gerät nach dem Zusammenbruch seines amerikanischen Unternehmens in wirtschaftliche Not und legt in einem Zustand der Erschöpfung bei Kuf- üein Hand an sich — zwei Jahre vor der Revolution von 1848, die [einem Leben vielleicht den größten Impuls gegeben und ihn auf neue Gipfelhöhen geführt hätte. So wird er mit Recht als der tragische Deutsche bezeichnet. An dem Widerspruch zwischen seiner Sendung und den engen Verhältnissen des vormärzlichen Deutschland, sowie an gewissen Unzulänglichkeiten seiner eigenen Natur ist er zugrunde gegangen.
Friedrich List nimmt eine bedeutsame Stellung in der nationalökonomischen Wissenschaft ein. Seine Gedanken hat er in zahlreichen Schriften niedergelegt und zuletzt im „Nationalen System" einigermaßen erschöpfend zusammengefaßt. Wir können hier nur mit ein paar Worten auf sie Hinweisen. List ist der große Gegner von Adam Smith, der die sog. liberale Wirtschaftstheorie begründet hat. Im bewußten Widerspruch zu dieser Schulrichtung, die nach der Weise der Aufklärung abftratte weltbürgerliche Wirtschaftszusammenhänge konstruierte, schiebt er zwischen Individuum und Menschheit die Nation als entscheidenden Wirtschaftsträger ein. Es kommt alles darauf an, daß sämtliche Produktivkräfte des nationalen Organismus entfaltet und in Gleichgewicht gebracht werden, daß z. B. Industrie und Landwirtschaft in der rechten Weise ausgeglichen und auf das gemeinsame Ganze bezogen sind. Wichtiger als der Besitz von Tauschwerten ist die Steigerung der produktiven Arbeitskräfte eines Volkes, die letzten Endes auch von dessen geistiger Haltung, von seiner Verfassung und seinen kulturellen Einrichtungen abhängen. So wächst vor Lists Auge das Bild eines nach außen hin geschützten, im Inneren reichgegliederten und sich organisch durch die Generation hindurch entfaltenden, nationalen Wirtschaftskörpers empor. Das Menschheitsganze hat List darüber nicht vergessen. Er ist bei allem glühenden Patriotismus immer auch Weltbürger geblieben. So schließt er die romantischen und liberalen Bestrebungen seiner Zeit in höherer Einheit zusammen.
Aber List ist niemals bloß Theoretiker und Gelehrter gewesen. Sein Dämon treibt ihn zur schöpferischen Tat. Er will Bahn brechen, wirken, gestalten. Er ist einer der frühsten Und wirksamsten Agitatoren des Zollvereins. Der Arbeit für die werdende Zolleinheit des Reichs hat er seine Professur geopfert. Später kämpft er mit hinreißender Kraft für den Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes. Die entscheidende Linie von Leipzig nach Dresden ist auf fein Betreiben entstanden, ebenso die Bahn von Mannheim nach Basel und die Thüringer Linie. In immer neuen Veröffentlichungen sucht er dem deutschen Volk die Erkenntnis von der schlechthin revolutionierenden Bedeutung der Eisenbahn als Transportmittel einzuhämmern. Er kämpft für Schutzzölle, um die englische Wirtschaftssuprematie zu brechen und Deutschland vom Ausland unabhängig zu machen. Im Hintergrund all seines Schassens aber steht der Gedanke an die deutsche Einheit, die er auf dem Wege der technischen und wirtschaftlichen Zusammenfassung zu erreichen sucht. Er sieht, daß das Reich nicht durch Schützenfeste und Reden, sondern nur durch das Geflecht wirtschaftlicher Verbindungen vorbereitet werden könne. Insofern ist er ganz Realist wie Bismarck, der die Einheit, die List durch die Eisenbahnen anbahnen wollte, mit Eisen und Blut verwirklichte. In ihm waren alle die Gedanken lebendig, die heute angesichts des Wunschbildes „Paneuropa" auffteigen. So wie viele in unseren Tagen in der technischen und wirtschaftlichen Wechselbeziehung die Vorbedingung für die „Vereinigten Staaten von Europa" sehen, so Hai List die deutsche Einheit organisieren wollen. Insofern ist er durch Und durch „modern".
Damit ist die Wesensgestalt Lists nur mit den allerknappsten Zügen umrissen. Wer sie in ihrer vollen Gewalt und Fülle kennenlernen will, muß zum Buche selbst greifen, das feinen Helden mit stärkster Eindringlichkeit zu uns sprechen läßt. Im Vordergrund steht das Menschliche mit (einer Liebenswürdigkeit, seinem Schwung und leider auch seinem vielfältigen Versagen. Aber es wird überall transparent für die geistes- gkschichtlichen Hintergründe, für die Sinnzusammenhänge, die in diesem Dasein nach Ausdruck verlangten, für die schicksalhafte Notwendigkeit dieses Lebens. Daß dabei helle Schlaglichter auf die gegenwärtigen Verhältnisse fallen und Wegweisungen für die Zukunft gegeben werden, ist "ach dem Gesagten selbstverständlich. Das Buch bemüht sich, die symbolische Führergestalt Friedrich Lists dem deutschen Volke näherzubringen, es will den großen Namen, der bis jetzt doch nur in Fach- Wen lebendig war, dem Bewußtsein der Nation einverleiben und die Cubstanz seines Lebens fruchtbar machen. Dieser Ausgabe zeigt es sich gewachsen, weil es nicht nur auf eindringlicher Sachkenntnis beruht, (ondern aus teilnehmender Liebe geboren ist. Zwischen dem Verfasser Md seinem großen Gegenstand besteht ein geheimes Band inneren Einverständnisses. Vielleicht ist die Darstellung manchmal zu intim und die Deutung zu persönlich. Doch wäre selbst dieser Fehler ein Vorzug, da er dem Buch auf alle Fälle eine große Suggestionskraft verleiht. Der Lenins Lists wird machtvoll beschworen. Er tritt uns körperhaft nah. Der Atem seines Wesens weht uns an. Mit bloß wissenschaftlichen Mit- lcln war dieser Eindruck nicht zu erzielen. Die gelehrte Arbeit ist überall vorausgegangen, aber ihre Spuren sind getilgt. Die Kraft der Darstel- ^"8 hat den Stoff auf eine selten erreichte literarische Höhe gehoben. । hier ein Werk von Rang vor, das alle Eigenschaften hat, ein "lksduch im edelsten Sinne des Wortes zu werden. Es wird sich seinen Mtz aus dem Bücherbrett der Gebildeten erobern.
d Der bekannte, mit amerikanischer Großzügigkeit arbeitende Verlag, JiVr-tt on. manchen Großen dem Zeitbewußtsein durch hervorragende eoifentlichungen nahegebracht hat, hat nach Ausstattung und Preis s eine getan, um für das Buch eine machtvolle Resonanz zu wecken. IhAs °mhmmischen Leserkreise ist vielleicht die Nachricht von Wert, n6B j)Crr Verfasser selbst geborener Gießener ist und feine wissenschast- i?<a®uns *n unserer Stadt erhalten hat. Das hier corHegenbe Merit*, J>ein£e, bis jetzt reifste Schöpfung dar und läßt fein fchrift- i‘euenfd)es Pro^l scharf heraustreten.
Dunkle Blätter.
Aus dem Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs.
Von Max E y th.
(Fortsetzung.)
Was mich auch in den schwersten Tagen munter hielt, war Halim Pascha, der mit der Lebhaftigkeit feines arabischen Blutes das ganz« große Getriebe in Bewegung gesetzt hatte. Man sah ihm an, daß er nur halb Türke war. Manchmal lag wohl ein Zug melancholischen Phlegmas und selbst finsteren Stolzes in seinem dunkeln Gesicht, den er von seinem Vater geerbt haben mochte, dem genialen, rücksichtslosen Despoten, der das heutige Aegypten geschaffen hat. Seine Mutter aber war arabischen Blutes: ein Beduinenmädchen, das der Pascha auf einem Ritt von Suez nach Kairo am Wüstenrande gesehen und mitgenommen hatte. Die Fürstin lebte noch, in dem blauen Palast von Schudra, an der Spitze von Halim Paschas Harim: eine kluge Frau, die trotz der Harimsmauern Erfahrungen aller Art hinter sich hatte und auch am Hofe des regierenden Vizekönigs Ismael, des nachmaligen ersten Khedive, als die allein noch lebende Frau des G.rllnders der Familie und als die Mutter eines künftigen Vizekönigs mit hoher Achtung behandelt wurde. Damals dachte noch niemand außer dem Vizekönig Ismael daran, daß sein Onkel das Recht auf den Thron Aegyptens verlieren werde; am wenigsten Halim selbst, der mit ruhelosem Eifer an der inneren Entwicklung des Landes arbeitete, das er als Halbaraber, mehr als irgendein andres Mitglied der vizeköniglichen Familie das feine, als sein Vaterland ansah.
Kassr-Schech war der Mittelpunkt des größten Distriks, den er besaß. Derselbe mochte dreißigtausend Hektar umfassen, auf denen sich gegen zwanzig Fellahdörfer und Weiler befanden. Obgleich ein glänzendes Stück des Deltas, war er nicht ohne Nachteile. Er lag abseits vom Wege und nicht einmal an einem der Hauptarme des Nils. Während des Hochwasserstandes des Stromes führte der sechzig Kilometer lange Kanal von Kafsr- Schech dem Bezirk das erforderliche Wasser zu. Von Februar bis August dagegen lag dieser Kanal trocken. Die nördliche Grenze des Gebiets, die, nur acht Kilometer von Kassr-S'chech entfernt, von Ost nach West läuft, bildeten die Sümpfe des Sees von Burlos, dessen brackige Wasser da und dort aus dem Boden drangen und weite Strecken in eine Salzwüste zu verwandeln drohten, wenn das Nilwasser fehlte, um sie auszulaugen. So kam es, daß der Gau bisher ziemlich vernachlässigt geblieben war und nahezu alles erst geschossen werden muhte, um das großartige Besitztum der Kultur, wie wir sie verstehen, zugänglich zu machen. Im vorigen Jahr hotte ich unter beträchtlichen Schwierigkeiten drei Dampfpflüge an verschiedenen Punkten der Gegend in Tätigkeit gesetzt. Eine Baumwoll- entkörungssabrik war im Bau begriffen, eine Reparaturwerkstätte war aufgestellt. Man überlegte sich die erforderliche Vertiefung des Kanals von Kassr-Schech, eine Trambahn oder die Einrichtung eines Straften« lokomotivverkehrs noch der nächsten Bahnstation, der sechzig Kilometer entfernten Stadt Tanta. Doch das waren Zukunftspläne, wie sie damals zu Dutzenden in der Luft lagen, wo sich Halim Pascha zeigte.
Es ist nun Zeit, zur Gegenwart zurückzukehren. Ms die Dämmerung hereinbrach und wir etwa fünfzig Kilometer hinter uns hatten, war mirs, ich gestehe es, nur noch halb wohl im Sattel. Doch die Häusergruppe von > Kassr-Schech und nicht weit davon der hohe Scherbenhügel, den man Sackra nannte, lagen endlich purpurfarbig am verbleichenden Abendhimmel. Wie mir Achmed sagte, hatten Halim und fein Gefolge, einen Kilometer vom Dorf entfernt, am Fuß des Hügels ein kleines Zeltlager aufgeschlagen. Dort konnte ich jedoch auf keine Unterkunft rechnen, da ich kein Zelt bei mir führte. Wir wendeten uns deshalb nach dem Dorf, das in tiefer Nacht erreicht wurde. Es war still wie eine Gräberstadt, als wir vor dem einzigen einstöckigen Hause, der Wohnung des Schech et Beleb, anlangten. Nur draußen vor dem Dorfe bellten die wilden Hunde mit unermüdlichem Eifer zu dem Mond hinauf oder den Schakals entgegen, die einen zweiten magischen Kreis um jede Wohnstätte des Deltas ziehen. Abu-Sa und Achmed begannen zu rufen, was sämtliche Hunde mit maßlosem Zorn erfüllte, während der Schech und seine Familie im süßen Gefühl ungestörter Ruhe weiterschliefen. Nach einiger Zeit schickte ich Abu-Sa, verstärkt durch den Koch, der von seinem Kamel heruntergeklettert war, nach der Rückseite des Hauses, wo sie mit frischem Mut ihr Duett anstimmten, während ich und Achmed von der Vorderseite das unharmonische Bombardement der schweigenden Festung sortsetzten. Und wirklich, unsre gemeinsamen Anstrengungen blieben nicht erfolglos. Nach einer Viertelstunde, während deren sich die zwei Kamele und der Esel bereits im schwarzen Schatten des Hauses zur Nachtruhe niedergelegt hatten, öffnete sich ein kleiner Holzladen im oberen Stockwerk; ein Kopf, in schwarzblaue Schleier gehüllt, zeigte sich mit großer Vorsicht und wollte wissen, ob jemand gerufen hohe. Achmed begann in gereiztem Tone auseinanderzufetzen, daß der Baschmahandi des Efftndini* mit Roß und Reisigen vor der Tür stehe und eine Stube haben müsse, um seine müden Glieder auszustrecken. „Baschmahandi" war mein Ehren- und Amtstitel, heißt Erster Ingenieur, Mechaniker, Müller und allgemeiner „Macher" und wirkte gewöhnlich genügend, um mir jede Haustür zu öffnen. Aber der erboste Mameluck war nicht halb zu Ende, als sich der kleine Laden lautlos wieder schloß und wir der regungslosen, kahlen, mondbeglänzten Hausfront aufs neue hilflos gegenü6erftanben. „Weiterschreien!" kommandierte Achmed ohne Aerger. Es schien alles völlig in Ordnung zu sein. Wir schrieen, und die Hunde, die jetzt schüchtern in das Dorf hereinkamen, um nachzusehen, wer zu nachtschlafender Zeit diesen ungebührlichen Lärm verursache, halfen uns mit ohrenbetäubendem Gebell.
Unsre Ausdauer fand ihren Lohn. Nach weniger als einer weiteren Viertelstunde öffnete sich die kleine enge Haustüre gespenstisch, wie von selbst, und nach weiteren fünf Minuten trat ein würdiger Greis in weißem Talar und grünem Turban heraus und hieß uns freundlich willkommen. Achmed erwiderte den Willkomm etwas brüsk, ich machte den „Tejmineh",
* Effendi war einer der Titel des Vizekönigs und der Prinzen des vizeköniglichen Hause?.


