Taften, sagt das Mädchen entschlossen und ahnet hochcmf in der Erwartung, ob sie es tun werden.
Jetzt steht Jesus vor ihr, hält eine Blume in der Hand, schaut auf und sagt nichts — hält die Blume nur so hin ... Man steht im Kreis, das Mädchen neigt das Gesicht aufs Kinderhaupt. Stille wölbt blau über allen. *
An einem Nachmittag find sie in Nazareth. Josef sperrt das leere Haus auf, Wind fährt hinein ... Das Kind läuft durch die Stuben, wieder nach draußen, schaut Josef zu, der den Esel einstellt, steht wieder bei der Mutter, die auspackt, ordnet, säubert und ein Mahl zu richten beginnt. Nun sind wir daheim, hier bleiben wir, sagt sie.
Daheim, sagt das Kind. Wo waren wir nicht daheim?! Aber hier wollen wir bleiben.
Wehe, mein Garten, sagt Maria. Im Unkraut kannst du, Kind, dich verstecken. — Morgen beginnen wir mit dem Bestellen, sagt Josef. Wir wollen sehen, was das Jahr noch wachsen mag.
Möge Arbeit ins Haus kommen, sagt Maria, auf daß du in der Werkstatt schaffen kannst. Aber sie lächeln dabei, denn sie weiß, sie wird kommen, die Arbeit. Maria weiß viel, wie sollte sie nicht glaubend sein.
Aber einmal, am Abend, zittert's noch in ihr nach: das Gewissen, das Große, das Heilige und das Schreckliche und die Jahre der Ber- bonnung im fremden Land. Sie stehn am Bette des Kindes und sehn es schlafen. Es hebt sich von ihrem Herzen wie ein letzter Seufzer — Josef versteht es ohne Worte, der Mann mit dem gütigen Herzen! Jetzt kommen die Jahre der Stille, sagt er.
Und des Wachsens und der Reise für ihn und — es, sagt Maria.
Josef versteht sie.
Weihnacht.
Von Gertrud A u l i ch.
Diese Nacht ist eine große Gnade, Da wir klein und lächelnd wie ein Kind, Aus des Wunders heimatlichem Pfade In den Himmel wandernd, selig sind.
Diese Nacht hat heilige Gewalten, Die an unfern Herzen reiften und Uns aus allen Toden neugestalten Bis in unsres Wesens tiefsten Grund.
Diese Nacht ist eine dunkle Stille, Die mit grellen Donnern zu uns spricht Als Gesetz und Kraft und Tat und Wille Und ein menschgewordenes Gesicht.
Diese Nacht... O grofte Nacht der Liebe, O Geheimnis, ganz von Licht erhellt!
Daft es ewig Weihnacht in uns bliebe, Offenbarte Gott sich aller Welt!
Eine Weihnachtsgeschichte.
Von Kasimir Edschmid.
(Nachdruck verboten.)
Ein junger Dichter, der das Glück hatte, aus einer wohlhabenden Familie zu stammen, deren Tradition und Neigung es ihm sehr leicht gemacht hatte, die Kultur seiner Zeit und die der vergangenen Epochen in sich aufzunehmen, erhob sich von seinem Tisch. Der junge Mann nahm den Hörer und bestellte sich ein Eisenbahnbillett. Sein Gesicht, das weder müde noch frisch war, trug jenen Zug, den junge Leute haben, die nach außen eine Abwehr zur Schau tragen, die man vor dem Kriege Blasiertheit und nach dem Kriege Snobismus nannte. Diesen Leuten ist es im Lebensanfang zu leicht gemacht, und ihre noble Umgebung macht sie zu Schauspielern einer Gleichgültigkeit gegen das Leben, die sie gar nicht besitzen. Trotzdem scheinen sie, selbst wenn sie ein reiches Gefühlsleben haben, immer darauf bedacht zu fein, es zu unterschlagen. In der Tat, die Deutschen, welche am innigsten veranlagt sind, zeigen sich immer als Feinde jener Sentimentalität, die einer der schönsten deutschen Züge ist. Der junge Dichter, Klaus R., welcher den Namen eines alten Kauf- mannsgefchlechtes trug, entfernte sich von feiner Familie und feiner Stadt, da er mit höchstem Unwillen jene Verbrüderungsstimmung feiner Verwandtschaft und feiner Kreife floh, welche Mitte Dezember die Welt zu ergreifen scheint.
Er fuhr nach München und ins Gebirge. Einer jener seltenen Winter, die den Dezember manchmal wie ein Wolfrudel überfallen, hatte die bayerischen Alpen in einen weißen Bann gelegt, der tief in die Täler reichte. Achthundert Meter ist noch keine Höhe für Schnee, aber das hier seltene Weiß schien ewig liegenzubleiben. Von Tegernsee bis Parten- kirchen war die Welt von einer Märchenstimmung erfaßt, welche der gefrorene pulvrige Schnee erzeugt und welchen die Bäume und Wälder unterstützten, die im Rauhreif wie Glas aussahen. Diese glühend weißen Gebirge und die verzauberten Bäume im Brand einer unaufhörlich rot über den fast italienisch blauen Himmel wandernden Sonne machen jedes Herz voll Glücksgefühl. Klaus R. nahm die Natur mit jener Wollust hin, die ein Sportsmann hinter der Freude verbirgt, die eine vollkommene Beherrschung der Bobsleighs und Skier erzeugt. Es fehlte ihm
völlig die Natürlichkeit, fein Gefühl zu äußern, obwohl er, braun gebrannt und sich als großer Skispringer erweisend, hätte sagen können, was er gewollt hätte, und man hätte ihn bewundert. Auf den Touren verliebte er sich in eine baltische Baroneß, Clara v. B. Der Reiz dieses Mädchens bestand in einer Natürlichkeit, die beispiellos war. Diese Freiheit der Manieren setzte eine unendlich gute Erziehung voraus. Das Mädchen wirkte in einem Maße verblüffend, wie sie schön und reich war. Sie war ein Stück Natur und beantwortete jede Bewerbung des Dichters mit einer Ironie, welche fast hochmütig schien. Das Mädchen stellte jenen ausgezeichneten Raffetyp dar, der sich über alles luftig zu machen bereit ist, aber ein Herz besitzt, das demütig und innig ist.
Vor Weihnachten machen die Hotels große Bemühungen, Weihnachten zu feiern. Christbäume und elektrische Lichter genügen dazu nicht. Klaus R., dessen Bücher einen kühnen und pathetischen, aber auch scharfen Geist verrieten, floh auf das Kreuzeck, wo ein kleines Hotel, das eigentlich eine Hütte ist, das wahre Dorado der Sportsleute in der Nähe des allzu versnobten Garmisch darstellt. Die Baroneß sollte mit Schwester und Schwager ebenfalls kommen. Am Tage, ehe Kl. R. auf das vierzehnhundert Meter hohe Kreuzeck stieg, hatte er die Baroneß nach München begleitet, bie einen kleinen, selbst abgeschnittenen Tannenbaum im Münchener Bahnhof einer Freundin in das Gepäcknetz legte, die nach Nizza fuhr. „Aber es gibt", sagte Klaus, „auch an der Riviera Tannenbäume!" „Tannenbäume?", sagte das schlanke Mädchen, die ihn ansah mit höchstem Erstaunen. „Es gibt tausend Nadelbäume", sagte sie langsam, „aber es gibt dort keinen Tannenbaum." Sie strich über den kleinen unscheinbaren Baum, dessen Nadeln weder glänzten noch breit und üppig waren. In der Bewegung stak der Reiz einer Natur, die eigenwillig genug ist, alles zu lieben, was ihr gefällt, auch das arm- feligfte. Der junge Mann kam in die Verlegenheit, einer Szene beizuwohnen, die er seither entsetzlich gefunden hatte, vor der er aber jetzt voll Bewunderung und Erstaunen stand. Es gibt Momente, die Kleinigkeiten sind, aber ein Leben zu ändern vermögen. Ms am Tage vor Weihnachtsabend der Schneesturm einsetzte, ließ er sich gegen Abend am Telephon das Garmischer Hotel geben. Er war von einer seltsamen Unruhe erfüllt. Die Baroneß war mit ihren Leuten nicht gekommen. Er hörte eine Nachricht, die ihn zittern ließ. Baroneß Clara v. B. hatte eine Tour nach Tirol unternommen und von Leermoos aus, der wie ein Baum in die Höhe wachsenden Zugspitze gegenüber, einen Aufstieg gemacht. Beim Abfahren war sie über einen stachen Stein gefahren und hatte sich das Knie verletzt. Sie lag in Baerwank in einem Bauernhaus, in einem Zimmer, das nicht einmal einen Ofen befaß.
Diese alltägliche Geschichte veranlaßte Klaus R. die Nacht wie im Fieber zu liegen. Er öffnete jede Stunde das Fenster und hörte den Schneefturm ein Geheul ausstoßen, das ihn mit Hoffnungslosigkeit erfüllte. Am Morgen machte er sich fertig, nach Garmisch hinunterzufahren, was wahnsinnig war. Nur die Phantasie eines Skiläufers, der die Terrains kennt und weiß, wie irrsinnig schwierig es ist, bei normalen Verhältnissen auf dieser Strecke durch Wälder und Abhänge die Richtung zu behalten, vermag zu beurteilen, baß er die Leistung eines Athleten vollbrachte. Mittags kam er unten an, vor Erschöpfung zitternd. Er fuhr mit der Bahn nach Leermoos. Dort kaufte er etwas, was ihn erröten machte. Tatsächlich bedeutete dieser Kauf für ihn etwas, was jein Leben fortan bestimmte. Der Gedanke dazu war ihm auf eine Weise gekommen, die ihn gleichzeitig erglühen und ironisch lächeln ließ. Beim Ausstieg nach Baerwank kam er in die Dunkelheit. Keine Verzweislung der Welt ist furchtbarer als diejenige eines Mannes, der im Schnee ermüdet und seine Kräfte verliert. Im Schneesturm nachts sich verirren, grenzt an das Höllischste, was ein Mann erleiden kann. Ein Schnee- sturm mit Nebel gehört zu den Rauschgiften, die einen Mann zu einer Memme verwandeln. Um acht Uhr sah der junge Mann Lichter. Er kam bei den paar Hütten von Baerwank an als ein fast Besinnungsloser. Das zweite Haus, das er traf, war bas Bauernhaus, in bem bie Baroneß lag, bie nur eine Schwester bei sich hatte. Klaus B. trat bei ber Baroneß ein wie ein großes herrliches Gespenst, von Eis und Schnee zugewachsen, wie ein Baum, die Haare zu Eiszapfen verwandelt, mit Augen, bie schon in Ohnmacht waren. Er sank sofort auf ben Boben unb verlor bie Besinnung. Zwei Stunden später faß er, mit allen Muskeln noch zitternd, am Bett ber Baroneß, beren miserable Laune einer großen Helligkeit gewichen war, bie ihr Gesicht erfüllte. Was ber junge Mann vollbracht hatte, war eine Heldentat, rein sportlich fast Wahnsinn. Die Frauen find feit den Turnieren des Mittelalters bie einzige Anerkennung der wahren Heldentat geblieben. Es begeisterte sie. „Aber", fragte sie, „warum haben Sie ben Aufstieg von Leermoos noch in ber Dunkelheit heute gemacht, wo es Ihr Leben bedeuten konnte? Wenn Sie", sagte sie seltsam lächelnd, „morgen früh aufgeftiegen wären, so hätte es m ch ebenso gefreut und ich hätte mir nachträglich keine Sorgen machen müssen." „Tun Sie bas?" fragte ber junge Mann mit einer ernsten Betonung, „aber , fuhr er fort, indem er sich umsah, „dann hätte ich Ihnen keinen Tannenbaum heute bringen können, obwohl ich einsehe, baß ich besser einen Ofen heraufgebracht hätte." Er zog aus bem Rucksack einen Baum, ber so hoch war wie drei Fäuste, aber doch zwei ober drei Kerzen zu tragen vermochte. Die Bewegung, mit welcher der junge Mann sein Geschenk herauszog, war von einer jungenhaften Bescheidenheit. Als später durch den Sturm eine schwach vernehmbare Weihnachtsglocke wimmerte, freuten sich drei Menschen wie die Kinder darüber, von denen einer nie mehr im Leben geglaubt hätte, daß er anderes als Mißbehagen dabei empfinden würde. Er hörte die Glocken jetzt mit einer Freude an, die zeigte, daß er jene innere Freiheit gefunden hatte, bie ihm erlaubte, groß zu empfinben, was er voll der falschen Eitelkeit der Welt von sich ferngehalten hatte. „Sie haben wegen eines Tannenbaums Ihr Leben aufs Spiel gefetzt", sagte die Baroneß mit tiefen Augen. „Ich bin bestimmt jetzt sehr glücklich darüber", sagte der junge Mann, ber bie Hand, die ihm gereicht war, nicht wieder losließ, „keinen Ofen heraufgebracht zu haben." Auf seinem Gesicht war ber letzte Ausdruck des Spottes verschwunden, er hatte bie überlegene Heiterkeit, die auch Parzivol zu einem Helden und einem Kind zugleich machte, was die vollkommenste


