„Nach Ostland wollen wir reiten. Nach Ostland wollen wir gehn, Wohl über die grüne Heiden, Da werden wir besser uns stehn!"
Als ich mich endlich von diesem Ausblick abzuwenden vermag, sehe ich, daß der begleitende Militär schon ungeduldig geworden ist. Mit rückwärts gewandtem Blick steige ich die zahlreichen Stufen zur Altstadt empor. Was aber in aller Welt ist das plötzlich für eine Beleuchtung? Den frühen Hereinbruch der Nacht anzumelden, ist der Abendhimmel bis zum Zemt hinauf in blutiges Rot getaucht. Eine Drohung Rußlands an den Westen?
Oer Dichter und das Erlebnis.
Ein unbekanntes Gespräch Goethes mit Eckermann.
Von Paul Ernst.
Das Buch „Erdachte Gespräche" von Paul Ernst, das bei Georg Müller in München erscheint, führt die bedeutendsten Gestalten der Weltgeschichte in Gesprächen über die wesentlichen Probleme vor. Davon geben wir mit Erlaubnis des Verlags hier eine Probe.
Den 29. Februar 1824.
Heute traf ich Goethe in seinem Arbeitszimmer in verdrießlicher Laune auf- und abgehend. Im Fensterbrett lag ein Merkchen, auf welches er stumm mit dem Finger deutete. Ich betrachtete es und fand, daß es eine Untersuchung eines jungen Gelehrten über die Sesenheimer Erlebnisse Goethes und die Persönlichkeit der Friederike Brion enthielt.
„Das hat man nun davon", sagte er, „wenn man den Philistern sein Herz aufschließt. Ich habe immer viel und leidenschaftlich erlebt. In meiner Jugend schrieb ich den .Weither' und gab freilich in dem Merkchen viel zu viel von meinem persönlichen Empfinden, denn in der Jugend kann man das Zufällige und Notwendige in seiner Persönlichkeit noch nicht genügend voneinanderhalten. Da haben sie sich verwundert, daß ich mich nicht auch totgeschossen habe, wie der Narr. Als die .Iphigenie' gedruckt war, da fand das Publikum das Werk kalt und blutleer, denn inzwischen hatte ich gelernt, ideale Charaktere zu gestalten, die man denn zwar nicht an den Biertischen der Männer oder in den Kaffeezirkeln des Frauenzimmers findet. Dieses Werk kalt, das aus der leidenschaftlichsten Liebe geflossen ist die ich je gehabt habe! Freilich habe ich das nicht mehr erzählt, daß Iphigenie mir Fenstervorhänge gehäkelt hat, oder daß ich Iphigenien einen Napfkuchen geschickt habe. Noch heute, wo meine Liebe längst vergangen ist, werde ich bis ins Innerste erschüttert, wenn ich das Stück nur in die Hand nehme; ich mag es nicht mehr lesen, ich mag solche Erschütterungen nicht!"
Ich hatte Goethe noch nie so erregt gesehen, und ich erschrak vor dem Blitzen seiner Augen.
„Was hat der Mensch in meinem Leben zu schnüffeln! Das ist eine Frechheit, eine Achtungslosigkeit, wie sie nur die Deutschen haben. Und dabei meint er mich noch gar zu ehren! Er hat mir seine Schrift selber geschickt."
Ich wagte ihm einzuwerfen, daß der Grund vielleicht in dem Bemühen zu suchen sei, das geheimnisvolle Wirken der Phantasie zu erkennen.
„In solchem Bemühen finde ich eben den deutschen Spießbürger, der niemals eine Ahnung davon verspüren wird, was Dichtung ist. Diesen Mangel nennt er dann wissenschaftlichen Sinn. Wenn ich meine Schriften durchsehe, so kenne ich für meine eigene Person natürlich ganz genau die Beziehungen zu meinen persönlichen Erlebnissen; aber da man nie ein Erlebnis in seiner törichten Wirklichkeit darstellen kann, so bedeutet das Einzelne, welches die nächste Veranlassung der Dichtung war, in den meisten Fällen sehr wenig. Durch einen als Dichter bewußt lebenden Menschen wird es überhaupt schon gedichtet, wenn es erlebt wird, wird in einer bestimmten zweckmäßigen Veränderung aufgenommen, von welcher der Philister naturgemäß schon gar nichts ahnen kann. Wenn dieser einfältige Gelehrte weiß, daß ich an einem Abend aus meinem Gartenhaus ging, daß Nebel war, und der Mond in einer gewissen Höhe stand, da hat er das Erlebnis für meine Verse .Füllest wieder Busch und Tal'. Was nützt ihm denn das? Ich kann das erleben, daß ein Gedicht entsteht, und er nicht. Wenn er Goethe wäre, so könnte er es erleben, aber dann hätte er Wichtigeres zu tun, als anderer Leute Privatangelegenheiten zu durchwühlen. Was hat dieser Mensch über Friederike Brion geschrieben? Es ist schändlich."
Goethes Stimme stockte, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„3d) schäme mich nicht, ich alter Mann, daß ich meine, wenn ich an die Zeit in Sesenheim denke. Friederike soll nach mir noch einen anderen Mann geliebt haben; der Mensch hat die alten Kirchenbücher durchsucht und behauptet, sie habe noch ein uneheliches Kind gehabt. Wenn das wahr ist, !° will ich mich freuen, daß sie noch einmal in ihrem Leben das große Glück empunben hat, daß sie einmal das Allerhöchste empfand, das eine tfrau empfinden kann: ein Kind von einem geliebten Mann zu pflegen. Weshalb muß das in die Oeffentlichkeit gezerrt werden, weshalb muß Ifder gemeine Mensch nun sagen können: sie war ja auch so eine, wie wir [mb! Weshalb? Weil sie ein paar Monate mit mir glücklich war, unb weil '4 Tor biesern elenben Volk Schönes zu schenken dachte, wenn ich von unserem Jugenbglück erzählte, das so kurz währte, wie ein solches Glück eben währen kann, wenn nicht der Ueberdruß und die Gleichgültigkeit kommen sollen. Weiß dieses Volk denn, wie teuer unsereins solche Monate bezahlt? Ein Weib ist ein bewegliches Wesen, ein liebendes Weib ist in hohem Maße bas Geschöpf bes Geliebten, unb je bebeutenber der Geliebte
in desto höherem Maße ist sie das: ist es doch die höchste Seligkeit des Mannes, sich selbst in der Geliebten wieberzufinden. Unb wenn noch irgend «was Jrbisches, Frembes da sein sollte: auch bas verschwindet in der r*1» • un®' b*e der Liebende von der Geliebten hat. Was ist die Wirk- unscP.alter Mann weiß sehr wohl, bah Frieberike nur an Töpfe no Strickstrümpfe gedacht hätte, wenn sie so einen Philister geliebt hätte, ^az war sie in Wirklichkeit vor meiner Liebe, nach ihr? Ich wünsche der
Guten alles Gute, alles Schöne: aber was sie vorher und nachher war, was geht mich das an? Als ich sie lieote, da war sie mein Gedicht."
Jetzt rollten ihm große Tränen die Wange hinab.
„Nun wird ein anderer Mensch kommen und nochmals schnüffeln und nachweisen, daß der Erste unrecht hatte, und daß Friederike nur mich geliebt hat. Oh, welche Schande, welche Schande! Ich habe mich immer nach der Natur gesehnt, mein ganzes Leben, hier hatte ich sie, hier hielt ich sie. Weshalb muß mir auch das beschmutzt werden durch die menschliche Gemeinheit. — Schweigen Sie, es ist nicht Dummheit, es ist Gemeinheit, welche den tiefsten Grund in der Seele des Philisters ausmacht. Hatte ich nicht auf den Titel meines Buches gesetzt, daß es Wahrheit und Dichtung enthielt — nun muß dieses Pack kommen und s e i n e Wahrheit darstellen, sein Philistertum und seine Gemeinheit. Wie beneide ich Schiller! Er hatte den Hochmut, mit dem man diese Kanaille behandeln muß, von seinem Erleben werden die Leute nichts in feinen Schriften aufspüren."
Der Schlund.
Roman von Alsted Bock.
(Forlsegung.)
Ich kenne manchen, der lieber hungert, als daß er hamstert. Alle Achtung vor so einem Mann! Wer macht denn bei uns jetzt die großen Zechen? Die besseren Leute? Gott bewahre! Grüne Jungen, die in den Munitionsfabriken haarsträubend viel Geld verdienen. Natürlich bringen sie ausgewachsene Mädels mit, die sich schämen sollten, mit den Lausejungen zu verkehren. Daß einer an einem Abend drei-, vierhundert Mark draufgehen läßt, ist keine Seltenheit. Ich hab es mit angesehen, wie so ein Lapps einen Zweimarkschein als Fidibus für seine Zigarette benutzte. Zehn Mark Trinkgeld — bah! eine Kleinigkeit! Na ja, man nimmt’s, aber s geht einem gegen die Ehre. Wohin führen die Zustände? Zum Verfall. Wir werden den Kladderadatsch noch erleben!"
„Die Väter von den Rotzjungen stehn im Feld", sagte der Speckmichel, „die Mütter haben kein Nummero. Freilich darf man die Bürschi net all über ein' Kamm scheren. Ich kenn hier zwei — ’s sind Brüder — die gehn nach Wetzlar in die Munitionsfabrik. Unb geben kein' Nickel zuviel aus. Und haben ein’ Haufen Geld auf der Kaff'!"
Der Oberkellner hob die Hand.
„Das müssen weiße Raben sein!"
Draußen wurde laut ans Hoftor gepocht.
Der Speckmichel erblaßte.
„Kreuzsakrament, der Gendarm!" stieß er heraus.
Sogleich wurden die Lichter in der Scheune gelöscht.
Der Bauer ging, das Hoftor zu öffnen. All die Zeit hatte er Glück gehabt. Jetzt fiel er herein. Donnerschlag noch emal! Das kostete ein Heidengeld!
Er schloß auf.
Vor ihm stand sein Sohn, der Lipps, ein breitschulteriger Artillerist.
„Gu'n Abend, Vater!" 1
Der Speckmichel riß die Augen auf.
„Brammenot, der Lipps! Ei, wo kommst du bann her?"
„Direkt aus bem Selb!"
„Unb bist gesund?"
„No, wie man’s nimmt. Ich bin gestürzt unb hab mir bas Knie verrenkt. Ich schnapp. Sie haben mich heimgeschickt. Sie können mich net mehr brauchen!"
„Gott sei Dank!" rief ber Speckmichel. „Wann bas beine Mutter bock) erlebt Hütt'!"
Der Lipps trat in ben Hof. Er hinkte beträchtlich.
„Willst du dann noch was essen?" fragte der Bauer.
„Nee, ich hab in der Stadt gessen", antwortete ber Soldat.
„So! Ich schätz, du bist müb."
„Das tut die Aufregung."
„Was macht bann die Scheck?"
„Eine Zeitlang dachte man, sie ging kaputt. Sie hat's aber durchge- riffen unb hat etz einen ewigen Hunger."
„Das ist mir lieb."
Der Speckmichel wies auf bas Wohnhaus.
„Deine Stub ist parat. Ich hab noch was in ber Scheuer zu richten." Der Lipps zog bie Brauen hoch.
„Mitten in ber Nacht?"
„Jawohl! Geh mit, ba wirst bu’s gewahr!"
Der Bauer schritt voran unb steckte in ber Scheune wieder die Kerzen an.
Betroffen erblickte der Lipps am Krummholz bas geschlachtete Schwein, bie Schüsseln voll Blut unb das Schlachtgerät.
Der Metzger unb ber Oberkellner kamen aus bem Hintergrund.
Ohne auf ihre Begrüßung ein Wort zu erwidern, maß sie der Heimgekehrte von Kopf bis zu Fuß und verließ mit finstrem Gesicht ben Raum.
In ben nächsten Tagen hielt der Lipps auf dem väterlichen Hof Umschau. Nachdem er sich über den Schleichhandel, wie er hier blühte, genugsam unterrichtet hatte, trat er vor ben Vater unb sprach:
„Wie bie Vagabunden sst schwarz machen unb beschuppen, hab ich brauß' erlebt. Unb hab gedacht: was mich net brennt, lösch ich net. Gegen die Nixnutzigkeit da kommt auch feine an. Hier bin ich bebei interessiert. Ihr schmeißt euch selber auf Maul. Das Felb hat Augen, unb die Hecken haben Ohren. Wann sie Euch langen, spaziert Ihr ins Kittchen!"
Der Speckmichel knarpelte mit den Zähnen.
„Bang machen gilt net! Bild dir net ein, wie du bie Sach bekart'st, wär's- recht. Sie wollen's in ber Stabt net anbers haben. Der Bauer wird geschnellt und schnellt wieder. läufig Mark haben sie mir für mein’ Fuchs geben. Dreitausig Mark muß ich für ben neuen Gaul auf bie Zünbpsann legen. Wo ist ba bie Gerechtigkeit? Vieh aufziehen, Weizen


