So gibt es Schwalben, ine dieses Gleichgewicht bis zur Vollkommenheit auspendeln — und zwar fliegen sie alljährlich zwischen Nord- und Südpol hin. Und es gibt unbeholfene Flieger, wie zum Beispiel die Krähenvölker, die es bei einem Flug von hundert bis zweihundert Meilen bewenden lassen. Gang ohne Eindruck jedoch läßt das kosmische Gleichgewicht keinen Vogel."
So dunkel auch noch die Ursache des Vogelzugs ist, so viel Interessantes weih man heute doch über den Flug selbst. Wie schon oben angedeutet, gibt es Scharen- und Einzelslieger. Außer dem Kuckuck ziehen viele Raubvögel und einige Insektenfresser einzeln. Sing- und Strandvögel fliegen in lockeren Gefügen, während Kraniche und Wild- gänfo die bekannt« Keilsonn bilden. Die Scharen der Stare zählen oft viele Hunderte von Vögeln, ja Tausende. Merkwürdig ist die besonders bei vielen Singvögeln beobachtete Trennung nach Alter und Geschlecht. Die Jungen fliegen zuerst. Später folgen von den alten Vögeln die Weibchen und schließlich die Männchen. Bei den Buchsinken überwintern bekanntlich säst nur Männchen bei uns, während die Weibchen nach dem Süden ziehen. Deshalb hat der wissenschaftliche Name „coelebs", den der schwedische Systematiker Linnö dem Buchfink gab, eine gewisse Be- ' rechtigung. Der männliche Vogel lebt tatsächlich monatelang im Zölibat. Ganz verschieden ist der Ausbruch zum Südenflug bei den einzelnen Vogelarten. Während die Schwalben mit ziemlicher Regelmäßigkeit um Mariä Geburt (8. September) ihre Reise antreten, fliegen die Turmschwalben oder Mauersegler fast zwei Monate früher weg und viel später erst, im Oktober, die Feldlerchen. Sehr vielen Gefahren sind besonders die Singvögel ausgesetzt, die auch nachts fliegen. Tausende gehen durch Anfliegen an Telegraphendrähte zugrunde, mehr noch zerschellen an Leuchttürmen, deren Lichtkegel sie wie täppische Nachtschmetterlinge onziehen.
Gang verschieden sind Höhe und Geschwindigkeit des Vogelzugs. Die phantastischen Zahlen, die man ost der Flughöhe der Vögel andichtete, sind heute auf Wirklichkeit und Tatsache zurllckgeschraubt. Wir wissen, daß die Gefiederten nur selten über 400 Meter emporsteigen. In vereinzelten Fällen hat man Schwalben in 450, Krähen in 500 und Bussarde in 900 Meter Höhe angetroffen. Die Frühjahrs- und Herbst- *— züge pflegen sich durchschnittlich in einer Höhe von wenigen hundert Metern zu bewegen. Die Vögel haben vor allem das Bestreben, die Erde nicht aus dem Blick zu verlieren, da sie ihnen wesentliches Orientierungsmittei ist. Die größte Flugschnelligkeit besitzt der Star, der in der Sekunde 20,6 Meter, also 74 Kilometer in der Stunde zurücklegt und die schnellste Brieftaube übertrifft, die nur eine Stundenleistung von 62 bis 69 Kilometer erreicht. Es folgen, um einige Vogelarten zu nennen, Kreuzschnabel mit 60, Wanderfalke mit 59,2, Fink mit 52,5, Krähe mit 50, Möoe mit 49,5 unk^ Sperber mit 41,5 Kilometer 'stun dengeschwindigketi. Der sehr schnelle Flug der Schwalbe läßt sich ihres Zickzackzuges wegen schwer abschätzen. Auffallend und in ihren Erklärungen noch widerspruchsvoll ist di« Tatsache, daß viele klein« Sänger größere Zugvögel als Reittiere benützen. Man hat beobachtet, daß von den Rücken der Kraniche, auf die man einen Schuß abknallte, kleinere Vögel hochflogen und wieder zurück- kehrten. Der italienische Gelehrte Professor Spalagi'o hat, wie er in einem seiner Werke mitteilt, vom Leuchtturm in Neapel aus seine Beobachtungen wiederholt mit einem guten Fernglas gemacht und festgestellt, daß hauptsächlich Rotkehlchen, Zeisige und Meisen die Kraniche als Reittiere benutzen, während von Lerchen, Finken und Bachstelzen die Störche bevorzugt werden. Ueber die Ursache dieser seltsamen Gemeinschaftsflüge äußert sich der Gelehrte folgendermaßen: „Wenn man bedenkt, daß den größeren Vögeln durch das Gewicht des kleineren die Arbeit des Fliegens nicht unbeträchtlich erschwert wird, so muh die Annahme, daß es sich hier lediglich um einen Akt der Barmherzigkeit gegenüber den kleineren Vögeln handel!, wohl ohne weiteres verworfen werden. Der Selbsterhaltungstrieb ist bei jedem Vogel gerade zur Zeit der Wanderflüge aufs höchste entwickelt, und weder Störche noch Kraniche würden diese lebende Last, die ihren Kräfteverbrauch nur steigert, auf ihrem Rücken dulden, wenn sie eben nicht von den kleinen Passagieren auch gewisse Vorteile hätten. Meines Erachtens besteht zwischen „Roß und Reiter" in der Welt der Wandervögel ein richtiges Gegenseitigkeitsverhältnis: während der große Vogel den kleineren mitträgt und ihm so die Arbeit des Fliegens abnimmt, leiht der Passagier seinem Reittier, dessen Sinne di« Anstrengung der Reise abgeschwächt haben, Gesicht und Gehör zwecks leichterer und besserer Orientierung." Die gesamte Flugstrecke wird von den Wanderern in mehreren Tagen etappenweise zurückgelegt. Nur von einem einzigen Vogel, dem amerikanischen Goldregenpfeifer weih man, dah er feine Wanderung in einem ununterbrochenen Flug bewältigt. Er überquert den Atlantischen Ozean zwischen Neuschottland und Venezuela in einer Ausdehnung von 3600 Kilometer ohne Zwischenlandung. Wie lange er zu dieser Flugleistung braucht, steht noch nicht sest.
Um die Zug st raßen seststellen zu können, die die einzelnen Dogel- arten einschlagen, hat man sich mit Markierungen geholfen. Es gibt sogenannte Beringungsstationen, wo Nestjungen und eingefangenen Alt- oögeln leichte Fußringe aus Aluminium angelegt werden. Die Ringe tragen Nummern, und zwar fortlaufende, so daß keine zweimal vorkommt. Anhand dieser Nummern weih man also ganz .genau, aus welchem Gebiet der Vogel aufgebrochen ist. Wird nun ein solcher beringter Vogel unterwegs tot aufgefunden, so kennt man den Weg, den er bis dahin genom- men hat. Auf diese Weis« hat man erfahre», dah ein Vogel immer wieder m das Gebiet zurückkehrt, in dem er geboren wurde. Die besten Resultate der Vogelzugbeobachtung hat man bis jetzt bei Störchen erzielt. Merkwürdig ist, daß die bei uns beheimateten Vögel auf zwei verschiedenen Wanderstraßen ihr Winterquartier, nämlich das afrikanische Äap= lanb, misslichen. Die östlich der Weser nistenden Vögel ziehen nach Süd- osteir über Ungarn, den Balkan, die Dardanellen, Kleinasien, Syrien, nach dem Niltal und von da über die ostafrikanische Seenplatte nach dem naplaud. Di« rund 10 000 Kilometer große Strecke legen die Störche in 4.«flesleiftunflen von durchschnittlich 200 Kilometer zurück. Die westlich oer Weser ansässigen Vögel ziehen durch das östliche Frankreich und Spanen nach Gibraltar, über das Meer und von da — was noch nicht klar
ist — wahrscheinlich über den Atlas, durch die Wüste, um in Höhe des Viktoriasees auf die Flugstrahe der östlich gereiften Wanderer zu treffen, und dann gemeinsam mit ihnen dem Kapland zuzustreben.
Der schnellere Rückflug der Zugvögel im Frühjahr gegenüber dem langsamen Zug im Herbst wird mit dem stärkeren Drang zur Fortpflanzung begründet. In umgekehrter Zeitfolge, wie sie uns verließen, kehren st« zurück. Die letzten sind die ersten geworden. Bis zur ersten März- Hälfte treffen Storch, Lerche, Bachstelze, Rotkehlchen und Singdrossel ein. Ihnen folgen in der zweiten Hälfte des gleichen Monats Kranich, Laub, länger und Rotschwänzchen. Anfang April kommen die Schwalben und am Ende des Monats Grasmücke, Nachtigall und Kuckuck. Sehr empfind liche Vögel kehren erst im Mai zurück, wenn die Märzankömmlinge schön gebrütet haben. Der bekannteste Spätling ist der Pirol, di« GoldamsÄ, die uns bereits End« Juli wieder verläßt.
Chikago.
Bekenntnis zu der unheimlichen Stabt
Von Sherwood Anderson.
Am Anfang ist die Nacht. Das ist etwas Ungeheures — etwas Unbe- greifbares. Wie kann ich über Chikago schreiben, ohne mich selbst damit zu vermengen? Wie kann ich überhaupt über irgend etwas schreiben, ohne mich selbst hineinzubringen? Meine Ichsucht ist meine Schwäche und meine Kraft. Ich war kaum der Knabenzeit entwachsen, als ich zum erstenmal nach Chikago kam. Da gibt es Straßen, die dreißig Mellen lang sind — und gänzlich eben. Bauwerke und Häuser, von denen du träumst — fratzenhaft verzerrte Träume.
Du mußt den Hintergrund sehen. Er ist da, wo die lange Zunge der „Great Lakes", der Großen Seen, am weitesten ins Land reicht. Ein tiefgelegenes schwarzes Sumpsland, über das die Winde dahinfegen. Im Osten, dicht heranreichend, Michigan. Im Westen Wisconsin. 9m Nordwesten Minnesota.
Im Süden ein Land, flach wie ein Billardtisch — fetter Boden. Nirgendwo sonst in der Welt gibt es solchen Maisboden. Zahllose Herden fetter, praller Schweine, die Mais schlemmen. Hornvieh aus den dürren westlichen Bezirken: mager und knochig kommt es hierher — der Mais macht es fett und prall.
Hier waren Karl Sandburg, Edgar Lee Masters, Clarence Darrow.
Eisenbahnen kamen — ein ganzes Netz von Eisenbahnen — Mühlen- werken, Fabriken.
Menschen, Menschen, Menschen!
Als ich in meinen jungen Jahren zuerst nach Chikago kam, wußte ich nichts mit mir anzufangen, als mich zu betrinken, jo oft ich es konnte. Das alles war zu gewaltig für mich — zu furchtbar. Konnten denn in solchen Straßen, in solchen Häusern Menschen leben?
Sie konnten es, und sie taten es. Ich konnte es auch — und tat es.
Zuerst war ich Arbeiter. Dann kam die gerissenere Seite meines Lebens an die Oberfläche. Di« Menschen sind mir von jeher zugetan gewesen, sobald sie mich kennenlernten. Vielleicht deshalb, weil ich den Menschen zugetan bin. Ich fing an, meine Ware an die Menschen abzusetzen. — Werbetexte zu schreiben. Tinte zu verschmieren. Es gibt Taufende, ungezählte Tausende, die das tun. Einige verdienen einen Hausen Geld damit, andre kriegen nicht viel dafür. Ich habe nie viel dafür gekriegt.
Hoffnung — Hoffnungslosigkeit.
Wenn du nur den berühmten Michigan Boulevard, North Shore, Lincoln Park, Jackson Park gesehen hast, so kennst du Chikago nicht. Aber wozu reden?
Da ist der ins Riesenhafte sich dehnende Nordwesten, der Westen, der Süden. Millionen von Menschen aus aller Herren Länder, dicht gedrängt hineingepfropft zwischen Schlachthäusern, Mühlen, Fabriken. Weit« Strecken Oedland. Fünf-, sechs- und achtstöckige Mietskasernen inmitten von Morgen schwarzen Unkrautbodeus, umheult von den Winden — in Mengen findest du solch« Häuser. Rohe Mordtaten geschehen jeden Tag. 'Alles ist unvollendet. In andern Städten bläht man sich ordentlich auf im erhebenden Gefühl seiner Bürgertugend, wenn man an Chikago denkt oder wenn von Chikago die Rede ist.
In meiner Erinnerung sind Nächte, da ich durch di« Straßen Chika- gos pilgerte, halb betrunken, hoffnungslos — dahintreibend in einem Meer von Häßlichkeit. Und dann, plötzlich aufleuchtend wie eine flüchtige Erscheinung, der Chikagoer River, das große Siel. Ein Siel, das^st freilich nichts. Aber wartet nur: eines Tages wird der Chikagoer River zu den schönen Flußbildern in der Welt der Großstädte gehören. Er ist zuweilen unglaubhaft schön, wenn du ihn von den Brücken betrachtest: das Schweben und Kreisen der Möwen über dem Gewässer, der seltsame, liebenswert rätselhafte, chryfopasfarbene Fluß — der Lärm von Schreien und Flüchen.
Lebenskraft steckt in dieser Stadt. Da sind so viele Menschen auf einem großen, ebenen Platz zusammengedrängt, den feine Lage zur richtigen Großstadt bestimmt hat. Ein riesenhafter Bezirk, noch ungeformt. Er ist nicht im minbeften mit Neuyork, Boston, Philadelphia, Baltimore zu vergleichen. Sieben ihm sind Cleveland und Detroit Dörfer, di« plötzlich groß geworden sind und nun wie Großstädte aussehen. UeberaU Eisenbahnen, Schiffsgedräng« im engen Flußbett, Rauch, Schmutz — ein Klima, so furchtbar in feinem äußersten Gegensatz von Hitze und Kält«, daß nur starke Menschen es aushalten und hier wirklich leben können.
Chikago war von Anbeginn eine echte Großstadt und wird es immer fein, solange das Land lebt. Es ist eine echte Großstadt, ebenso wie Neuyork, London, Paris. Eine solche Stadt kümmert sich nicht groß darum, wie du, ein ganz gewöhnlicher Einzelmensch, über sie denkst. „Hier bin ich. Scher dich zum Teufel!" Los Angeles, Cleveland, Seattle, alle Städte dieser Art zeigen sich sogar zu offen her. Sie gleichen einem Menschen, der im Dunkeln pfeift.
Eine Großstadt muß etwas im Rücken haben. Land, eine Menge Land. Reiches Land — Mais, Weizen, Eifen, Flüsse, Berge, Schweine, Milch-


