Ausgabe 
19.9.1930
 
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Das Schwert.

Don Hans Carossa.

Diese Erzählung, ein nachzutragendes Kapitel derKind­heit" von Carossa, ist demJnselschiff" von Weihnachten 1928 entnommen.

Es kamen jetzt öfters wieder Kinder zu Besuch, darunter auch jener schüchterne blonde Mitschüler, der uns nach dem Wettrennen zum heiligen Kriege wider die Knaben der Nachbardörser aufgerufen hatte. Eva mochte ihm von meinem Weihnachtskrippchen erzählt haben, und wenn er nun beinah täglich erschien, so galt dies sichtlich weniger mir als meinem für mich abgetanen Werk. Bor diesem stand er oft betrachtend bis zur Abend­dämmerung, und nach und nach entdeckte er alle Einzelheiten und be­wunderte sie. Einmal ging er in den Wald und fammelte seltene Moose, farbige Kiesel und leere Schneckenhäuschen, damit ich den Boden, der schon unscheinbar wurde, wiederherstellen könnte. Dies unterließ ich aber, und er selbst wagte nichts zu berühren, obgleich man ihm ansah, wie er mit eigenem Sinn im ganzen lebte und gern dies oder jenes zurecht­gerückt hätte.

Eigentlich gehört noch ein Brunnen mit wirklichem Wasser hinein und ganz hinten ein feuerspeiender Berg", äußerte er einmal seufzend, und ich gab ihm recht; er aber hatte wohl mehr als meine bloße Zu­stimmung erwartet, einsilbig verließ er mich und blieb einen ganzen Tag aus. Als er am übernächsten wiederkam, trug er einen hübschen Säbel an der Seite, dem er aber keinen sonderlichen Wert beizulegen schien; wenigstens redete er von ganz anderen Sachen, und als ich endlich unge­duldig die Waffe näher zu sehen wünschte, erzählte er, sein Vater habe sie im Jahre 70 von einem französischen Offizier erbeutet und ihm zum Nikolaus geschenkt. Viel habe man ihm schon dafür geboten, unter an­derem ein ganzes Briefmarkenalbum, aber um keinen Preis der Welt gebe er den Säbel her. Er zeigte den fein gearbeiteten Korbgriff, zog die Scheide ab, gab ihn mir in die Hand, bemerkte, daß ich sehr nobel damit aussähe, und vertraute mir an, daß drunten in unferm Hof ein Schleifstein stünde, daran habe er schon manchmal heimlich die Klinge geschärft, sie schneide wie Gift.

Meine Faust hatte kaum den Griff umfchloffen, da ging es wie mit dem Zauberstab: eine Kraft fuhr aus dem Stahl in mich hinein, zugleich eine unendliche Lust, ihn zu zücken und zu schwingen, und ich mußte mich für das unglücklichste Wesen erklären, falls er mir wieder abge- nommen wurde. Der Besitzer sah mir schweigend zu; endlich ließ er mich die Klinge ans Licht halten, sah sich ängstlich um und fragte, ob uns niemand zuhöre.

Da und da und da ist noch Franzofenblut daran", flüsterte er und verzog, leicht schielend, seine sanfte Miene zum Ausdruck unmenschlichen Grauens, während er auf einige bräunliche Stellen wies, die wahrschein­lich. nur harmlose Rostflecken waren, wie denn das zierliche Säbelchen kaum jemals zum Kampf gedient haben mochte. Ich aber glaubte gerne, und die Schauer, die mich nun überliefen, verminderten keineswegs meine Begierde. Plötzlich, mit einem festen Blick, warf er die Maske ab:

Weiht du was? Gib mir das Kripperl, und ich laß dir den Säbel!"

Diese unverhvsfte Wunscherfüllung hatte etwas Bedrängendes; ich glaubte mir Bedenkzeit ausbitten zu müssen. Dennach kam der Tausch in wenigen Minuten zustande, und nie glaubte ich einen besseren gemacht zu haben. Den selbstgefertigten kleinen Teufel nur schloß ich noch eilig von dem Handel aus, als der Blonde schon abzubauen begann; ich sagte, der gehöre nicht herein, riß ihn von seinem granitenen Sitz und steckte ihn in die Tasche.

-Von diesem Tage an war das Schwert mein Gefährte. Ich schlug einen Nagel in die Bettstatt und hängte es immer vor dem Einschlafen daran, damit ich es am Morgen gleich erfassen konnte. Die Macht- und Wutgefühle, die mich tief durchfluteten, sooft ich es mit allen Kräften schwang, wurden zum süßesten Rauschgift, von dem ich täglich größerer Mengen bedurfte. Ich wünschte mir einen Gegner, und weil keiner zur Hand war, ersann ich feindliche Gewalten, verlieh ihnen Tier- ober Men­schengestalt und hieb sie in Stücke. Sonst versöhnlich und lenkbar, suchte ich nunmehr bei Uneinigkeiten mit meinen Besuchern den gütlichen Aus­trag zu vermeiden, um Gewalt brauchen zu können, woran mich nur die Hausaufsicht hinderte. Bevor aber dieses Fieber zum Siedegrad stieg, schuf es sich selbst eine schmerzhafte Heilung.

Wieder einmal befand ich mich allein im Zimmer und köpfte mit wilden Schwüngen viele Feinde, als eben die Mutter, von mir nicht be­merkt, hereinkam. Ehe ich sie halb erblickte, war das Unglück schon ge­schehen; Blut lief über ihre Hand und befprengte den Boden. Es half nichts, daß ich den Säbel wegwarf und mich schreiend an die Verwundete klammerte, als wäre nicht sie, sondern ich der Hilfe bedürftig; ich erreichte damit nur, daß ich mich selbst mit Blut besudelte und zum ganzen Be­wußtsein meiner Missetat brachte. Die Mutter sah bleich aus und fragte, was mir fehle; sie hatte den Vorgang noch nicht begriffen. Hingegen überblickte der Vater, den mein Geschrei herbeirief, die Lage sogleich. Er prüfte die Verletzungen der Finger und führte die Mutter, ohne mich anzusehen, in sein Verordnungszimmer. Ich wurde, als ich folgen wollte, zurückgewiesen. So stand ich denn, fast ohne Gedanken, aber voller Vor­würfe gegen Gottes Unachtsamkeit, der dieses zugelassen hatte. Zwar machten mir die Wunden wenig Sorge; Blutungen aus angestoßener Rase oder geschundenen Knien und Händen gehörten ja zu den Alltäg­lichkeiten meines freien Lebens in gefunden Tagen; ich wußte, wie schnell dergleichen heilt und wie wenig es die Daseinslust mindert. Furchtbar aber war es dennoch, die eigene Mutter, ob auch nur versehentlich, mit vernichterisch gezückter Waffe getroffen ju haben; die Welt hatte kaum Entschuldigung dafür. Und wenn ich auch nicht ernstlich glaubte, daß mir nach meinem Tode nun die Hand aus dem Grabe hervorwachsen roüriie, j» war es doch peinlich genug, sich jetzt an die schaurige Fabel

erinnern zu müssen. Glänzend im Sonnenschein lag neben den Bluts­tropfen der blanke Stahl auf der Diele, prächtig und fremd; ich sah ein, daß er nicht mehr zu mir gehörte.'Endlich, mit schrecklich weiß vermumm­ter Hand, nach Jodoform duftend, kehrte die Mutter zurück; sie sagte, die Wunde fei gering, der Vater schon besänftigt. Er hatte jedoch sein streng­stes Gesicht, als er nachkam.Her den Säbel!" zürnte er mich an. Ich hob die Waffe auf und überreichte sie ihm, wobei ich mich, wer weiß, aus welcher Geschichtenbuch-Erinnerung heraus, ein wenig verbeugte, was er nicht zu bemerken schien; doch nahm ich gerade noch wahr, daß die Mutter sich schnell zum Fenster drehte, um ein Lächeln zu verbergen. Sie beruhigte mich auch bald wegen zeitlicher und ewiger Folgen des Unfalls; nur wäre sie sich als untüchtige Erzieherin vorgekommen, wenn sie nicht auch dieses Ereignis zum Anlaß genommen hätte, eine., neue Art Beschäftigung für mich zu erfinden. Diese war entsprechend; ich sollte beim nächsten Verbinden der Wunde genau zusehen und es künftig selbst versuchen. Dies geschah, und schon mein erster Verband erwarb sich ein väterliches Lob. Später half Eva mit, und jetzt wurde der Verbandwechsel 3um vergnüglich-festlichen Ereignis eines jeden Abends. Viel zu rasch für uns beide verlief die Heilung, und als an den mütterlichen Fingern wirklich nichts mehr zu bessern war, wickelte ich der Freundin zum Scherz ihr gesunde Hand ein, ein Dienst, den sie mir gerne wieder erwies. Die Mutter, die alles begünstigte, was nach Unterricht aussah, ermunterte uns kräftig, diese Hebungen fortzusetzen, und wir führten sie täglich um­ständlicher und zärtlicher aus. Eine große, vielleicht ewige Trennung stand uns bevor; niemand sprach davon, aber die Lust um uns war voll von diesem Unabwendbaren, und unwillkürlich begegnete man sich anders als sonst, gedachte auch manches törichten Unrechts, das man einander angetan. Daß ich Eva einmal mit dem Zauberstab geschlagen, sie auch sonst nicht selten erschreckt und geänftigt hatte, dies alles war ja ver­jährt und verschmerzt; es gab aber auch noch anderes, ganz Heimliches, das abzubitten war. Wie oft, wenn die Augenlider der zarten Gespielin wieder einmal entzündlich gerötet waren, hatte ich sie gehaßt und ver­flucht, nur weil mich der Anblick dieses Uebels jedesmal so heftig angriff, daß mir wie von zerschnittenen Zwiebeln die eigenen Augen übergingen! Dies und Aehnliches lebte wieder auf; das ganze Wesen drängte zu tätiger Reue, und Eva war viel zu lebensvoll, um nichts davon zu spüren. Wenn wir uns also nun wechselseitig mit immer neuen, dem Vater ent­wendeten Gazestreifen bald eine Hand, bald einen Fuß, bald Stirn und Augen weih umbanden, so hatte das jedesmal einen besonderen sehr innigen Sinn von Buhe, Verzeihung, Hingabe. Mir war schließlich der ganze Tag nur noch eine Vorfreude auf dieses schweigsame, in Form eines Verbandkurses ablaufende Zwiegespräch, in welchem wir uns immer Größeres zu sagen suchten.

Friedrich List.

Von Lic. Dr. phil. Heinrich Adolph.

(Nachdruck verboten.)

Zu dem Buch von K. A. M e i h i n g e r:Friedrich List, der tragische Deutsch e". Mit acht Bildtascln. 334 S. Paul List Verlag, Leipzig 1930. 5,50 Mark ge­heftet, 6,50 Mark kartoniert, 8,50 Mark Leinen. (235)

Eine der großen Gestalten der deutschen Geschichte, die aus den Dämmerungen halben Vergessenseins wieder in das Scheinwerferlicht einer neuen Liebe und neuen Erkenntnis treten, ist Friedrich Lift. Dieser geniale Mensch gehört zu den prophetischen Naturen und inso­fern in eine Reihe mit den erlesensten Geistern unserer Nation, mit dem jungen Goethe, Hölderlin, Kleist, Nietzsche. Er ist ein ekstatischer Geist, gespeist mit einer aus der Tiefe seines Wesens immer wieder neu heraufquellenden Lebenssülle, ein Mensch mit Schauungen und Gesichten, der Besessene einer Idee. Eine Sonderstellung nimmt er insofern ein, als er nicht wie der religiöse Ekstatiker vom Unbedingten ergriffen ist, auch nicht wie der Künstler die ihn bedrängende Macht in ästhetischen Gestaltungen zu entladen sucht, sondern technische, wirt­schaftliche, national-politische Visionen hat, für deren Verwirklichung er sich einsetzt, für die er fein bürgerliches Dasein, das Ruheglück seiner Familie, sich selbst opfert. Es ist immer das Los der Propheten gewesen, mit der Ordnung um sie her zusarnrnenzustoßen; sie können der Gegen­wart nicht genug tun, weil sie einem Zukünftigen verhaftet sind; he leben einem Werdenden, das sie beherrscht und in seinem Dienst ver­braucht.

So ist auch List, der weithin wirkende Gedanken über den Ausbau und die Ordnung einer deutschen Wirtschastswelt gedacht hat, durch dessen Anstöße ungeheuere Kapitalströme entfesselt worden sinch m seinem Privatleben stets irgendwie zu kurz gekommen und in schseh, ihn zerrüttende Verhältnisse hineingeraten. Nach raschem jugendlichen Aufstieg, der ihn aus den Schreibstuben württembergischer Aemter auf einen nationalökonomischen Katheder der Universität Tübingen suyn, stößt er mit der reaktionären Regierung zusammen und gibt sein Professur auf. Als liberaler Abgeordneter seiner Vaterstadt Reutungen wird er wegen Verächtlichmachung der bestehenden Staatsform ver­haftet und wie so mancher schwäbische Kopf von Rang auf den Hoyen- afperg gebracht, aus dessen Festungsmauern ihn die Auswanderung na - Amerika befreit. Dort versucht er sich als Landwirt und Redakteur, i ihn ein Glücksfall eine geldträchtige Kohlenmine entdecken läßt, als v" Großaktionär er zunächst aller materiellen Sorgen ledig ist. ^ber duldet ihn trotz aller bürgerlichen Wohlanfehlichkeit nicht lange in ., Heimat feiner Wahl. Mit unwiderstehlicher Kraft wird er nach Demi - land, dem schicksalhaften Schauplatz feines Wirkens zurückgenssen, die Kette feiner Leiden neu beginnt. Er setzt sich mit unglaumy Energie und instinktsicherem Blick für größte und bedeutsamste Zum i aufgaben ein, streut nach allen Seiten befruchtende Anregungen » findet Beachtung, Ehre, Anerkennung, nur kein Amt und kein

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