M
„Ich verdurste", versicherte der Bey und deutete mit dem Daumen vorwurfsvoll über die Schulter. „So ist er nun einmal. Hast du in Schubra jemals mit ihm gegessen, ohne daß er dir Wein vorsetzte? Und in Wien und in Paris gewöhnte er mich förmlich daran. Soll man jetzt in dieser trockenen Wüstenluft zugrunde gehen? Ich bitte dich bei dem Allbarmherzigen, gib mir einen Schluck Wein!"
„Heute, o Bey, in der heiligen Nacht des Verhängnisses!"
„Die Stunde ist vorüber; der Lotosbaum ist geschüttelt. Liegt mein Blatt am Boden, so hilft alles nichts mehr", belehrte mich Rames. „Und wenn du keinen Wein hier hast und kein Erbarmen, so fällt es noch nachträglich zur Erde. Suche! Oeffne deinen Koffer! Der Allgütige wird dich segnen."
„Bist du des Kuckucks? Wenn man dich erwischt!" mahnte ich mit einiger Besorgnis.
,,Wir sind auf Reisen — ich bin krank; und mehr als all das: die Tore der Buße stehen dem Gläubigen offen zu jeder Zeit. Vorläufig aber muß ich etwas zu trinken haben." Ein Lichtstrahl erhellte sein Gesicht. Er hatte sich selbst an den Koffer gemacht und eine der zwei Flaschen Ungarwein gefunden, die in einem Winkel desselben geborgen lagen. Aus der unerschöpflichen Tiefe seiner Beinkleider erschien mit erstaunlicher Geschwindigkeit ein Korkzieher.
Die Szene war mir weder überraschend noch neu. Rames Bey war kein Fanatiker seines Glaubens und hatte nicht zum erstenmal Trost und Stärkung bei mir gesucht, wenn ihm sein Adiutantendienst zu trocken oder zu heiß wurde.
„Gut!" sagte ich, brachte eine Teetasse und ein Weinglas hervor und wandelte den Koffer wieder in einen Tisch um. „Setze dich, Rames. Ich bin gern« bereit, wenn es dein Gewissen erlaubt, ein Gläschen mit dir zu trinken. Es war heute staubig und schwül genug. Setze dich!"
Er betrachtete den Schaukelstuhl mit mißtrauischer Miene. Dann warf er sich dröhnend auf mein Bett, griff nach der Teetasse und schlürfte das verbotene Getränk mit unendlichem Behagen.
„Gut, sehr gut", schmunzelte er mit dem Gesicht eines Schuljungen, der Aepfel stiehlt. „Warum ließ Allah Reben wachsen und will sie seinen Gläubigen entziehen? Sind wir Narren oder Wachabilen? Wer weiß, ob unsre Schriftgelehrten den Koran richtig verstehen. Er gibt uns die Wahrheit, aber wir müssen sie deuten. — Schenke mir noch ein wenig ein, mein Bruder!"
Für einen Riesen wie Rames Bey war eine Teetasse Ungarwein allerdings keine Böllerei. Ich füllte seine Tasse und mein Glas wieder und setzte mich in den Schaukelstuhl, während sich Rames zurllcklegte, wie wenn er die Nacht trinkend bei mir zuzubringen gedächte. Sein Gesicht wurde ernst, wie es gewöhnlich war.
„Du hast heute mehr gehört, als der Prinz den Fremden zu erzählen liebt", sagte er nachdenklich, „aber doch nur die Hälfte."
„Willst du mir die andre Hälfte erzählen?" fragte ich mit erwachender yieuQwiT.
„Willst du mir noch ein klein wenig Wein geben, mein Bester?" frcflte er.
Ich füllte seine Tasse zum drittenmal. Die Flasche war schon über halb leer. Er warf einen prüfenden Blick auf ihren Inhalt.
„Setze dich näher zu mir", sagte er. „Es geht nicht, von diesen Dingen laut zu sprechen. 0 Allah, wie bist du gütig in allem, was du geschaffen hast!" Damit setzte er die dritte Tasse an den Mund, warf sich auf das Bett zurück, sah mit starren Augen an die Zeltdecke und begann zu erzählen, einförmig, flüsternd, wie wenn er aus einem Buche läse. Ich saß in dem Schaukelstuhl, mit gespannter Aufmerksamkeit lauschend. Es war nicht leicht, ihn zu verstehen, und es ist nicht unmöglich, daß ich ihn da und dort mißverstanden habe. Aber ganz unmöglich ist es, in seiner Sprache wiederzugeben, was er mir mitteilte, den düsteren Zauber dieser fremden Welt hervorzurufen, die in fast unartikulierten Lauten in jener Nacht mich umspann. Er sprach meist Französisch, das Französisch eines ägyptischen Mamelucken. Dazwischen, wenn er in Eifer geriet, kamen lange arabische Sätze, dann türkische Worte und hier und da ein Ausruf, fremd und wild, der im Kaukasus verstanden worden wäre. Ich suche zu geben, was vom Wesentlichen seiner Erzählung mir in der Erinnerung haftet, und übersetze, so gut es geht, was unübersetzbar bleiben wird. Denn was auch die Gelehrten schreiben mögen, der Westen und der Osten sprechen keine Sprache, die beide verstehen.
„Sie kennen die Geschichte Mohammed Alis", begann er, „des großen Vizekönigs, des Vaters unsers Herrn, wie er klein nach Aegypten kam, ein großes Reich eroberte und die Welt bis gen Stambul erschütterte. Doch als er starb, hinterließ er nichts als ein erschöpftes Land. So war es mit allem, was er besessen hatte; — nach dem Willen Gottes. Von der Schar seiner Kinder lebten mir noch sieben, fünf Söhne und zwei Töchter. Dazu war der älteste, Ibrahim, der gewaltige Feldherr, nicht sein Sohn. Das wußte alle Welt, wenn man es auch nicht zu hören liebt. Denn unser heutiger Vizekönig, Ismael Pascha, ist dessen Sohn. Ibrahim aber war nur der Stiefsohn des großen Paschas und hat nicht einen Tropfen vom Blute Mohammed Alis in feinen Adern. Ebensowenig hat Ismael. Aber Gott gibt di« Macht, wem er will.
Mohammed Ali, Friede sei mit ihm, litt nicht an einem allzu weichen Herzen. Aber er liebte Tussun, seinen ältesten eignen Sohn, wie er keinen andern geliebt hat. Dies war sehr merkwürdig, denn Tussun war sanft, griff lieber nach Büchern als nach dem Schwert und konnte seinen Feinden nichts zuleide tun. Trotzdem war er tapfer, wenn es seine Pflicht gebot, und focht in Syrien und Arabien gleich jedem andern wackeren Moslim. Ob er an der Pest starb, wie die einen glauben, die erzählen, daß er von einer schönen Griechin nicht lassen wollte, die sterbend in seinen Armen lag, oder an einem Trünke Scherbel, der allzu süß war, das weiß nur Gott und Ibrahim Pascha, sein Stiefbruder, der ihn haßte. Niemand wagte, dem Vater die Nachricht vom Tode seines Lieblings zu bringen. So legten sie die Leiche vor das Schlafgemach des Vizekönigs,
Verantwortlich: Dr. HanS Thhrivt. — Druck und Verlag: Drühl'jche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. N. Lange, Gietzen.
Jed Lido i ©efiefjt Gondel Liese C ihrer S Ton eil Den Gar spazien Hand s austreti Pietro, Unb Lächeln, schwarz Der Glasser ein gro Er wai edel wi haar b haut. I nach ui gab, oh ein Me rasen g Generai buum t schien,
Rem da er deren 3 La mar gekleidet ihn lebe Sänge r Venezia Hon, jh Venedig Mitbürg schnob, liebte in Tizian | cignorii er zuwe greiflich. „ An Zrmz r Gemach, baut, en [reisruni der drei beginnen Srande.
Die'f Der •»ar der
so daß er sie finden mußte, wenn er des Morgens aus dem Harim trat. Der starke, trotzige Mann, der nichts geliebt zu haben schien als (eine Macht, brach zusammen wie ein Weib. Selbst die, die ihm den Schrecken bereitet und den Toten vor seine Tür gelegt hatten, entgingen der Strafe. Er selbst wurde fünf Tage lang von niemand gesehen. Dann kam er wieder zum Vorschein, ruhig und finster wie die Mitternacht, und befahl, den kleinen Sohn Tussuns aus dem verwaisten Harim seines Sohnes in das des Großvaters zu bringen. Das war Abbas, der Knabe, der Abbas Pascha wurde.
Aber auch eine Tochter hatte der große Vizekönig, die er liebte: Zohra. Ganz Kairo spricht heute noch nur flüsternd von ihr, denn sie wurde Zohra Pascha.
Sie war im Alter von Abbas, vielleicht um ein Jahr jünger, und das Spielzeug ihres Vaters. Sie allein durste ihn am Barte zausen und tanzte für ihn wie eine kleine Gazije, daß ihm die Tränen des Lachens in die Augen traten. Aber das war es nicht, weshalb er sie liebte. Aus ihren blitzenden, kohlschwarzen Augen sah der Vater, wie bei keinem einer Kinder. Sie war eine Königin von fünf Jahren und herrschte in ihrem kleinen Kreise mit einem Willen von Eisen. Sie war ein Engel, wenn sie lächelte, aber wenn der Zorn sie beherrschte, war sie eine kleine Teufelin. Beides freute ihren Vater. So hatte er sein eisernes Regiment am Nil aufgerichtet, obgleich Tausende sich gegen ihn erhoben hatten. Er wußte, wenn er sie spielen sah, daß sein Ebenbild in dem Mädchen lebte, und er liebte sich selbst in dem Kinde.
Abbas sollte ihr Gespiele (ein. Die beiden Kinder waren noch klein genug, um auf ein paar Jahre zusammen erzogen zu werden, und der Pascha wollte sich in den Mußestunden an ihrem Geplauder vergnügen. Aber es ging nicht gut. Abbas war nicht wie fein Vater; er war ein böser, herrischer Junge von klein an. Auch bei ihm zeigte sich der Geist des Großvaters: fein Stolz, feine Herrschsucht, sein Eigenwille, aber nicht die Klugheit und die Selbstbeherrschung, die die Größten groß macht. Schon nach wenigen Tagen maßen sich die Kinder mit feindlichen Blicken. ,Jch bin ein Mann', sagte der Junge und ballte die Faust, wenn man ihm sein liebstes Spielzeug, seinen Dolch entwand, .du bist nur ein Mädchen.' .Ich bin seine Tochter', schrie Zohra, blau vor Zorn, ,bu bist nur der Junge meines Bruders!' Mohammed Ali hatte es leichter gefunden, der alten Mameluckenfürsten Herr zu werden, als diese zwei kleinen Feuerteufel zu regieren.
Die gemeinsame Erziehung kam zu einem raschen Abschluß, als eines Tages in den Gärten zu Roda Abbas der Prinzessin das stolze Näschen blutig geschlagen und sie dem Prinzen die Haarlocke ausgerissen hatte, die auf seinem glattrasierten Köpfchen prangte. Beide bluteten, und aus zwei gellenden Kinderkehlen schrie das vergossene Prinzenblut gen Himmel. Diener und Dienerinnen, welche die Katastrophe nicht verhindert hatten, erhielten gebührend die Bastonade. Der kleine Prinz wurde mit einem französischen und einem arabischen Lehrxr nach der Militärschule zu Santa verbannt, mit der Weisung, sich am Hofe nicht mehr zu zeigen, bis er lesen und schreiben gelernt habe, wogegen er sich bis jetzt beharrlich gesträubt hatte. Die Prinzessin erhielt eine englisch-französische Gouvernante, die in Paris gesunden worden war. Tatsächlich war Miß O'Donald eine Irländerin, sonst hätte der Pascha sie wohl nicht berufen, denn die Engländer waren nicht seine Freunde, und es wäre klüger gewesen, er hätte sich auch vor den Iren besser gehütet; sich und seine Tochter. Die Europäerin war ein wunderliches Wesen, klug und verschlagen, aber voll Lebenslust und Neugier und Abenteuer. Damals waren noch wenige Frauen des Westens in unsere Harims gedrungen. Sie glaubte, die Geschichten ans Tausendundeine Nacht ließen sich weiterspinnen in unsern Tagen. Manchen Bey und manchen kleinen Pascha führte sie an der Nase herum und merkte kaum, wie gefährlich dies ist. Davon erzählen die alten Mamelucken noch, die zu jener Zeit am Hose dienten. Die Prinzessin aber wuchs heran, und bald wußte man nicht mehr, wer die Erziehung leitete, die Gouvernante aus Irland oder die kleine Fürstin des Nils. Es war eine Freundschaft! Nur die alten Damen des Harims ärgerten sich und murrten, und die jungen schalten und flüsterten, und schon längst hätte es einen großen Ausruhr gegeben, wenn nicht Zohra ihrem alternden Vater alles vom Munde geküßt hätte, wie ihr bunter Kakadu den Zucker aus ihrem Munde nahm. Viele liebten sie, trotz allem. Sie konnten nicht anders, so schön war sie geworden.
Damals war mein Herr, Halim Pascha, ein kleines Kind, ihr jüngstes Brüderchen. Sie scherzte und spielte mit ihm, und er hielt sie für einen Engel des Paradieses. So kam es, daß er noch heute nichts davon Horen kann, was man von ihr erzählt, obgleich sie hinging, von wo kein Wiederkehren ist. Nicht ihr Leib. Der Allbarmherzige sei ihr gnädig. Er wech, ob ihre Feuerseele Ruhe gesunden hat. Die ist dahin für immer.
So verflossen acht Jahre. Abdas hatte lesen und schreiben gelernt und war längst wieder in Kairo. Auch hatte er jetzt sein eigenes Haus uno Harim und war schlau genug, die Gunst seines Großvaters, der ihn m kindischen Liebesbeweisen Überhäufte, so rasch nicht wieder aufs Spiel zu setzen. Es rächt sich alte Härte. Der große Mann brauchte ein wenig Liebe in seinen letzten Jahren und wußte nicht, wo er sie suchen |oute- Da ereignete sich etwas Entsetzliches, von dem nur wenige Mameluac und Eunuchen so viel erfahren haben wie ich. Denn damals i“)01’,. hörte ich zu Abbas' Haufe, und da ich ein allzu kleiner Junge afljtw niemand darauf, daß ich mehr hörte, als gut für mich gewesen ist.
Es war das Fest der Hassanen, an dem sich Tausende in der Mosche des heiligen Märtyrers Hussein versammeln, um vor dem Schrein beten, in dem der Kopf des Helden Allahs begraben liegt. 23e(on » kommen Frauen. Das ist eine alte Sitte, wie du weißt, denn ou v sicher das Heiligtum auch besucht, obgleich du dich noch weigerst, Propheten zu segnen. — Gib mir noch etwas Wein, o Bruder. Aue schichte macht mir warm; Uff!"
(Fortsetzung folgt.) __


