Krau Aubain sprang in den Graben hinunter, hob zuerst Paul her- über dann Virginie, fiel bei dem Versuch, die Böschung zu erklimmen, mehrere Male hin und brachte es endlich mit verdoppeltem Mute fert.g.
Der Stier hatte Felicitas an ein Gatter gedrängt, sein Geifer spritzte ihr ins Gesicht, noch eine Sekunde, und er spießte sie aus. Sie hatte Zelt, sich zwischen zwei Latten hindurch zu drängen, das mächtige Tier blieb ganz verwundert stehen. _ . ... r, ,,
Dieses Ereignis bildete während mehrerer Jahre einen Gesprächsstoff in Pont - l'Eoeque. Felicitas fand keinen Grund zum Stolz darin, da sie nicht einmal ahnte, daß sie etwas Heldenhaftes getan hatte.
Virginie beschäftigte sie ausschließlich — das Kind war infolge ihres Schreckens in einen nervösen Zustand geraten, und Herr Poupart, der Arzt, riet die Seebäder von Trouville an. .
Sie wurden in jener Zeit noch kaum besucht. Frau Aubain holte Erkundigungen ein, zog Bourais zu Rate und machte Vorbereitungen wie für eine lange Reise. . •
Ihre Koffer gingen am Abend vorher in der Karre Liebards ab. Am anderen Morgen kam er selber mit zwei Pferden, deren eines einen Frauensattel mit einer Sammetlehne trug; auf dem Rücken des zwecken bildete ein gerollter Mantel eine Art Sitz. Frau Aubain stieg auf, hinter ihr belud sich Felicitas mit Virginie, und Paul setzte sich auf den Esel des Herrn Lechaptois, der ihn unter der Bedingung äußerster Vorsicht geborgt hatte. . .
Der Weg war so schlecht, daß seine acht Kilometer zwei Stunden er- forderten, löie Pferde versanken bis an die Knie im Schmutz, machten plötzliche Bewegungen mit den Hanken, um wieder heraus zu gelangen, oder sie stolperten auch über die Fahrgleise, und zu anderen Malen mußten sie springen. An gewissen Orten blieb die Stute Liöbards plötzlich stehen. Er wartete geduldig, bis sie sich wieder in Gang setzte, sprach von den Personen, deren Felder an den Weg grenzten, und knüpfte moralische Betrachtungen an ihre Geschichte. So sagte er mitten in Toucques, als man unter Fenstern vorbeiritt, die mit Kapuzinerkresse bewachsen waren, achselzuckend: „Hier wohnt eine Frau Lehousfais, welche, anstatt einen jungen Mann zu nehmen"... Das übrige hörte Felicitas nickt, die Pferde trabten, der Esel galoppierte; sie schlugen einen schmalen Pfad ein, em Gattertor öffnete sich, zwei Knaben erschienen, und man stieg vor dem Misthaufen dicht an der Schwell« der Tür ab.
Mutter Liebard erschöpfte sich beim Anblick ihrer Herrin in Kundgebungen der Freude. Sie tischte ihr ein Frühstück auf, das aus Lendenbraten, Kaldaunen, Rotwurst, Hühnerfrikaffee, schäumendem Most, einem Obstkuchen und Rumpflaumen bestand, und begleitete das Gan.ze mit Artigkeiten für die gnädige Frau, die sich ja bei bester Gesundheit zu befinden scheine, für das gnädige Fräulein, das „prächtig" aussehe, für Herrn Paul, der erstaunlich „angenommen" habe, und vergaß dabei bie verstorbenen Großeltern nicht, welche die Liöbards noch gekannt hatten, da sie seit mehreren Geschlechtern in Diensten der Familie standen.
(Fortsetzung folgt.)
Götz mit der eisernen
Zum 450. Geburtsjahr des Ritters Göh von Berlichingen.
Don Rudolf Lindemann.
Schwer und grau hielt der Aschermittwoch des Jahres 1525 seinen Einzug in die Stadt Landshut. Von den Türmen der St. Jodocus- kirche, der Spital- und Martinskirche riefen die Glocken zur Frühmesse, ihr wuchtiger Sang rüttelte an Fenstern und Türen und weckte die Säumigen: „Kommt... kommt... tut Buße... Buße!
.ilnb aus den verschlafenen, geduckten Häusern, aus den stmckrcheu Gebäuden der Ratsherren und reichen Kausleuw folgten dre Burg» mit ihren Hausfrauen, mit Kindern und Gesinde dem ma.Menden Ruf, beugten in den Kirchen ihre Häupter, und die Prrester streuten die geweihte Asche über sie. .. ,
3n der Herberge zum roten Ochsen stand um dtese Stunde des Herbergswirtes Söhnchen Hänsli vor dem Lager des schwer schlaten- den Junkers Götz von Berlichingen und mühte sich vergebens, mir seinem dünnen Stimmchen das grollende Schnarchen des Schlepers zu übertönen. „Herr Junker... Herr Junker... es ist einer kommen aus Dürnberg mit Botschaft an Euch!"
Allein das zarte Rufen verschlug nichts Der Derlichinger lag in seinem Morgentraum wie ein Klotz und sein Schnarchen fuhr wie der Laut einer Baumsäge auf und ab, auf und ab. <
Der Hänsli wußte sich schier keinen Rat mehr. Wie sehr er auch den Junker anrief, zwickte, stieß und puffte, der Schlafende rucke nur ein wenig, wälzte sich zur Seite und blteb auch fürder |.ot-
Da überfiel den Knaben der Zorn. War es auch nur ein kindischer Zorn, so brachte er ihm doch flink den in der Ecke stehmrden Wafter- trug in die Hände und verlieh ihm Kraft genug, den Inhalt sprudelns gegen Hals, Racken und Rücken des Berlichingers zu scyleudern, der augenblicks mit einem kräftigen Fluch auffuhr, als hätte ihn em Kartätschenkugel getroffen.
„Teufel auch, Hänsli..prustete er und schüttelte die breiten Schultern, von denen die Tropfen wie ein Regen stoben, .was schtm dich, einen Kriegsmann mit gemeinem Wo hr unsanft aufzustö-en
Der Bub stampfte trotzig mit dem Fuß aif. „Wenn s mt not war, ich Hütt' Euch schlafen lassen bis an den längsten Tag. Aber unten in der Herberg wartet ein Bote aus Dürnberg auf Euch, hat einen Packen mitgebracht und sagt, es wär' die eiserne Faust darin, o« Ihr bei seinem Meister bestellt hättet."
Da war der Junker mit einem Satz aus dem Bett, fuhr in o Strümpfe und Hosen und achtete nicht einmal des nassen Hemo«» mehr, das ihm auf dem Rücken klebte. . ri.f
„Bring ihn herauf, Hänsli, und eine Kanne Wein dazu, er, „das ist gute Botschaft." , e
„Werdet Ihr dann wieder eine Hand haben? fragte der nn I neugierig und schielte nach dem verbundenen Armstumpf des '>muc
, Meinetwegen, ich nehme Sie." . .
Eine Stunde später hatte sich Felicitas häuslich bet ihr nieder-
Anfangs lebte sie unter einem gewissen Zagen, welches ihr »die Art des Hauses" verursachte und die Erinnerurg an den „gnädigen Herrn , die über allem schwebte. Paul und Virginie, das eine sieben Jahre alt, das andere kaum vier, schienen ihr aus einem kostbaren Stoffe gebildet zu sein; sie trug sie wie ein Pferd auf ihrem Rücken, und Frau Aubain mußte ihr verbieten, sie in jeder Minute zu küssen, was sie tief krankte. Dennoch suhlte sie sich glücklich. Die Sanftheit der Umgebung hatte ihre
An allen^Donnerstagen kamen Stammgäste eine Partie Boston spie- lcn. Felicitas legte schon vorher die Karten und die Fußwarmer zurech.. Sie kamen pünktlich um acht Uhr und brachen auf, ehe es e.f schlug.
An jedem Montagmorgen legte der Trödler, der in dem Durchgang wohnte, seinen alten Kram aus dem Boden aus.. Dann erfüllte sich die Stadt mit einem Stimmengesumm, in das sich Pferdewiehern, Lammer- blöken Schweinegrunzen und das harte Rattern der Karren auf dem Steinpftaster nuschle. Gegen Mittag, wenn der Markt am vollsten war, sah man einen alten, hochgewachsenen Bauern mit einer Hakennase, die Mütze im Genick, auf der Schwelle erscheinen, er hieß Robelm und war der Pächter von Gesässes. Etwas später erschien Liebard, der Pachter von Toucques, er war klein, rot, seist und trug eine graue Weste und mit Sporen bewaffnete Stulpenstiefel.
Alle beide boten ihrer Gutsherrin Hühner und Käse an. Felicitas vereitelte jedesmal ihre kleinen Trügereien, und sie gingen voller Achtung fiir,4u unbestimmten Zeiten empfing Frau Aubain den Besuch des Marquis von Gremanville, eines ihrer Onkel, der fein Vermögen durchgebracht hatte und in Falaise auf dem letzten Winkel seiner Guter lebte. Er stellte sich immer um die Frühstücksstunde ein, begleitet von einem scheußlichen Pudel, dessen Pfoten alle Möbel beschmutzten. Trotz seines Bemühens, jo ganz als ein Edelmann zu erscheinen, daß er sogar >edes- mal seinen Hut lüftete, wenn er „mein Vater selig sagte, schenkte er sich doch, von der Gewohnheit beherrscht, ein Glas um das andere ein und gab dazu schlüpfrige Redensarten zum besten. Felicitas drängte ihn hofucy hinaus: „Sie haben genug, Herr von Gremanville! Auf em anderes Mal!" Und sie verschloß die Tür. ~ c
Mit Vergnügen öffnete sie sie vor Herrn Bourais, einem ehemaligen Advokaten. Seine weiße Halsbinde und seine Glatze, feine Hemd krause, sein weiter, brauner Gehrock, seine Art, mit gebogenem Arm zu schnupfen, tum fein ganzes Individuum riefen in ihr jene Aufregung hervor, in welche uns der Anblick außerordentlicher Menschen versetzt.
Da er die Güter der „gnädigen Frau" verwaltete, schloß er sich stundenlang mit ihr in das Arbeitszimmer des „gnädigen cherrn ein, fürchtete stets, sich blohzustellen, hatte eine unbegrenzte Achtung vor dem Richtetstand und bildete sich ein, lateinisch zu können.
Um die Kinder auf eine angenehme Weise zu untersten, machte er ihnen ein Geographiebuch mit Stichen zum Geschenk. Sie stellten verschiedene Szenen der Welt dar, sederngeschmückte Menschenfresjer, einen Affen, der eine Beduinendame in die Wüste entführt, einen Haifisch, den man harpuniert, und was dergleichen mehr ist.
Paul erklärte Felicitas diese Bilder. Darin bestand sogar ihre gesamte wissenschaftliche Ausbildung. Die der Kinder wurde von Guyot besorgt, einem armen Teufel, der auf dem Rathause angestellt und um seiner schönen Hände willen berühmt war und jein Messer an seinen Stiefeln weifte
Bei schönem Wetter begab man sich schon frühmorgens nach dem Gut ^Der Hof war abschüssig, das Haus stand in der Mitte, und im fernen schimmerte das Meer wie ein grauer Streifen.
Felicitas holte aus ihrem Handkorb kalte Fleischschnitten hervor, und man frühstückte in einem Zimmer, das an die Molkerei stieß. Dieses Zimmer war das einzige Ueberbleibjel eines jetzt verschwundenen Lust- sitzes. Die zerfetzte Tapete an den Wänden flatterte im Äutze. Frau Aubain senkte, von Erinnerungen Überwältigt, ihr Haupt, die Kinder wagten nicht mehr zu sprechen. „Ader so spielt doch", sagte sie; sie machten sich aus dem Staube. . ....... s.
Paul kletterte in die Scheune, fing Vögel, warf Steine flach über ben Teich, so daß sie vom Wasser abfprangen, ober klopfte mit einem Stock an bie großen Fässer, bie wie Trommeln tönten.
Virginie fütterte die Kaninchen ober rannte fort, um Kornblumen zu pflücken, unb bie Schnelligkeit ihrer Beine deckte ihre gestickten Unter« Höschen bloß.
Eines Abends im Herbste kehrte man über bie Weiden zurück.
Der Mond erhellte mit seinem ersten Viertel einen Teil des Himmels, und ein Rebel schwebte wie ein Band über den Windungen der Toucques. Rinder lagen im Gras und sahen den vier vorübergehenden Menschen ruhig nach. Auf dem dritten Weideplatz erhoben sich einige und stellten sich in die Runde vor sie, „Fürchtet nichts", sagte Felicitas, und eine Art Bänkelsängerlied summend, strich sie dem zunächststehenden liebkosend über den Rücken, es drehte sich halb um, die anderen ahmten ihm nach. Als sie aber über die folgende Wiese geschritten waren, erhob sich ein mächtiges Brüllen. Es war ein Stier, den der Rebel verbarg. Er bewegte sich auf die beiden Frauen zu. Frau Aubain wollte laufen. „Rein, nein, nicht so schnell." Dennoch beschleunigten sie ihren Gang, und sie hörten hinter sich ein dumpfes Schnauben, das näher kam. Seine Hufe schlugen wie Hämmer auf das Gras der Wiese. Jetzt galoppierte er. Felicitas drehte sich um und riß mit beiden Händen Erdklumpen aus, die sie ihm ins Gesicht schleuderte. Er senkte die Schnauze, schüttelte die Hörner und bebte, fürchterlich brüllend, vor Wut. Frau Aubain versuchte am Ende der Wiese, außer sich vor Angst, mit ihren beiden Kleinen über die hohe Einfassung zu gelangen. Felicitas wich immer schrittweise vor dem Stier zurück und warf unaufhörlich Rasenstücke, die ihn blind machten; währenddessen rief sie: „Eilt euch! Eilt euch!"


