Carsten Curaior.
Novelle von Theodor Storm.
(Sortierung.)
Voran ging der Vater selbst, wie jetzt der Sohn, im Dreispitz und langem Rockelor, eine gebückte, alte Frau, die Mutter der Verstorbenen, am Arme führend; dann kam ein hoher Baum von unbestimmter Gattung, sonst aber augenscheinlich auf den Spätherbst deutend; denn seine Aeste waren fast entlaubt, und unter dem Glase der Schilderei klebten hier und dort kleine, schwarze Fetzchen, die man mit einiger Phantasie als herabgewehte Blätter erkennen mochte. Dahinter folgte ein etwa vierjähriger Junge, gar munter mit geschwungener Peitsche auf einem Steckenpferde reitend; den Beschluß machten ein stakig aufgeschossenes Mädchen und ein anderer, etwa zehnjähriger Knabe mit einer tellerrunden Mütze, welche beiden, wie es schien, in bewundernder Betrachtung des munteren Steckenreiters, keinen Blick für die Anmut der Abendlandschaft übrighatten. Und doch war hierzu just die rechte Stunde und solches auch in dem Bilde sinnig ausgeführt; denn während im Vordergründe Baum und Menschen aus tiefschwarzem Papier geschnitten waren, zogen sich dahinter, abendliche Ferne andeutend, die Linien einer sanft gehobenen Ebene, aus dunklem und dann aus lichtgrauem Löschpapier gebildet. Das übrige aber hatte die Malerei vollendet; hinter der letzten Ferne ergoß sich durch den ganzen Horizont ein mild leuchtendes Abendrot, das die Schatten der sämtlichen Spaziergänger nur um so schärfer hervortreten ließ; darüber in braunvioletter Dämmerung kam dann die Nacht herab.
Das lustige Reiterlein war bald nach Anfertigung des Bildes von den schwarzen Blattern hingerasft, und nur sein Steckenpferdchen hatte noch lange in dem Gehäuse der Wanduhr gestanden, die dem Bilde gegenüber noch jetzt wie damals mit gleichmäßigem Ticktack die fliegende Zeit zu messen suchte. Von den fünf älteren Abendspaziergängern lebten nur noch die beiden älteren Geschwister, wie damals unter demselben Dache und, selbst während der kurzen Ehe des Bruders, ungetrennt. Manchmal, in stiller Abendstunde oder wenn ein Leid sie überfiel, hatten sie — sie wußten selbst kaum wie — sich vor dem Bilde Hand in Hand gefunden und sich der Eltern Tun und Wesen aus der Erinnerung wachgerufen. „Da sind wir übrigen denn noch beisammen," hatte der Vater gesagt, als er das Bild an demselben Stifte an die Wand hing, der es auch noch heute trug; „eure Mutter ist nicht mehr da, dafür ist nun das Abendrot am Himmel"; und dann nach einer Weile, nachdem er den Kindern sein Antlitz abgewendet und einige starke Hammerschläge auf den Stift getan: „Auch von den Toten bleibt auf Erden noch ein Schein zurück; und die Nachgelassenen sollen nicht vergessen, daß sie in seinem Lichte stehen, damit ste sich Hände und Antlitz rein erhalten."
Tante Brigitte, die als alte Jungfer von etwas seufzender Gemütsart war und es liebte, mit völliger Uneigennützigkeit Luftschlösser in die Vergangenheit hineinzubauen, pflegte nach solchen Erinnerungen, auf den Schatten des kleinen Steckenreiters deutend, wohl hinzuzusetzen:
„Ja, Carsten, wenn nur unser Bruder Peter noch am Leben wäre! Meinst du nicht auch, daß er von uns dreien doch der Klügste war?" Und das Gespräch der Geschwister mochte dann etwa folgenden Verlauf nehmen.
„Wie meinst du das, Brigitte?" entgegnete der Bruder. „Er starb ja schon in seinem fünften Jahre."
„Freilich starb er leiderdessen, Carsten; aber du weißt doch, wie unsere große, gelbbunte Henne immer ihre Eier hinter dem Aschberg weglegte! Er war erst vier Jahre alt, aber er war schon klüger als die Henne; er ließ sie erst ihre Eier legen, und dann eines schönen Morgens brachte er sein ganzes Schürzchen voll mir in die Küche. Ach, Carsten, des Senators Vater hatte ja zu ihm Gevatter gestanden; er würde gewiß auf die lateinische Schule gekommen sein und nicht wie du bloß beim Rechenmeister."
Und der lebende Bruder ließ sich eine solche Bevorzugung des früh Verstorbenen allzeit gern gefallen.--
Das Zimmer mit seinem alten Geräte und seinen alten Erinnerungen war noch immer leer, obgleich nur die vor dem Hause stehende Lindenreihe die Strahlen der schon hoch gestiegenen Mittagssonne abhielt. Der weiße Seesand, womit Anna vor ihrem Gange nach dem Rathause die Dielen bestreut hatte, zeigte noch fast keine Fußspur, und die alte Wanduhr tickte in der Einsamkeit so laut, als wolle sie ihren Herrn an die gewohnte Arbeit rufen. Da endlich schellte die Haustürglocke, und Anna, die oben harrend in ihrer Kammer saß, hörte den Schritt ihres Pflegevaters, der gleich darauf unten in dem Wohnzimmer verschwand. Noch eine kleine Weile, dann richtete sie sich zu raschem Entschluß auf, drückte noch ein paarmal mit einem feuchten Tuch auf ihre Augen und ging ins Unterhaus hinab.
Als sie das Wohnzimmer betrat, sah sie ihren Pflegevater noch mit Hut und Stock in der Hand stehen, fast als müsse er sich erst besinnen, was er in seinen eigenen Wänden jetzt beginnen solle. Eine Furcht befiel das Mädchen; es kam ihr vor, als fei er auf einmal unsäglich alt geworden. Gern wäre sie unbemerkt wieder fortgeschlichen; aber sie hatte ja keine Zeit zu verlieren.
„Ohm!" sagte sie leise.
Der Ton ihrer Stimme machte ihn fast zusammenschrecken; als er aber das Mädchen vor sich stehen sah, trat ein freundliches Licht in seine Augen. „Was willst du von mir, mein Kind?" sagte er mllde.
„Ohm!" — nur zögernd brachte sie es heraus. „Ich bin doch mündig; ich möchte etwas von meinem Vermögen haben; ich brauche es ganz notwendig."
„Jetzt schon, Anna? Das geht ja schnell."
„Nicht viel, Ohm; das heißt, ich habe ja noch so viel mehr; nur etwa hundert Taler!"
Sie schwieg; und der alte Mann sah eine Weile stumm auf sie herab. „Und wozu wolltest du das viele Geld gebrauchen?" fragte er bann.
Ein flehender Blick traf ihn aus ihren Augen; sie murmelte etwas, das er nicht verstand.
Er faßte ihre Hand. „So sag' es doch nur laut, mein Kind!"
„Ich wollte es nicht für mich", erwiderte sie zögernd.
„Nicht für dich, für wen denn anders?"
Sie hob wie ein bittendes Kind beide Hände gegen ihn auf. „Laß mich's nicht sagen, Ohm! O, ich muß, ich muh es aber haben!"
„Und nicht für dich, Anna?" —.Wie in plötzlichem Verständnis ließ er die Augen auf ihr ruhen. „Wenn du es für Heinrich wolltest, — da ind wir beide schon zu spät gekommen."
„O nein, Ohm! o nein!" Und sie schlang ihre Arme um den Hals des alten Mannes.
„Doch, Kind! Was meinst du, daß Herr Jaspers mir anders zu erzählen hatte? Schon gestern war der Senator von allem unterrichtet."
„Aber wenn doch Heinrich ihm das Geld nun bringt?"
„Ich habe es ihm selber bringen wollen; aber er wollte weder mein Geld noch meinen Sohn. Und was das letzte anbelangt, — ich konnte nichts dawider sagen."
„Ach, Ohm, was wird mit ihm geschehen?"
„Mit ihm, Anna? Er wird mit Schande das ehrenwerte Haus verlassen."
Als sie erschreckt das reine Antlitz zu dem ihres Pflegevaters emporhob, blickte ihr daraus ein Gram entgegen, wie sie ihn nie in einem Men- fchenangesichte noch gesehen hatte. „Ohm, Ohm!" rief sie. „Was aber habt denn Ihr verbrochen?' Und aus den jungfräulichen Augen brach ein so mütterliches Erbarmen, daß der alte Mann den grauen Kopf auf ihren Nacken senkte.
Dann aber, sich wieder aufrichtend und die Hand auf ihren blonden Scheitel legend, sprach er ruhig: „Ich, Anna, bin fein Vater. Geh nun und rufe mir meinen Sohn!"
Auch dieser Tag verging. Nach dem schweren Vormittag eine Mittagsund später ebenso eine Abendmahlzeit, bei der die Speisen, fast wie sie aufgetragen, wieder abgetragen wurden; dazwischen ein nicht endenwollender Nachmittag, währenddessen Heinrich, durch den überlegenen Willen des Vaters gezwungen, noch einmal zum Senator mußte und von dem entlassen wurde. — Auch dieser Tage war endlich nun vergangen und die Nacht gekommen. Nur der Hausherr wanderte noch unten im Zimmer auf und ab; mitunter blieb er vor dem Bilde mit den Familienschatten stehen, bald aber strich er mit der Hand über die Stirn, und setzte sein unruhiges Wandern fort. Daß Anna in raschem, jugendlichem Entschlüsse ebenfalls bei dem Senator gewesen war, davon hatte er ebensowenig etwas erfahren, als daß dieser ihr gegenüber nur kaum, aber schließlich dennoch seine Unerbittlichkeit behauptet hatte.
Die kleine Schirmlampe, welche auf dem Arbeitstische brannte, beleuchtete zwei Briese, der eine nach Kiel, der andere nach Hamburg adressiert; denn für Heinrich mußten auswärts neue Wege aufgesucht werden.
nommen hatte."
(Fortsetzung folgt.)
Carsten war ans Fenster getreten und blickte in die mondhelle Nacht hinaus; es war so still, daß er weit unten das Rinnenwasser in den Hafen strömen hörte, mitunter ein mattes Flattern in den Wimpeln der Halligschiffe. Jenseits des Hafens zog sich der Seedeich wie eine schimmernde Nebelbank; wie oft an der Hand seines Vaters war er als Knabe dort hinausgewandert, um ihre derzeit erworbene Fenne zu besichtigen!
Carsten wandte sich langsam um; dort lagen die beiden Briefe auf seinem Arbeitstische; er hatte ja jetzt selber einen Sohn.
In der Tiefe des Zimmers waren die Glastüren des Alkovens, wie jeden Abend, von Anna offengefteUt, und die abgedeckten Kissen des darin- stehenden Bettes schienen den an gute Bürgerszeit Gewöhnten einzuladen, dem Überlangen Tag ein Ende zu machen. Er nahm auch seine glotze, silberne Taschenuhr aus dem Gehäuse und zog sie auf. „Mitternacht!" sagte er, indem er in den Alkoven trat. Als er aber, wie er zu tun pflegte, die Uhr am Vettpfosten aufhängen wollte, hatte die stählerne Kette sich in einen goldenen Ring verhäkelt, den er am kleinen Finger trug, daß dieser herabgerissen wurde und klirrend auf dem Boden fortrollte. Mit fast jugendlicher Raschheit bückte sich der alte Mann danach, und als der Ring wieder in seiner Hand war, trat er in das Zimmer zurück und hielt ihn sorgsam unter den Schirm der Lampe. Seine Augen schienen nicht los zu 'können von dem Weibernamen, der auf der inneren Seite eingegraben war; aber aus feinem Munde brach ein Stöhnen, wie um Erlösung flehend. _ . , „
Da hörte er auf dem Flur die Stiegen der Treppe krachen. Er machte eine hastige Bewegung, als wollte er den Ring an den Finger stecke», als eine Hand sich sanft auf seinen Arm legte. „Bruder Carsten," sagte eine alte Schwester, die in ihrem Nachtgewande zu ihm eingetreten war, ,ich hörte dich hier unten wandern; willst du noch nicht zur Ruhe gehen?"
Er sah ihr wie erwägend in die Augen. „Es gibt Gedanken, Brigitte, die uns keine Ruhe gönnen, die immer wieder ins Gehirn steigen, weil sie nie herausgelassen werden."
Die alte Jungfrau blickte ihren Bruder völlig ratlos an. „Ach, Carsten, sagte sie, „ich bin eine alte, einfältige Person! Wäre unser Bruder Peter nur am Leben geblieben; vielleicht wäre er jetzt unser Pastor und hatte unseren Heinrich getauft und konfirmiert; der hätte gewiß auch heute Rat ^“öklkidjt, Brigitte," erwiderte der Bruder sanft; „vielleicht auch hätten wir uns nicht so ganz verstanden; du aber lebst und bist meine alte, treue Schwester." .......
Ja ja, Carsten, leider Gottes! Wir beide sind allem noch übrig.
Er hatte ihre Hand gefaßt. „Brigitte," sagte er hastig, „sahst du, wie blaß der Junge heute abend war, als er in seine Kammer hmausgmg k Noch nimmer hat er seiner Mutter so geglichen; so sah Juliane in ihren letzten Tagen aus, als schon der Tod die irdischen Gedanken von ihr ge=
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche UnivcrfitätL-Duch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.


