auf Eisland den kurzen Sommer hindurch zu schlafen gewohnt waren, sind verschwunden und fischen südwärts weiter, wo sie das dünne ^ungeis noch leicht mit den Schädeln zersplittern können, wenn sie, um Lust zu holen, auftauchen. Und die Bären, die das heiße Blut und den Speck des jungen Seals brauchen, folgen ihnen.

Alle, alle Spuren führen nach Süden. _

Aber ist es nicht noch zu früh? Seht, noch glimmt der Sonnenball nm Himmel, wenn auch niedrig am Horizont. Wind zerreißt die Rebehchleier. Es ist ein Tag, blau und kristallklar, der sich kuppelhast über der weihen Einöde wölbt. Die Sonne flammt purpurrot wie eine Ampel und das Eisland verwandelt sich wie durch ein Lichtwunder. Die durchsichtigen Blöcke von Eis saugen das Strahlen auf und scheinen zu brennen. Eine blankgeschliffene Schale von Eis leuchtet. Zinnoberne Flammchen schlan­geln sich in ihr empor. Ihr Sockel ist grün wie das Meer tn der sud- [ee. In allen Schrunden züngelt es violett und blau. Die Tiefe unter dem Eise leuchtet bis zum Herzen der Erde hinab. Es wird ganz still. Und die Ewigkeit schläft.

Zwei Männer in dicken zottigen Pelzen kommen über das ^is. In die Riemen eines Hundeschlittens eingeschirrt stampfen sie nebeneinander her wie zwei ermüdete Bären auf den Hinterpranken. Mit Schultern und Brustkorb ziehen sie die Lasten hinter sich her. Der lange schmale Polar­schlitten gleitet auf niederen Kufen über die rauhe glasharte Kristall­wüste, die sich inmitten der Unendlichkeit verliert.

Durch die Kraft der Anstrengung sind die steifen Riemen aus «ee- hundfell bis zum Zerreißen gespannt und schneiden tief in das Pelz­werk ein. Unter den Kappen dampft der Atem in mächtigen Stößen hervor und schlägt sich reifgrau auf die vereisten Bärte. In der unermeß­lichen Weite haben die Gestalten der beiden Männer etwas Zwerghaftes.

Mit Eisstöcken in den Fäusten arbeiten sie sich vorwärts.

Sergeant Rice ist viel größer als der Eskimo Jens Edvard, aber jetzt geht er vor Mattigkeit tief gebeugt. Erschöpfung lastet ihm im Racken, als trüge er Steinlasten. Seine Augen sind von der Grellheit des Lichtes stumpf geworden und haften nicht mehr am Blaugrün der weglosen Fläche. Es ist schwere, ungewohnte Arbeit, einen Schlitten Hunderte von Meilen hinter sich herzuziehn, nur weil man in den Raststunden Fleisch­konserven, Schiffszwieback, Seehundsspeck, den Kochapparat und den Schlafsack nicht entbehren kann. Auch die Waffen nicht, Ersatzriemen und ? Leutnant dreelg, der Kommandeur von Fort Conger, wollte ihnen sogar noch das kleine Sommerzelt mitgeben. Nein. Dann wäre der Schlitten wohl bald zusammengebrochen. Wenn sie keinen Sturm be­kamen, ließ es sich wohl einige Nächte im Freien aushalten.

Der Marsch der beiden Männer führt nach dem Kompaß südwärts. Das Ziel heißt Cap Sabine.

Sergeant Rice vermag seine Ermattung nicht länger zu verheimlichen. Die frostwunden Hände in den Fausthandschuhen brennen. Die Arme sind längst erstarrt, und die Füße lösen sich kaum noch vom Eise.

Langsam richtet er sich auf und sieht den Eskimos seitwärts an. Jens bleibt straff im Geschirr und beachtet es nicht, daß er den Schlitten jetzt fast allein zieht. Er will es nicht inerten. Welch ein prachtvoller Kamerad ist doch Jens Edvard!

Der Amerikaner ist hilflos. Er möchte etwas sagen und seine geschwol­lenen Lippen bewegen sich wohl, doch die Worte bleiben unhörbar. Die Kälte zerbricht sie. , rj

Wenn wir doch unsere Hunde noch hätten!" sagt er.Was meinst du, Jens? Dann wären wir längst am Cap."

Der Eskimo trottet stumm mit vorgeneigtem Kopfe.

,Die Hunde! Die Hunde!' denkt Rice. In feiner verwirrten Phantasie sieht er sie vor sich herjagen wie damals, als es ihnen und den Kame­raden besser erging. Damals ... damals, als sie von Fort Conger aus

noch Entdeckungsreisen nach dem Norden unternahmen. Kein Mensch war dem Pol näher gewesen als sie. Keiner.

Im letzten Winter hatten sie die Tiere zurücklassen müssen, als die

Flucht nach Süden begann. Die Hunde sind jetzt wohl längst verhungert. (Sreeh) hatte für Futter gesorgt und verbot, sie zu erschießen. Aus Mitleid?

In dem Kutter, der die Mannschaft nach Camp Clay brachte, war kein Platz mehr für Tiere.

.Die Hunde! Die Hunde!' denkt Sergeant Rice und flucht.

Jens Edvard marschiert. Er ist wie eine Maschine. Nein, er hat nichts gehört. Auch er ift taub vor Ermattung. Seine weichen, hellblauen Augen ächten nur auf drohende Gefahren im Eis. Jeder Spalt kann ihre letzten Hoffnungen zerstören, zwingt zu neuen entmutigenden Umwegen. Ein Glück, daß der Sturm der letzten Tage das Eis so blankgeschliffen hat, sonst kämen sie gar nicht mehr vorwärts.

Richt der Ermüdung nachgeben! Weiter, nur weiter.

Die beiden Männer sind feit dem frühesten Morgen unterwegs und bereits den zweiten Tag. Bis zum Cap sind es mindestens noch zwei Tagesmärsche. Der Rückweg erfordert nochmals vier oder fünf Tage. Und oben im Norden warten die Kameraden auf sie. Born Erfolg dieses Marsches hängt das Schicksal aller ab.

Das Schicksal?

Rettung oder Tod im Eisland. Begreift ihr, was das bedeutet? Zwei endlose Winter am Pol in zermürbender Kälte und Dunkelheit waren auch schon ein langsames Sterben gewesen. Aber keiner hatte es wohl recht erfühlt. Ein dritter Winter mußte das sichere Ende bringen. Doch sterben? Nein und nicht so!

Sergeant Rice war einet der wenigen, die noch keinen Augenblick Hoffnung und Mut verloren hatten. Er hatte sich auch mit Edvard zu­sammen freiwillig zu dieser Erkundungsexpedition gemeldet. Er glaubte fest daran, daß sie bei Cap Sabine erwartete Nachrichten vorfinden wür­den, aus welchen Gründen das Schiff, das die Mannschaft schon vor einem Jahre hätte ablösen sollen, nicht wiederaekommen war. Hatte man sie in der Heimat denn vergessen?

Cap Sabine erreichen, bas bedeutete Botschaft und Nahrungsmittel , inden, Grüße von denen daheim, fern im großen herrlichen Lande unterm Sternenbanner.

*

Hunger brennt in den Eingeweiden. Ungestillter Durst macht den Gaumen wund und rissig. Man könnte sich ja nach einem Eissplitter bücken und ihn langsam auf der geschwollenen Zunge zerschmelzen lassen. Aber stehen bleiben mühte man. Einen kurzen Augenblick rasten müßte man.

He, Jens!"

Stellt der Eskimo sich etwa taub?

Jens könnte seinen Kameraden vor Wut niederschlagen, der arglos neben ihm dahintrottet. Der Eskimo deutet mit der Hand voraus. Soll das eine Antwort auf die Frage fein? Der Saum des Horizontes bleibt doch immer unerreichbar. Und fern ragt der fahle Schattenriß eines tumpfen Bergkegels.

(Fortsetzung folgt)

März.

Bon Eugen Roth.

Die Wolken kommen so leise geschwommen im Frühlingsfeuchten mit stillem Leuchten hoch über die Stadt.

Durch Lächeln und Lieder meinen hernieder verschollene Tage mit trauriger Frage, für die mein Herz keine Antwort mehr hat.

Die Vögel kommen wieder.

Das Geheimnis des Fernzugs.

Bon Peter Bauer.

In diesen Tagen begann die Rückkehr der Zugvögel in bie Heimat, in dieselben Wälder, Fluren und Städte, die sie im Herbst ver­lassen haben. Immer noch ist der. in jedem Jahr sich zweimal wieder- bolenbe Fernflug eines großen Teils unserer heimischen Bogelweli ein Problem, das noch nicht gelöst wurde, wenn auch einige interessante« Theorien dem Geheimnis nahe zu sein scheinen und zahlreiche wissen­schaftliche Erfahrungen und Beobachtungen mit alten Ansichten auf­geräumt haben. v

Man weiß heute, daß nicht nur Nahrungsmangel oder Temperatur­einflüsse den Wegzug der Vögel veranlassen. Denn gerade in den Herbst- monaten, wo viele Insektenfresser und Körnerliebhaber ihre Wanderun­gen schon beginnen, ist der Tisch der Natur noch reichlich gedeckt. Sich« "gibt es oft mehr zu picken, als in manchem Frühjahr, wo sie schon zurm sind Nicht anders ist es mit den Wärmeverhältnissen. Wie selten komm ein Frühling den schönen Herbsttagen gleich, wo die Erde noch somm«- liche Wärme auszustrahlen hat. Noch überzeugender ist die festges« Tatsache, daß Vögel in der Gefangenschaft während des Zuges ihrer U Freiheit lebenden Artgenossen von einer auffallenden Unruhe erfaßt wer­den. Sie flattern gegen das Gitter des Käfigs oder bergen den W unter die Flügel und zittern.

Wer sagt nun den Gefiederten, daß ihnen trotzdem der Wegzug zw Heile ist? Daß hinter den Tagen der herbstlichen Fülle doch ein Win!« der Not und Entbehrung, der Kälte und des Frostes kommt'. Wehs wissen die Wanderer, daß im Süden ein gelobtes Land ftir sie liegt.- Und wie erfahren sie die Zeit zur Rückkehr? Wer sayt ihnen daß » Heimat jetzt schnee- und eisfrei ift? Alle diese Fragen sind bis heute nie ungenügend beantwortet. Das Geheimnisvolle wird noch dunkler, wem man bedenkt, daß es außer den familienweise fortziehenden Vögeln w ' Störchen, Kranichen, Wildgänsen, wo also die Alten den Jungen. Weg weisen können, viele Einzelflieger gibt, die sich trotzdem .WW finden. Der junge Kuckuck etwa, der im Nest einer überwinternden » stelze aufwuchs, findet allein die Flugrichtung und sein Ziel. Und |ewj wenn ihn ein Rohrsängerpärchen, das ebenfalls nach Süden zieht, « zog, schließt er sich nicht seinen Pflegeeltern an, sondern verweilt « eine Zeitlang bei uns, bis ihm dieser rätselhafte -trieb eingibt, doch » Stunde seines Ausbruchs gekommen ist.

Eine etwas seltsam anmutenbe Theorie stellte der ostpreußijche » ter Alfred Brust auf, der bas Problem kosmisch anfaßte und »«, kosmische Gleichgewicht, ein den Vögeln eingeborenes » gleichsbedürfnis, die Ursache des Vogelzugs nennt. Sein Gedanken« ist ungefähr folgender: Hätten mir eine senkrechte Erdachse, so wm°, sich das Gleichgewicht auf deq, Erdbahnellipse keineswegs verlagern, w ja der Zustand der Sonne auf allen Punkten der Erde dauernd sw wäre. Da nun aber die Erdachse schräg zum Sonnensystem steht, h-" erbene Gleichgewicht veränderlich, und zwar liegt ein Ter! der c, außerhalb der Erdbahnellipse. Brust stellt nun das Bestreben terw- fest, immer nur innerhalb der Erdbahnellipse zu stehen. DiellE' meint er, aus dem Grunde, weil vor vielen Jahrtausenden die im feit bestanden haben konnte, daß der Stand der Erdachse zum «0 system ein senkrechter war, das kosmische Gleichgewicht al|o bei hat.Tatsache ist", folgert Brust,daß den Vögeln auch heute noa) kosmische Gleichgewicht eingeboren ist. Und genau in dem f^ge in dem ein Teil unserer Erde außerhalb dieses kosmischen Gleiiyg gerät, ergreift die Vogelwelt Unrast im wahrsten Sinne des Wories, , sie ist bestrebt, sich dem Urgleichgewicht anzunähern, soiveit es nm »-»