Am Weihnachtsmorgen betrachtete er lange das kostbare Gebetbuch, sein« Hand ruhte auf dem weichen Samt und versuchte, sich ein Mutter« streicheln vorzutäuschen. Es verging in neuem Drängen seines Wesens. Dann stand er vor dem Spiegel, die knotigen Hande versuchten, einen kunstvollen Schlips zu binden, mit wildem Eifer bürstete er Hut und Mantel, dann schlug er das Buch in zartes Seidenpapier und trug es durch die heimlich geschäftigten Gassen. Sein Herz pochte, seine Rippen bebten...
Das stete, leise Lachen, das dem Fräulein Gasteigerer eigen war, ver« wirrte ihn heute so, daß er keinen klaren Satz formen konnte. Er stammelte etwas vom heutigen Fest, vom Alleinsein, von der Mutter, die eine aar so gute Frau gewesen sei und daß sie gar dem Fraulein Mizzi ein bisserl ähnlich geschaut habe, sie hätte nämlich ebenso lieb gelacht, und daß sie immer aus dem schönen Gebetbuch gebetet hatte, das er von ihr geerbt hätte, und daß er's deswegen in keinen besseren Händen wutzt, wie in denen vom Fräulein Mizzi und daß er, und daß er —. JJitt zitternden Fingern enthüllte er das Päckchen, die Seide rauschte zu Loden, wortlos hielt er das Buch dem Mädchen entgegen. Die Mizzi Gastei- gerer stand einen Augenblick sprachlos, mit großen Augen und leicht geöffnetem Munde, dann aber brach's plötz,ch hemmungslos aus ihr- „A Betbüchel schenkt er mir! hat man schon so was g hort! A Betbuchei, jessas na! A Betbüchel!" _ ,. ,
Wild prallte ihr Lachen gegen Bruckners Stirne, stieß ihn vor Brust und Herz, daß er langsam zurückwich, und dann, die Finger um das arme Buch gekrallt, als sei es sein letzter Halt, die Treppe mederkroch, ins Freie taumelte, in den letzten Tageslärm. . .,
Anton Bruckner war lange durch die Gassen geirrt, es war schon dunkel, als er heimkam. Die Haushälterin zündete eben die Kerzen an dem kleinen Bäumchen an, das sie ihm auf den Tisch gestellt !)ane. wartete, er sprach kein Wort. Da ging sie kopsschüttelnd und grollend in ihre Kammer zurück.
-le sich von den Füßen trennen und den weiteren Dienst versagen wollten. m „
Auch wandten sie weiter kein Mitleid an ihn. Wenn em Mann, der nicht mehr als vierzig zu fein scheint und dazu groß und gut gebaut ist, sich durchbettelt, anstatt seine Hände zur Arbeit zu gebrauchen, so geschieht ihm schon ganz recht. Keiner von ihnen dankte für den Gruß des Man- j nes, und auf feine Frage, ob es erlaubt sei, ein bißchen zu bleiben und | sich zu wärmen, erwiderte der Schmiedemeister nur mit dem allerherab- I lassendsten Nicken. I
Es half nicht viel, daß der Wandersmann das Bündel Mausefallen, I die über seiner linken Schulter hingen, höher auf die breite Brust hinauf- | schob, so als rückte er einen Ordensstern zurecht, nein, die Schmiede I wollten durchaus nicht begreifen, daß er etwas anderes als ein gewöhn- I licher Bettler rohr, und ließen sich nicht herab, ihm ein Wort zu schenken. |
Der Mausefallenhändler verhielt sich ebenfalls still. Worauf es ihm ankam, war ja nicht zu schwatzen, sondern in der Schmiede zu bleiben, I um sich zu wärmen. , „ _ I
Aber damals wurde das Werk Ramsjö von einem prächtigen Besitzer I geleitet, der keinen höheren Ehrgeiz hatte, als wirklich gutes Eisen auf | den Markt zu bringen, und Tag und Nacht darüber wachte, daß ine I Arbeit in dem Werk auf die beste Weife verrichtet wurde. Und der kam I gerade jetzt auf einer feiner gewöhnlichen Nachtrunden in die Schmiede. 1
Das erste, was er fah, war natürlich der hochgewachfene Landstreicher, I der sich so nahe am Ofen niedergehockt hatte, daß der Dampf von feinen I durchnäßten Lumpen aufstieg.
Und er warf ihm nicht nur einen gleichgültigen Blick zu wie die I Schmiede, sondern ging dicht an ihn heran und betrachtete ihn prüfend. I Und plötzlich riß er ihm den Schlapphut vom Kopse, um ihn besser | betrachten zu können und in die Augen zu sehen.
„Aber das bist d» ja selbst, Niels Olof!" rief er. „Wie du aus- I siehst!" m
Der mit den Mausefallen hatte den Gutsherrn von Ramsjo nie tm I Leben gesehen und wußte nicht einmal, wie er hieß. Aber er sagte sich I sofort, daß, wenn dieser feine Herr glaubte, er sei ein alter Bekannter, I er ihm vielleicht ein paar Kronen schenken würde, und darum wollte er I ihn nicht gleich aus feinem Irrtum reißen.
„Ja, mit mir ist's bergab gegangen, weih Gott", sagte er.
„Du hättest eben nie deinen Abschied vom Regiment nehmen sollen", I sagte der Gutsherr. „Das war der ganze Fehler. Wenn ich nur noch aktiv gewesen wär«, hätte das nie geschehen dürfen. Aber jetzt kommst du na- I türlich mit zu mir nach Hause?"
Aber in den Herrenhof mitzukommen und dort als alter Regiments- 1 tamerab des Besitzers empfangen zu werden, das war nicht so recht nach I dem Geschmack des Mausefalle'nhändlers.
„Aber nein, aber nein", sagte er und sah gewaltig erschrocken aus. I „Das geht nicht..." , „ ,
Als der ändere sah, daß er sich so zierte, begann er hellauf zu lachen.
„Du darfst nicht glauben, daß es bei mir daheim so hochherrlich zugeht, daß du dich da nicht zeigen kannst", sagte er. „Elisabeth ist tot, das hast du vielleicht gehört, die Jungens sind im Ausland, und so Hausen nur 1 ich und meine älteste Tochter auf dem Herrenhof. Wir haben uns gerade darüber beklagt, daß wir in den Feiertagen so ganz allein sein werden. Komm' jetzt, dann wird wenigstens den Weihnachtsspeisen mehr Ehre I angetan werden!"
Aber der Fremde sagte nein, nein, nein, und als der Gutsherr beharrte, schien er drauf und dran, die Flucht zu ergreifen. Da sah der Gutsherr, daß da nichts zu machen war.
Mir scheint, Rittmeister von Stahle will heute nacht lieber bei dir bleiben, Stjörnström, als zu mir kommen", sagte er zu dem Schmiede- meister, „da muß du ihm schon Nachtlogis geben."
Damit ging er, leise lachend, feiner Wege, und die Schmiede, die ihn kannten, wußten wohl, daß er noch nicht fein letztes Wort gesprochen
' Es dauerte auch nicht mehr als eine halbe Stunde, als sie das Rollen von Wagenrädern hörten und ein neuer Gast zur Tür hereinkam. Aber diesmal war es nicht der Hüttenherr selbst, der kam, sondern er hatte seine Tochter ausgesandt, offenbar in der Erwartung, daß ihre Ueber- redungskunst größer sein würde. Sie kam herein, von einem Bedienten gefolgt, der einen großen Herrenpelz trug. Sie war durchaus nicht schön, | sie sah unansehnlich und scheu aus, und ihr Blick war ernst und melancholisch.
In der Schmiede sah es ungefähr so aus wie zuvor. Der Schmiedemeister und der Gehilfe saßen noch auf ihrer Bank und im Ofen knisterte und brannte es. Der Fremde hatte sich auf dem Boden ausgestreckt. Er lag da, einen Eisenklumpen unter dem Kopf, den Hut über dem Gesicht.
Sowie die Gutsbesitzerstochter ihn erblickthatte, ging sie auf ihn zu und hob den Hut von feinem Gesicht. Der Mann war wohl einer von jenen, die es gewohnt sind, nur mit einem Auge zu schlafen, er war augenblicklich wach und stand sofort vor ihr. •
.Ich heiße Eola Willmanson", sagte das junge Mädchen, „Mein Vater sagte, daß der Herr Rittmeister heute nacht hier in der Schmiede schlafen soll, und da bat ich ihn, hersahren und den Herrn Rittmeister mit zu uns nach Hause bringen zu dürfen. Es tut mir so leib, daß der Herr Rittmeister es so schwer hat. Mein Vater sagte, daß der Herr Rittmeister das Regiment wegen Gewissensskrupeln verlassen hat."
Sie heftete ihren tiefen Blick mit mitleidiger Bewunderung auf ihn. Und der zerlumpte Kerl dachte bei sich selbst, daß wenn die feinen Herrschaften sich soviel Mühe machten, damit er zu ihnen käme, es wohl undankbar von ihm wäre, sich weiter zu spreizen. Es konnte ja ganz schön sein, einmal im Leben in einem Herrschastsbett zu schlafen.
(Schluß folgt.)
Anion Bruckners Weihnachksgaöe.
Copyright 1930 by I.L. A. Wien.
Erzählung von Robert H o h l b a u m.
Als Anton Bruckner das Fräulein Mizzi Gasteigerer zum ersten Male gesehen hatte, war die Luft von Fliederduft erfüllt gewesen, des Abends hatten trunkene Schmetterlinge feine Arbeitslampe umtaumelt, und bald war das ganze Land ährenblond und blütenblau geworden, wie des Fräuleins Gasteigerer Haar und Augen. Und das war eben die Zeit gewesen, da er am Scherzo seiner neuen Symphonie schuf. Im Vorfrühling hatte er’s begonnen. Aber da wollte es nicht vorwärts. Ost war wohl mit dem rätselhaften Wind ein Motiv von ihm aufgeklungen, aber es war mit jenem ungebannt oerflattert. Ein unbestimmtes schwankendes Sehnen hatte von Bruckners Herzen Besitz ergriffen, das ihm unheimlich wurde, davor er Furcht empfand, als stamme es vom Teufel. Und öfter als sonst hatte er in diesen wankelmütigen Tagen nach dem Gebetbuch gegriffen. Das war aus schönem schwarzen Sammet, die Ecken waren mit Silber beschlagen und in der Mitte des Einbandes sunkelte gar ein goldenes Kreuz. Aber das Schönste daran war doch: es stammte von der Mutter. Manchmal, wenn er über den weichen Samt strich, war ihm, als rühre ihn eine gute Frauenhand. Das schien ihm dann oft wie ein Märchen. Denn seit die Mutter tot war, hatte niemand mehr die arbeitsharten Kanten seiner Stirne zu glätten versucht.
An dem Tage aber, da er das Fräulein Mizzi Gasteigerer gesehen, war das alles anders geworden. Sein Herz pochte zwar laut und stark, aber es schwankte nicht mehr, das unbestimmte Sehnen, das den Bauernsprossen krank gemacht, wich einem recht bestimmten, wenn auch fürs erste ihm unbewußten Verlangen, und, was das Wichtigste war, davor alles andere verstummen mußte. Die Motive des Scherzos, die ihn einen ganzen Vorfrühling genarrt hatten, tarnen wieder, duckten sich demütig vor ihm wie Hunde, daß er sie fasten konnte nach feinem Willen.
Und dann hüllt ihn die Arbeit ein, wie ein Aehrenraufchen und Som- merwind. Wollte sie stocken, dann faß er eine halbe Stunde neben der Mizzi Gasteigerer, sprach lustige Dinge oder schwieg und atmete ihre Nähe wie Wiesenduft. Und war dann wieder voll Schaffensglück, daß alsbald die Notenköpfe unter feinen Fingern hervorwimmelten wie Blumen aus des Herrgotts Hand.
Es kam ihm gar nicht zu Sinn, daß er noch nie so wenig an den Herrgott gedacht hatte wie in diesen Tagen. Als er sein letztes, größtes Werk mit ihm begonnen, war hin und wieder, wenn er sich dem Ewigen in tiefer Demut nahe fühlte, der schwindelnd kühne Gedanke in ihm erwacht, Gott dieses Werk zu widmen, als fein getreuestes Kind. Daran dachte er jetzt kaum mehr. Ja, in Ruhepausen, die wie Augenblicke zitternder Wiesenstille in dem bewegten Windesatmen seines beglückten Schaffens ruhten, fiel es ihm manchmal ein, daß es recht schön und eigentlich nur eine Pflicht der Dankbarkeit wäre, dieses Werk dem Fräulein Mizzi Gasteigerer zu Füßen zu legen.
Sein klingender Sommerwind hielt dem Herbstfall, dem ersten Sturm und Schneefall stand, und an einem stillen Abende konnte er die letzte Note des Scherzos schreiben. Er war am nächsten Morgen schon zu dem Fräulein Gasteigerer gelaufen, ihr diese Freudenbotschaft mitzuteilen; sie hatte daftir ihr stetes Lachen gehabt, das er als Zeugnis ihrer Mitfreude entgegennahm. Weil er so schön im Zuge war, wollte er allsogleich mit der Arbeit am Adagio beginnen. Er nahm seine alten Entwürfe vor, sie waren ihm fremd. Kein Widerklang in seinem Herzen, aber auch nichts ! Neues blühte daraus. Leer und still war es in ihm. Nun kehrte er wieder zu Gott zurück und betete. Aber er wuchs nicht in der Zwiesprache, er wurde klein, und Gott wich immer ferner zurück in den Sternenhimmel. Denn auch der war ihm ferne und fremd geworden. Früher oftmals hatten feine Klänge ihn aufwärts getragen, und Klang und Glanz waren eins geworden, er wußte nicht mehr, umwogte ihn die Fülle feiner Akkorde ober das Sternenmeer. Heute hastete er an der Erde wie all die Tausende um ihn. Da tarn eine seltsame Furcht über ihn.


