Ausgabe 
15.12.1930
 
Einzelbild herunterladen

Sm November verkündete ein Maurer aus Mainzlar, der auf der Neumühle das Auszugshäuschen instand zu setzen hatte, im Preußischen sei Revolution ausgebrochen, alles gehe drunter und drüber. Die Mel­dung rief im Dorf zunächst keine besondere Erregung hervor.Kiel und SSeriin" hieß es,sind weit vom Schuß!" Als aber die Alarmnach­richten sich überstürzten, wurde das Kehr-mich-an-nichts der dicken Bauern auf eine harte Probe gestellt.

Im GasthausZur Stadt Marburg" hielt Krepanski, der Schieß- budenmann, eine flammende Rede.

Wir lagen an Ketten. Wir haben sie zerrissen. Wir sind frei! Wir wollen das Volk lebendig machen. Wir müssen hart wie Stein sein, daß wir net mehr in die alte Knechtschaft fallen. Hoch der freie Volksstaat Hessen!"

Vor dem Backhaus standen dicke und mittelschlägige Bauern in Gruppen. Sie hatten die Köpfe erhoben, ihre Stimmen schwirrten laut durcheinander.

Wann sie in der Stadt auch unter sich rumoren, wen suggeln sie aus? Uns Bauersleut."

Paßt emal acht, die blasen und behalten das Mehl im Maul!"

Schlimmer wie schlimm kann's net werden. Aber wann die Lauf' in Grind kommen, tun sie wühlen."

Sie wollen den Fürsten die Jahrgelder nehmen und dademit die Kriegskosten bezahlen."

Wann's wahr ist, daß sie den Standesherren die Grundstücke ver­steigern, müssen wir das Prä bebet haben. Wir lassen keinen Aus- fändigen dran!"

No, und wann sie uns' Aecker teilen?"

Muhkalb, die kochen auch mit Wasser."

Ich will von dem Bettelpack hüben und drüben nix wissen!"

Ich geh bei die Sozze, weil ich bene Hunbsfötter vom Kommunal- verbanb emal auf ben Kamm steigen will."

Wann sie uns bas Geld abschätzen, die Aecker können sie uns net nehmen."

Das mein ich auch. Zuletzt machen wir die Winterbirnen ab."

Wie sie's anstellen, ist's nix nutz."

Ihr ballatscht als von eitern Lappali. Daß das Mordgeschäft nu aufhören soll, dadevon schwätzt ihr kein Wort!"

Du Spritzer hast leicht maulfertig sein. Du hast deine Schulden ab- bezahlt!"

Was ist dann mit der ganzen Revolution? Klauenseuch' tut uns mehr ausmachen!"

's muß anderster werden, das ist klar. Wer hat dann die Beamten erhalten? Wir!"

's mag brennen und toben, die Beamten haben ihre gemütliche Arbeit und machen sich die Kleider net schmutzig. Das geht von unten bis oben herauf"

Ich will den Fall annehmen, wir hätten den Krieg gewonnen. Wie war's dann da? Wir hätten vor jedem Polizist ftillftehen müssen. Etz sollen die dran glauben, die uns hereingelackt haben!"

Groß Getrommel und steckt nix dahinter. Wir Bauersleut müssen nach wie vor die Faulenzer versollerieren!"

Ich hab Sorg', daß wir russische Zuständ kriegen. Der Feind kommt ins Land. Unser Herrgott hält über uns Gericht. Die Kirch ist leer. Die Menschen Haden ihren Glauben verloren!"

Suppes; der Schuster, der eben aus der Stadt zurückgekommen war, gesellte sich hinzu. Man merkte, er hatte sich die Nase begossen,

Ihr hätt' nur die Menschen kreischen hören sollen", rief er rülpsend. Da war einer, der tat bet Sonn und Mond schwören, jeder kann künstig essen und trinken, soviel als er bei sich packt. Und die Kinder kriegen ihr Branntweinbrotchen von Obrigkeits wegen. Und im Brach­monat soll das Korn so hoch stehn, daß sich ein Esel brüt versteckeln kann. Unb ihr sollt goldene Mistgabeln kriegen. Gelle, da reiht ihr die Gurgeln auf! Und von Berlin ist eine Depesch' kommen. Dabenach wirb alles geteilt. Man muß aber die Augen offen halten, sonst wirb man übers Ohr gehauen. Euch Spitzbuben brennt alleweil schon der Hut!"

Einer gab dem Schuster einen Stoß, daß er der Länge nach hin­plumpste

Saufeul, ich schmier dir das Maul mit Dreck!"

Der Suppes stellte sich mühsam wieder auf die Beine und torkelte fluchend fort.

Die Männer, mit roten Köpfen und hochgezogenen Schultern, ver­handelten weiter. Erst als die Nacht hereinbrach, gingen sie auseinander.

13.

Das deutsche Kriegsvolk flutete zurück. Ein Heidenspektakel übertäubte Stadt unb Lanb. In ben Dorfgassen war ein Kreischen und Knallen, ein Gäulsgetrappel und Wiehern, daß den Bauern bie Ohren gellten und das Vieh in ben Ställen unruhig warb.

So stell ich mir in ber Höll ben Jahrmarkt vor!" rief ber Mal- theis Fink seinem Nachbar, bent Melchior Velten, zu.

Der gab zurück:

Man mutz etzt achtpassen, sonst tritt man bem Deubel hier unten schon auf den Kopf!"

Eine Einquartierung folgte ber andern. Dem Sandhannes feine Frau mutete einem bayerischen Unteroffizier zu, im Kuhstall zu schlafen. Das wies ber Mann mit Entrüstung zurück. Die Eulerskett beherbergte ihn unb bewirtete ihn mit guter Kost. Die am meisten zusamrnen- gewuchert hatten, gaben ben Solbaten bie schlechtesten Quartiere. Feld­graue, bie bei bieten Bauern untergebracht waren, bettelten in ber Nachbarschaft Brot. Auf einer Haltestelle ber nahen Eisenbahn warb ein Militärzug mit Lebensrnitteln ausgeraubt. Soldaten halfen dabei. Plünderer, die sich bestialisch betrunken hatten, lagen in ben Acker­

furchen wie Leichen. Auch ber Speckmichel, ber in seinem Fahrwasser war, hatte Heeresgut erbeutet, wollte es nächtens in Sicherheit drin­gen. Sein Sohn, ber Lipps, faßte ihn ab. Der Vater stand seinem Fleisch und Blut gegenüber, haßerfüllt, lauernd, die Finger wie zum Kampf gekrallt Der Lipps packte den Alten mit eisernem Griff, zwang ihn, die gestohlenen Mäntel fahren zu lassen, und lieferte sie der Be­hörde ab.

Die Soldaten hatten Musik mitgebracht. In allen Wirtshäusern wurde getanzt. Die Mädchen waren außer Rand und Band. Den ledigen Burschen fielen die besten Quartiere zu. Allenthalben sah man Pärchen, die sich eng aneinanderschmiegten. Die Trommershäusern am Vach hatte ihre Tochter, die Marielies, abends eingesperrt. Die Inhaftierte sprang zum Fenster heraus und rief ihrer entsetzten Mutter zu:Vier Jahr chatt' ich mit keinem Bursch net zu tun, bin schier zwatzelig worden. Alleweil sind sie wieder da. Ich will auch mein Vergnügen haben!" Hui! war sie fort. Früh um sechs kam sie arg verstruwwelt heim.

Auf ben Höfen ging scheinbar alles ben gewohnten Gang. Im stillen hatten bie bieten Bauern bereits ihren Plan gemacht. Dauerten die Zwangsgesetze fort, gingen sie zur Weidewirtschaft über und zogen nur soviel Frucht, wie sie für ihre Lebsucht brauchten. Jetzt war goldene Solberknochenwinterzett, unb bie Kuchenesser sparten bas Brot.

Inmitten bes geräuschvollen Treibens, das auch die Mühle er­füllte, wurde die Wecklersanna von einem Bübchen entbunden.

's ist ein dick' Mobbelchen", rief die Hebamme,unb feinem Vater aus bem Gesicht geschnitten!"

Die Kinbbetterin fühlte sich so kräftig, bah sie nach sieden Tagen aufstehn burfte. Die Bekannten erschienen, ihre Glückwünsche barzu- bringen unb bas Psannstielchen zu begucken. Meister Möckel legte ein Gesangbuch auf bie Wiege unb sprach:

Sein heiliger Engel sei mit bir, baß ber böse Feinb keine Macht an bir finbef"

Die Eulerskett bot sich zur Patenschaft an unb warf ein Geldstück in das Babewännchen.

Am Taustag richtete bie Wecklersanna für ben Schmieb unb ihre alte Hauswirtin ein bescheidenes Essen. Die Artillerie, die fast drei Wochen im Dorf gelegen hatte, war eben abgezogen. Infanteristen belegten bie Quartiere.

Auf bem Mühlhof hatte ein Solbat mit einem Kameraden Streit bekommen und hielt ihm bie Faust unter bie Nase.

Satansknochen", hallte es herauf,ich schlag bir ins Kreuz, baß bu bas Unglück kriegst!"

Das ist die Taufmusik", sprach ber Schmieb und legte bie Stirn in finstre Falten.Man darf sich net wundern, daß die Menschen so roh geworden sind. Sie haben's draußen net besser vor sich gesehn. Und haben Würmer im Gewissen!"

Sie Artilleristen, die ich letzt im Quartier halt'", sagte die Wecklers­anna,das waren feine Leut. Was sie von Lebensmittel bei sich hatten, haben sie mit uns geteilt. Und waren friedfertig und verträglich."

Ser Schmieb nahm bebächtig einen Schluck Apfelwein.

Da hast bu Glück gehabt. Ich halt' ein' Sergeant. Der kam nachts kanonenvoll heim unb Hal seine Club verramischierl, baß nix heil ge­blieben ist. Meinem Bebunk nach roirb's net ehnber besser, bis bie Franzosen Orbnung schaffen."

Die Eulerskett richtete sich auf.

Das möchl ich net erleben, Möckel. 's ist net auf bich gerietst', wann ich's sag. Die Drücker unb bie Reklamierten maulieren be mehrst unb reißen alles grausam herunter. Die sinb bas Totschießen net wert, bie muß man verachten!"

Eins tuts mehr wie bas anbre spüren", erhob bie Wecklersanna ihre Stimme,aber bas Unglück geht uns all' über die Haut. Man soll's mit Händ' und Füß' anpacken, net mit dem Maul."

Sem Schmied sanken die Mundwinkel herab.

Net, daß ich bas Letzte ins Grasluch binben möchl, aber ich laß mit net weiß für schwarz vormachen. Wann eins wider mich spricht: .Himmel und Erd sind gegen uns. Wer soll uns helfen?' Sann sag ich: .Hat unser Herrgott die Menschen geheißen, krumme Furchen zu ziehen unb sich wie bie Wölf zu zerfressen?' Das tun sie aus sich selbst her­aus. Alleweil ist unser Herrgott bebet unb fegt bie Well mit bem großen Besen aus. Was he vorhat, gehl über mein' Verflanb. Ich seh kein Licht in ber Finsternis leuchten. Daß wir in bem Unglück stecken, ist unferm Herrgott seine Gerechtigkeit!" ,

Meister Möckel leerte fein Glas, klopfte seine Pfeife aus unb ging.

Auch bie Eulerskett entfernte sich.

Dfe Wecklersanna nahm ihr Bübchen aus ber Wiege unb legte es an bie Brust.

Sann trat sie ans offene Fenster. Ein erquickliches Lüftchen wehte herein. Rings auf ben Gewannen, die der Purpur des finkenden Tages überglühte, waren bie Alten verschwunben, die Jungen, noch im Sol- datenrock, führten wieder den Pflug. Das Zackern kostete Schweiß. Sie plackten sich gern. Heimaterde! Was konnte besser sein? Und wie sie schürzten! Das halle Saft und Kraft! Sie waren mit dem Boden verkoppelt. Niemand schleppte den Grund ihnen fort. An den Jungen rankte bie Hoffnung hinauf.

! Har! Hott!" scholl es von ben Gewannen. Wie man den Acker bebaute, fo trug er Frucht. Der Pflug war's, der bie Well er- hielt Frei sollte ber Bauer auf seiner Scholle fein, sollte bem Ganzen dienen. Was gebot bie Stunde? Warten lernen. Der Meister Meckel sah zu schwarz. Ging's tief hinein, ging's auch tief heraus. Einmal lief sich das Unglück bie Beine müb. Wenn eins sie fragte:Wer soll uns helfen?" würbe sie sprechen:

Wir müssen uns selber helfen. Müssen treu unb stark sein. Mussen schanzen unb schaffen!" . . _______________________

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck unb Verlag: Brühl'fche Univerfitäts^Buch- unb «Steinbruderei, R. Lange, (Sieben.