Ausgabe 
18.7.1930
 
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Margrets Wallfahrt.

Novelle von Clara V i e b i g.

Oben auf der Eifel wehten schon Herbstwinde. Sie kamen von Norden «nd schnoben daher, eilfertig und gehässig,- sie färbten das magere Gras gelb und zausten die knorrigen Föhren und zitternden Birken. Drunten im sonnigen Moseltal blühten noch die Rosen in den Gärten, gelb, rot und weih, in den kristallklaren Fluh -nickten die obstbeladenen Baume, dre Traube schwoll des köstlichen Geistes voll, Nußbäume und Kastanien sprengten die grüne Hülle ihrer Frucht und ließen den braunen glanzen­den Kern zur Erde fallen. Hier oben rochen die Nächte schon nach Winter; die Schlehe hing blau und herb an den dornigen Buschen, kalter Reif versilberte Gräser und Moose und dicker Nebel hockte in den Mulden. Unwirtlich war's, unfreundlich. Die kalte Eifel mit ihren baumlosen Höhen, ihren rotblühenden Heiden und dunklen Maaren, bereitete sich allgemach, ihren gestrengen Herrn, den Winter, zu empfangen.

Da wo der Wald zu Ende geht, und nur struppiges Knieholz mehr fortkommt, liegt ein Häuschen an den Felsen geschmiegt, ein armseliges Nest mit tiefhängendem Moosbach, darauf Hauswurz und Fetthenne gedeihen; sogar ein Tannenbäumchen hat sich naseweis und keck dort angesiedelt. Das Türchen ist niedrig, das Fensterchen mit Papier verklebt, aber auf dem grünen Rasenfleck vor der Schwelle weidet eine genügsame weiße Ziege, und ein paar sturmgewohnte Sonnenblumen nicken protzig und gönnerhaft mit den dicken Köpfen.

In der einsamen Hütte, der armseligsten weit und breit, wohnt die ehr­same Witfrau Anna Maria Balduin. Sie wohnte drin seit langer Zeit; als junge glückliche Braut war sie vor achtzehn Jahren eingezogen an der Seite des Peter Balduin, des tüchtigsten Holzfällers weit und breit. Fünf Jahre später trug man ihn hinaus, starr und falt, und begrub ihn unten in Kyllburg auf dem kleinen Bergfriedhof. Es war ein böses Jahr; die Kartoffeln mißraten, das Brot unerschwinglich, der Hungertyphus wütete in der armen Eifel, früher Schnee fiel und die gierigen Wölfe schlichen allnächtlich bis an die einsamen Hütten. Im Häuschen der Witwe waren Angst ums tägliche Brot, Kummer um den Verstorbenen, Kälte und Ent­behrung zu Gast. Die bleiche Frau sah am Spinnrad und ließ ihre Tränen rinnen, und das Töchterchen, die kleine Margret, hockte daneben, lachte und spielte mit bunten Steinen und begriff nichts von dem Kummer der Mutter.

Nun waren Jahre vergangen; das frische Grab eingesunken und Gras darüber gewachsen, wie über die Wunden des Herzens. Die kleine Hütte war baufälliger geworden, und statt der kleinen Margret faß eine große vor der Tür. Sie spann ums liebe Brot für die reichen Bauernfrauen und hatte die Ziege mit einem Strick an ihre große Zehe gebunden; da konnte die grasen und lief doch nicht weg. Margret spann und guckte auch zuweilen halb gedankenlos, halb sehnsüchtig hinauf in den Himmel, der blahblau und unnahbar kühl sich über den nackten Höhen wölbte. Mit der Mutter stand's schlimm. Sie hatte Gliederweh, lag seit Wochen und Monaten, krummgezogen und steif, in der: wurmstichigen Bettstatt auf den blaugewürfelten groben Kissen, ächzte und stöhnte und konnte kaum die Hand zum Munde heben. ,Et es en bedenkliche Saach'", sagte die kluge Frau aus Kyllburg, die sich auf vieles Bitten und gegen bare fünfzig Pfennig herabließ, zu der armen Hütte heraufzusteigen. Sie nahm das einzige Huhn der Witwe mit hinab und hatte dafür ein wunder­wirkendes Tränklein zurückgelassen. Aber das Tränklein tat kein Wunder, die Kranke jammerte noch um vieles mehr und der Totenvogel, das Käuzchen, schrie jede Mitternacht vor'm Hüttenfenster.

Heute war ein besonders schlimmer Tag. Die hübsche Margret saß am Bett und ließ den Kopf hängen. Ihre fleißigen Finger spannen, aber ihre sonst lachenden braunen Augen füllten sich oft jählings mit Tränen. Sie war ein gutes Kind, hatte weiter nichts auf der Welt, als ihre Mutter und ihre siebzehn Jahr; aber auf das bißchen Jugend, da fiel die Sorge um die Mutter wie Hagel im Mai. Es war traurig.

Ein Glück, daß es nun an die Hüttentür klopfte und mit Seufzen und Gepuste eine behäbige Bauersfrau sich über die Schwelle schob.Gelowt fei Jeses Christes!"

In Ewigkeit Aomen!"

Es war die Gevatterin aus Kyllburg, Frau Margareta Rindsfüßer, die Patin der Kleinen. Da kam sie den Berg heraufgeklettert, die gute Seele, und war doch ein bißchen sehr komplett! Und nun packte sie den Korb aus, den sie am Arme trug Knackwurst, Semmel, Zichorien und ein paar Eier.

Dao, Anna, wat micht Ihr, wie gieht et Eich?"

Schlacht siehr schlächt!"

Jao, sao", nickte die andre,ech glauwen et schwer, bat Ihr et net e su lang mieh manchen duht! Gäwt de Hoffnung alb nor uf, bereit Eich zom fäHgen Stürmen!"

Da bau mein Jesses", wimmerte die Kranke,ech duhn jao e su gären stärwen et es mer nor om et Margret, et es noach gaor e su Jong!

Waohr, waohr", die Gevatterin zwinkerte mit den Augen und schnäuzte sich gewaltig in das rotblaue Sacktuchet es Hoard, siehr hanrd, äwer buh es kein Half net mieh. Jao, wann Ihr eroeil zom heiligen Rock erunner naoch Trier manchen funnt, lao kennt Eich geholf gänn!"

Geholf zom heiligen Rock!?" Margret hatte mit weit aufgerissenen Augen ber Sprecherin zugehört, nun näherte sie sich und faßte die Ge­vatterin am Aermel.Tant, ech bitten Eich eitle Maat, wat es bat met em .heiligen Rock'?"

Frau Margareta Rindsfüßer bekreuzte sich fromm.Bitt for ons, heiliger Rock, for ons on om Dergäwung onfrer Sünd Mädchen, bau bis e su bomm! Lao unnen je Trier, buh bimmeln be Glocken Sag on Nacht wat je kennen, fe bimmeln, bat be Fischeicher in ber Musel Angst gönn. Mer maant, mer kennt bat Dim-bam hei »wen Heeren. Dn aus ber ganzen Welt kommen se gerennt be Musel eruf, met Kreizcher on Fähncher on grüßen Faohnen, on singen on bäten ben heiligen Rack an. Wat meim Vadder sin Prober sin Sohn es, bän Stabt* feld's Hnnni, bän haot it mer verzollt, bän es fälroer duh gewest. Weil

Mn gaor kein Könner krleht, haot hän lao erunner gemaach on haot met feitn Trauring bän heiligen Rock anröhren laoßen bat hilft! heiligen Duhm zeigt em de hohe Gaastlichkeit, on wün krank es, bän verliert efubaal sin Dnüwelkaatjao! Dn roän en Kranken derhäin haot on holt ebbes von em met, en Hemd or en Bettduch or fünft ebbes, dem fein Kranker werd gefond!"

Jesses Marial" Die Kleine faltete die Hände.Modder, ech manchen daorhin!"

Et es gaor e fu weid" die Kranke seufzte halb angstvoll, halb sehnsüchtigech laoßen dech net, bau bis mein anzig Könd wannst« za Schnöden kämst, Jeßmarijusep!"

D Modber, laoßt mech boach! Ech sein jao schuns met Beeren bis erunner zor Musel gewest, nau giehn ech Haid noach.ebbes weider; naoch Trier finden ech ganz kommod. Dn wann ech den heiligen Rock vill dausendmaol bitt, bann hilft hän gemäß, on wanneh ech roibber komm', bao seid Ihr gefond o Modder, die Freid!"

Mit ausbrechenbem Jubel umschlang das Mädchen die Kranke. Cs preßte feine blühende Wange an die bleiche, abgezehrte.Moicher, faot neift, ech giehn zom heiligen Rock morgen!"

Anna laoßt bat Margret giehn in Gottes Naomen; on be heilig« Songfrau fei met em", sagte die Gevatterin.Ech kommen derweil ak Däg eruf, on kucken naoch ber Zieg on naoch Eich!"

Gerührt nahm sie Abschied.

Der Abend kam, Margret molk die Ziege und kochte die Suppe; bann stand sie am Brunnen und wusch sich und scheuerte sich, als sei acht Tage kein Wasser an ihren jungen Leib gekommen. Blitzeblank und rein, bas konnte der heilige Rock verlangen. Dann kniete sie drinnen in der Stube vor dem Muttergottesbild, bas aus schmalen Goldrähmchen grell und viel­farbig von der getünchten Wand herunterschielte. Lang und innig mar ihr Gebet. Heute betete sie nicht nur bas Vaterunser und ben Englischen Gruß, die Erwartung, die Spannung, das geheime Sorgen vor dem kommenden Tag drängten ihr eigene Worte auf die Lippen.

Todmüde sank Margret auf ihr Lager. Die Hände auf ber Brust gefaltet, atmete sie bald tief und gleichmäßig im süßen Schlaf ber Jugend.

Als sie erwachte, graute schon ber Tag und hinter rosigen Wölkchen schien die Sonne den Morgentraum abzuschütteln; es war Zeit zum Auf­bruch. Frau Anna weinte, als die Tochter vor ihr stand, fo frisch und rot­wangig, das festtäglich schwarze Kleid hochgeschürzt über dem blauen Friesrock, bas winzige goldene Kreuz am schwarzen Schnürchen um den schlanken Hals. In ber Hand hielt sie das Bündel, drinnen der Mutter Hemd, durch das der heilige Rock Wunder wirken sollte, ferner die blank- gewichsten Schuhe und die weißen Strümpfe; die wurden erst angezogen draußen vor dem Tor ber Stabt. Auch bas Geschenk der Pate, die Sonn­tagsschürze mit ben bunten Blumen, war eingepackt; sie war Margret- bestes Stück, ihr Stolz und ihre Freude, aber für ben heiligen Rock roat nichts zu schade.

Zuversichtlich blickten die hellen Mädchenaugen in das Gesicht der Mutter:Adjö wann ech widderkomm', seid Ihr gesond!"

Noch ein Händedruck, das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust, ein gemurmelter Segenswunsch, ein freundliches Nicken nun war fit fort, nun stand sie auf der Schwelle und ber erste goldene Sonnenstrahl küßte ihre runden Kinderwangen.

So begann Margret's Wallfahrt.

Die Vögel zwitscherten in den Büschen, Tautröpfiein hingen gleich Diamanten an Blatt und Gras, als sie leichtfüßig den Berg hinunter« sprang. Drüben im Nebel und Morgengrau lag Kyllburg. Die Hahne krähten, aber noch träufelte sich kein Ranch aus den Schornsteinen, die Leute schliefen alle. Ja da war's schön in Kyllburg, da mochte einer wohl hausen! Da war man nicht gar so allein, wie droben auf dem Berg, und bie Mädchen saßen abends in ben Spinnftuben und lachten, jede mit ihrem Schatz. So ein Schatz war doch was Schönes! Wie mocht's nur einem Mädchen zu Mute sein, das einen Schatz hatte? Db sie, bie kleine Margret, wohl auch mal einen bekam? Sicher nicht.Arme Mädcher kriehn kein Schatz", sagte die Mutter.

Hopps, da war ein Stein, da wäre sie beinahe gefallen bas kam von dem dummen Denken; was ging sie ein Schatz an? Sie war bie arme Margret und ging zum heiligen Rock punktum. Und nun zog sie den Rosenkranz aus der Tasche und ließ bie kleinen Kügelchen durch ihre Finger rollen, und bie frischen Lippen murmelten emsig ein Vaterunser nach dem anderen dazu. Das kürzt den Weg.

Der Wald ward dichter, die krüppligen Föhren und ärmlichen Birken wandelten sich in schlanke Buchen und stattliche Eichen; es sproßte aller­hand buntes Vlumengesindel, ein warmer Hauch zog durch die Luft um ein Quellchen rannte eilfertig zu Tal. Ah, hier war's schön! Margret stand still und holte tief Atem, sie war wacker zugeschritten, die Sonne ftano im Mittag. ,

Bis jetzt war ihr kein Mensch begegnet, mit sich und ihrem EM allein, war sie durch die Welt gewandert, aber nun tönte es aus m Ferne wie summende Stimmen, nur wenige Schritte noch, ber AM hatte ein Ende, und sie stand an ber breiten Landstraße; jenseits M ruhig und schön bie Mosel. Wie ein silbernes Band schlängelte fte R weich und schmiegsam, zwischen den rebenbekränzten Ufern, sanft ftumw ihre Wellen und bie goldene Sonne und ber lachende Himmel gu<w hinein in ben klaren Spiegel.

Margret's Gesicht glänzte. Da war ja bie Mosel, nun war's nicht men weit, halb mußte sie die Glocken von Trier hören! Und da kam es uw? schon daher, langsam und würdevoll, eine stattliche Prozession mit rob ­ben Fahnen; voran schritt der Vorbeter, er stimmte einen Gesang an betete das Ave und ber Chor fiel bei der zweiten Hälfte fummeno brummend ein. Margret kreuzte sich und trat zur Seite in ben ®ra,

Was waren das für viele Leute! Gern hätte sie sich angeschlossen, die Weiber am Ende blickten so abweisend, und eine junge, jon Im roten Unterrock musterte sie von Kopf zu Füßen, daß M Mut fehlte. Sie wartete, bis alle vorbei waren, bann folgte sie in e Entfernung dem Zug, der wie ein langer, schwarzer Wurm lang

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