Ausgabe 
16.6.1930
 
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[idjen Krieg mit allen seinen Phasen und Merkmalen: Defensive des Kindes, maskiertes Heransschleichen des Angreifers, plötzliche Offen- toe Erstürmung der Hindernisse, leider auch Rückzug und sogar dtastrophale Flucht.

Die Schrecken des Krieges beginnen Montag. Hm acht Llhr früh Wrt der Zug. Alle Reisenden fahren Montag früh. Es ist ein großer Lärm im Waggon. Ein Reisender mir gegenüber sucht Anknüpfungspuickte. Alle konventionellen Redensarten verzögern und enthüllen schließlich die Frage:Wen haben Sie?" Er will nur Diff en, ob ich in seiner Branche reise. Tue ich es, so bin ich sein Gegner und hinter dem persönlichen Mitgefühl, das wir für einander empfinden, lauert die Furcht vor dem Konkurrenten. Dann fragt er «ich, wo ich aussteige: Ich fahre nach A. Er fährt nach K. Aber manchmal treffen wir uns in A. bei derselben Kundschaft. Sv ist

einmal. Und auch! dann verstehen wir uns und jeder von uns respektiert denjenigen, der früher da war.

Es gibt alte Reifende im Zug, die feit 20 und mehr Kahren immer dieselbeTour nehmend. Man erkennt sie daran, daß sie im Fahrplan heimisch sind, wie im Coupe und, daß sie alle Delegraphen- stangen und Bahnsignale und die Äähe einer bestimmen Station an den vorüberhuschenden Umrissen eines Dahnwächters kennen. Sie haben viel Gleichartiges erlebt urrd sie erzählen immer dasselbe. Vor ollem täuschen sie sich selbst über die näheren Umstände ihrer Tätig- idt. Sie kennen doch Kurz in Bi" sagt einer.Dort bin ich wie ein Kind im Haus. Ich komm' hin und der alte Kurz sagt: Setzen Sie sich, Herr Kanner! Wollen Sie einen Tee? Was macht Khre Frau? Selbstverständlich wenn man zwanzig Kahre reift. Fürs Ab- hausieren bin ich zu alt!" Indessen weih ich, daß der Empfang nicht so freundlich sein kann, wie er geschildert wurde. Aber ich nicke und bestätige durch äußere Zeichen des Vertrauens, daß ich dem Alten glaube. Gr ist keineswegs wie ein Kind im Haus, der Alte, Und zwanzig Kahre glaubt er selbst an seine DeliAlHeit bei den Kund­schaften. And nur so wird ihm seine langjährige Tätigkeit möglich. Ho tröstet er sich darüber, daß Küngere vielleicht acht Ordres !m Tag bringen. Sie reisen in Kaffee. Er in Beliebtheit-

Ich weih, daß es zu viele Reisende gibt und zu wenig Kaufleute in der Provinz. Da lebt in R. der Kaufmann Rudolf Lang, den ich besuche. Er besitzt einen kleinen, unscheinbaren Laden. Aber die räum­lichen Ausmaße des Geschäfts sind keineswegs maßgebend für die Leistungsfähigkeit eines Kaufmanns. Rudolf Lang ist groß und stark und pflegt seinen blonden Schnurrbart zu Repräsentationszwecken. Er gehört zu jenen Kundschaften, die grundsätzlich nichts brauchten. Wan muh wissen, daß ich kleingewachsen und glattrastert bin ustd daß ich in Gegenwart des Kaufmanns Lang sehr bescheiden aussehe und meine angeborene Zaghafttgkeit vor gepflegten Schnurrbärten mir mühevoll bekämpfen kann. Wenn mich Rudolf Lana antreten sicht, hebt er beide Hände mit auswärtsgekehrten Handfmchen hoch und macht verneinende Bewegungen mit dem Kopfe.Richts zu machen!" sagt Lang mit der festen Stimme eines entschlossenen, kräftigen Mannes. Es ist brei Uhr nachmittags und ich weiß, daß heute schon vier, fünf Reisende dagewesen sind. Dennoch trete ich näher.Kch habe noch Khren Guatemala vom letzten Kahr", sagt Lang. »24 kann nichts brauchen! Wirklich nichts!" Und er bedient seine Kundschaften weiter, während ich eine Schublade mit der Aufschrift ,,Zimt" betrachte. Dann geht die Tür, es ist kein Fremder mehr im Ladennur Lang und ich. Und ich sage es so nebenbei:Schade, Chatte so einen guten Santos!"Kann nichts brauchen", sagt Lang und betrachtet einen seiner großen starken Fingernägel, die wie

Schildpatt gemacht sind. Und während ich meine Tasche an mich nehme und mich scheinbar zum Gehen anschicke, ziehe ich wie von ungefähr ein Säckchen aus dem Rock und schütte seinen Inhalt spielerisch verträumt auf meine flache Hand. Und das ist meine Rettung. Denn der Kaufmann Lang sieht schielend auf meine Hand. «®ey n Sie", sage ichdiesen Kaffee würde inan für keinen Guatemala halten. Aber die Qualität ist hochfein. Und ich glaube, die hatten schon solche Kaffees."Zeigen Sie her!" sagt der Kauf- '"unu Lang. Und ich offne meine Handtasche. Lind ich lange nach dem Notizbuch insgeheim. .Und, wenn der Kaufmann Lang nur zwei vacke kaufen will, weiß ich, daß er mit Leichtigkeit vier kaufen kann, und er tut es auch.

Aber der Typus Lang ist nicht der schlimmste. Da lebt in D. ein Kaufmann,, der die Welt gesehen hat und durchaus unnachgiebig ist und der mir mit einer so sanften Höflichkeit entgegenkommt, daß ich wehrlos werde. Der Kaufmann sagt:Es ist schade, verehrter Herr!" And er bedauert die Unmöglichkeit eines Geschäftes, als wäre e r der »eisende. Er. besitzt die Konsequenz der höflichen Unnachgiebigkeit, tzier versagt jeder Trick. Hier sagt der Kaufmann:Versetzen Sie W M meine Lage! Kch habe Ware für sechs Monate! Kommen 0,e w mein Magazin!" Und so suggestiv ist fein Wesen, so über» Mgend sein Argument, daß ich mich wirklich in seine Lage versetze. And während ich noch mit krampfhafter Schnelligkeit nach einem rettenden Einfall suche, hat sich der Kaufmann schon abschiednehmend vernergt. Und ich fahre zum Kaufmann Reininger nach P., dem ich vollkommen gewachsen bin.

Denn der Kaufmann Reininger ist zugänglich, jedem Wort und. wenn nicht zufällig vor mir jemand dagewesen ist selbst wenn W persona grata ist, ist man nicht allein, bin ich sicher, hier, n ix, wenigstens vier Säcke anzubringen. Der Kaufmann Reininger agt einen kleinen altmodischen Spitzbart, er ist schwach und selbst n temer automatischen Abwehr liegt eine Aufforderung zum An-

, Nuch ichu Kdeal ist derrestlose" Verkauf seines gesamter V ^lllrin, wie anders klingt es, wenn er sagt:Ich habe oh?* , Dielleicht das nächstem al!" Und diese ganz unbestimmt

Hoffnung auf ein ferneres nächstes Mal ist mir ein lur gegenwärtige Möglichkeiten. Kch. sage:So einen Por- Sie noch nicht gesehen!" und gebe ihm Gelegenheit, auch "los und Minas zu sehen. Und sagt er:Weil Sie es sind, will

ich emen Sack kaufen" so einigen wir uns schließlich auf fünf. Und jetzt tritt die Rotwendigkeit em, schnell vom Medergang der Moral zu sprechen. Vom Steigen der Fettpreise. Von der Aus­breitung der Kinos selbst in solchen Restern. Rur nicht von Kaffe«! Denn so schwach der Kaufmann Reininger ist, er könnte doch plötzlich zur Besinnung kommen. Er könnte bedauern Und er soll sich im Augenblick lieber für die Kinoprogramme interessieren. Und er inter­essiert sich wirklich.

Und so, zwischen der Hoffnung, beim Unzugänglichen etwas ab» zusetzen, den Rachgiebigen noch schwächer zu machen und der Ent­täuschung, bei diesem zu spät zu kommen, bei jenem schon einen schnel­leren Konkurrenten anzu treffen, vergeht meine Woche.

Zwischen Kyritz, Vlumau, Radlersheim, Romberg, Karwitz und Pleschin geht mein Leben sechs Tage lang. Am Sonntag weih ich, bah das Reisen in Kaffee mühevoll ist und Talent erfordert. Aber hi den kleinen Orten, bei den kleinen Leuten und wenn sie mich auch nicht erwarten verbreite ich eine leise Ahnung von Ländern, aus denen meine Sorten stammen: Kava, Ceylon, Sumatra, Salvador. Montag früh werde ich über Blum au nach Kyritz fahren."

Die schwarze Spinne.

Erzählung von Jeremias Gott Helf.

(Fortsetzung.)

Und einen Tag war die Spinne verschwunden, kein neues Todes- geschrei hörte man, die Leute mußten die verrammelten Häuser ver­lassen, mußten Speise suchen fürs Vieh und sich, sie taten es mit Todes­angst. Denn wo war jetzt die Spinne, und konnte sie nicht hier sein und unversehens auf den Fuß sich setzen? Und wer am vorsichtigsten nieder­trat und mit den Augen am schärfften spähte, der sah die Spinne plötz­lich sitzend auf Hand oder Fuß, sie lief ihm übers Gesicht, saß schwaiz und groß ihm auf der Nase, und glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in fein Geheim der Brand der Hölle schlug über ihm zusammen, bis der Tod ihn streckte.

So war die Spinne bald nirgends, bald hier, bald dort, bald im Tale unten, bald auf den Bergen oben; sie zischte durchs Gras, sie fiel von der Decke, sie tauchte aus dem Boden auf. Am hellen Mittage, wenn die Leute um ihr Habermus saßen, erschien sie glotzend unten am Tisch, und ehe die Menschen den Schrecken gesprengt, war sie allen über die Hände gelaufen, saß oben am Tisch auf des Hausvaters Haupte und glotzte über den Tisch, die schwarz werdenden Hände weg. Sie fiel des Nachts den Leuten ins Gesicht, begegnete ihnen im Walde, suchte sic heim im Stalle. Die Menschen konnten -sie nicht meiden, sie war nirgends und allenthalben, konnten im Wachen vor ihr sich nicht schützen, waren schlafend vor ihr nicht sicher. Wenn sie am sichersten sich wähnten unterm freien Himmel, auf eines Baumes Gipfel, so kroch Feuer ihnen den Rücken auf, der Spinne feurige Füße fühlten sie im Nacken, sie glotzte ihnen über die Achsel. Das Kind in der Wiege, den Greis auf dem Sterbebette schonte sie nicht; es war ein Sterben, wie man noch von keinem wußte, und das Sterben daran war schrecklicher, als man es je erfahren, und schrecklicher noch als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne, die allenthalben war und nirgends, die, wenn man am sichersten sich wähnte, einem todbringend plötzlich in die Augen glotzte.

Die Kunde von diesem Schrecken war natürlich alsobald ins Schloß gedrungen und hatte auch dorthin Schreck und Streit gebracht soweit W bei den Regeln des Ordens stattfinden konnte. Dem von Stoffeln machte es bange, daß auch fic ebenso heimgesucht werden möchten wie früher ihr Vieh, und der verstorbene Priester hatte manches geäußert, welches ihm jetzt die Seele aufrührte. Er hatte ihm manchmal gesagt, daß alles Leid, welches er den Bauern antue, auf ihn zurückfahre, aber er hatte es nie geglaubt, weil er meinte, Gott werde einen Unterschied zu machen wissen zwischen einem Ritter und einem Bauer, hätte er sie doch sonst nicht so verschieden erschaffen. Aber jetzt ward ihm doch angst, es gehe nach des Priesters Wort, gab harte Worte feinen Rittern und meinte, es tarne jetzt schwere Strafe ihrer leichtfertigen Worte wegen. Die Ritter aber wollten auch nicht schuld sein, und einer schob es dem anderen zu, und wenn's auch keiner sagte, so meintens doch alle, das gehe eigentlich nur den von Stoffeln an, denn wenn man es recht nehme, so sei der an allem schuld. Und neben diesem sahen sie einen jungen Polenritter an, der hakte eigentlich die meisten leichtfertigen Worte über das Schloß ge­sprochen und den von Stoffeln am meisten gereizt zum neuen Bau und vermessenen Schattengänge. Der war mach sehr jung, aber der wildeste von allen, und wenn's eine vermessene Tat gatt, so war er voran; er war wie ein Heide und fürchtete weder Gott noch Teufel.

Der merkte wohl, was die anderen meinten, aber ihm nicht sagen durften, merkte auch ihre heimliche Angst. Darum höhnte er sie und sagte, wenn sie vor einer Spinne sich fürchteten, was sie dann gegen Drachen machen wollten? Dann wappnete er sich gut und ritt ins Tal hinauf, sich vermessend, nicht zurückkehren zu wollen, bis sein Roß die Spinne zertreten, seine Faust sie zerdrückt. Wilde Hunde sprangen um ihp her, der Falke sah ihm auf der Faust, am Sattel hing die ßange, luftig bäumte sich das Pferd; halb. schadenfroh, halb ängstlich sah man chjr aus dem Schlosse reiten und gedachte der nächtlichen Wache auf Bär- Hegen, wo die Kraft der weltlichen Waffen gegen diesen Feind so schlecht sich bewährt hatte.

Er ritt am Saume eines Tannenwaldes dem nächsten Gehöfte zu, scharfen Auges spähend um und über sich. Als er das Haus erblickte, Leute darum, rief er den Hunden, machte das Haupt des Falken frei, lose klirrte in der Scheide der Dolch. Wie der Falke die geblendeten Augen zum Ritter kehrte, feines Winkes gewärtig, prallte er ab der Faust und schoß in die Luft, die hergesprungenen Hunde heulten auf und suchten mit dem Schweife zwischen den Beinen das Wette. Ver­gebens ritt und rief der Ritter, feine Tiere fah er nicht wieder. Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahe