Mischung ist, die ein deutscher Mensch erreichen kann. „Es ist kalt", sagte die Baroneß, „aber die Lichter sind herrlich." Das Mädchen hatte den Schein der Kerzen in den Augen, die so stark waren wie drei Streichhölzer, aber alles Licht der Welt zu tragen schienen, das in zwei Menschenherzen Platz haben kann.
Weihnachten — auch in Straßburg!
Bon Helene Schede.
(Nachdruck verboten.)
Uralle Weihnacht, voll Innigkeit und Poesie, strahlt über der alten Soldatenstadt. Der laute Hufschlag des Tages erstirbt in geheimnisumsponnenen Adoentabenden. Opposition und Politik verstummen. Aus hellen Kinderstuben steigen die Lieder der stillen, heiligen Nacht und geben friedliche Antwort auf die heißumstrittene Sprachensrage. Auf dem Broglieplatz ist der Christkindelsmarkt aufgeschlagen. Ein vom Duft der Tannen, Kerzen und Honigkuchen erfülltes Paradies, in dem die Straßburger das Nörgeln, Kritisieren und Disputieren vergessen und die eigene, sorglose Kindheit wiedersinden.
Dicht aneinander schmiegen sich die niedern Bretterbuden. In zwei langen Reihen laufen sie an hell erleuchteten Cafes, schmalen, gotischen Giebelhäusern und französischen Rotsandsteinpalästen vorbei, an diesen Bauten aus verschiedenen Zeitaltern, die im Zusammenfließen zweier Kulturen ein wundersam harmonisches Bild ergeben. Zwischen den Ständen liegt dunkel und schwer, wie im Flußbett festgehalten, die sammetweiche Nacht. Im Schein von gelben, unruhoollen Flammen funkeln vielzackige Sterne, glitzern die Eiszapfen und gläsernen Kugeln. An roher Holzwand schimmert in Locken und langen Strähnen das Engelshaar. Kinderaugen leuchten. Erwartungsfrohe Hände strecken sich nach den Auslagen, den Spielwaren, Hampelmännern, Teddybären und Trachten- plippen mit ihren schwarzen Elsässer-Schleifen und golddurchwirkten Miedern und Schürzen. In kleinen Krippen harren die Hirten und Weisen, lächelt über dem rosigen Jesusknäblein die Madonna im blauen, sternenbesäten Mantel. Alles ist so billig, daß auch die Aermsten, deren Hände nicht im wärmenden Pelzmuff stecken, sich etwas von der Freude mit nach Hause nehmen können.
Verführerisch locken die Zuckerstände. Geradezu unwiderstehlich sind die grünen und roten „Suxons", die „Chiques" aus braunem Malzzucker, die „Papillotes“ in ihrer bunten Umhüllung. Ohne Rücksicht auf weltgeschichtliche Geschehnisse, tragen die prächtigen Lebkuchenherzen mit heiterer Selbstverständlichkeit ihre goldumrahmten Bilder und Sinnsprüche aus der Biedermeierzeit. Wie bequem haben es doch die Burschen! Alle Glut und Sehnsucht des Herzens, die Treuschwüre und Liebesbeteuerun- aen liegen in diesem braunen, honigsüßen Teig, gehen den unfehlbaren Weg durch den Magen der Erkorenen. Alle Widerstände räumt das „Zuckerdings" aus dem Weg:
„Grethel, wenn m'r g'hiroth {in. Na Ham' m'r noch ken Hüs — No schlüpfe m'r in de Henkelkorb Un lüeje owwe-n-erllsi"
Hunderte von Tannen schließen einen Wall um die kleine Budenwelt. Große, mit weit ausladenden Fittichen, und kleine, die man bequem unter dem Arm tragen kann. Büsche von Mistel schimmern silbrig grün, und aus den Stechpalmen funkeln die roten Beerenaugen. Es duftet nach Heimat und Hochwald. Längst versunkene Bilder tun sich von weißen Sonntagen auf verschneiten Wasgauhöhen, wo von Halde zu Halde das Ski-Heil erscholl, in den Forsthäusern die Holzscheite im Ofen prasselten, die Klampfe zu tönen begann, und das alte „Kirschewosser" wie Feuer durch die Adern floß. Jetzt sind die Rufe aus junger, deutscher Kehle verstummt. Aber der Zauber des Christkindelsmarkts ist geblieben und leuchtet hell über der wunderschönen Stadt.
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„Ebbs güets un e bissel viel!" ist immer noch der Wahlspruch des Steckelburjers, jenes wohlachtbaren kleinen Bourgeois, der in „rangierten" Verhältnissen lebt, ein gut gehendes Geschäft betreibt, wenn er Nationalist ist, einen gepflegten Henri-IV.-Bart trägt und sich im übrigen seine Freuden aus dem sichern Diesseits holt, ohne sich viel Kopfzerbrechen über die Probleme des Jenseits zu machen. Zu seinen Aemtern gehört alljährlich der Einkauf der „Foie gras" bei seinem Pastetenbäcker und der Weihnachtsgans auf dem Alten Markt. Dieser Platz ist einer der eigenartigsten und charakteristischsten im alten Straßburg. In einem genau abgezirkelten Viereck stehen die Häuser, alle ein bißchen windschief, schmalbrüstig, mit lustigen Giebeln, auf und ab kletternden, durch die Jahrhunderte etwas asthmatisch gewordenen Dächern, runden Torbogen über ausgetretenen Schwellen, blinzelnden Fensteraugen, aus den Gelenken gehobenen, grünen Läden, Geflügelhandlungen, Töpferständen mit buntem, elsässischem Bauerngeschirr, versteckten Weinkneipen, wo der beste „Neue" und der „Federwysse" fließen — das alles überragt von der hohen, steilen, neugierig in das Treiben blickenden Münsterspitze.
Auf langen, aneinandergereihten Holztischen liegen Heerscharen von Weihnachtsgänsen. Einen oder zwei Sommer lang hat sie das kurz- geschürzte, durch Postkarten, Reiseandenken, Wandt.eller, Tafelgeschirr bekannte — in Wahrheit aber durchaus unsentimentale — Gänseliesel auf die Weide geführt, und willig sind sie ihrem Lockruf „Wulli-wulli- wulli" gefolgt. Dann wurden sie in enge Käfige gesperrt und mit goldgelben Maiskörnern gemästet. Jetzt werden die Tiere feilgeboten. Sorgsam gerupfte, prächtige, schneeweiße, in Fett gebettete Gänse, von denen die leichtesten zehn Pfund, die schwersten etwa zwanzig wiegen. Vorsichtig befühlt, beklopft der Bourgeois die glänzenden Leiber dieser harnen. Er ist auf seiner Hut! Die gewiegteste Bäuerin wird ihm nicht eine alte für eine junge ausschwatzen, auch nicht eine, die nicht kernig ist,
deren Schmalz in der Pfanne, ohne Gehalt, wie Wasser „üsenonber- blodert". Endlich ist die Wahl getroffen. Ein paar Franken sind heruntergehandelt, und befriedigt zieht „Monsieur" durch den lichterglänzenden Abend nach Haus. Hier steht „Madame" schon angriffsbereit. Sie wälzt riesige, 597 Seiten schwere Folianten, um nach bewährten Rezepten die köstlichen Geflügelfareen aus Kastanien, Trüffeln, Lebern und zahllosen, sorgsam abgewogenen Gewürzen zu bereiten.
Wesentlich einfacher gestaltet sich das Besorgen der Pastete, die zum Festessen gehört, wie das pralle Bäuchlein zum einkausenden Bourgeois. Die Geschäfte der berühmten Pastetenbäcker liegen im Schatten des Münsters, ganz nah dem Goethehaus, in den fadendünnen Gäßchen, die eilfertig vom Dom zu den stillen Wassern hinunterlaufen. In einer Kleinstadtwelt, zwischen Krämer- und Bäckerlädchen, spielenden Kindern, in den Auslagen sanft schlummernden Katern, leuchtet hell und festlich ein Schaufenster auf. Im Schmuck von Kerzen, bunten Bändern und Tannengrün sind die Wunder der Pastetenkunst ausgebreitet. Nur die Wahl macht Qual. Gänselebern in allen erdenklichen Zubereitungen, Umhüllungen, Zusammensetzungen locken zum Kauf. Rosig zarte Gebilde mit verführerischen Trüsfelaugen schimmern aus durchsichtigem Fleischgelee, sind in Fett und schneeweißen Speckstreisen gebettet, verbergen sich in golbnen Rüstungen aus Blätterteig, werden als Pains, Galantines, Aspics, Pasteten, Parfaits verkauft, ober in bemalten Terrinen aus Steingut und Porzellan, die nur beim Deffnen ihre Geheimnisse preisgeben. Das schwierige Problem des Schenkens hat Close, der berühmte Erfinder der Eänfeleberpastete, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein für allemal für Straßburg gelöst. Man wird mit einer Sänfelcber unweigerlich das Richtige treffen und damit den eingefleischten Junggesellen ebenso erfreuen, wie die verwöhnte Dame des Hauses.
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„Wo geh m’r onne?" Ueberall ist es schön in dem adventfrohen, lichtfunkelnden Straßburg. Jede Straße, auch das Höllfeger-, das Sünden-, bas Jungferngäffel und dort, „Wo der Fuchs den Enten predigt", hat ihren brennenden Tannenbaum. Vom Münster läuten die Glocken. „Bim- bam-Glockenfchwang!" Holen die Freude vom Himmel herunter. Auf dem Kleberplatz spielt eine Kapelle. Irgendein wehmütiges Lied. Wie müde Blätter fallen die Noten in den winterkalten Abend.
In den Gasthöfen und kleinen, berühmten Weinkneipen — „Zum Hühnerloch" — „Zum blauen Kaspar" — „Zum Lohkäs" — sie heißen Gottlob immer noch so! — hat man sich zum Fest gerichtet. In allen einheimischen Blättern laben bie Wirte in großen, lotfenben Inseraten zum Besuch ihrer „gfitzti Säälele" ein. Mit betn Wort „gfitzt" hat der Elsässer alles zum Ausdruck gebracht, was schön, schick, gemütlich ist; kein noch so eifriger Nationalist könnte dafür eine französische Uedersetzung finden. Sogar und ausgerechnet das Restaurant Oiseau de France verspricht — oh, Tragikomik der Geschichte! — seinen Gästen „« gfitztes Wynnele, e güeti elsässische Bürjerskich und beschte Fritüre!" Im Pflanzbad, an den Ufern der schäumenden Jll, wo einst die Gerber ihre Felle lohten und zum Trocknen in durchbrochenen, rings um den obersten Stockwerk laufenden Holzgalerien aufhängten, gibt es nach alter Hebet» lieferung die „sinschte Matelote", köstliche Gerichte aus zusammengekochten Süßwasserfischen. Den echten Bllrespeck und in Brotteig gebackenen „Bürejambon" muß der eingesessene Steckelburjer vor den Toren der Stadt in einem Dorfgasthaus verzehren. Und wenn er noch ein Dutzend in Schmalz gebackener „Kiachla" vertilgt hat „het er g’effe", und diese genießerische Freude kann ihm keine Politik der Welt rauben!
Oer Schlund.
Roman von Alfted Bock.
(Schluß.)
Der Frühling ging hin, der Sommer kam mit beißen, trocknen Tagen. Die kleinen Mühlen in der Provinz hatten sich zusammengeschlossen, der übermächtigen Konkurrenz der Großmühlen zu begegnen. Die Gründung einer Genossenschaft wurde geplant. Der Neumüller nahm mit Ernst und Heberlegung an der vielversprechenden Bewegung teil. Er besuchte die Versammlungen in der Stadt. Bei solcher Gelegenheit war's, daß er vor feinen Berufsgenossen bas Wort ergriff. Mitten in feiner Rebe begann er plötzlich zu lallen, fein Gesicht verzerrte sich, und et stürzte zu Boden. Die Nächstsitzenden sprangen bei. Ein Arzt ward gerufen. Ehe der kam, hatte der Tod dem Neumüller die Augen geschlossen.
Sogleich ward die Versammlung aufgehoben. Zwei Männer übernahmen es, der Müllersfrau die Trauerbotschaft zu überbringen.
Eine Zeitlang schien's, als ob die Wecklersanna von der Last ihres Unglücks überwältigt würde. Schlaflos brachte sie die Nächte zu. Ihr müder Blick glitt teilnahmslos über Menschen und Singe hin. Kaum, daß sie sich entschließen konnte, das Allerdringendste zu tun. Die sie mit nichtssagenden Worten trösten wollten, wehrte sie ab. Der Emsigkeit ihrer Dienstleute dankte fie’s, daß der Betrieb der Mühle keine Unterbrechung erfuhr.
Allmählich aber lichtete sich die Wolke, die über der jäh Verwitweten hing. Ihr Schicksal bös aufrasfen, die Zeit verunnutzen, hieß das nicht, sich bas Pfund zum Zentner machen? Worum ging es denn? Nicht, daß sie während an ihr Unglück dachte, sondern daß sie auf dem Platz, dahin sie gestellt war, ihre Schuldigkeit tat. Und trug sie nicht ein Kind unterm Herzen? Wie wollte sie dem die Muttertreue halten, wenn sie die Herrschaft nicht über sich gewann? So ermannte sie sich. Die Perftnsterung wich. Ruhe und Festigkeit kehrten zu ihr zurück.
Sie nahm das Geschäft in die Hand, mühte sich nicht umsonst, |a sie sah ihre Erwartungen übertroffen, ohne daß ihr Grundsatz, sich ehrlich zu nähren, erschüttert ward.


