Ausgabe 
16.6.1930
 
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Siehener Knnilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang zyZ« Montag, den st.Zuni Nummer ^6

Kleine Stadt vom Zugfenster aus.

Bon Anton Schnack.

Ach, wie wäre ich vielleicht glücklich, hier zu sein!

Es ist Sommer: an meinem Haufe blühte der Wein.

Das Haus ist zweistöckig und trüge die Nummer zehn.

Manchmal käme ein Nachbar vorbei und bliebe plaudernd steh'n.

Ich hätte von meinem Baier statt Anruhe ein gutes Geschäft geerbt: Da würden Lohe gemahlen und Rinöerhäute gegerbt.

And am Abend zog' ich befriedigt den Arbeitsrock mir aus And die Sonne beglühte golden die Fenster an meinem Haus.

Aeber mir hoch zu Häupten hat sich der Abendhimmel besternt, And der O-Zug nach München hat sich schon weit ins blaue Dunkel entfernt.

Ich wäre vielleicht vierzig und gewählt zum Geineinderat.

Meine Lieblingsspeise ist Bratwurst mit gelbem Kartoffelsalat.

Mich grüßten Briefträger und Buben, der Hausierer mit Schnürsenkel­sack,

Der Metzger Pframer besonders: »Guten Morgen wünsch' ich, Herr Schnack."

And bin ich int Herrenstübl vom Wirtshaus zumGoldnen Stern", Kommt die rundbufige Wirtin selber:Was hätt' Herr Gemeinderat gern?"

Da hätte ich neben Herrn Doktor und Amtsrat einen muffigen Stammtischsitz.

And hörte zum dreißigsten Male den gleichen, eindeutigen Witz.

And als Kritiker des Jphöfener Boten für Stadt und mainisches Land,

Wäre ich weithin als kunstverständig und musikfördernd bekannt.

Denn umsonst blies ich nichtGuter Mond" auf der Großvaterflöte, Und umsonst hätte ich nicht im Schrank einen in Schweinsleder ge­bundenen Goethe.

So verliefe mein Leben: bedächtig, würdig, eintönig und kaum.

Eines Tages, gealtert, früg' ich mich ängstlich:War es gelebt oder Traum?"

And es käme die Zeit, wo ich vor detit D-3ug nach München bliebe steh'n:

Ach, mit ihm fahren dahin und verreisen auf Aimmerwiederseh'n!"

Doch es bliebe als Schlußpunkt jener plumpe Marmorstein: Hier ruht f 1972 Herr Anton Schnack, Gemeinderat. Gott möge ihm gnädig sein..."

Flachskopf wir! es nicht gewesen sein.

Bon Ernest E l a e s.

2m 2nsel°Verlag zu Leipzig ist soeben ein Buch erschie­nen, worin sich ein neuer Lausbub den Lesern vvrstellt. Er heißt Flachskopf und stammt aus Flandern. Ernest Claes hat dieseGeschichte einer sieghaften Jugend", wie Felix Timmermans sie in seinem Vorwort zu deut Buche ge­nannt hat, geschrieben.Wir lieben Flachsköpf", sagt er, roeil wir uns selbst darin wiedecfinden. Ja, so etwas haben wir auch gemacht oder wünschen es gemacht zu haben." Felix Timmermans hat auch die reizenden Bilder gezeich­net. Wir geben im folgenden eine Probe des prächtigen Buches. (192.)

Das gemeinsame Frühstück war für Flachskopf und seinen freien W mit großen Gefahren verbunden. Bur um ihn zu ärgern, hätte a» sagen können:.Unser Flachskopf könnte hier mal helfen oder da «was machen", und Vater und Mutter waren stets bereit, dieser beizupflichten. Deshalb hatte Flachskopf seineBiblische «esHichte" neben seiner Tasse aufgeschlagen, und während des Essens -erachtete er mit der größten AufmerksamkeitDaniel in der- mmgrube". Sein Vater kam gewöhnlich nicht zum Frühstück, weil er 'küh aufstand und später Kaffee trank als die andern. Aber horten sie ihn plötzlich durch die Hintertür heveinstürmen.

^issm?^ verdammt! die Birne auf dem kleinen Bäumchen ange-

Däutnchen war erst voriges Jahr gepflanzt, kam aus Ton- tntn <a.legte großen Wert auf die eine Dirne, die es s- amchskopf hatte gestern aus der Frucht, die so verlockend in der

Sonne heranwuchs, ein kleines Stück herausgebissen, überzeugt, daß der Rest deswegen doch Weiterreisen würde, um seinem Vater Gelegen­heit zu geben, die Sorte und ihren Geschmack kennenzulernen.

Ich bin nicht drangewesen", sagte Heini.

2ch auch nicht", fügte Ais hinzu.

And ich bestimmt nicht", behauptete Flachskopf mit viel mehr Nachdruck als die anderen, während sein Gesicht glühend rot wurde, ihr wißt doch, daß ich keine grünen Dirnen mag."

Kommt dann mit, um die Füße zu messen", sagte der Vater zu allen dreien. Heini und Ais, die die Sache sehr ernst zu nehmen schienen, erhoben sich sofort, um ihrem Vater zu folgen. Flachskopf mußte erst unter dem Tisch nach seinen Holzschuhen suchen und folgte dann widerwillig.Ich weiß nicht, was ich habe", sagte er erst noch zur Mutter,ich habe schon den ganzen Morgen Bauchkneipen."

Das Bäumchen stand am Giebel des Backhauses, rund herum war der lockere Boden säuberlich geharkt, und mitten darin waren jetzt zwei deutliche Fußspuren. Heini hielt zuerst den Fuß daneben: er war fast doppelt so lang wie die verräterische Spur. Dann Nis von ihm konnte sie auch nicht stammen. Als Flachskopf zitternd herantrat, fest entschlossen, seinen Fuß so zu drehen, daß er doch nicht passen würde, griff sein Vater ihn beim Arm, und ohne weitere De- weise seiner Anschuld zu verlangen, versetzte er ihm einen so heftigen Fußtritt, daß er mit zwei Schritten zur Hintertür hineinflog. 2n der Wohnstube hätte er beinahe von seiner Mutter noch eine Tracht Prügel dazubekommen. Er hatte gut schreien, daß er so unschuldig sei wie ein Lamm und daß sie doch ganz genau wisse, daß er keine grünen Birnen möge seine Mutter ließ sich nicht überzeugen, und Flachs­kopf mußte dableiben und Kartoffeln fürs Mittagessen schälen.

Er hätte vor Aerger heulen können. Endlich hatte er nun einmal schulfrei, noch dazu an einem Samstag, und mußte nun dasitzen und diese blöden Kartoffeln schälen! Locke, Dabbe und die andern gingen gewiß jetzt los, zogen in den Wald oder suchten Vogelnester, ohne daß Väter oder Mütter sich um sie kümmerten. Draußen herrschte fo ein echter Sonnentag, aber in Flachskopfs Herzen war es tiefer Winter. Wäre er doch nur schon am Morgen ausgerissen, dann säße er jetzt nicht hier drin! Der ganze Tiag war zum Teufel... Aber er wollte sämtliche Augen in den Kartosfeln lassen... Da würde Ris wieder ein Gesicht machen...

Neben ihm auf der Bank schlummerte friedlich die Katze, die Pfötchen schön unter ihrem Leib gefaltet, den Schwanz danebeir, mit dem Ende fast unter ihrer Aase, und die Augen fest zugekniffen. Mieze hatte gewiß in der Aacht keine Zeit zum Schlafen gehabt und mußte das nun bei Tage nachholen. Ab und zu lief ein kurzes Zucken über ihre Aase, und die langen Haare ihres Schnurrbartes zitterten.

Diese Katze hat eigentlich ein viel schöneres Leben als ich, dachte Flachsköpf. Sie darf so gemütlich daliegen und schlafen, und kein Mensch tut ihr etwas zuleide, während ich... Es war sehr still in der Wohnstube. 2m schwarzen Herd, dem Flachskopf gerade gegen* übersaß, glühten noch ein paar Kohlen unter der Asche; der Wasser­kessel und die Kaffeekanne standen brüderlich nebeneinander, mit ldeir Schnauze nach dem toten Feuer zu. Die alte Wanduhr tickte die Minuten so träge herunter, als ob sie niemals bis zum Abend durchhalten würde. Die Fliegen schwärmten lässig und leise an der Decke und über dem Tisch, wo sie der Reihe nach an Kaffeeflecken und Drotkrümeln nippten. Die Sonne warf durchs Fenster einen großem Hellen Fleck über Tisch und Fußboden. Der arme Flachskopf drehte immerzu die Kartoffeln zwischen seinen Fingern, ließ die langen, geringelten Schalen in den kleinen Korb fallen und warf dann di« weiße Knolle mit einem Plumps in den Wassereimer. Bei jedem Plumps machte die Katze flüchtig ein Auge auf und schlief dann ruhig weiter. Sie wußte ganz gut, daß es in Flachskopfs Aäho angebracht war, nur mit einem Auge zu schlafen. Die Katze ärgerte ihn immer mehr.

Mutters Nähkästchen stand ebenfalls auf der Bank, und obendrauf lag ein grauer Strumpf, quer mit einer großen Stopfnadel durch­stochen. Plötzlich bemerkte Flachskopf diese Swpfnaöel, zog sie ganz leise heraus, bog sich etwas über die Dank und stach die Mieze heim­tückisch in den Hintern. Mit einem erschrockenen3<rut sprang die Katze auf, guckte einen Augenblick mit großen Angstaugen nach der Wand, sauste dann über den Tisch, und klatsch... eine Tasse schlug auf den Boden. Vorn Lärm der Scherben erschrak die Mutter in der Backstube und rief sofort:Was stellst du jetzt wieder an, Bengel?"

Es war die Katze", schrie Flachsköpf zurück, ein wenig ängstlich geworden durch die unvorhergesehenen Folgen deS Nadelstiches,sie hat, verdammt nochmal! eine Tasse vom Tisch geworfen!"

Die Mutter kam. Schon an ihrem Schritt erkannte Flachskopf, daß sie ißn wieder in Verdacht hatte, er sei es selbst gewesen.