SießenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang MV Montag, den 17.November Nummer 89

An den Mond.

Von I. W. von Goethe.

Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild

Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild lieber mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Einsamkeit.

Fließe, fließe lieber Fluß!

Nimmer werd' ich froh, So verrauschte Scherz und Kuß, Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal. Was so köstlich ist!

Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang. Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu.

Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht. Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.

Als Student auf deutschem Schicksalsboden.

Von Albert Erich Schmidt, Gießen.

(Schluß.)

II*.

In der deutschbaltischen Arbeitszentrale zu Riga hängt eine Karte, auf der alle Orte Lettlands eingezeichnet find, in denen Deutsche wohnen. Seien es auch nur einer oder zwei, die Zahl steht in den Ringen. Von Zeit zu Zeit unternehmen der Leiter der Kolonistenabteilung, der Jugendfürsorge usw. Inspektionsreisen auf das Land. An einer solchen nahm ich im März 1929 teil. Wir fuhren nach T u ck u m, einem wahren Zentrum deutscher Nöt. Mittelpunkt des Deutschtums ist der Schuldirektor, der vor seiner Verwundung in derSchlacht'' bei Wenden gemeint ist der hinterlistige Raubüberfall der Letten und Esten auf die mit ihnen verbündete Baltische Landeswehr zum Dank dafür, daß diese ihnen die Bolschewiken aus dem Lande vertrieben hatte ein schneidiger Ka- vallerieosfizier gewesen war. Er zeigte uns Zeichenmappen aus seinen Reiterjahren und schenkte uns eine Lithographie von dem deutschen Hel- denfriedhof, der hier besonders schön auf dem Südende einer ge­waltigen Moräne gelegen ist. Die weißen Umfassungssteine sieht man schon vom Städtchen aus leuchten. Auf jener lichten und luftigen Höhe stehen die kleinen steinernen Kreuze in langen Reihen und ausgcrichtet wie auf dem Kasernenhof nebeneinander. Unwillkürlich fiel es uns ein: in gleichem Schritt und Tritt ...

. Äußer den Kirchen ragen nur zwei Gebäude über die kleinen Holz­häuser empor. Einmal die jetzige deutsche Schule. Sie war noch ein Privathaus, als die Enteignungsgeißel gegen die Balten tobte. Der Be­sitzer sägte kurz entschlossen sämtliche Balken durch. Daraufhin wurde sein Eigentum gelassen. Das Rathaus steht auf einem historischen Platz, denn hier ist 1905 die lettische Revolution das Präludium der darauf folgenden russischen ausgebrochen, die Hunderten von deutschen

* Vgl. den ersten Teil in Nr. 88 vom 14. November.

Grundbesitzcrfamilien den Tod oder doch die Vernichtung ihres Eigen­tums gebracht hat.

Wir fuhren nach Kandau, wo wir von Kolonisten erwartet wurden, die uns mit ihren Schlitten nach dem Restgut des Barons K. bringen sollten. Bei Dunkelheit kommen wir vor dem Herrenhaus an und werden von den Hofhunden recht unfreundlich empfangen. Dann betreten wir das langgedchnte, aber wohl einstöckige Gebäude. Aber warum ist nur alles so schwach beleuchtet? Ach so, hier draußen gibt es noch kein elektrisches Licht. Der junge Baron, eine achtunggebietende Gestalt, hilft uns mit wenig Worten zurecht. Dann sitzen wir zusammen zu Tisch. Auch jetzt werden nicht viel Worte gewechselt. Es ist fast peinlich. Die alte Dame, die noch hinzutzekommen ist, die Mutter dieses Prachtmenschen, der mir jetzt gegenübersitzt, fördert auch nicht recht die Unterhaltung, denn sie ist schwerhörig und wer ihr etwas sagen will, muß ihr ge­radezu ins Ohr schreien. Aber wozu auch sich unterhalten? Wer in solchem Kreise sitzt, weiß ja schon alles, was hier gesagt werden könnte. Nur einmal an diesem Abend kommt die Unterhaltung einen Augenblick lang in Fluß. Die alte Dame fragt, ob es auch wirklich einwandfrei feststehe, daß die Deutschen eher in diesem Teile Kurlands gewesen seien als die Letten. Man merkt es der Frage an: in einsamen Stunden hat diese deutsche Frau mit dem Gedanken gerungen, ob sie dem Volk, das ihr all dies unsagbare Leid zugefügt hat, nicht doch irgendwie Unrecht tue, wenn sie die fürchterlichste Anklage wider es erhebe.

Welch ein Geist beherrschte dieses Haus! Die Mutter:Die Letten haben uns gesagt, es ginge uns nicht eher besser, bis wir uns auch als Letten fühlen wollten. Aber wir können doch nicht die Gottesgabe un­seres Volkstums verleugnen." Als wir uns verabschiedeten:Es tut mir leid, daß Sie schon weiter wollen. Gäste sind uns Kurländern ein Ge» schenk." Der Sohn:Und wenn sie uns nur einen Hektar ließen, wir würden von diesem Boden nicht weichen." Das alles ohne Emphase, in der Unterhaltung schlicht dahingesprochene Worte. Auch das letzte. Denn praktisch macht es keinen Unterschied aus, ob man dem deutschen Baron fünfzig oder nur einen Hektar läßt. Das eine wie das andere reicht nicht dazu aus, daß er die in ihm angelegten Kräfte entfalten, feine Lebens­aufgabe erfüllen könnte. Die ihm zugemutete Beschränkung seines Tätig­keitskreises läßt ihn langsam verkümmern.

Anderntags sammelten wir die deutsche Bauernjugend in die Schule. Der junge Baron, der Jugendpsarrer aus Riga, wir zwei Studenten und diese Bauernjungen und -mädels fühlten uns als Schicksalsgenossen. Der Baron als der Leiter des Bauernjugendvereins (!) sorgt dafür, daß diese jungen Menschen dem Deutschtum nicht verloren gehen, so wie die Baronin die Beraterin der Bäuerinnen ist. Dabei drängt sich keiner der beiden Teile dem anderen auf. Man hat Vertrauen zueinander. Als wir den vereisten Pappelweg, der zur Schule führte, wieder herunterglitten, teilte uns der Baron freudestrahlend mit, daß die zwei nettesten und offenbar auch intelligentesten Bauernkinder, mit denen zusammen gewesen waren, sich feit einigen Tagenversprochen" hätten.

Und dann standen wir eine endlos lange Zeit im freien Feld und warteten auf den Schlitten, der uns zurückbringen sollte. Das erste Schmelzwasser rieselte uns über die Füße, wir hatten Hunger, und es war überhaupt trostlos öde und grenzenlos einfam, wohin man auch blickte.In einer solchen Nacht", meinte der Pfarrer,erstürmten die lettischen Schützenregimenter drunten bei Mitau im Schutze weißer Mäntel die deutschen Stellungen und richteten in bekannter Grausamkeit ein furchtbares Blutbad an." Aber er fand jetzt kein Echo. Dann hörte ich ihn ganz unvermittelt an den Baron die Frage richten: .Kennen Sie eigentlich das Gefühl der Furcht?" Ich war ordentlich erschrocken und weiß jetzt noch nicht, was der Baron geantwortet hat. Aber wie konnte man denn auch nur so etwas fragen ?! Dieser Mensch, der hier über­haupt der einzige feste Punkt in der Landschaft war, in der sonst alles in schmutzigem kaltem Grau verschwamm, dieser Mensch mit diesem un­geheuerlichen Schicksal, wie sollte der auch nur noch einen Augenblick dort unbeweglich aufrecht stehen können, wenn er wüßte, was wir Men­schenkinder mit den viel sensibleren Nerven Angst oder Furcht heißen? Mir trat der einzelne Grabstein inmitten des Tuckumer Heldenfriedhofs vor das geistige Auge. Da standen die Namen von fünf Heykings dar­auf, die von den Bolschewiken ermordet worden waren, dann kamen der Vater und der Bruder unseres Barons und dann noch elf andere Namen. Rein, auch die Baronin hatte darum keine Furcht, weil sie jetzt ständig eine Schußwaffe bei sich führte! Sie hatte ja ganz recht, wenn sie allgemein mißtrauisch war.Einen Jungen hätte ich nicht zu verlieren brauchen. Aber in Deutschland wußte man offenbar nicht, daß es auch Deutsch-Russen gab. Sonst hätte man doch wohl eher die Grenze ge­sperrt, als der Krieg ausgebrochen war. So aber mußte bei meinem Sohn in dem Widerstreit zwischen Pflicht und Gefühl die Pflicht den Ausschlag geben. Denn schließlich war er ja auch noch russischer Offizier. Er ist dann gleich anfangs in den Karpathen gefallen." Das war für uns Reichsdeutsche nicht angenehm zu hören gewesen.