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Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Briihl'sche Universitäts^Buch. und Steindruckerei. X. Lange, @’e&cl1
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Don Carlos' Großmama.
Von Carry Brachvogel.
Auf den ersten Blick zwar scheint Isabella von Portugal der Welserin zu gleichen, so wie wir sie aus dem bekannten Tizianportrüt kennen. Eine zierliche Gestalt im schweren Samtkleid, eine langgefingerte beringte Hand, die mit den Gehängseln einer goldenen Halskette spielt, — ein mit steifen Bandschlupfen und Reiherstutz geschmücktes Köpfchen, das bis über die Ohren in der spanischen Halskrause versinkt. Sobald man aber länger und schärfer'zusieht, begreift man, daß die Wesensart der Portugiesin ganz anders beharrend gewesen sein muß als die der Augsburgerin, die ihrs Rubensschönheit unbedenklich zu einem schlanken, nachdenklichen, italienischen Fräulein ummalen ließ. Rassenmüßig mag ja die Königstochter vom Vajo dem Manne aus dem Friaul nähergestanden haben als die Deutsche, aber darum ging es ihnen wohl wie dem Wassermann und der Nixe: sie kannten sich viel zu gut. Jedenfalls so gut, daß die Portugiesin auf der Hut war vor dem genialen Hexenmeister und sich nur zum Schein jene Aehnlichkeit gefallen ließ, die alle Kinder eines künstlerischen Vaters tragen. Ernsthaft und dennoch ein weniK spöttisch scheint sie über Genie, Kaiserkrone und Grüftestaub zu triumphieren mit der lockenden Rätselfrage ihrer angedeuteten Züge ...
Ihr Vater war Manuel der Große, der mit Hilfe genialer Entdecker und Eroberer Portugals Stellung als Weltmacht begründete. Als der Vater starb, blieb die junge Isabella mit ihrer Stiefmutter am Hofe des neuen Königs, ihres Bruders. An Freiern dürfte es der Königstochter und -Schwester nicht gefehlt haben, und im Jahre 1525 warb denn auch der glänzendste Junggeselle Europas um sie: Karl V., der das deutsche Kaiserdiadem und den Königsreif Spaniens auf dem Haupte trug. Von Liebe war selbstverständlich beiderseits nicht die Rede, und auch die in späteren Zeiten geliebten höfischen Märchen vor der tiefen „Herzensneigung" und der wahren „Liebesheirat" scheint man sich geschenkt zu haben. In den Berichten, die der kaiserliche Gesandte Herr Poupet de la Chaux, an Karl sendet, ist sehr viel von Mitgift und Vorrechten die Rede/sehr wenig aber von der Braut, die sie geben und tauschen soll. Uebrigens stellt auch der König von Portugal an Schachergeist seinen Mann, und wenn man die Korrespondenz der beiden Höfe in dieser angeblich zarten Angelegenheit liest, muß man gestehen, daß kein berufsmäßiger Heiratsvermittler sie sachlicher gestaltet hätte. Einmal erwähnt
es auch heute. Warum auch nicht? „Der Marie ihr Heimführer von Mesti" bringt seine Maid nicht nur nach Haus, sondern oft auch in sichern Hafen der Ehe.
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In Augsburg bin ich ihr zuerst begegnet, in der Patrizierstadt Lech, aus der ihr Neffe Ferdinand sich den Welserschen Goldfisch Phi- lippine als Gattin in sein fürstliches Haus holte. In der offiziell berühmten, aber in Wirklichkeit viel zu wenig bekannten Galerie blickt sie von Tizians Hand gebannt, aus dem Dämmer der Jahrhunderte auf uns nieder, jung, verschlossen, königinnenhaft, einen Schatten in den dunklen Augen, um Nasenwinkel und Lippen ein leises Spötterbeben, als freue sie's, jedem Beschauer als reizendes Rätsel entgegenzutreten. Reizendstes Rätsel, das je gemalt wurde, ist diese schöne, kinderschlanke Frau — eines Königs Tochter, eines Kaisers Gemahl und wiederum eines Königs Mutter — so lautlos, nur vom dreifachen Glanz der Männer- kronen bestrahlt, durchs Leben und zu einem frühen Grab gegangen, daß nicht einmal das wichtigtuerische Konversationslexikon ihrer mit ein paar Worten gedenkt.
Der mehr oder weniger glückliche Gewinner verzehrt das Federvieh auf dem Tanzboden im Kreis seiner Freunde und hat das Vergnügen, den Wein dazu zu spendieren und zum Schluß die Rechnung zu bezahlen.
Die vielbesuchte Mesti in Rappoltsweiler ist nichts anderes als der berühmte deutsche Pfifferstag, der die Spielleute, Gaukler und Pfiffer aus dem Elsaß und den angrenzenden Ländern in dem weingesegneten Städtchen versammelte. Das mißachtete fahrende Volk, das nirgends Wohn- und Bürgerrechte besaß, hatte hier eine Heimat, genoß Würden und Ansehen. Die mächtigen Herren von Rappolstein, deren Burgen sich in stolzer Unnahbarkeit über der „misera plebs" am Berghang festkrallten, hatten das Königtum über die Pfiffer zu Lehen, und Kaiser Friedrich 111. bestätigte sogar die scherzhafte Krone. Von dem alten Gasthaus zur Sonne ging es in großen Umzügen mit Musik und gestickten Fahnen zur Kirche und nach dem Schloß, um dem Herrscher zu huldigen. Tagelang wurde gefeiert, getafelt, getrunken. In den Tälern schwangen die Glocken, Trommeln schlugen, Preislieder stiegen auf.
Heute ist das Pfifferhaus mit dem frommen „Ave Maria gratia plena" verlassen. Di« Burgen blicken aus geborstenen Mauern auf die Stadt herab. Aber die Mesti hat ihren Zauber behalten. Wenn das Feuerwerk in Tausenden von Sternen vom Himmel herabrieselt, die Lampions über dem Tanzboden glühen, die Paare wirbeln, sind di« Menschen wie ausgewechselt. Gläser schlagen aneinander. Der köstliche Rappoltsweiler Wein leuchtet gleich flüssiger Sonne. „Kopfin fiever, Dir- kenbluet, Bebler un Rappschwyrer sin d' ärgscht« Herz- un Wadebrecher", sagt ein alter Spruch, und sie sorgen dafür, daß kein Kopf ganz klar bleibt und aller Griesgram vor dem Glück des Augenblicks verfliegt.
Erst, w«nn am Himmel die goldenen Laternen erlöschen, entschließt man sich zum Aufbruch. Als „Kehraus" wird noch von der ganzen Gesellschaft ein schnell gespielter Hoppla getanzt:
„Der Kehrus, der Kehrus, die Maide g'höre d'heim, Un wann sie bravi Maidi sin, so gehe sie jetzt d'heim!"
Das Heimführen durch den ergrauenden Morgen besorgen di« Burschen. Eng umschlungen, mit heißen Herzen, den Walzertakt noch in den Beinen, wandern di« Paare. So war es vor hundert Jahren, und so ist
nur Poupet de la Chaux die heißumhandelte Braut: „et vous cerlyff» sire, que cestoi Chose digne, de vioir que du honneste maisnen de kdjS sennora infante", doch auch dies karge Lob über ihre würdevolle "w tung fließt erst nach der Brautwerbung, als der Bischof von Lamx,» der künftigen Kaiserin verkündete, welches Los ihr gefallen war. (f™ paar Zeilen weiter, offenbar, als die Infantin mit eingelernten {eiet. lichen Worten die Werbung annahm, wird der würdige Heiratsstjstes sogar neckisch: dann aber wendet er sich gleich wieder wichtigeren Dinq.« zu als der Frage, ob Isabella gern oder ungern das Jawort gegeben habe. Handelt es sich doch um den päpstlichen Dispens, der eingeholt werden muß, da die Brautleute Vetter und Base sind ...
So zieht denn die junge Isabella zum Palast des Kaisers hin jn dessen Reich die Sonne nicht unterging und über dessen Haus doch ein ig tiefer Schatten lag — der Schatten des Wahnsinns. Seit nahezu zwanzi» Jahren lebte auf dem Schloß von Tordesillas die Mutter des Kaisers Johanna die Wahnsinnige, in unheilbarer geistiger Umnachtung. Cs ljiej' daß der Gram über den Tod des heißgeliebten Gatten, Philipps biä Schönen von Oesterreich, der leidenschaftlichen Spanierin den Verstand geraubt hätte, doch die höfisch-rührende Legende schafft die Tatsache nicht aus der Welt und Geschichte, daß Johanna von Castilien schon vor iijnr Vermählung das war, was man heute mild „geistig abnorm" nennt Nun betrachtete jene Zeit gewiß die erbliche Belastung weniger pG mistisch als wir es heute tun, aber die junge Frau mag doch manchesmal gezittert haben, daß die Irrsinnige ein unheilvolles Vermächtnis an Kinder und Enkel weitergeben könnte ... Isabellas Gesicht sieht bei aller Jugend und Schönheit auch nicht aus, als ob ihr das Leben leicht geworden wäre. Die schmalen dunklen Augen blicken melancholisch, wii bei Menschen, die unter einem stündigen Druck leben, wie bei Jbsenschen Gestalten.
Trotz aller Machifülle und allen Glanzes war es gewiß auch kein Kinderspiel, das Weib des fünften Karl zu sein. Nicht immer hob er ja als leutseliger Mäcen einem Tizian den Pinsel auf, der dem Meister entfallen war, nicht alle Tage pumpte er voll vertraulicher Lieber Würdigkeit Augsburgs Großindustrie um beträchtliche Summen an, und sicherlich hat er nicht so hinreißend romantisch und majestätisch ausgi< sehen, wie Tizian ihn auf dem berühmten Reiterbild darstellt. Von einer Mutter schwankenden Geistes geboren, schwächlich und nervös von Soiv stitution, elternlos unter fremden Menschen heranwachsend, als 3üng= ling noch ein Knabe scheinend, und doch schon zwei Kronen auf beut blassen Scheitel tragend, als Vierziger bereits kränkelnd und verdrossen, schien Isabellas Mann durch Geburt, Erziehung und Schicksal vorde- stimmt zu dem Sonderling, als der er sich in den späteren Jahren zeigte. Aull) seine beste Tugend — seine fast übermenschliche Selbstbeherrschung — trug noch einen absonderlichen Zug. Als er die Nachricht vom Sieg von Pavia erhielt, einem der größten, die je erfochten wurden, wurde er aschfahl, sagte kein Wort, stand vorn Mahle auf, bei dem er eben faj und ging wortlos, allein in seine Kapelle. Sehr männlich, sehr christlich mag diese äußerste Selbstzud)t, die jedem Temperamentsausbruch noch Belieben Schweigen gebieten konnte, doch zuweilen hart gewesen sein für eine junge heißblütige Frau, und es wäre interessant zu wissen, ob die beherrschte Kraft, die auch um Isabellas Mund liegt, schon aus Portugal kam oder eheliche Assimilation ist.
Während jedoch das Gesicht des Kaisers immer (außer auf geschmeö chelten Bildern) mißtrauisch, verschlossen und unfroh aussieht, blüht um die vollen, zum reizenden Amorbogen geschweiften Lippen der Kaiserin eine entzückende Sinnlichkeit, und man kann sich denken, daß diese Frau berauschte, wenn sie in Liebe lächelte, wenn in diesen melancholischen Augen schmachtende Glut aufzubrennen begann. Zweifelsohne aber haben sie auch geistige Interessen mit ihrem Manne verbunden. Das geistige Hauptinteresse galt damals den religiösen Fragen und es heißt, daß Isabella im leisen Ruf der Ketzerei, das heißt des Luthertums stand. Dies mag bei der Frau eines ultrakatholischen Monarchen seltsam er scheinen, aber Karl schuf eben auch nicht immerfort das Augsburg« Interim. Nicht nur wenn er auf Freite ging, sondern auch in politische« Dingen war er ein kühler Rechner und es gab eine Stunde in feinem Leben, in der er ganz sachlich, ohne Gewissenskonflikte ausrechnei, welche der beiden Konfessionen die beste Gewähr für des Reiches Wohlfahrt böte. Was bei ihm, an den so viel herantrat, nur eine.6 W dauerte, hat sich vielleicht in der Muse des kaiserlichen Frauengemach- zu größerer Beharrlichkeit verdichtet. Vielleicht! Vielleicht hat Schm« Jsabellens gedacht, da er seinem „Don Carlos", ihrem Enkelsohn, de Sehnsucht nack) Gewissensfreiheit lieh. Ob sie glücklich gewesen ist? U" Glück wurde ihr jedenfalls zuteil: sie starb, noch ehe der Gatte sie alter« sah. In fassungslosem Schmerz kniete Star! an der Leiche seiner IW" Frau, wie einst seine Mutter an der Leiche des Mannes gekniet wul Mit ihm knieten und jammerten drei Kinder, unter ihnen der elfja.M Philipp, der später des Don Carlos Vater werden sollte.
Des Kaisers Gemüt blieb nach dem Tode seiner schönen yratt lange und schwer umdüstert, daß seine Umgebung sich mit Grauen ui steigender Angst feiner immer noch lebenden, wahnsinnigen Mutier t- innerte. Ihre Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos, denn aller Liebe und Trauer war Karl eben ein Mann. Und nach ™“*nn art tröstete er sich über das blasse Königskind, das er verloren hatte, Busen der rotwangigen Gürtlerstochter von Augsburg, der schönen o bara Blomberg, die ihm den Don Juan d'Austria gebar, der zum -N ' quis Paso Modell gestanden haben soll ... Man weiß, wie start I Leben als kaiserlicher Einsiedler, umschnurrrt von unzähligen ul> ' beschloß. Wenn er vergrübelt ihren Stimmen lauschte, die nur von •« gänglichkeit sprachen, traf vielleicht einmal ein feiner, silbriger Ton I Ohr, der nicht von der Flucht, sondern vom Glück der Stunde erzog > Von der Stunde, da er zum erstenmal das schöne, kluge Mädcheng geküßt hatte, das über Tizian hinaus ein reizendes Rätsel geworden, Jahrhunderte hinweg ein reizendes Rätsel geblieben ist


