Ernstes sich als Verschwendung, die durch keinerlei Sparsamkeit wieder gut gemacht werden tonnte.
Das Schicksal der Mannschaft war besiegelt.
Großmächiig, zinnobersarben steigt die Sonnenscheibe über den Horizont. Der Frühling strahlt über Eisland auf. Wie inbrünstig hatten sie alle diesen neuen Tag erwartet, wieviel Hoffnung sollte mit seinem Kommen in Erfüllung gehen.
Jetzt konnten sie die Tage — nicht mehr Monate — zählen bis zum unvermeidlichen Ende.
Gott hatte das Urteil über das Häufchen Verlorener gesprochen. Oder er mußte ein Wunder tun.
Ein Wunder!
Dicht um das Lagerfeuer gekauert hörten sie Greely zu, der aus der Bibel vorlas. Er versuchte alles, um die völlig Entmutigten wieder auszurichten. Eine Prüfung sollte es sein, die Gott ihnen auferlegte.
„Weshalb eine Prüfung, Kommandeur?" fragte Lynn mit fiebernden Blicken. „Hat er uns noch nicht genug erproben können? In drei Wintern! Sind wir wirtlich so sündig?"
„Man muh glauben", sagte Israel leise und voll Einfalt.
„Hört den Benjamin, Leute! Den Sterngucker! Wenn du glaubst, ist es deine Sache, deshalb geht es dir nicht weniger dreckig als uns."
Greely hielt die Bibel geschloffen zwischen den Fäusten und blickte reihum. Alle Augen waren scheu, lauernd, forschend auf ihn gerichtet, als wützte er die Wahrheit und brauchte den verblendeten Lynn nur zu widerlegen.
Fahl, flammenüberleuchtet tauchten die Gesichter aus dem Halb- duntel auf.
Greely wußte, daß Lynn nicht der einzige war, der in der Zeit der Not seinen Glauben verloren hatte.
Henry meckerte vor sich hin.
„Vielleicht wird Gott ein Wunder tun, um uns zu erretten."
„Ein Wunder!"
„Habt ihr schon einmal ein Wunder erlebt?"
„Nur wer glaubt, erlebt Wunder."
„Du hättest besser Prediger werden sollen, Benjamin!"
Gelächter.
„Man soll Gott nicht verspotten!"
„Weil er uns hilft und wir es nur nicht merken?"
Israel antwortete nicht mehr.
Dr. Pavy saß mit halbgeschlosseneil Lidern und rauchte eine Zigarette. Er war schweigsam, als bekümmere ihn dieser sinnlose Disput nicht, aber um seinen Mund war ein lasterhaftes Lächeln erstarrt, als studierte er die Leiden der anderen, ohne daß ihr Schmerz ihn berührte.
Heber das Thema Gott und Menschheit hatten schon klügere Köpfe ohne Ergebnis philosophiert. Es waren unfruchtbare Streitigkeiten mit schartigen Worten. An einem Disput mit geschliffenen Waffen, mit Beweis und Gegenbeweisen, die wie Florettstöße vorschnellten, hätte er sich beteiligt. Mit diesen rauhen, meist ungebildeten Männern ließ er sich auf Streitigkeiten nicht ein.
In der Ferne erhob sich ein dumpfes Brausen, das über die endlose Eiswüste herandröhnle wie dunrpfer Donner. Der Eislandsturm warf sich wieder gegen die armselige Schutzhütte, daß sie über den Köpfen der Ruhenden fast zusammenbrach. Durch einen knatternden Riß im Zelttuch schüttete er Schnee in Wirbeln. Und das Lagerfeuer erloich.
„Da hast du die Antwort" schrie Lynn.
*
Am dritten März ließ Greely die letzte Butter und den Rest der Gemüsekonserven unter die Mannschaft verteilen, zwei Tage später gingen auch die Vorräte an Seehundsspeck, Kartoffeln und Suppe zur Neige.
Trotz Sturm und Schneefall verließen Jens Edvard und Christiansen die Hütte, um nach Wild zu suchen. Sie sahen nur einen Raben, der flügelmüde durch die Kälte taumelte, für einen Büchsenschuß unerreichbar, weil ihn der Sturm jäh in die Höhe riß, und sie entdeckten vereinzelte Fuchsspuren, die rasch verwehten.
Es war zwecklos, weiterzusuchen. Und sie kehrten ohne Wild zur Mannschaft zurück.
*
Schneeschwaden hängen feinflockig wie ein weitmaschiges Netz vom Himmel herab und sind von überirdischem Licht durchleuchtet. Än der harschen, bleiernen Kälte, die reglos über Eisland lastet, scheint das lautlose Geriesel wie Rauchmassen über dem Boden emporzuschweben und verhüllt jeden Ausblick vor der Hütte.
Gleich einem übermenschlich großen Schatten taucht die plumpe Gestalt eines Mannes aus dem lichten Dunkel. Er schwenkt zwei Tucheimer in den Multen und kommt vorsichtig von den Eislöchern am See. Dor dem Depot bleibt er lauschend stehn und wartet lange. Er wirft die leeren Eimer in den Schnee und kriecht bis zum Eingang der Schutzhütte.
Das Schnarchen der Schläfer macht ihn sicher und er lächelt böse
Diese armseligen Tölpel, die sich so leicht betrügen lassen! Lautlos, mit geübter Hand beseitigt er mit dem Messer den Riegel am Vorratsschuppen und steht nun allein im Dunkel.
Er braucht kein Licht, um zu finden, was er sucht. Hier stehn die letzten Fässer mit Pemmikan, dort die Fleischkisten und unter den Seehundriemen liegt das letzte Fäßchen Rum. ■
Die Gier des Mannes nach fettem Fleisch und Alkohol ist unstillbar. Den ganzen Tag über hat er den Plan überlegt, wie er unbemerkt an die Vorräte gelangen und sich heimlich sättigen kann. Den harten Schisfs- zwieback mögen die anderen vertilgen, er ist nur noch genießbar, wenn man ihn in heißem Wasser auflöst. Der Gaumen schmerzt, ivenn man ihn trocken mit den Zähnen zerbeißt, statt ihn mit dem Hammer zu zerschlagen. Fettes Schweinefleisch braucht er für seinen rasenden Hunger, der keine Hemmungen kennt.
Fettes Fleisch.
verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl
Wie eine Säge zerschneldel das lange Messer die Umhüllung aus Blech. Gierig, mit beiden Händen greift er in die Vorräte hinein und stopft sich den Mund voll.
Das Fleisch ist schon halbverdorben und hat einen Geschmack noch ranzigem Tran. Ohne zu kauen verschluckt er die rohen Bissen, bis es ihm widersteht. Dann füllt er feinen Aluminiumbecher voll Rum und schüttet den Inhalt in die Kehle.
Still!
Hastig sucht er nach dem Stahl am Boden und wartet. Ein verdächtiges Geräusch hat feine Überwachen Sinne erschreckt. Zum Sprung niedergeduckt kauert er innzDunkel und beobachtet den hellen Streifen am halbgeöffneten Schuppeneingang.
Es hat wohl keiner Verdacht auf ihn. Alles bleibt still.
Noch einmal läßt er den Becher vollanfen und trinkt ihn hastig leer, in kurzen Schlücken. Dann taumelt er in jäher Trunkenheit ins Freie versucht den Riegel wieder ins Schloß zu zwängen, verwischt die Fußspuren, nimmt die Eimer und kommt gebückt ins Schlafzelt zurück.
Lockwood und Christiansen an beiden Seiten seines Schlafsackes habe» nichts gehört. Er verkriecht sich in die Wärme des Pelzsackes und schläft sofort.
Aber zwei in der Dunkelheit glühende Augen haben ihn beobachtet.
Und Jens Edvard weiß jetzt, wer der Dieb ist. '
' f *
Schlaflos wartet der Eskimo, bis der neue Tag beginnt. Schneider hat heute Küchendienst und steht als erster auf, um das Feuer anzu- fachen und den Wafferkesfel aufzusetzen. Brummend sucht er nach den Eimern, die ungefüllt am Eingang stehen. Er weckt Frederick und Lynn und schickt sie nach den Wasserlöchern. Brainard reckt sich gähnend und bekommt den Schlaf nicht aus den Augen, obgleich er fast zwölf Stunden geschlafen hat. Dann geht er langsam zum Vorratsschuppen hinüber, um die Tagesrationen zu holen.
Jens Edvard wartet auf den Kommandeur und folgt ihm, als er vor die Hütte tritt, um nach dem Wetter zu sehn.
Fast demütig steht er da, bis Greely sich nach ihm umwendet und ihn fragt, was er denn wolle.
Die Stimme des Eskimos ist heiser vor Erregung.
„Wenn in dieser Nacht wieder Lebensmittel gestohlen worden sind, Kommandeur, dann weiß ich, wer der Dieb ist."
Greely sieht den kleinen Eskimo forschend an.
„Und willst du es jemand beweisen, daß er gestohlen hat?"
„Das weiß ich nicht, Kommandeur, aber bei Gott, ich habe gesehen, wie einer heute Nacht heimlich sein Lager verließ und erst nach langer Zeit mit den Wassereimern zurückkam."
„Halle er Dienst?"
„Er kam mit leeren Eimern zurück, Kommandeur."
„Vielleicht hatte er Durst?"
„Ich sah genau, daß er betrunken uxir. Er torkelte und fiel schwer auf feinen Schlafsack."
„Hast du keinen Kameraden geweckt, Jens? Es wäre gut, wenn du es nicht allein beobachtet hättest, denn der Mann ist dein Feind und du roürbeft ihm nicht beweisen können, daß er gestohlen hat."
Die blauen Augen des Eskimos verdunkelten sich.
„Du weißt, wer der Täter ist?"
„Ich habe jemand feit langer Zeit in Verdacht, aber ich kann ihm die Schurkerei ebensowenig beweisen wie du."
„Henry," sagte der Eskimo leise.
Greely nickte.
„Ja."
In diesem Augenblick stürzte Sergeant Brainard in höchster Erregung aus dem Vorratsschuppen und meldete den neuen Einbruch ins Magazin.
„Wenn man diesen Satan doch endlich fassen könnte, Kommandeur!"
Oh, dieser Henry war ein verschlagener Bursche! Wenn man ihn {teilte, würde er behaupten, daß er nur im Freien gewesen sei, um Wasser zu holen.
„Und die.leeren Eimer?"
„Wo hast du denn das Wasser, Henry?"
Der Sergeant würde behaupten, die Löcher seien wieder vereist gewesen. Er hatte sich ja selbst davon überzeugt, ehe er zurückkehrto und seinen Diebstahl ausführte.
Diesmal sollte feine unersättliche Gier ihm aber zum Verhängnis werden. Der vom langen Hungern geschwächte Magen vermochte nicht die Fülle der fetten Speise bei sich zu behalten. Henry erbrach sich mitten im Zelt und Christiansen, der ihn mißtrauisch beobachtete, begriff sofort, was geschehen war.
Ehe sich Henry wehren konnte, hatte man ihn überwältigt und nieder- geworfen. Lockwood schnürte ihm mit einem Seehundrieinen die Handgelenke zusammen.
Fluchend, schimpfend, aufheulend wie ein verwundetes Tier versuchte der seiner Tat so unerwartet Ueberfiihrte, sich gegen die Hebermacht feiner Kameraden zu wehren, aber vergeblich. Kislingbury befahl ihm, auszustehn und sich vor Greely führen zu lassen. Henry fauchte und spuck!« ihn an.
„Du bist ein Sieb!" schrie Christiansen in höchster Wut. „Wir werde« dich verprügeln, bis du cs eingestehst."
Henry zog die Schenkel dicht an den Leib und versuchte den ül’«r f ihn gebeugten Eskimo mit einem jähen Tritt unschädlich zu machen, aoel Leschmeidig wich Christiansen aus. 11
In der Zeltecke hatte sich Elison emporgerichtet und kauerte auf seins" Beinstümpfen. Ohne Hnkerbrechung murmelte er vor sich hin: Henry V s der Dieb! Henry ist der Dieb! M I
Lockwood, Schneider, Lynn und Rice Meisten den Widerstrebenden ins Freie.
(Fortsetzung folgt.)____|
jche LlniversitätS-Buch- und Steindruckerei. V. Lange, Gießen.


