SiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang {930 Zreitag, den {8. Juli Nummer 55
Clara Viebig.
Zu ihrem 70. Geburtstage.
Von Hans Sturm.
Vor siebenzig Jahren wurde Clara Viebig, die heute zu den bekanntesten Erzählerinnen gehört, als Tochter eines protestantischen Psarrers in Trier geboren und war schon als Kind eigenwillig und eigenstrebig. Das schöne Wort „Freiheit ist der Zweck des Zwanges" galt damals, wenigstens in der Erziehung, noch nichts, und so ist es nicht verwunderlich, wenn das junge Mädchen nicht selten mit ihrer strengen Mutter in Mißhelligkeiten geriet. In einem ihrer ersten Romane, den „Dilettanten des Lebens", der vie leigenes Erleben spiegelt, sagt die Dichterin von ihrer Mutter: „Wir waren oft uneins; sie gehörte noch ganz zum alten Schlag, sie hatte noch keine Ohren für den damals lauter und lauter werdenden Ruf der Jugend nach eigenen Rechten; für sie gab es noch kein Recht der Kinder, nur ein Recht der Eltern, nämlich das Recht, ihre Kinder ganz dem eigenen Geschmack, den eigenen Ideen ffach zu erziehen. Es kam mir hart an, meine Wünsche und mein Wollen über Bord zu werfen: Die Mutter war die Stärkere, ich habe mich allezeit beugen müssen. In dieser zarten Frau steckte eine Kraft, eine Un- beugsamkeit, deren eiserner Disziplin sich die große Tochter einfach fügen mußte. Erst in reiferen Jahren habe ich erkannt, was ich dieser seltenen brau zu danken habe." Dieses Bekenntnis gipfelt in dem Satz: „Meiner Kutter verdanke ich letzten Endes alles!" und wirft helles Licht auf den lunftlerifchen Entwicklungsgang der Dichterin.
Besonders bedeutsam für ihr heute in nahezu dreißig Bänden vor- uegendes Lebenswerk sind ihre Jugendjahre geworden, die sie teils in Trier und in Düsseldorf, teils in Posen, der elterlichen Heimat, verlebte, ^iach einem aufgegebenen Musikstudium begann sie mit etwa vierund- «reißig Jahren ihre ersten Geschichten zu schreiben, deren Motive sie aus Mer nächsten Heimat, der Eifel, nahm. Mit diesem Buche und mit dem bald darauf erschienenen Roman „R h e i n l a n d s t ö ch t e r" *, der ebenfalls in der Eifel spielt, hat Clara Viebig nicht nur ihren Ruhm als Erzählerin begründet, sondern sich gleichzeitig auch das Verdienst er- morben, die Eifel, jenes bis dahin kaum gekannte, aber um so mehr ge- mmahte westdeutsche Bergland in seiner einzigartigen Schönheit er« wollen zu haben. Mit seltener Eindringlichkeit formt sie die herben Reize
Landschaft mit ihren Maaren und weiten Ginsterhalden: „... im
Wrlld. — Die Wipfel der hohen Tannen stehen in Glut ge- Ä - m'e goldene Tränen sickert Harz am Stamm nieder; auf dem rJV“ber' der sich unter den breiten Behängen durch smaragdgrünes ein re-K än0elt- kühlste Dämmerung. Eidechsen huschen über den Weg, lulst mit klugen Augen vom Ast. Kein Menschenlaut, kein die b?au$' auch kein Vogellied; Singvögel sind selten im Eifelland, nur ..^äfyer mit leuchtend hellblauen Flügelbinden jagen ein« r mit mißtönendem Schrei um die Stämme.
rne große Einsamkeit!
f)unh«,K"Le.ni3105 scheint der Kunowald ... Buchen, Eichen, Tannen, viel- rhahnge! Bäume, nichts als Bäume — und Hügel, Hügel, rund
Gchatten im Gommer.
Von Theodor Kramer.
Wann oft mitten im Sommer, am heißesten Tag, für Sekunden die Wolken die Sonne verbergen, fällt das Grasland zurück aus dem üppigen Schein, die Gebüsche und Brennesseln zittern am Rain, und ein Frösteln kommt her von den finstern Bergen.
Das Gehämmer der Spechte erstirbt im Gehölz, hinter Feldmauern weicht das Geläut einer Herde; nun erscheinen, erkaltet, erst Distel und Dorn an das wuchernde Fleisch eines Wachstums verlor'?., schon vom Stengel an stumpf und gesäuert von Erde.
Auf die Stacheln der dumpfigen Kletten tritt Seim, den die Kringel der Sonne sonst zitternd verdecken; das Gemäuer verfällt, der Hollunder erblaßt, und die Baumwanzen fallen gleich Schuppen vom Ast, und das Klaubholz wird sichtbar samt Retzen und Zecken
Und kein Herbstgrund liegt lebloser da als das Land rings im stumpfen Gewand übersättigter Zellen; nur die Dunstwolken schieben sich zögernd dahin, und die faulige Fläche des Wassers beziehn zwischen Ufergewächsen erschlaffte Libellen.
gewölbte Eifelhügel, wie Kuppen auf das Hochplateau gesetzt. Das Auge verliert sich im Gewirr von duftig blauen Schluchten und waldigen Bergrücken, hin und wieder ein Stück Heideland, mit rötlichem Teppich bedeckt.
Nichts rührt sich, das Wild hält sich versteckt, die Tannen strecken die breiten Aeste ab, keine Nadel fällt.
Horch, eine Kinderstimme! Sie singt:
Heija, Bombaija —
„Wann annere Könner spiele giehn, Motz ech bei der Wiege stiehn: De Wieg' zieht nor:
Rube-de-bub, rube-de-bnb —"
Hier sei gleich darauf hingewiesen, daß die Bücher der rheinischen Erzählerin, vor allem die in der Eifel spielenden, eine Fülle volkskundlichen Materials enthalten, daß meines Wissens kaum berücksichtigt worden ist. Es lohnte sich wohl, diese Anregung einmal eingehender nachzuprüfen.
Neben der charakteristischen Landschaftsschilderung wirken die markant gezeichneten Gestalten der Dichterin besonders einprägsam, und die vielverschlungenen Schicksalswege packen meist derart, daß man sich ihnen erst nach einiger Zeit entziehen kann. So geht es einem vor allem mit dem um 1900 erschienenen Roman „D a s W e i b e r d o r f", der wegen der wahren und ungeschminkt wiedergegebenen Tatsachen damals ungeheures Aufsehen erregte.
Später kam die Viebig nach Berlin und gewann hier nicht nur Einblicke in die vornehmen Gesellschastskreise, sondern auch in die Nöte des arbeitenden Volkes, die sie in mehreren Romanen mit wahrem Mitempfinden festgehalten hat. Der Roman „Das tägliche Brot" schildert das engumzirkt« Leben zweier Hausmädchen mit feinen wechselvollen Begebenheiten; der Roman ,-,T ö ch t e r der H e k u o a", den die Verfasserin selbst und mit vollem Rechte ein Buch unserer Zeit nennt, behandelt die schwierigen Lebensbedingungen der arbeitenden Frauen vor den Toren Berlins. Aehnliche soziale Probleme rollen die Großstadtromane „Das Eisen im Feuer" und „Eine Handvoll Erde" auf. Immer und überall beweistt Clara Viebig ihre gesunde und genaue Lebensbeobachtung und zeigt damit, wie ein Beurteiler einmal schrieb, „deutlich die heute gern beiseite geschobene Wahrheit, daß man eben doch nur Romane schreiben soll, wenn man sich genügend im Leben umgesehen hat und von der Welt und ihrem Treiben wirklich etwas zu berichten weiß".
Von den vielen anderen Romanen seien noch zwei besonders erwähnt, nämlich „Die Wacht am Rhein" und „Das schlafende Heer"*. Der erstgenannte ist gewissermaßen ein Dank der Dichterin an Düsseldorf, die schöne Gartenstadt am Rhein, in der sie manche schönen Tage verbracht hat. Die Zeit zwischen 1830 und 1870 wird hier lebendig, und auf ihrem Hintergründe heben sich die feftumriffenen Gestalten kräftig ab. „Das schlafende Heer" befaßt sich mit den Fragen des Ostens, wo die Vorfahren der Dichterin seit mehr als einem Jahrhundert auf der eigenen Scholle sitzen. Die Liebe zu dem Lande ihrer Ahnen, zu den deutschen Bauern, die um ihre Scholle immer wieder kämpfen mußten, hat ihr dieses Buch diktiert, und diese Tatsache leiht dem Werke dauernde Aktualität*.
„Sie goldenen Berge"*, einer ihrer letzten Romane, führt wieder in die rheinischen Gaue zurück und behandelt den Kampf der westdeutschen Winzer um das schmale tägliche Brot und ihren Protest gegen die Steuerlasten. Die herrliche Schönheit des weingesegneten Moseltales malt die Dichterin mit wundersamen Worten: „Goldenes Land, man möchte hineinversinken, die Hände sich füllen, goldene Berge, so weit der Blick reicht, goldene Berge am goldenen Fluß — Gold, Gold", und dann fügt sie bitter hinzu, „wer kann hier noch von Armut reden?" Ein Loblied auf den deutschen Wein und auf den sich schwer mühenden deutschen Winzer ist dieses schöne, verstehende Buch, das dem deutschen Wein sicherlich viele neue Freunde gewonnen hat und noch gewinnen wird!
Clara Viebigs letzter Roman „Charlotte von Weih" ist das farbige Lebensbild der Geheimrätin Ursinus, von der die Erzählerin als junges Mädchen im „Pitaval" des Willibald Alexis gelesen hatte; erst nach fast fünfzig Jahren ging sie auf Grund reicher Akten- und Archivstudien daran, das merkwürdige, inhaltsreiche Leben dieser seltsamen und vielumstrittenen Frau nachzugestalten.
Die noch sehr frische und unermüdlich tätige Siebzigerin verriet mir kürzlich, daß sie einen neuen Roman demnächst abschließe und bereits zwei neue Entwürfe in Arbeit habe. Wer diese fleißige Frau aus einem ihrer vielen Bücher kennt, freut sich auf jede neue Gabe aus ihrer Feder. Ihren 70. Geburtstag wird sie mit den Ihrigen fern von ihrer Arbeitsstätte verbringen, aber Dank und Verehrung werden ihr folgen auch in ihre Festverborgenheit, irgenmo unten im Süden. —
* Seinerzeit im „Gießener Anzeiger" erschienen.


