- Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitätS^Vuch-. und Steindruckerei. Jt. Lange, Gießen.
Verantwortlich: vr. HanS Thyriot.
Nach schweren Kämpfen liegen wir nun im Ruhequartier. Es ist ein großes Dorf. Nur wenige Häuser sind zerschossen. Ich bin mit zwei Kameraden bei einem echten, rechten Bauer untergekommen. Er ist ein bißchen ein Trämpler, aber sonst ein stiller, braver Mann. Er hatte ein drei Wochen altes Kalb. Das fing an zu husten. Er machte nicht viel daraus. Da ging auch bei seinen zwei Kühen das Keuchen los. Unser Veterinär untersuchte die Tiere und sagte, es wäre Lungenseuche. Und da ist zuerst
das Kalh gestochen und vergraben worden und hernach auch die zwei Kühe. Der Bauer hatte kein Stück Anspannvieh mehr. Es war aber die Ausstellzeit für die Wintersaaf, und der Dung mußte auf die Felder gefahren werden. Dem Mann seine Not war groß. Da haben sich die Nachbarn für ihn zusammengetan, haben den Dung hinausgeschasst und haben auch dem Mann seine Aecker bestellt. Das habe ich gesehen und habe gedacht, es gibt auch unter den Franzosen gute Menschen. Wir liegen jetzt so weit zurück, daß wir von Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer wenig hören. Nun muß ich Dir sagen, daß der Zimemrmannshermann durch eine Mine im Schützengraben schwer verwundet ist. Denke Dir, eine alte Frau hat mir die Karten gelegt. Sie sagt, ich täte gesund bleiben. Ich habe eine große Sehnsucht nach Haus. Von meinem Fenster sehe ich einen Acker, er geht sacht in die Höhe, akkurat wie bet uns der hohe Rain. Hast Du wieder den Pferch gepachtet? Den sauren Aeckern tut's doch helfen. Ich klage nicht, wenn auch die Verpflegung gar oft zu wünschen übrig läßt. Mein Korporalschaftsführer Schröder spricht gut fran- zösisch. Er ist bei einem reichen Bauer im Quartier. Der hat einen Bruder im Ort. Zwischen den zwei ist Feindschaft. Wie die Eltern starben, sind sie wegen der Erbschaft hintereinandergekommen. Es ist also auch hier so: ob Geschwister sich gern haben, erfährt man erst, wenn sie das elterliche Vermögen teilen. Wir haben bei der Kompanie einen Gemeinschaftsmann. Weißt Du, einen von denen, wie sie in Beuern und Hossehausen wohnen. Und der lamentiert und spricht, daß er als Christ an den Kriegsgreueln nicht teilnehmen darf. Und da ist unser Feldgeistlicher bei ihn gegangen und hat gesprochen, wofür wir kämpften, das wäre unserm Herrgott seine Sache, er hätte den Fahneneid geschworen und müßte Gehorsam leisten.. Die Unschuldigen, die der Ärieg in Elend und Tod stürzte, wären gewiß zu bedauern. Wir müßten aber unferm Herrgott vertrauen, daß er alles zum Besten leitet und, wenn es Zeit ist, den Krieg beendet. Darauf hat der Gemeinfchaftsmann gesprochen: ,Wie stimmt Christus mit Belial? Herr Pfarrer, Sie haben einen langen Text, aber Sie haben ein andres Christentum als Christus!' Jetzt in der Ruhestellung freut man sich über jede Blume und über ein bißchen Grün. Zu Haus hat man darauf nicht Obacht gegeben und hat doch auch aus zwei Augen geguckt und ist auf zwei Beinen gegangen. Liebe Mutter, glaubst Du, daß wir uns Wiedersehen? Ich glaube fest daran. Wenn ich in den Stall komme, dreht der Mohr den Kopf nach mir herum. Das soll eine Freude geben. Es grüßt Dein treuer Sohn Renner.
Das las die Eulerskett ihrem Pflegling vor. Und sie erzählte von ihrem Sohn. Sein Sinn ruhte nicht. Die Arbeitsader hatte er von seinem Vater geerbt. In der Erntezeit sah er richtig abgegualt aus Er nahm s so wichtig, als wenn er dreimal zu schneiden hatte. Stellte sich ein Taglöhner beim Dreschen ungeschickt an, wollte der Henner aus dem Häuschen fahren. Er war Überhaupt ein Brausekopf, der leicht etwas auf die Spitze trieb. War aber die Hitze verflogen, war er sanft rote ein Canum dien, daß man ihn um den kleinen Finger wickeln konnte Sein bester Freund war der Linkersseppel, des Wagnermeisters Jüngster, der hatte auch draußen sein Leben lassen müssen. Wenn die Landwirtschaft ruhte, las der Henner seiner Mutter vor. Die Bücher holte er aus der Stabt. Er las ein Buch mehrmal, glaubte nicht ohne werteres, roas da gedruckt stand, sondern führte feine eigene Meinung ins Feld. Es war eine Lust, ihm zuzuhören. All ihre Hoffnungen hatte die Eulerskett auf ihren Sohn gefetzt. Die hatte fein Tod nun zunichte gemacht.
Der Paul Herwig war mäuschenstill, nahm jedes Wort in sich auf. Nachts warf er sich unruhig in feinem Bett hin und her. Ihm träumte, er war im fernen Frankreich auf einer fruchtbaren Ebene. 2wei Bauern pflügten benachbarte Aecker. Er grüßte sie freundlich, sie würdigten ihn keines Blicks. Da trat ein Jäger an feine Seite und sprach: „Das sind die feindlichen Brüder. Früher hatten sie ein Herz unb einen Sinn, letzt lieben sie sich wie Messerspitzen!" Er schritt mit dem Jager weiter. Sie tarnen über weite Wiesen. Darauf blühten Hahnenfuß und Löwenzahn. Allmählich erftarben die bunten Farben. Das Land wurue burrr unob. Ein atembeengender Dunst hüllte die Wandernden em. Vor .sich sahen sie Erdwall an Erdwall, Grube an Grube. Kanonen unb Haubitzen streck en ihre schwarzen Hälse bem Feind entgegen. In der Ferne Uesen eolbakii wie Ameisen hin und her. Weiter ging’s, immer weiter. Salven krackt n Hinter einer Deckung kam ein junger Soldat hervor. Er hatte em Bin mensträußchen an seinen Helm gesteckt. Und er sprach: ,Mun gehtlos! Ich habe große Sehnsucht nach heim. Glaubt ihr,,daß ich weine Mutter wieberseh? Ich glaub fest daran!" Kaum daß er s gefprodjen, traf d)n ein Kopfschuß, unb er schlug hin. Der Jäger fang mit einer traurigen Stimme: „Die Brüder, dickst gesät, liegen wie gemäht!
Paul Herwig erwachte. In seine Kammer schien die helle Sonne Roch ganz benommen stand er auf. kleidete sich an und ging an Arbeit" Er reinigte, wie er jeden Morgen tat, Hof und Stall, ^.ann begab er sich zum Lehrer. Der war gerade beim Frühstück.
„Herr Lehrer", hob der Paul an, „ich bin der Tante Eulerskett großen Dank schuldig. Ich möchte ihr eine Freude wachen- Ich weiß, wo sie ° ° Briese von ihrem Henner aufgehoben hat. Die mochte ich in «m sch Buch schreiben. Das möchte ich ihr zum Geburtstag schenken. Wollen b>e wohl so freundlich sein und mir ein Album besorgen?
„Herzlich gern, mein Sohn!"
Am selben Tag ging der Lehrer in die Stadt, ein hübsches Geden - buch für den Paiil Herwig zu kaufen. Der schrieb nun in aller Stil Brief um Bries des Gefallenen sauber ab unb brachte em Geschenk o Pflegemutter an ihrem Geburtstag bar. Da schloß sie ihn in ihre unb küßte ihn. ... .
Was die schlichte Bauersfrau verständig und gütig in bas cmp anglW Gemüt des Stabtiungen pflanzte, trieb Blüten »nb Fruchte. Wenn eines Tags von ihr schied, wenn ihn weitab vom Dorf bas Leben bei v Hand nahm, die Eulerskett, bas fühlte er, würde er nie vergeßen.
(Fortsetzung folgt.) _____________.
tauen können sie net. Früher haben sie den Bauersmann nst äftemterf. Alleweil, wo sie sich net mehr steif fressen können, bringen sie's fertig, daß sie mit uns schmusen und tragen die hohe Preise aufs Land. Ein Narr, wer's net herauslausen tut’"
„Der Bauersmann lebt vom eigenen Schmalz und das ist fein Stolz!" sagte der Lipps, den Hals reckend. „He hat's net nötig, daß er einem den Berzel schmiert. He braucht aber auch fein’ zu beschummeln. Ihr macht eine ganze Leier her Bei mir, Vater, verfangt das net. Was Ihr Euch einbrockt, eßt Ihr aus. Ich duld den Beschores net auf bem Hof. Hört Ihr net babemtt auf, zeig ich Euch an!"
Der Speckmichel spie Feuer.
„Hund, verfluchter!" schrie er, die Arme erhebend, „das tränt ich dir ein!"
Er wandte dem Lipps den Rücken. —
Ein paar Tage lang sprach der Bauer kein Wort mit seinem Sohn. Dessen Drohung aber ging ihm nach. Der Lipps war schon flügge gewesen, eh er Federn hatte. Den Selbmältigen hatte der Vater zu wenig abgehauen. Ehrfurcht vor dem Alter kannte der Garstvogel nicht. Der Krieg hatte ihn völlig rebellisch gemacht. Der Ritz war da. Es verschlug dem Rüpel nichts, er ging ans Gericht und zeigte den eignen Vater an. Da mußte man sich salvieren.
Der Speckmichel brach sein Schweigen.
„Horch zu, Lipps", sprach er kurzatmig. „Daß ich's war, der dir den Schrupper gemacht hat, das ist bei dir ausgetan. Jeder ist, wie ihn unser Herrgott gemacht hat. Da ist nix dran zu ändern. Und jeder macht’s nach seinem Kopf. Ich hab mir's überlegt. Net, daß ich ins Heu vor dir kriech Gott bewahr! Aber ich mag kein' Ausstoß. Du hast die Aelte, ich geb dir das Werk. Das heißt: 's wird reine Rechnung gemacht. Ich behalt soviel, daß ich leben kann!"
Der Lipps war's zufrieden unb übernahm den Hof. Beim Ackerbau, bei der Viehzucht zog er aus allen Fortschritten Nutzen. Sein Werk paßte er der Kriegszeit an und hielt ohne Wank an den Verordnungen fest.
Der Speckmichel saß nun als Auszügler da, hatte jede Woche sieben Feiertage. Das ging ihm wider den Strich. Mit einer alten Gewohnheit, bedachte er, soll man net brechen. Er kaufte in den Ortschaften Lebensmittel auf, hatte feine Abnehmer in der Stadt und trieb außer dem Haus den Schleichhandel weiter. •
Der Verlust ihres Sohnes hatte die Eulerskett, der Wecklersanna Hauswirtin, nickst hart unb murrsinnig gemacht. Am Wohl und Wehe andrer teilzunehmen, war ihr ein Trost und eine Beruhigung. Aus Dortmund war ihr ein blahwcmgiger, nervöser Junge, Paul Herwig, in Pflege gegeben worben. Er war der Sohn eines Schauspielers, der im Krieg sein Leben eingebüßt hatte. Auch die Mutter war gestorben. Das arme Bürschchen, das in der Familie eines Dortmunder Agenten untergebracht worden war, hatte dort trübe Jahre durchlebt. Der Pflegevater, der sich auf- bties und den Ehrenmann spielte, verjubelte, was er verdiente. Seine Frau mußte die Kosten des Haushalts mit einem kleinen Zuschuß ihrer Eltern und Arbeiten für ein Damenkleidergeschäst bestreiten. Der Pflegling über das Geschrei unb Geschirnps der Eheleute entsetzt, floh auf die Straße. Das Taschengeld, das er von seinem Vormund bekam, trug er ins Kino, wo er in atemloser Erregung den Vorführungen folgte. Bem • überreizten, durch klägliche Kost geschwächten Jungen erwirkte der Arzt den Landaufenthalt. In der ersten Zeit war er so abgemattet, daß er, wiewohl guten Willens, nicht die leichteste Arbeit verrichten konnte. Unter der sorgsamen Pflege der Eulerskett erholte er sich. Den Verwahrlosten gewöhnte sie an Ordnung unb Reinlichkeit. Er wollte nun auch tätig und seiner Pflegerin behilflich sein. Dazu hatte er Gelegenheit. Er schasste im Garten und im Feld, zeigte sich geschickt und anstellig. Die Bewegung in der freien Luft stählte seinen Körper, die geregelte Beschäftigung gab ihm neuen Lebensmut. Die Bäurin erwarb des Stadtjungen Vertrauen, daß er ihr fein Herz aufschloß. Sein Vater hatte einer wandernden Schauspielertruppe angehört. Als Bub von zehn Jahren hatte der Paul den Vater in Soest auf der Bühne gesehen. Der Künstler gab einen Rauber- bauptmann und wurde laut beklatscht. „Wer das Theater einmal anrührt", pflegte der Vater Herwig zu sagen, „der kommt nicht mehr davon los!" Auch Frau Herwig war jahrelang am Schauspielhaus in Dortmund angestellt, bis ein Lungenleiden sie zwang, ihrer Buhnentätigkeit zu entsagen. In dem Paul pulste Theaterblut. Sein Vormund wünschte, er solle den Beruf des Kaufmanns wählen, er war dagegen entschlossen, Schauspieler zu werben. Wenn er abenbs bei der Tante Eulerskett saß, wurde die Erinnerung an das Kino in ihm wach. Platte Späße, Albernheiten hatten ihn kalt gelassen, wohl aber hatten Kriminalbramen, Verbrecherszenen, ganz besonders die Streifzüge der Geheimpolizisten gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Was er gesehen, trug er der Pflegemutter so lebendig vor, daß diese eine Gänsehaut überlief. Sie war einmal gegen Abend in der Kreisstadt gewesen, hatte beobachtet, wie sick) die Menschen ins Lichtspielhaus drängten. Daß die Stabtleute jetzt in der Kriegszeit, da die Soldaten in den Schützengräben lagen, da die Welt von Blut triefte, bem Vergnügen nachjagten, das begriff sie nicht.
Dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, suchte st- b n letzten Brief hervor, den ihr Sohn, der Henner, acht Tage vor seinem Tob aus dem Feld an sie geschrieben hatte. Sie las ihn ihrem Pflegling vor.
„Liebe Mutter!


