Ausgabe 
15.9.1930
 
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sanften, langsamen Alterstod sterben zu wollen. Nichts ist für diese Tage (i) charakteristisch, bei keinem andern Anzeichen empfinde ich diese beson­dere unendlich schöne Art von Sommerende, so innig wie am späten Abend bei der Heimkehr von einem Gang ober von einem länblichen Abendmahl: Brot, Käse und Wein in einem der schattigen Waldkeller. Das Eigene an diesen Abenden ist die Verteilung der Wärme, das stille langsame Zunehmen der Kühle, des nächtlichen Taues, und das stille, nncndlich biegsame Fliehen und Sichwehren des Sommers. In tausend seinen Wellen macht dieser Kampf sich spürbar, wenn man zwei oder 6rei Stunden nach Sonnenuntergang unterwegs ist. Dann sitzt in jedem dichten Walde, in jedem Gebüsch, in jedem Hohlweg die Tageswärme noch gesammelt und verkrochen, hält sich die ganze Nacht hindurch zäh am Leben, sucht jeden Hohlraum, jeden Windschutz auf. An der Abendseite 6er Hügel sind zu diesen Stunden die Wälder lauter große Wärme­speicher, rundum benagt von der Nachtkühle, und jede Bodensenkung, jeder Bachlauf nicht bloß, nein auch jede Art und Dichtigkeit der Bewal­dung drückt sich dem Wandernden genau und unendlich deutlich in den Abstufungen der Wärme aus. Genau so wie ein Skiläufer beim Durch­fahren eines Berggeländes die ganze Bildung des Landes, jede Hebung und Senkung, jede Längs- und Seitenrippe der Gebirgsstruktur rein sinnlich in seinen wiegenden Knien spüren kann, so daß er nach einiger Uebung aus diesem Knie-Gefühl das gesamte Bild eines Berghanges während der Abfahrt ablesen kann, so lese ich hier in der tiefen Dunkel­heit der mondlosen Nacht aus den zarten Wärmewellen das Bild der Landschaft ab. Ich trete in einen Wald, schon nach drei Schritten von einer rasch zunehmenden Wärmeflut wie von einem sanft glühenden Ofen empfangen, ich finde diese Wärme mit der Dichtigkeit des Waldes anschwellen und abnehmen; jeder leere Bachlauf, der zwar längst kein Wasser mehr, aber doch in der Erde noch einen Rest von Feuchtigkeit bewahrt hat, kündigt sich durch ausstrahlende Kühle an. Zu jeder Jahres­zeit sind ja die Temperaturen verschiedener Punkte eines Geländes ver­schieden, aber nur in diesen Tagen des Uebergangs vom Hochsommer zum Fruhherbst spürt man sie so stark und deutlich. Wie im Winter das Rosenrot der kahlen Berge, wie im Frühling die strotzende Feuchtigkeit von Luft und Pflanzenwuchs, wie beim ersten Sommerbeginn das nächt­liche Schwärmen der Glühwürmer, so gehört gegen das Ende des Som­mers dies merkwürdige nächtliche Gehen durch die wechselnden Wärme­wogen zu den sinnlichen Erlebnissen, die am stärksten auf Stimmung und Lebensgefllhl wirken.

Wie doch gestern Nacht, als ich vom Waldkeller nach Hause ging, dort bei der Mündung des Hohlweges gegen den Friedhof von Sant' Abbendie mir die feuchte Kühle der Wiesen und des Seetals entgegenschlug! Wie die Waldwärme zurückblieb und sich scheu unter den Akazien, Kastanien und Erlen verkroch! Wie der Wald sich gegen den Herbst, wie der Som­mer sich gegen das Sterbenmüssen wehrte! So wehrt sich der Mensch in den Jahren, wo sein Sommer sinkt, gegen das Welken unb Sterben, gegen die andringende Kühle des Weltraums, gegen die andringende Kühle der Vereinsamung, gegen die zunehmende Kuhle im eigenen Blut. Und mit erneuter Innigkeit gibt er sich den kleinen Spielen und Klängen des Lebens hin, den tausend holden Schönheiten seiner Oberfläche, den zärtlichen Farbenschauern, den huschenden Wolkenschatten, klammert sich lächelnd und angstvoll an das Vergänglichste, sieht seinem Sterben zu, schöpst Angst und schöpft Trost daraus, und lernt schaudernd die Kunst des Sterbenkönnens. Hier liegt die Grenze zwischen Jugend und Alter. Atoncher hat sie schon mit vierzig Jahren oder früher überschritten, mancher spürt sie erst spät in den Fünfzigern oder Sechzigern. Aber es ist immer dasselbe: statt der Lebenskunst beginnt jene andere Kunst uns ju interessieren, statt der Bildung und Verfeinerung unsrer Persönlichkeit beginnt deren Abbau und Auflösung uns zu beschäftigen, und plötzlich, beinah von einem Tag auf den andern, empfinden wir uns alt, empfin­den wir die Gedanken, Interessen und Gefühle der Jugend als fremd. Diese Tage des Uebergangs find es, in welchen solche kleine zarte Schau­spiele wie das Verglühen und Hinsterben eines Sommers uns ergreifen und bewegen können, uns das Herz mit Staunen und Schaudern erfüllen, uns zittern und lächeln machen.

Schon hat auch der Wald das Grün von gestern nicht mehr. Und die Berge haben gegen Abend das Violett, und der Himmel die smaragde­nen Töne, die zum Herbst hinüber führen. Was bann? Dann wirb es wieder zu Cnbe sein mit den Abenden in Grotte, und zu Ende mit den aadenachmittagen am See von Agne, und zu Ende mit dem Draußen- hyen und Malen unter den Kastanienbäumen. Wohl dem, der bann eine Uennkehr zu geliebter unb sinnvoller Arbeit, zu geliebten Menschen, zu irgendeiner Heimat hat! Wer das nicht hat, wem diese Illusionen zerbrochen sind, der kriecht alsdann vor der beginnenden Kälte ins Bett "der flieht auf Reifen, und sieht als Wanderer hier und dort den Men- jchen zu, welche Heimat haben, welche Gemeinschaft haben, welche an ij)te Berufe und Tätigkeiten glauben, sieht ihnen zu, wie sie arbeiten, R anstrengen unb mühen.

Manche guten Dinge stehen uns noch bevor, ehe es wieder in den -hinter hinein geht. Die bläulichen Trauben werden weich und süß werden die jungen Burschen werden bei der Ernte fingen, und die !, U«n Mädchen in ihren farbigen Kopftüchern werden wie schöne Feld-

*1en im vergilbenden Reblaub stehen. Manche gute Dinge stehen uns "V bevor, unb manches, was uns heute noch bitter erscheint, wirb uns n(* luB munben, wenn wir erst bie Kunst bes Sterbens besser werden

» lernt haben. Einstweilen warten wir noch auf das Reifwerben der nrnns en' QUf 6,(15 SaUen ber Kastanien, unb hoffen, ben nächsten Voll- I-J1? "°ch ZU genießen, und werden zwar zusehends alt, sehen aber den

0 Oorv noch recht weit in der Ferne stehen. Wie ein Dichter gesagt hat: Herrlich ist für alte Leute Ofen unb Burgunber rot, Unb zuletzt ein fünfter Tob Aber später, noch nicht heute!

Oie Mestiburschen fangen!

kirmessreuden im Elsaß.

Von Helene Schede.

,®er --Hous im Schnakeloch", ber ewig unzufriedene, nörgelnde Elsässer, hat endlichwos er will". Landauf und landab feiert er bis ef m den September hinein die Feste ber heimatlichen Schutzpatrone, bie Kilbe ober bie Mest, wie man sie bort zu ßanbe nennt. Er ist in verwandelt. Alles Harte unb Unfrohe fällt von ihm ab. Mitsamt ber eigensinnigen, vierkantigen Stirn taucht er in die Freude £>es,/Jugendlicks unter. Nichts anderes vermag ihn mehr zu fesseln. Die wirtschaftlichen Probleme überläßt er dem grünen Tisch, und selbst der brodelnde politische Hexenkessel füllt sich für ihn mit süßem, jungem Zf,em. Die Mesti, die aus dein deutschen Mittelalter stammt, ist im Elsaß das große Volksvergnügen. Kein Krieg, kein Umsturz hat sie zum Wanken gebracht.

, kleinen Städte und Dörfer haben sich festlich geschmückt. Girlanden schlingen sich quer über die Straße und von einem Fachwerkhaus zum anbern. Fahnen unb Wimpeln wehen. Kränze hängen zum Willkommen über ben Türen unb traulichen Fenstern. Aus versteckten Gärten leuchten bie Lampions wie bicke, reife Melonen. In ben Gasthäusern buffet es nadj protzelnbenKiachla", unb berKirwestrauh" aus glutroten Astern über bem Schilb labt zu fröhlichem Verweilen.

Vereine mit Musik unb aufgerollten Fahnen ziehen im Gold des Spatsommermorgens durch die friedlichen Ortschaften. Glocken läuten bns Blau vom Himmel herunter. Jung und alt drängt sich auf die Straßen. Unter der Trachtenhaube mit ihren seltsam schwermütigen schwarzen Bändern lachen frische, von der Erntesonne gebräunte Gesichter. Sie bunten Röcke, die schweren, seidenen Schürzen und kostbaren gestickten Mieder leuchten. Kleine Mädchen, die die ganze lange Nacht mit sest- gewickeltenPapillotes" geschlafen haben, tragen stolz ihre Locken, ihre himmelblauen Schleifen unb schön gestärkten weißen Spitzenkleiber.

Von nah unb fern, unter Hott unb mit laubgeschmückten Leiter­wagen, auf- und abhumpelndenCalechen", vorsintflutlichen, auf hohen Radern fitzenden Gespannen kommen die Freunde unb Verwanbien zum Kilbensonntag ins Dorf gefahren. Die reichen, angesehenen Bauern laben Zur Mesti, wie zu einer Hochzeit ober Taufe ein. Die alten Kirchen- orbnungen strotzen von Ermahnungen gegen basmaßlose Fressen und Saufen", das bei diesen Festen immer noch die Hauptsache bildet. Aus mächtigen, mehrere Liter fassenden Staraffen fließen ber Weiße unb ber Rote. In ben verschiebensten Gängen werben bie Lieblingsgerichte ber Bauern aufgetragen: Suppe mit Rindfleisch, Fleischknöpfle in weißer Sauce, schlachtschusseln, Hasenpfeffer und natürlich Kaffee mit Milch und Bergen von-goldbraunen Kiachla und mandelbespicktem Gugelhopf.

Am Nachmittag tobt und lärmt auf dem Kilbenplatz eine jubelnd bewegte Jahrmarktswelt. Es find immer noch dieselben perlenglitzernden märchenhaft beleuchteten Karussells, die Schaukeln und Schaubuden aus der eigenen Kindheit. Nichts hat sich geändert. In beruhigender, alle sprachlichen unb politischen Gegensätze freunblich überbrückender Har­monie klingt es wie ehedem:Wos wünscht sich bie Mobom? Achetez nehme Sie sich's mit!" Ober vor den Zelten mit ben Feuerfressem unb Schlangenbeschwörern:Olles nin spaziert, ihr hohe Herre; entrez, entrez Messieurs, Mesdames!" Die Kinber belagern bie Zuckerstände. Da locken bie bernsteinfarbenenChiques" aus Malzzucker, die in allen Farbtönen schillernden Sirupstangen, die weißgepudertenNonettes de Dijon". Da­neben prangen in allen Größen die Lebkuchenherzen, weiße, braune, köstlich verzierte, mit Bildern im Biedermeierstil und allerhand Sprüchen und Liebesbeteuerungen. Früher erhielt ber Bürgermeister zur Ehre des Tages einen fein überzuckerten, mit sinnreichen Arabesken geschmück­ten Riesenlebkuchen, ber nicht selten bie ganze Tischplatte bebeette, unb an dem sich seine vielköpfige Familie tagelang gütlich tun kannte. Heute ist man sparsamer unb praktischer geworben unb begnügt sich bamit, seinem Mäbchen ein süßes, honigbraunes Herz zu schenken.

In manchen Gegenben, besonders am Kochersberg, dem gesegneten Landstrich um Brurnath und Hochfelden, leben mit der Mesti allerhand alte Sitten und Gebräuche wieder auf. Zwar hat sich auch dort schon vieles abgeschliffen. Es gibt keine regelrechten Umzüge mehr mit Bändern, Sträußen, Mestisternen am Hut, mit Zinnkaraffen und darüber gestülpten Weingläsern, keine Serenaden vor den Häusern der Honoratioren, die für die Ehrung reichlich Wein und Geld spenden mußten. Die Vortänze um den buntbeflaggten, mit Gaben behangenen Mestibaum, das Stangen­klettern am geglätteten, mit Seife eingeschmierten Stamm sind abgeschafft. Aber es geht doch noch lustig genug zu. .Hemdärmelig, mit weißen Mestisürtücheln" ziehen die Mestiburschen am Spätnachmittag von einem Hof zum andern, trinken, lachen, scherzen, holen sich ihre Maiden, bis die ganze Dorsjugend dem Zuge folgt. Mit Musik geht es zum Festplatz, wo unter dem Laubdach der Bäume ober in einer Scheune ber Tanzboben errichtet worben ist.

Der Wirt zapft bie Fässer an. Die Musik beginnt zu spielen unb nun wird getanzt unb getrunken, was ber Beutel hält unb die Beine hergeben. Den Höhepunkt des Abends bringt in manchen Ortschaften noch immer derGullertanz", der früher auf jeder Bauernhochzeit getanzt werden mußte. In der Mitte des Tanzbodens hängt von der Decke ein gemästeter, mit vielen flatternden Bändern geschmückterGuller". Neben dem Hahn ist ein Licht angebracht, durch dessen Wachskörper eine mit einer Bleikugel beschwerte dünne Schnur läuft. Im flackernden Schein dieser Kerze tanzen die Paare. Wie roter Mohn flammen die Röcke der Mädchen, phantastisch schillern die bunten, seidenen Schürzen. Ein Strauß wandert von Hand zu Hand. Immer leidenschaftlicher, reißender wird bie Musik. Ermunternde Zurufe aus bem Zuschauerkreis schwirren burdjeinanber. Schneller unb schneller kreisen bie Paare, bis plötzlich die Kerze erlisdft. Die Flamme hat den Faden erreicht, leise klirrend fällt bie Bleikugel auf ben Holzboden. Wer in diesem Augenblick die Blumen in ber Hand hält, istd'r Hahn im Korb". Der Guller gehört ihm. Noblesse oblige.