Ausgabe 
16.6.1930
 
Einzelbild herunterladen

'w Höbe Katze«, sagte er schnell, ohne seiner^Mutter Zeit zu lassen, Fragen zu stellen,sie springt so plötzlich über

pc wird wahrscheinlich wieder Junge kriegen und Bauchkneipen geh^t 6abcn^ i&in eincn Augenblick scharf in Ne Augen, hob die Scherben auf und ging wieder weg, oWe ein Wort 8» sagen. Flachskopf fand, daß sie ihm nut diesem Benehmen schändlich un­recht'tat Wenn er der Schuldige gewesen wäre, dann hatte sie das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Jetzt, wo es die Katze gewesen war, sagte sic nichts, und ärgerlich ries er rhr noch nach.Wenn ich so etwas machte, dann wäre der Temel los! Äber. seine Mutter minq auf diesen Protest nicht ein, unb Flachs köpf brachte seinen Groll zum Ausdruck, indem er die Kartoffeln so wütend und grob ihrer Schale entledigte, daß sie klein und unänsehnlich m dem Eimer

.Sag mal, Mädchen" wenn Flachskopf auf seine Mutter böse war, nannte er sie kurzweg ,Mädchen',ich glaube, daß die Kartoffeln langen."

Die Mutter guckte nach und fand, daß es in der Tat genug waren. Flachskopf mutzte sie noch waschen, in den Kessel schütten, über den Herd hängen, das Feuer schüren und Holz nachlegen, bis die Flamme wieder hochschlug, alles Dinge, die er gründlich verabscheute und die ihm so recht zum Bewußtsein brachten, wie unglücklich sein Leben war. Er warf zuletzt eine Handvoll Salz in den Kessel und setzte sich dann an den Tisch, um nachzudenken. Die Mutter hatte ihn beauftragt, dafür zu sorgen, daß das Essen gut durchkochte. Denn es ging ajll- mählich auf den Mittag zu, und die Männer wollten pünktlich essen.

Flachskops fing an, eine wahre Verwüstung unter den Fliegen anzurichten. Er schlug so gewaltig mit seinerBiblischen Geschichte^ nach ihnen, verfolgte sie so ungestüm mit seiner Mütze auf dem Tisch, an den Wänden und auf den Fensterscheiben, daß die armen Tierchen bei diesem plötzlichen Gemetzel nicht mehr ein noch aus wußten und ängstlich an der Decke entlangtrieben, wo sie noch einigen Schutz sanden. An den weihgekalkten Wänden zeigten sich bald zahlreiche Spuren von Flachskopfs blutigem Kampf; aus dem Disch, um die Kaffeeflecken herum. lagen eine Menge Fliegenleichen, und jedesmal, wenn Flachskops mit seiner Mütze danach schlug, brummte er:Da! das kommt davon, mich hier Kartoffeln fchälen zu lassen!"

Aus der Backstube klang eine drohende Stimme:Was stellst du da bloß wieder an?, und einen Augenblick später kam die Mutter selbst, um nachzusehen, ob ihr Sohn das Feuer gut versorgte und keine allzu großen Dummheiten machte. Sie hob den Kesseldeckel hoch und fragte:Sind die Kartoffeln denn auch gesalzen?"

Das habe ich, glaube ich, vergessen", log Flachskopf, denn es war ihm ganz recht, wenn feine Kartoffeln nicht ganz richtig wurden. Vielleicht blieb er dann in Zukunft von dieser blödsinnigen Arbeit verschont. Seine Mutter holte daraufhin eine Handvoll Salz aus dem Steintopf und warf es in den Keffel.

Lerne nun deine Aufgabe", sagte sie gütig,bann darfst du heute nachmittag etwas spielen gehen." Sofort war Flachskopf bereit, diese Fronarbeit aus sich zu nehmen; und bevor noch seine Mutter die Wohnstube verlassen hatte, saß er schon mit aufgestützten Eli- bogen am Tisch und betrachtete mit ernstem GesichtDaniel in der Löwengrube". Lange hielt er das nicht aus, und sobald er wieder allein war, gingen seine Blicke wie von selbst von dem Bildchen, auf dem die harmlosen Löwen so friedlich um den guten Daniel lagerten, über die ganze Tischplatte. DasEtwas-Spielen-Gehen" würde schon den gangen Nachmittag dauern, denn bevor es dunkelte, würde er sich zu Hause nicht blickenlassen. Für die Aufgabe hatte er morgen noch den ganzen Sonntag, und in der Schule würde er sich hinter Driesens Bücken schon zu helfen wtffen. Darüber machte sich Flachskops keine Kopfschmerzen.

Er schlich leise zum Küchenschrank, schnitt sich zwei kräftige Butterbrote ab, die er in feine Innentasche stopfte, und noch ein drittes, das er an Ort und Stelle verzehrte, setzte sich dann wieder vor fein Buch und vergaß in Erwartung des fröhlichen Nachmittags allen Jammer.

Er nahm eine erschlagene Fliege zwischen Daumen und Zeigefinger, ritz chr den Kops ab und quetschte ihn zwischen eine gefaltete Seite feinerBiblischen Geschichte". Als er die Falte wieder aufmachte, stand da wahrhastig in der Ecke der Seite eine kleine rote Fig ur die, ohne daß man sie eigentlich irgendwie hatte deuten können, so zart und gleichmäßig war, als ob sie gedruckt gewesen wäre. Ein zweiter Fliegenkopf zeichnete aus der nächsten Seile eine andere Illustration, und Flachskopf sand die Sache so unterhaltend, daß er wahrscheinlich sämtliche Seiten seines Buches mit Fliegenkopf­figuren geziert haben würde, wenn er nicht an der Hintertür den Schritt Heinis vernommen hätte, der schon zum Essen kommen wollte und auf Liefe Weife Flachskopf zum Propheten Daniel zurückrief.

Sind die Kartoffeln noch nicht weich?" rief Heini, während er sich im Waschraum die Hände wusch.

Kochen tun sie schon!" rief Flachskopf zurück.

Heini trat ein, sah erst die Ahr, bann Flachskopf an, hob den Deckel vom Keffel, um sich zu überzeugen, daß er nicht mehr aillzw- lange zu warten brauchte,

Unfere Mutter wirb doch nicht wieder vergessen haben, die Kartoffeln zu salzen?" fragte er, denn er wußte, daß dies bei der Mutter nicht selten der Fall war.

Ich weih nicht", log Flachskopf wieder, und nach kurzem Zögern fügte er hinzu,ich habe nichts gesehen ... Wenn ich mir's richtig überlege, glaube ich, dqh sie kein Salz Hineingetan hat."

Heini ging daraufhin zum Salz topf, griff ebenfalls hinein, und IFlachskopfs Kartoffeln wurden zum drittenmal gesalzen. Dann ging er hinaus, um an diesem und jenem herumzubasteln, bis der Disch gedeckt wurd»

Flachskopf lachte vor sich hin. Was für ein Gesicht würden sie heute mittag machen! Da könnten sie mal sehen, was es embringt, ihm die Arbeit aufzutragen, die sie selber zu machen hatten. Er sah schon wie fein Vater die erste Kartoffel, die er an den Mund brachte, mit feinem üblichenVerdammt noch email auf den Tisch warf. Er hörte Heini brummen, daß es zum Umfallen tonte, und Nis... ja alle vier würden fie einander einen Augenblick angucken, als, hätten fie Essig getrunken, dann würde jeder wütend etwas sagen, und dann würden sie fragen, wo Flachskopf wäre. Zuletzt erst dachte Flachskopf an sich selbst und welche Folgen die dreifach gefallenen Kartoffeln für feine Perfon mit sich bringen könnten. Denn äs war eine Eigentümlichkeit seines Gewissens, bah es ihn nie an ferne Sunden, sondern stets nur an die unangenehmen Folgen dieser Sunden er­innerte. Er bekam es mit der Angst zu tun und hielt es für ratsam, sich abseits zu halten. Ein Butterbrot hatte er ja schon gegessen und noch zwei in der Tasche. 2m Küchenschrank sand er noch em Stück Speck. Als seine Mutter in die Wohnstube trat, um den Tisch decken, schob sich Flachskopf, ohne feine Absicht irgendwie zu toerfc raten, zur Tür hinaus, versteckte sich eine Weile hinter dem Holzstoß, bis er mit Sicherheit annehmen konnte, daß alle drinnen touren, und lief bann durch den Garten, wo er vier Dirnen abpflückte, auf, die weiten Wiesen ...

Gin Vilgrim.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

's ist im Sabinerland ein Kirchentor mir war ein Reifejugendtag erfüllt ich faß auf einer Dank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutier flüsternd, scheu begann: Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!" Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanberstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust unb füllte mir die Augen und die Brust; hell in die Lüste jubelnd rief ich bann: Ich bin ein Pilgerim unb Wandersmann!" Es war am Corner- ober Sangenfee, auf schlichter Tiefe trug das Boot mich hin entgegen meinem etogen, stillen Schnee mit einer anderen Heben Pilgerin rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachtend seufzt' ich leis unb sann: Du bist ein Pilgerim unb Wanbersmann!

Mit Weib und Kinb an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein bünkt keine Ferne mir begehrenswert.

So ist es gut! So sollt' es ewig sein ... Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in ben Sinn der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, bas nimmer ich vergessen kann: Da sitzt ein Pilgerim unb Wanbersmann."

Aus dem Leben eines Misenden.

Von Joseph Roth.

Ich reife in Kaffee. Von Montag früh bis SamstagaNnÄ Ich führe alle Sorten. Ich vertreibe Guatemala, Santoch H°w- duras, Portorico auf meiner Tour, die sich über Kyritz, Bluman Radkersheim, Nomberg, Karwitz und Pleschin erstreckt Man wem die leise Ironie dieses Widerspruches, der zwischen den e^otiMn Namen meiner Bohnen und der desillusionierenden Geographie mr, ner Tour besteht. Ich möchte sagen: es ist ein symbolischer Gegen satz, der meinen Beruf überhaupt kennzeichüet. Tie RonumHk m« nes fiebentägigen Zigeunerturns erstickt in der geschäftlichen w ternheit seines Zwecks. Ich bin trotz meinem ewigen Herumfahom kein Fahrender, kein Weitgereister, sondern nur e i n Aeisenver

Dennoch bin ich glücklicher, als viele meiner Berufsgenossen.Giua kicher als jene zum Beispiel, deren umfangreichere Ware sie P» Mitnahme eines riesigen Musterkoffers zwingt Werne Kaffeebohnen muster befinden sich in zwanzig bis dreißig Paplerduten -jaw- prima Ware in einer Handtasche. Selbstverständlich habe ich Revolver" in der Rocktasche. Ich zücke ihn in geeigneten Momm ten. Diese Partie in der Rocktasche ist die preiswerteste. K. in y- (ich will ben Namen nicht nennen) wird sicher anbeihen.

Denn die große Schwierigkeit meines Berufs besteht eben B*»1 dem Kaufmann die Notwendigkeit einer Ware zu beweisen, für u* er vorläufig keinen Bedarf hat. Zwischen dem Erzeuger, Der* ' Welt mit Kaffee versorgt, und dem Verkäufer, der m >hr verrann fahre ich:,der Reisende, hin und zurück. Ich erlebe Niemals ei der größten Reize des Reisens: das sehnsüchtige ®rtoartcttoer _ Denn selbst ber Kaufmann, der meinen Kaffee,braucht, gesteht es n Unb sogar, wenn er froh ist, meine Dohnen gekauft zu Haven, ru so, als mühte ich froh sein, meine Ware losgeworden zu fein, wenn er überzeugt ist, daß er so günstig wie noch me getauft pm, nimmt er sich so, als hätte er mich aus purer persönlicher «yceun und Sympathieetwas verdteneii Taffen". So gestaltet sich der i«« bar nüchterne Verkauf eines Sacks Kafseebohnen zu einem o