herausziehen, weil sie kostbares Gut sind. Wir geben sie nicht für goldene Nägel her. Und auf diesen Tafeln sind für 180 Menschen Geschenke gerichtet. Damals strömte es noch aus der Heimat von Wein- und Kognakkisten, von Schokolade und Pulswärmern und wollenen Hemden. Und ein riesiger Hausen von Post liegt da, die nachher verteilt werden wird. Hei, was hat die Heimat zu diesem ersten Weihnachtsfest im Felde allein an Post hinausgeschickt. Es war, als hätte ein Organisator angeordnet: „Rasch, rasch! Für zehn Millionen Soldaten brauche ich 60 Millionen Briefe und womöglich Päckchen, und mindestens zwanzig Millionen Liebesbriefe!" Und sie waren beschafft worden. Es war, als hätte die Heimat gesagt: „Wenn nun schon einmal der Krieg über das Fest hinaus dauert, bann sollen unsere Helben draußen nicht darben!" Ach, wenn sie gewußt hätten, daß es nun noch dreimal wiederkommen würde, und fast noch viertesmal wieder. Aber damals wußte es niemand auf der ganzen Welt. Man konnte es sich nicht vorstellen. Ein paar hunderttausend Menschen und mal ein Weihnachts- feft mußte freilich dem Moloch, der immer wieder von Zeit zu Zeit fein Maul aufreißt, schon opfern. Ader gleich viereinhalb Jahre und zehn Millionen Tote? Niemand konnte es glauben. Sie hatten geschickt und geschickt. Was alles hatten sie geschickt. Viel zuviel! Was lag noch wochenlang nachher alles an Wollsachen herum, die man nicht gleich gebrauchen und nicht mitschleppen konnte! Und doch viel zu wenig, um den Qualschrei für den einen Abend zu ersticken. Da standen wir alle herum, die ganze Batterie, und der Hauptmann las aus einer Bibel — Gott weiß, wo er die her hatte! — das Weihnachtsevangelium vor. Konnte es möglich fein, daß dieser Krieg nun noch weiter ging? Wo doch der Hauptmann in voller Uniform und mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust vorlas: „Und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!" Wir standen herum und hörten zu, und als die frohe Botschaft erklang von dem Frie- den auf Erden, da fingen w!r alle an zu meinen, ob jung ober a(L Und wir mußten doch nicht im geringsten, was uns alles noch bevorstand in Mazedonien und an der Beresina und in Flandern und bet Verdun und am Chemin des Dames.
Wenn mir aber mieber einmal Frieden haben werden, fo schwuren wir uns, dann soll das eine Seligkeit und eine Liede aller für alle geben. Dann sollen böse Gedanken und Wünsche keinen Raum mehr in unseren Herzen haben. Dann werden wir mild und beglückt sein und uns allein schon darüber freuen, daß niemand uns bas Dach über dem Kops ober den Unterstand zerschießen kann. Denn mir wissen jetzt, baß der Mensch eine armselige Kreatur ist und jeder allein schon deswegen geliebt werden müßte, weil er in dieses schwere Erdenschicksal verfangen ist. So schwuren mir uns.
Ach Freunde! bann ist es alles anders gekommen. Was verstanden wir draußen denn eigentlich schon vom Leben und seinen Gesetzen. Ja, von den ewigen Gesetzen des Lebens und des Todes, da verstanden mir freilich ein wenig. Aber alles andere hatten mir ja vergessen, und alles andere verstanden die, die zuhause geblieben waren, viel besser als wir. Wir hatten keine Zeit gehabt, unsere Gedanken in Wirtschaftsordnungen und politische Programme umzugießen. Wir dachten nicht daran, daß man zunächst einmal eine Arbeitsstelle mit auskömmlichem Gehalt haben müsse. Und als mir zurückkamen, waren wir auch schon viel zu müde, und viel zu viele von uns waren tot, und so mußten wir erst langsam das Leben, dieses geordnete und in Kategorien etngeteilte Leben, wieder verstehen lernen, was nicht ganz leicht war, und so verflog das heilige Feuer, und das Leben wurde nicht ganz so selig, wie wir es uns damals erträumt hatten. Das ist sehr schade, denn unser. Traum war über alle Begriffe herrlich, und es läge nur an uns, ihn ein wenig wirklicher zu machen. Und jedes Jahr unter dem Tannenbaum sollten wir es uns von neuem vornehmen.
'fche Univerjitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


