Am anderen Morgen brachen mir auf. „Schon' mir die Pferde", hatte die Baronin ihrem Sohn noch nachgerufen. Es war in der Tat die letzte Schlittenfahrt vor der Schneeschmelze. Und doch die. schönste, die ich mitgemacht habe. Je näher mir dem Meere kamen, desto unbeständiger rnurde die Witterung. Eben mar noch Sonnenschein, gleich darauf verdeckten dicke Nebelschmaden jede Sicht. So ging es in aufregendem Wechsel meiter. Hier und da stießen mir auf eine einsame knorrige Eiche. Nur die Nordspitze Kurlands kennt einige Exemplare dieses im Baltikum sonst ungewöhnlichen Baumes. Unser Baron mar aufgeschlossener als sonst. Einmal knallte hinter uns ein Schuß. Als mir erschreckt herumfuhren, klang uns fein schallendes Lachen entgegen. Der Raubvogel freilich mar auch nicht getroffen. Nur noch einmal rnurde der Baron sehr ernst: Als mir an einer Lichtung vorüberkamen, rno er als sechzehnjähriger Junge der Füsilierung seiner Tante hatte beirnohnen und ihr ein Grab schaufeln müssen. — Am späten Nachmittag kamen mir in Taljen an. Neue Menschen mit den alten NötenI Daß es aber doch neue Menschen mar en, das roirtte im Augenblick irgendwie befreiend. *
Ostern 1929. Die Düna ist trotz ihrer Ein-Kilometer-Breite noch immer völlig vereist. Zahlreiche parallele und sich kreuzende Silberstreifen, die von den Stoßschlitten und den sie schiebenden Schlittschuhläufern geglätteten Verbindungsrnege zrnischen beiden Ufern, führen der Stadtverwaltung anschaulich vor Augen, wo neue Brückenbauten am notwendigsten wären. In den Zeitungen steht immer noch nicht, wann der Schiffsverkehr voraussichtlich wieder ausgenommen werden kann. Und dazu rückt der Semesterbeginn in Deutschland in immer bedenklichere Nähe. Es heißt sich jetzt entscheiden. Nun, wenn der finnische Meerbusen gar nicht mehr auftauen will, so ist es halt nichts mit dem so sorgfältig vorbereiteten Abstecher nach Helsingfors! Wir werden uns dann in Estland dafür um so gründlicher schadlos halten. —
Die ersten hundert Kilometer Bahnfahrt liegen hinter uns: Wenden. Cesis nennens die Letten. Wer kennt in Deutschland auch nur den Namen dieses Städtchens, des livländischen Marienburg? Hier wartete der letzte große Heermeister des Deutschen Ordens, Walter von Plettenberg, in großer Sorge auf die Antwort, die ihm das heilige Römische Reich auf seinen Hilferuf hin geben würde. Aber Karl V. hatte andere Sorgen. So stand Zar Iwan der Schreckliche eines Tages vor den Mauern; traf er doch dahinter keine Verzweifelten an: auf freien, mutigen Entschluß hin sprengten sich alle Männer und Frauen, die in das feste Schloß geflüchtet waren, samt diesem vor den Augen der erstaunten Russen in die Luft, nachdem sie zuvor noch einmal gemeinsam das Abendmahl gefeiert hatten.
Zweihundert Kilometer: Walk, die Stadt der alten livländischen Landtage und heute lettifch-estnischer Grenzort. Quer über die Straßen stehen die rotweißroten und blauschwarzweißen Schlagbäume. Um den Reisenden deutlich zu machen, daß sie sich an einer Landesgrenze befinden, hat der Zug sieben Stunden Aufenthalt, bevor er mit einem Aufgebot von Zoll- und Polizeiorganen die paar hundert Meter von Valka nach Valga hinübersährt.
Hier steigt man um, und gleich darauf rattert es in Richtung Dorpat los — mit Brennschieferheizung. Diesen ihren „nationalen" Brennstoff verdanken die Esten deutschen Ingenieuren, die während der Okkupationszeit die Ausbeutung der Gruden bei Kochtel in Angriff nahmen und dort noch heute zum Teil beschäftigt sind. — Wir sehen uns nun im Wagen um — und erschrecken. Diese Mongolengesichter! Es war geradezu beängstigend, in welche Umgebung wir uns ganz plötzlich versetzt sanden. Mit ständig wachsendem Erstaunen flüsterten wir uns jede Neuentdeckung zu. Unsere Aufgeregtheit mußte ordentlich aufsallen. Aber was konnten wir auch dafür, daß der Schaffner, der sich uns langsam näherte, diese typischen «Schlitzaugen besaß, daß bei jenem dort die vorstehenden Backenknochen und die Fellmütze über den Ohren ein ganz eigenartiges Profil ergaben und ich den Kerl in der Ecke als eine Figur aus dem Film „Sturm über Asten" wiederzuerkennen meinte. Dazu dieser immer drückender werdende, schwer auf den Sinnen lastende Oelgeruch. Solch tolles Milieu hatten wir uns am Morgen noch nicht träumen lassen.
Draußen hatte sich indessen auch manches geändert. Die Landschaft kam mir jetzt viel freundlicher — skandinavischer, möchte ich sagen — vor. Die Tannenbestände traten den lichten Birkenwäldern gegenüber stark zurück. — Aber was scherte mich jetzt im Grunde genommen die ganze Umgebung drinnen und draußen? Meine Spannung war ja auf ganz etwas anderes gerichtet: Dorpat, du Stadt meiner Sehnsucht von weit her, jetzt endlich sehe ich dich! Aber wirst du auch meinen lebhaften Vorstellungen entsprechen?
Ich wurde zufriedengestellt: doch wenigstens einen Abglanz jener alten glücklichen Zeit, von der ich seit langem so manche trauliche Geschichte kannte, durfte ich schauen. Wo steht das Wohnhaus Ludwig Schwabes, von dem er so reizend zu erzählen weiß, wo lebten und wirkten der Chirurg von Bergmann, die Anatomen von Baer und Räuber, die Theologen von Dettingen, Reinhold Seeberg und Adolf Har- nack? Wie im Rausch stürmte ich durch die Straßen zur blendend weihen säulengeschmückten Universität, deren erster Kurator Goethes Jugendfreund Maximilian Klinger gewesen war, auf den Somberg, dessen sonst ausgebrannte Kathedrale in ihrem Dftteil die Universitätsbibliothek birgt, hinüber zu der durch ihr großes Teleskop einst so berühmten Sternwarte und dann wieder hinab an den schiffbaren Embach, der so manche verschwiegene Mondscheinpartie gesehen hat. Dorpat, du deutscheste Stadt des Baltenlandes! Ressource, Muße, „Novum" (der Mensur- und Kneiport), was erzählen alle diese Namen! CasS Wattmann, unentbehrlich zu gemütvollen Stunden. Woran sollte es noch fehlen, damit die ganze besinnliche Atmosphäre der kleinen deutschen Universitätsstadt hergestellt werde? Ich hatte übergroßes Glück: Einen „Völkerkommersch" der deutschen Korporationen, nein, aller irgendwie zum akademischen Leben in Beziehung stehender „Dörptscher" — und das sind so ziemlich alle —, wie er in den letzten zehn Unglücksjahren nicht mehr stattgefunden hatte, durfte ich in all seiner bunten Bewegtheit miterleben. Und das Finale:
Nächtlich bei niederrieselndem Schnee wandere ich mit einem der wenigen heute noch beamteten deutschen Professoren über den Domberg und durch die umliegenden Straßen. Jedes Haus hat feine Geschichte, und sie entrollt sich mir in lebendigen Farben. Schmerzlich nur, daß eben alles Geschichte ist. —
Und dann Reval. Das nordische Nürnberg heißt es nicht mit Unrecht. Baron Stahl führte uns an zwei Vormittagen durch die historische Stadt. Vor dem Schwarzhäupterhaus, dem einzigen Gildengebäude, das man den Eigentümern gelassen, machen mir halt. „Beachten Sie doch die Wappen der vier Hansaniederlassungen London, Bergen, Wisby auf Gotland und Nischni-Nowgorod", sagt unser Führer mit bitterer Ironie. — Auch Reval hat seinen „Dom", von dem aus es gewohnt ist, die Gesetze seiner Gebieter entgegenzunehmen. Von stolzer, weithin vom Meer aus sichtbarer Höhe flattert heute die estnische, wie vordem die russische, schwedische, deutsche und dänische Flagge. Auf engem Raum drängen sich hier das gewaltige Ordensschloh, der in seiner Geschichte mit dem Schicksal der estländisch-deutschen Ritterschaft eng verbundene Dom und die mit fünf vergoldeten Zwiebeln gekrönte russische Kathedrale zusammen. Den Esten „blieb also nichts anderes übrig", als Schloß und Dom zu enteignen und eine bis jetzt zwar noch ausgeblichene Gelegenheit abzuwarten, um die Kathedrale niederzureißen, damit ihrem Staatspräsidenten nicht länger „die Aussicht versperrt wird". Zwischen zwei Privathäusern hindurch hat man hier einen unvergleichlich schönen Ausblick auf die See. Wenn einem nur solch ein Erlebnis nicht gleich wieder durch bittere historische Reminiszenzen vergällt werden würde! „Sie wissen, auf dieser Reede ... Drüben in den finnischen Schären fand am 25. Juli 1905 Jene trotz aller augenblicklichen Erleichterung in ihrem Endeffekt doch so grausam ergebnislose Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus statt."
Mit Revaler Mädels fuhren wir zum Rusfolkadenkmal hinaus. Puh, diese Kälte! „Aber Sie dürfen auch nicht vergessen, daß Sie 450 Kilometer Bahnfahrt hinter sich haben." Hinter dieser Ciswüste liegt also Helsing- fors. Nur vier Stunden Dampferfahrt weit. Schade. — Aber dieser bronzenen Engel am Strand, wo deutet er hin? Ein Erinnerungsmai für ein im Frieden gesunkenes russisches Kriegsschiff. „Das Vaterland vergißt euch nicht." Aber wenn sich das Vaterland selber vergessen hat?!
Je besser es uns in Reval gefiel, desto mehr bedrückte uns die Sorge um unsere nächste Zukunft. Da nämlich der Grenzbehörde unglücklicherweise ihr Verlangen, unseren Reisepaß mit einem neuerlichen Sichtvermerk zu verzieren, nicht erfüllt worden war, waren wir nun unserer Pässe beraubt, standen unter Polizeiaufsicht, ja, unsere Anwesenheit war aus diesem Anlaß durch eine Notiz unter der Rubrik „Schicksal und Verbrechen" für uns kostenlos in der Tagespresse betanntgegeben worden. Als wir „Bolschewiken" oder „Kokainschmuggler" dann schließlich frei- gegeben waren, stand unser Entschluß fest, nun erst recht auch einmal an die russische Grenze zu fahren.
Gegen Mitternacht trafen wir auf dem Bahnhof ein. Tallin—-Lenin- grab (Reval-Petersburg würden wir sagen) stand an den Wagen. — Bei Nacht reift man im Osten auch in der Holzklafse bequem. Ueber den Sitzplätzen ist ein weiteres Brett angebracht, das man dann allgemein heraufklappt und so reine Schlafwagenzüge schafft. Für mich freilich gab es die ersehnte Ruhe zunächst noch nicht. „Wollen Sie wirklich nach Rußland reifen?" Nun ja, diese Frage ist verständlich. Aber ich bin doch zu sehr vorsichtig gemacht, um mich mit diesem weltfremden Menschen da in eine Unterhaltung einzulassen, wie er wohl gern möchte. Dis Taps also heißt es sich den Schlaf aus den Augen reiben. Endlich kommen wir dort an. Aber ich muh meinen interessierten Reisegenossen erst mehrmals daran erinnern, daß er hier zu Hause ist. Erst als der Zug schon wieder im Anfahren ist, springt er heraus.
Die Unterhaltung von ein paar estnischen Bauern in ihrer wohlklingenden Sprache macht mich wach. „Gibt es draußen was Neues? „Schnee", kommt es von dem Brett gegenüber zurück. Ein Blick auf die Karte. Nein, hier kann auch wirklich nichts zu sehen sein. Nach Taps kommt noch Wesenberg und bann nichts mehr. — Dann aber wird es Zeit Noch einmal habe ich einem prüfenden Augenpaar zu begegnen. Ader auf die ganze lange, mir natürlich unverständliche Frage des estnischen Militärs habe ich nur das eine Wort „Narva". Und dann sind wir da.
„Komm' hierher, hier sieht man bereits alles!" In der Tat schoben sich jetzt die beiden Burgen vor dem frostroten Morgenhimmel und hinter einer vollkommen niedergebrannten Stadt in die Höhe. Hier hatte her Krieg erst 1920 geendet. In der Neujahrsnacht war das letzte schwere Bombardement über der unglücklichen Grenzstadt niedergegangen. Narva! Viel wäre zu erzählen; aber das alles würde ja nur verhindern, daß der Blick auf dies eine große Erlebnis konzentriert werden kann, das jeden Besucher für die Stunden feines Aufenthaltes ganz gefangen nimmt: Auf {teilen Userrändern, getrennt durch die tief ins Gestein sich wühlende und in wilden Strudeln herabsturzende Narowa, stehen sie sich dräuend gegenüber — die Hermannseste uno Iwangorod. Sie atmen das Leben zweier verschiedener Welten, oen, wenn auch auf engem Raum, stolz in die Höhe strebenden germanischen Geist und die im Bewußtsein unendlicher Weite schwer und breit über die Ebene hingelagerte slawische Seele. Hier hat bas Abendland seine endgültige Grenze. — Hinauf auf den Turm! Hinter Iwangorod eine pch ins Unendliche verlierende gerade Linie — die Straße nach St. steter - bürg. Alles andere geht in der monotonen Einsamkeit der an dem unklaren Horizont mit dem Himmelsgrau verschmelzenden ewigen Schneefläche verloren. — Wie aus unsagbar weiter Ferne tritt es jetzt wieoer in mein Bewußtsein ein: jenes erste Erlebnis der nordischen Ebene m dem schweren Ernst der märkischen Landschaft. Vielmals verstärkt, wie zu einer gewaltigen Symphonie rauscht es jetzt empor, um bei dem Gedanken an Walter Flexens einsames Grab drüben auf Oesel doch roteo in die schlichten alten Verse auszuklingen, die mir der hämmernde NYM mus des Zuges, der mich vor dreiviertel Jahren durch Thüringen i wärts führte, nicht aus den Ohren kommen lieh:


