Ausgabe 
19.12.1930
 
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Er blickte in das Lichterspiel. Es gaukelte vor seinen Blicken, verwirrte und ängstigte ihn. Aus den Lichtgarben schnellten die Motive seines Scherzos, verschlangen sich und umtanzten ihn, verloren Rhythmus und Klang und gellten in einem Lachen aus. Das der Mizzi Gasteigerer war's. Und die Lichter waren ihre höhnischen Augen. Anton Bruckner ver­löschte die Kerzen. Dunkel und Schweigen...

Eiskalt kroch es aufwärts zu Bruckners Herzen; höher, höher schnürte seine Kehle, wollte sein Auge umschatten. Mit letzter Kraft trat er ans Fenster. Ungeheuer türmte sich der Sternenhimmel. Wie oft hatte er aus ihm Kraft geholt für sein höchstes Wollen, mit ihm Zwiesprach gehalten, mit ihm, dem Mittler, der Gott zunächst war. Seine reichste Offenbarung für die Erdgebannten. Heute schwieg Gott, kalt glänzten die Sterne, ohne Halt und Maß der unendliche Raum. Warum, warum? Ungestümer wuchs die Frage des Einsamen, rüttelte an den Toren des Himmels, umfing Gottes Knie mit heißer Sehnsucht. Und nun klang die Antwort aus eisiger Ferne: Weil du mich verraten hast, weil du dein Himmlisches der Erde verkaufen wolltest!

Bruckners Haupt sank nieder in tiefster Erschütterung. Wie lange hatte er Gottes Stimme nicht gehört! Gottes Stimme, die ihn gerufen hatte zu ihrem Dienst, der fein Glück und Halt gewesen im Wirrsal fremden Lebens. Diesen Dienst hatte er verlassen. Wollte er beides? Gottes Segen und der Erde Glück? Tiefer sank das schuldige Haupt, in bitterer Reue schlug das Herz. Da tönte abermals die Stimme über ihm. Schüchtern hob er das Haupt. Lauter sprach die Stimme. Aber sie war sanft. Und nun klang ein Widerhall in feinem Herzen. Klänge waren's, so machtvoll und groß, wie er sie nie gehört...

Ein großer Weihnachtsbaum war der Sternenhimmel, die sammet­weiche Hand der Nacht strich über Bruckners Stirn und Herz. Und unter ihm versank die kleine Erde, die nichts mehr war, als ein verwehendes Lachen im unendlichen Raum...

Weihnachten deutscher Dichter.

Zusammengestellt von Dr. Erich Ienisch.

Frau Rat Goethe an ihren Sohn.

23. Dezember 1806.

Lieber Sohn! Alles was ich Dir zu Gefallen tun kann, geschieht gern und macht mir selbst Freude aber eine solche infame Mordmaschine zu kaufen (eine kleine Guillotine als Spielzeug für den Enkel August) das tue ich um keinen Preis wäre ich Obrigkeit, die Verfertiger hätten an Halseisen gemußt und die Maschine hätte ich durch den Schinder öffentlich verbrennen lassen was! die Jugend mit so etwas Abscheu­liches spielen zu lassen ihnen Mord und Blutvergießen als einen Zeit­vertreib in die Hände geben nein, da wird nichts draus!

Aus von Hovens* Autobiographie.

Weihnachten 1793.

Gewöhnlich war Schiller ernst, und so betraf auch unsere Unterhaltung meistens ernste Gegenstände. Aber er konnte auch, besonders wenn er sich ganz wohl befand, heiter, lustig, ja selbst kindisch sein. Er war schon im Herbst in Ludwigsburg angekommen, und seine Frau hatte noch lange bis zu ihrer Entbindung. Aber er freute sich auf Weihnachten, als ob er schon ein Kind hätte, welchem er den heiligen Christ bescheren lassen könne. Am Weihnachtsabend kam ich zu ihm, und was sah ich da? Einen mächtig großen, von einiger Menge kleiner Wachskerzen beleuch­teten und mit vergoldeten Rüssen, Psefserküchlein und allerlei kleinem Zuckerwerk aufgeputzten Weihnachtsbaum. Vor ihm faß Schiller ganz allein, den Baum mit heiter lächelnder Miene anschauend und von seinen Früchten herunternaschend. Verwundert über den unerwarteten Anblick, fragte ich, ihn, was er da mache?Ich erinnere mich meiner Kindheit", erwiderte er,und freue mich, die Freude meines künftigen Sohnes zu antizipieren. Der Mensch ist nur einmal in seinem Leben Kind, und er muß es bleiben, bis er seine Kindheit auf ein anderes fortgeerbt hat."

Jean Paul an Karoline Mayer**.

Weihnachten 1800.

Ich schwimme ja in deinen Gaben, wahrlich du übertäubst mich durch deine Ströme. Ich kann dir nicht sagen, wie mich deine d i ch t e r i sch- blühende Weste da ich allein dieses Kleidermittel st ück an mir liebe bezaubert hat. Die neue Ober-Weste ziehe ich heute, aber als einen Ornat an, der Handschuhe verlangt auch die neue Unter­weste; die alte gehört so nicht in deine Hände... Habe tausend Dank, du Ueberfließendel Ich gab dir noch so wenig, oft hält der Mann das Fordern für Geben. Adio carrissima! Du Arbeitsame, zu sehr Fleißige für deinen

Paul. Christiane an Goethe.

21. Dezember 1803.

Ich schreibe dir nur mit «in paar Worten, daß ich sehr beschäftigt bin wegen Fest und backen; und wegen deiner Ankunft habe heute sehr viel eingekaust und erwarte dich Sonnabend bei Zeiten mit großem Ver­gnügen und Freude. Und ich hosfe, du sollst alles finden, wie du wün­schest. Jtzo lebe wohl. Viele herzliche Grüße von der kleinen Brand, die den ganzen Morgen hier sitzt und näht. Lebe recht wohl und gedenke mein.

C.V.

Karl von Schiller über seinen Vater.

Weihnachten 1804.

Lebhaft erinnere ich mich des Christabends. Mein seliger Vater war gerade etwas wohler und trennte sich vor Freude von der Bescherung,

* Friedrich von Hoven, ein Jugendfreund Schillers von der Karls- schule her.

** Seine Braut. ' N

namentlich hatte er eine große Freude an meiner kleinen Schwester Emilie, die ein halbes Jahr alt war und, als mein Vater sie auf den Arm nehmend um den mit vielen Lichtern brennenden Christbaum herum trug, durch ihre ausgestreckten Aermchen und Jauchzen ihre Freude dar­über ausdrückte. Wer hätte damals daran gedacht, daß dies des Vaters letzter Christtag wäre.

Marie Frisch* an Gottfried Keller.

Wien, 17. Dezember 1875. Liebster Herr Stadtschreiber!

Sie haben schon einmal die Bemerkung gemacht, daß unsere gegen­seitigen Weihnachtsgeschenke immer kleiner und blässer werden; aber das hat weiter nichts zu bedeuten nicht wahr? Ich wünsche mir heuer zum Christkinde! von Ihnen einen Brief, das können und werden Sie leisten, bei meinem Zorn! Beiliegendes Bildchen soll Ihnen zeigen, wie ich meine Zeit gut angewendet habe, wie wohl es kaum einen Begriff davon gibt, was für ein allerliebstes Kerlchen der Kleine ist. Er steht hier aus wie ein Mops, dem man den Knochen genommen hat, in Wahrheit aber gleicht er dem Jefuskindlein, wie es gewiß gewesen sein mutz an Liebreiz, Güte und Weisheit.So was sagt jede von dem ihren" denken Sie sich...

Keller an Marie Frisch.

Zürich, 20. Dezember 1875.

. Höchst verehrungswürdige Frau Professorin und Mama! Ich beglück­wünsche Sie nachträglich noch eifrig wegen Ihres Söhnleins in der Hoff­nung, es stehe noch alles gut mit demselben, die Gesundheit vortrefflich, die Schönheit unvergleichlich, die Gescheitheit über jeden Vergleich erhaben. Um aber auf dem Pfade der Tugend eine rechtzeitige Einwirkung zu erzielen und das junge Männlein zu einem männlich tüchtigen Kumpan heranbilden zu helfen, übersende ich Ihnen hiermit ein erstes Trink- geschirrchen; er wird es freilich noch nicht regieren können. Bis dahin aber müssen wir einen Notbehelf erfinden. Dazu dienen die Basler Leckerei.

Sie in altem Rotwein einweichen, ein Lutschbeutel (schweizerisch: Nüggi) packen und auf diese Weise dem Sprößling ins Mäulchen stecken müssen, damit er sich an den Wein gewöhnt. Hiermit wünsche ich Euch insgesamt fröhliche Weihnacht...

Storm an Keller.

Hademarschen-Hanerau, 22. Dezember 1882.

Da bin ich, lieber Freund, um Ihnen, so gut es durch so viel Ferne geschehen kann, zu dem mir ewig jungen Kindheitsfeste die Hand zu schütteln. Unten spielt meine Jüngste allerlei süße Melodien, und im ganzen Hause weihnachtet es sehr. Zwei Tage lang nichts als Kisten gepackt und Pakete gemacht und Weihnachtsbriefe an Alt und Jung in alle Welt gesendet; ich habe diesmal nur meine zwei Jüngsten, die Ger­trud und Dodo, zu Haus, und morgen kommt aus Varel noch mein Musikus, das heißt Musiklehrer. Aber die breitästige zwölf Fuß hohe Tanne steht schon im großen Zimmer, an den letzten Abenden ist fleißige Hausarbeit gehalten: der goldene Märchenzweig, dito die Traubenbüschel des Erlensamens und große Fichtenzapfen, an denen diesmal lebensgroße Kreuzschnäbel von Papiermache sich anklammern werden, während zwei desgleichen Rotkehlchen neben ihrem Nest mit Eiern im Tannengrün sitzen, feine, weiße Netze, deren Inhalt sorgsam in Gold- und andere nach Lichtfarben gewählte Papiere gewickelt ist, alles liegt parat, und morgen helfe ich den Baum schmücken. Wenn dann aber am Weih­nachtsabend die Lichter brennen und die Kinder ihr Weihnachtslied anstimmen, dann überfällt's mich doch: Wo sind sie alle, die sich einst mit mir gefreut? Antwort: wo auch ich bald sein werde. Und das Geschick deiner Lieben? Ein ewiges Dunkel für dich.

Eiserne Weihnachten.

Von Walther Harich.

Nein, nie wieder habe ich den Weihnachtszauber so gespürt wie in den ersten Kriegsjahren. Das ist nun ein Dutzend Jahre und länger her, und doch steht einem jeder einzelne Augenblick jener Tage noch deutlich vor Augen. Mit allem ist es so. Der Krieg ist doch der große Einschnitt in unser aller Leben. Aus jener Zeit weiß man alles, und dann kommt das große Kuddelmuddel der Nachkriegsjahre, mit dem man es nicht mehr so genau nimmt.

Wenn man damals gewußt hätte, daß man noch einmal, noch dreimal und vielleicht fünfzigmal durch friedliche Weihimchtsstratzen gehen würde, mit strahlenden Christbäumen und vielen, vielen schonen Dingen, und in Ruhe seine Weihnachtsgans verzehren würde, und keine Ordonnanz darf ins Zimmer treten und schnarren:In einer halben Stunde steht die Batterie marschbereit ..." Und kein eiserner Gruß kommt von jenseits des Grabens mit Heulen und Geschmetter herüber. Und wenn man das Fenster aufmacht, hört man nur Glockenläuten und nicht das Gebell der Maschinengewehre und nicht das Tacktack der Infanterie, und man sieht Frauen in schönen Kleidern und spielende Kinder. Wenn man das alles gewußt hätte, dann hätte man noch immer nicht gewußt, daßdas alles lange, lange nicht so schön ist, wie wir es damals träumten, daß die Wirklichkeit im Leben nie so schön sein kann wie der Traum. Damals aber waren wir über alle Wirklichkeit hinaus, schon jenseits der Gren­zen, und die Wirklichkeit, nach der wir uns bangten, gab es gar nicht. Es hätte sie wohl geben können und sogar geben müssen. Doch davon später! Im allgemeinen war es so: Einmal kamen wir damals in einem pol­nischen Schloß zu liegen, in seidenen Betten und konnten die ganze Nacht nicht schlafen, wälzten uns und bangten uns nach unseren ver­dreckten Decken. Das war unser Verhältnis zum friedlichen Leben und seinen seidenen Betten damals. Wir Idioten!

* Marie Exner, später Gemahlin des Professors Anton von Frisch in Wien, mit dem Dichter befreundet.