Ausgabe 
17.3.1930
 
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ykh Chikago hat den Mittlern Westen im Rücken, das Reich, das wir Mtitelamerika nennen, Mars, «chweine, Weizen, (Streit, Kohle, Industrie- bezirk ein neues Zeitalter fährt auf Öen Rädern der Eisenbahnen über einen Kontinent dahin, schafft eine unglaubliche Menge von Gutem auf Eisenbahrlen durch ein unermeßliches Gebiet, in dessen Mittelpunkt Chi­cago steht. ...

Und durch Chikago hindurch. Auch du wirst in diesen Strom hinein- geriffen, ganz gleich, auf welchem Wege und zu welchem Ziel du fährst.

Chikago ist, was es fein will, was es wurde. Chikago ist noch unge­formt Wer kann sagen, was es werden wird? ,

Es liegt etwas Furchtbares im Formungsvorgang jeder großen Stadt; und Chikago ist noch in der Formung begriffen. Wenn es geworden ist, wird es kein zweites Neuyork, London, Paris sein. Es wird Chikago fein,Hier bin ich. Scher dich zum Teufel!" Es war die Stadt meiner jungen Mannesjahre der Zeit, da ich zuerst, undeutlich noch zu begrei­fen begann, was die Großstadt von der großgewordenen Kleinstadt unter­scheidet. Großstädte haben ein fast ebenso deutlich ausgeprägtes Cigen- weien wie Völker, Bäume, Hügel, Menschen.

Chikago ist furchtbar und es ist in manchen Augenblicken schon aus eine Art, die du erst dann begreifst, wenn du lange Zeit darin gewohnt hast. Wenn du in ihm betrauter. und ohne Hoffnung warst, wenn du durch das Leden in ifrni elend warst bis ins Mark deiner Knochen, n>enn du Chikago hingenommen hast wie ein Schicksal, wenn öu dann hoff­nungslos durch endlose Straßen gewandert bist dann beginnst du feine fast rvilde Schönheit zu erkennen. Dann hat die Stadt, die dich so ängstigte und bedriickke, schließlich doch noch einen Sinn für dich bekommen, der sie, wo immer du auch lebst, zu deiner Stadt macht.

Ich war in Chikago ein junger Mann, fast noch ein Knabe. Hier sah ich öie erste Frau, die mich abwies, und ich empfand, was ein Mann empfindet, wenn er auf solche Art zurückgestohen wird. Hier bracht« ich zuerst Tinte zum Fliehen, hier sang ich mein erstes Lied. Hier schrieb ich nach vielem Bemühen' den ersten Satz, der meTTtem Urteil standhielt, als ich ihn am Tage darauf wieder las. Hier vernahm ich zum erstenmal Wenschenftimmen in lebendiger Beziehung zu Straßen, Häusern, Städten, sah ich zum erstenmal einen wirklichen Schauspieler über die Buhne gehen, erlebte zum erstenmal Musik- und Malkunst.

Wenn ich in irgendeine andre Großstadt der Welt komme, so bin ich Gast. In Chikago bin ich daheim. In Chikago- Wesen lebt etwas Gelocker­tes, Ungestaltetes, Wildgewachsenes, das auch ich in mir habe. Chikago ist ein wenig so, wie ichbin. Ich bin mehr als ein wenig so, wie Chikago ist. Kein Mensch kann seiner Stadt entlaufen.

Ich bin nicht stolz öarauf. Und Chikago wird auch wohl nicht stolz sein. Es ist eine echte Großstadt m e t n e Stadt.

Nimm es hin, wie es ist oder mach, daß du hinauskommst.

Da ist es.

Und hier, Gott helfe mir, bin ich.

(Aus dem Amerikanischen übertragen von Karl L e r b s.)

Tempefairrrgrenze» des Lebens.

Von Prof. Dr. phil. et med. A. Pütter.

Wenn wir Nahrungsmittel vor dem Verderben schützen wollen, so erhitzen wir sie auf 90 oder 100 Grad und lassen sie dann, geschützt vor dem Zutritt von Luft, erkalten. Die Fäulnis wie die Gärung, denen sonst Fleisch oder Früchte leicht anheimfallen, sind dadurch verhindert, denn durch die Erhitzung haben wir die obere Temperaturgrenze des Lebens der Bakterien, Hefepilze und Schimmelpilze überschritten, haben sie getötet; und wenn durch guten Verschluß der Maser dafür gesorgt ist, daß nicht von neuem Lebenskeime mit der Luft in sie hineingelangen, so kann sich der Inhalt lange Jahre in vorzüglichem Zustand erhalten. Daß die Siede­hitze alles Leben tötet, scheinen auch die Beobachtungen an den natürlichen heißen Quellen zu lehren, denn weder in den heißesten Teilen der mäch­tigen Geiser von Neuseeland, Island oder Jellostonpark, in den Tempe­raturen bis 1'20 Grad Vorkommen, noch in den Karlsbader Thermen, die 73,8 Grad messen, findet sich Leben. Diese Quellen, die sich an der Lust bald abkühlen, gestatten auch die Beantwortung der Frage, welches die höchste Temperatur (im Wasser) ist, bei der in der Ratttr lebende Wesen dauernd vorkommen, d. h. sich nicht nur erhallen, sondern auch vermeh­ren können. Aeltere Angaben, nach denen in Siede quellen lebende Pflan­zen aus der großen Gruppe der Algen schon an Stelle gefunden würden, di^Mus 93 Grad Celsius messen, haben sich nicht bestätigt, vielmehr zeigt da^chennometer an den Stellen, an denen ein feiner spanngrüner lieber« zag der Steine das erste Auftreten der eigentümlich selbstbeweglichen Fäden, der Mau grünen Algen oder Spaltalgen (Oseillarien) zeigt, stets 49 bis 50 Grad Celsius.

Wollten wir diese Temperatur aber für die obere Grenze alles Leben betrachten, so würden wir uns täuschen. Die heißesten Orte, an denen Beben wuchert, sind das Innere von feuchten Heuhaufen oder Misthaufen. Da finden sich eigenartige Bakterien, die noch bei 60, ja bei 70 Grad zu wachsen vermögen. Durch ihre Tätigkeit erhitzen sich feuchte Heuhaufen bis zu Meier Temperatur, ja über sie hinaus, so daß selbst die wärme- holden Spaltpilze schließlich den Wärmetod erleiden.

Wenn es kein Wesen gibt, die wesentlich oberhalb 70 Grad leben können, dann muß es doch genügen, wenn wir den Wecktopf auf 80 ober höchstens 90 Brad bringen. Es müßte dann alles Leben vernichtet fein. Eine unangenehme Erfahrung bei dem Versuch, Champignons im Weck­topf zu sterilisieren, hat vielleicht schon mandje Hausfrau stutzig gemacht. Das Glas war auf 90 Grad erhitzt, gut verschlossen, alles schien tadels- stei, und trotzdem waren nach kurzer Zeit die Pilze verdorben. Das ist das Werk des Heubazillus, der in dem Pferdemist nie fehlt, auf dem der Champignon am besten gedeiht. Zwar stirbt er in seiner gewöhnlichen Wuchsform schon imterhalb 80 Grad ab, aber er hat gleich vielen andern Spaltpilzen die Fähigkeit, eigenartige kleine Sporen zu bilden,

m denen das Leben erstarrt erscheint, aber die Fähigkeit erhalten bleibt, zu neuer Lebenstätigkeit zu erwachen. Diese Sporen sind wohl die gegen Hitze widerstandsfähigsten Gebilde, die es gibt. Erhitzung auf 70 bis 80 Grad können sie drei bis vier Tage lang ertragen, einfaches Auskochen, das heißt Erhitzen auf 100 Grad für einige Minuten, tötet sie nicht, selbst Hitzegrade von 110 bis 130 Grad vermögen sie eine halbe bis eine ganze Stunde lang zu überleben. Trotzdem kann man dieses lästigen Verderbens Herr werden, indem man die Champignons dreimal im Wecktspf erhitzh mit Abständen von zwei bis drei Tagen. In dieser Zeit sind die Sporen aus ihrem Ruhestände zu neuem Leben mit lebhafter Vermehrung erwacht, und in diesem Zustande verfallen sie bei 90 Grad rasch dem SBärmetob. Die Lebensfähigkeit wird also Nicht ganz allgemein durch Siedehitze ver­nichtet. Wie zu hohe Temperaturen das Leben vernichten, so sind auch zn tiefe mit seinem Fortbestände unvereinbar. Die höchste Empfindlichkeit gegen Temperaturschwankung können wir am Menschen beobachten. 3m Innern unseres Körpers herrscht eine Temperatur, die bei gesunden Menschen im Laufe eines Tages nur zwischen 38,8 und 37 H Grad schwankt. Die höchsten Temperaturen, die bei einem lebenden Kranken, der wieder gesund wurde, zur Beobachtung gekommen ist, beträgt 49,9 Grad Celsius. Bei Menschen, die dem Tode desErfrierens" nahe find, ist schon nicht mehr mit Sicherheit auf Erhaltung des Lebens zu rechnen, wenn die Körperwärme auf 24 bis 25 Grad gesunken ist, eine Tempe­ratur von 23 Grad scheint etwa die Grenze der Lebensfähigkeit zu bedeuten.

Die Mehrzahl der Tiere und Pflanzen verträgt allerdings viel größere Temperaturfchwaukungen und vor allem viel tiefere Temperatur, ja für viele ist die Wärme, die in unserem Körper herrscht, schon eine schädigende Hitze und erst da, wo die untere Temperaturgrenze für unser Leben liegt, können sie in ganzer Fülle ihr Leben entfalten.

Am Kältepol der Erde, in Nord-Ostsibirien, wo die Wintertemperatur auf minus 64 Grad Celsius fällt,'bilden Lärchen und Birken ausgedehnte Waldungen, vermögen alfo diesen enormen Kältegraden zu widerstehen. Freilich befinden ste sich zur Winterszeit im Stadium der Ruhe, d. h. in einem starreähnlichen Zustand, der wohl mit dem der Sporen von Bak­terien verglichen werden kann. Die äußerlich erkennbaren Lebenserfchei- nungen stehen bei Pflanzen wie bei Tieren schon bei viel höheren Tem­peraturen still, nur die Fähigkeit, unter günstigen Bedingungen zu neuem Leben zu erwachen, bleibt bestehen. Bei welcher Temperatur, die äußer­lich erkennbaren Lebenserfcheinungen aufhören, ist deshalb schwer zu ent­scheiden, weil die Kälte alle Lebenserscheinungen verlangsamt, so daß es eine Frage der Feinheit der Methode ist, ob man sie noch erkennen kann.

Es liegt nahe daran, zu denken, daß die Temperatur, bei der das Waffer gefriert, eine besondere Bedeutung für die Begrenzung des Lebens haben möchte, aber das ist in dieser Form jedensalls nicht der Fall, denn mir wissen z. B., daß Bakterien, die in einem Eisblock eingefroren sind, noch leudften können, eine Beobachtung, die uns zeigt, daß unter diesen Bedingungen der Stoffwechfel, 'in dem die Leuchtstoffe gebildet und oxi­diert werden, noch nicht zum Stillstände gekommen ist. Beschränken wir uns auf die Beantwortung der Frage, bis zu welchen Kältegraden hin die Lebensfähigkeit erhalten werden kann, so gelangen mir zu Tempera­turen, die auf der Erde nur mit Hilfe der modernen Methoden, der Ber- ffiiffigung der Gase erreicht rnerden können. Die flüssige Lust, die heute leicht' zu erhalten ist, da sie zu technischen Zwecken im Großen hergestellt wird, hat eine Temperatur von minus 192 Grad Celsius, der flüssige Wasferstoff eine solche von minus 252,7 Grad Celsius und gar das flüssige Helium mit seinen minus 268,5 Grad bleibt mir 4,5 Grad vorn sog. absoluten Nullpunkt" entfernt, an dem alle Bewegungen der Moleküle mifhören.

Solche Hefe Temperaturen hat man mehrfach auf lebende Wesen ein» wirken lassen Besonders die Bakterien, die wegen ihrer hohen Wider­standsfähigkeit gegen allerlei Schädigungen bekannt sind, haben zu diesen Versuchen' herhalten muffen. Temperaturen von minus 200 Grad bis minus 252 Grad vermochten ihre Lebensfähigkeit nicht zu zerstören, ähn­lich tiefe Temperaturen vertragen auch die sparen der Schimmelpilze, und feine Kieselalgen überlebten eine Abkühlung auf minus 200 Grad. Besonders erstaunlich war es, daß auch Tiere von verhältnismäßig hoher Organisation, die schon ein besonderes Nervensystem und Sinnesorgan besitzen, sich als sehr widerstandsfähig gegen Abkühlung heransstelltsn. Es find' vor allem die Bewohner der Moosraffen, kleine Fademviirmer, Rädertierchen und die feltfamen Bärentierchen, die die Temperatur des flüssigen Helium minus 268,5 Grad Celsius mehrere Stunden lang ohne Schaden ertrugen. Auch die Gier der genannten Tiere werden nicht geschä­digt. Die hohe Widerstandsfähigkeit wurde nicht nur an Tieren festgeftellt, die vorher eingettocknet waren, es gelang vielmehr auf feuchten Moos­proben mit ihren lebenstätigen Bewohnern auf minus 253 Grad Celsius abzukühlen und 24 Stunden lang bei dieser Temperatur zu halten, ohne daß die Mehrzahl von ihnen Schaden genommen hätte. Allerdings ist es nötig, die Proben langsam abzukühlen. Bei rascher Abkühlung gehen die metften Tiere zu Grunde, nur einige Rädertierchen und die Gier eines Bärentieres überlebten auch das rasche Gefrieren.

Müssen wir nach diesen Erfahrungen sagen, daß es keinen. Kältegrad gibt, bei dem unbedingt alles Leben vernichtet ivird, so ist doch der Hin- roets am Platze, das solche ungeheure Widerstandsfähigkeit bisher nur bei Tieren beobachtet worden ist, die auch das Eintrocknen gut ertragen, das für die Mehrzahl aller Tiere und Pflanzen ein tödlicher Eingriff ist. Wenn das Waffer gefriert, in dem die Tiere leben, fo tritt deshalb noch nicht in ihren Leben selbst Eisbildung ein, die das Gefüge des lebenden Systems zerstören würde, wohl aber wird ihnen das Wasser entzogen, sie trocknen ein. Ist aber ein gewiffer Grad der Eintrocknung erreicht, dann werden die letzten, unentbehrlichen Reste des Waffers von dem lebenden Zelleninhalt so fest gehalten, daß sie ihm überhaupt nicht ent­zogen werden können, und daß dieses Wasser auch nicht niehr in Eis übergehen kann. In einem solchen Zustand dürsten die Tiere bann gegen jede noch so tiefe Abkühlung gefeit sein.

Berantioortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Verlag: Brühl 'f che Aniverf itätS-Buch- und Vt ein druck er ei, D. Lange, Gießen.