Stambukrockes** und überreichte es mir mit der Feierlichkeit, zu der ihn ein Ritt von zwölf Stunden berechtigte. Es wnr ein Briefchen m den mir bereits wohlbekannten Krähenfüßen des Paschas, der sich auf einer Jagdrundreise befand und gestern in Kassr-Schech, fünsundsiebzig Kilo­meter westlich von Terranis, angekommen war. Er schrieb:

, Haben Sie die Güte, mit dem Mamelucken Achmed hierher zu kom­men. Der Nasir von Terranis hat Befehl, Ihnen Pferde zu geben. Ich habe auf dem Schutthügel der altgriechischen Stadt Sackra bei Kassr-Schech einen wundervollen Platz für mein gußeisernes Jagdschloß gefunden. Vor meiner Abreise von hier möchte ich mit Ihnen die Grundmauern des Gebäudes festlegen, auch andres besprechen. Bitte ohne Verzug zu kommen. Halim." .

Kein Wunder, daß die Bevölkerung des Bezirks tn einiger Aufregung war und von allen Seiten herbeiströmte. Schon waren die Fenster des Maschinenhauses mit Zuschauern besetzt, die still, aber mit weitauf­gerissenen Augen die Nasen gegen die Scheiben druckten, wo diese noch nicht zerbrochen waren. Ein so unmittelbarer Befehl Effendinis war in Terranis nichts Alltägliches. Da mußte man mindestens wissen, um was es sich eigentlich handle. Zwanzig Hände fütterten und tränkten das Pferd des Mamelucken, Jusef den Chalil, der wackere Maschinen­wärter der verunglückten Pumpe, kochte unter seinem Dampfkessel eiligst Kaffee, und Nasir und Schech el Beled wetteiferten in guten Ratschlägen, wie ich am besten und schnellstens nach Kassr-Schech kommen könne.

Das war nun der dritte wundervolle Platz, den mein derzeitiger Herr und Gebieter für sein eisernes Jagdschloß gefunden hatte. Ungefähr vor Jahresfrist wurde ein junger französischer Giehereibesitzer durch ein Brustleiden nach Aegypten geführt. Dieser Herr benutzte eine frühere, oberflächliche Berührung mit dem ägyptischen Prinzen in der Ecole Centrale zu Paris zu, dem künftigen Vizekönig seine Aufwartung zu machen. Halim erinnerte sich seiner kurzen Pariser Studentenzeit immer gerne, und seine Bekannten, auch die entferntesten, aus jenen Tagen waren eines gastfreundlichen Empsangs sicher. So kam es, daß nach einem heiteren Frühstück ä la frangaise in den Gärten zu Schubra, bei dem die Gebote des Korans nicht buchstäblich gehalten worden waren, der Gießereibesitzer Seine Hoheit von der Notwendigkeit eines gußeiser­nen Jagdschlosses überzeugt hatte, das nach einer kunstvoll aquarellierten Zeichnung in der Tat recht hübsch aussah und, versicherte der Brustkranke, für tropische Ameisen die es in Aegypten nicht gibt völlig unzer­störbar war. Zuerst, als das Gebäude nach acht Monaten in drei Nil­booten von Alexandrien heraufgesegelt kam, sollte es in der Nähe von Heliopolis aufgestellt werden und als Ausgangspunkt der in der dortigen Gegend häufig veranstalteten Gazellenjagden dienen. Doch noch ehe ich mit dem Ausladen der Nilboote bei Schubra beginnen konnte, hatte Halim den zweiten wundervollen Platz am andern Ufer, zehn Stunden flußabwärts bei Thalia, gefunden. Die Feluken wendeten deshalb ihre Schnäbel wieder nach Norden, woher sie gekommen waren, und die zahl­losen Säulen und Konsolen, Blechwände und Zinkdachplatten lagen seit einigen Wochen in halbzerbrochenen Riesenkisten unterhalb Kaliubs am Nilufer im Sand und warteten auf mich und ihre Zusammensetzung. Nun also schien der dritte wundervolle Platz am entgegengesetzten Ende des Deltas entdeckt worden zu sein, so daß das Jagdschloß einer aber­maligen und, wie ich mit Besorgnis überlegte, diesmal sehr schwierigen Wanderung entgegensah. Doch war ich zum Glück schon ein wenig daran gewöhnt, technische Aufgaben im Stil von Tausendundeine Nacht zu behandeln, und ließ mich nicht mehr so schnell verblüffen.

Das französische Billett des Paschas, welches der gelehrte Schreiber des Dorfschulzen mit hoffnungslosem Kopfschütteln betrachtete und auf das ich von Zeit zu Zeit mit drohendem Finger hinwies, versetzte männig- lich in fieberhafte Tätigkeit. Selbst mein fetter, schläsriger Abu-Sa, dem der zeitweise Abschied von der behaglichen Dahabia, dem Nilboot, in dem wir in Terranis hausten, besonders sauer fiel, lieh sich durch wenige ermunternde Rippenstöße zu ungewohntem Uebersetzungseifer aufstacheln. In einer Stunde waren zwei Pferde, zwei Kamele und ein Esel zur Stelle. Mit angstvoller Miene fragte jetzt der Nasir, seiner Reisfelder gedenkend, was ums Himmels willen aus der Pumpe werden solle. Der Maschinist Jusef, ein herzensguter Kerl, der sich zu jeder Arbeit willig zeigte, die er auf morgen verschieben konnte, schlug zuerst vor, zu warten, bis ich wieder zurückgekommen sei. Dagegen protestierte der Nasir mit allen Zeichen leidenschaftlicher Empörung, so daß der eingeschüchterte Mechanikus die Hoffnung durchblicken ließ, den Fisch mit Gottes Hilfe selbst schon morgen herauszuziehen. Ich erklärte ihm, so gut es ging, wie er sich dabei zu verhalten habe, wie er den Ventilsitz und die Führung des Ventils säuberlich reinigen und den Ventilkastendeckel wieder anschrauben müsse, und empfahl der ganzen Gesellschaft schließlich große Vorsicht. Diese versprachen sie alle laut und einmütig, und ich glaubte, soweit ich meine Leute kannte, nie weniger Grund gehabt zu haben, an einem Versprechen zu zweifeln. Ob sie überhaupt den Versuch machen würden, das Ventil von den störenden Fischgräten und -schuppen zu befreien, war eine ganz andre Frage.

In einer weiteren Stunde hatte ich meine Kleider gewechselt, einen Koffer gepackt, mein Bett samt einer eisernen Bettstätte auf den Rücken des einen Kamels geladen, Abu-Sas und meines Kochs wunderliches Reisegepäck auf dem Rücken des zweiten festbinden sehen und ein halbes Dutzend Eier gefrühstückt. Dann setzte die Karawane in einem bedenklich bresthaften Kahn unter vielem Geschrei der Leute und heftigem Wider­stand der Kamele glücklich über den Nil. Am andern Ufer erst machte man sich eigentlich reisefertig: ich und Achmed el Soyer zu Pferd, der Koch au: dem Küchen- und Gepäckskamel in fröhlichster Stimmung die Situation beherrschend, Abu-Sa in meinem Namen, wenn auch ohne Auftrag, jeder­mann beschimpfend, auf dem Kreuz des Esels, wie und wo der ein­geborene Aegypter zu fitzen pflegt. Der allzu rasche Aufbruch hatte ihn tief verstimmt; in dieser Weise konnte man unmöglich weiterleben! Zwei

** Der Stambulrock ist ein einfacher Gehrock aus leichter schwarzer Seide, mit einreihigen Knöpfen; in Aegypten das übliche Kleidungsstück von Beamten und höheren Dienern, die keine Militäruniform tragen.

Kamelstreiber und ein Sais liefen nebenher und versuchten von Zeit zu Zeit mit Hilfe eines hinten zufällig herabhängenden Stricks das zweite Kamel und mein Bett zu besteigen, was jedoch Abu-Sa mit gebüh­render Entrüstung und unerwartetem Schicklichkeitsgefühl zu verhindern wußte. So zogen wir gegen zehn Uhr über die ersten besten Kleestoppeln querfeldein gen Westen, in den glühenden Tag hinein.

Es war mir nichts Ungewohntes mehr, eine solche Wanderung durch die grüne Deltaebene mit ihrem stillen Blühen und Sprossen, Reifen und Welken; über die saftig dunkeln Kleefelder, die endlosen Flächen, die der etwas kümmerliche Weizen bedeckt, dyrch die am Horizont zusammen­laufenden Staudenreihen der Baumwolle. Von Zeit zu Zeit unterbricht eine kleine Erhöhung die Einförmigkeit des Bildes. Es sind die Lehm­mauern eines Fellahdorfes mit seinen viereckigen, gradlinig abgedachten Häusern, seinem kleinen krummen Minarett, seiner Sykomore oder der spärlichen Palmengruppe und einem halbvertrockneten Teich. Da und dort taucht ein höherer Hügel auf, der in dieser Ebene vom fernen Hori­zont her ganz gewaltig dreinschaut und die begrabenen Trümmer einer Stadt aus der Zeit der Ptolemäer oder selbst des ältesten Aegyptens andeutet. Bei dem Ritt von Ost nach West, beinahe an der Grenze des bebauten Landes, wo dieses in die brackigen Sumpfflächen des Burlos­sees und des nahen Meeresufers übergeht, unterbricht den einförmigen Reitpfad nicht selten ein halbvertrockneter Kanal, ein fast versandeter Nilarm. Die Kamele gurgeln grämlich, wenn sie unsicheren Schrittes an der Böschung der zerfallenden Dämme hinabgleiten.Man sauft nicht schon wieder", scheinen sie ärgerlich zu bemerken,wenn man kaum vier Stunden lang in der angenehm brennenden Sonne spazieren gegangen ist." Die Pferde, bis an den Bauch in dem lauen, gelbbraunen Wasser versinkend, machen dagegen trotz des heftigen Widerstandes ihrer Reiter Versuche, ein gründlicheres Bad zu nehmen, während der sich verzweifelnd sträubende Esel von Abu-Sa hinten ins Wasser geschoben werden muh, sich dann aber plötzlich, laut schreiend vor Freude über das köstliche Naß, auf den Rücken legt und alle vier Beine dankbar gen Himmel streckt. All das gibt eine willkommene Veranlassung zu einer kurzen Rast im Schatten der einsamen Sykomore, welche die Furt bezeichnet, oder bei der kleinen Grabmoschee eines Dorfheiligen, die der stillen, unabsehbaren Fläche einen hübschen Vordergrund verschafft. Und dann geht es wieder weiter; Kleefelder, Weizenfelder, Baumwollfelder ohne End«.

Ein solcher Ritt, wenn er auch nur zehn Stunden währt, gibt Zeit, an mancherlei zu denken; zum Beispiel an die Frage, wo man herkomme und wo man hingehe. Ich war nun zwei Jahre in Aegypten und hatte begonnen, mich in Land und Leute einzuleben. Die erste neugierige Freude des Daseins hatte sich gelegt und auch vieles Unangenehme seinen Stachel verloren. Selbst die Moskitos fingen an, mich als Landsmann zu be­trachten und nach ihrer Art etwas milder zu behandeln. Mein Arbeits­feld als Ingenieur Halim Paschas hatte sich ausgedehnt, wie ich es kaum für möglich gehalten hätte. Der während der letzten Jahre ungemein ergiebige Baumwollbau hatte mächtig dazu beigetragen, die ausgedehnten Landstrecken, die Halim als jüngster Sohn Mohammed Alis geerbt hatte, in einer bisher ungekannten Weise unter Kultur zu bringen. Der erste ägyptische Dampfpflug, den ich infolge einer glücklichen Vereinigung von Umständen vor dem Untergang retten konnte, hatte andre rasch nach­gezogen, so daß ich in Schubra eine sörmliche Schule für arabische Damps- pflüger im Gang erhalten mußte. In Terranis, in Thalia, in El Mutana und namentlich in Kassr-Schech dampfte als den altägyptischen Zinken, nie etwas andres kennengelernt hatten als den altägyptischen Zinken, der auch in den Grabkammern von Memphis und Theben zu sehen ist. Dann waren an all diesen Punkten, mit Ausnahme von Kassr-Schech, große Pumpwerke zur Bewässerung der Güter errichtet worden oder im Bau begriffen und gossen zu jeder Jahreszeit Ströme von Wasser über die zum erstenmal tiefgepflügten Felder. Es war ein emsiges, hoffnungs­volles Treiben von einem Ende des Landes zum andern. Doch war es unter der heißen Sonne warme Arbeit, auf dem alten Boden einer neuen Welt zum Aufkeimen zu verhelfen, und manches Pflänzchen ging dabei zugrunde. Ich selbst war manchmal nicht weit davon.

(Fortsetzung folgt.)

Herbstbeginn.

Von Hermann Hesse.

Es war ein schöner, glänzender Hochsommer hier im Süden der Alpen, und seit zwei Wochen habe ich jeden Tag eine heimliche Angst um sein Ende gespürt, die ich als Beigabe und geheime stärkste Würze alles Schönen kenne. Vor allem fürchtete ich jedes leiseste Anzeichen eines Gewitters, denn von der Mitte des August an kann jedes Gewitter leicht ausarten, kann tagelang dauern, und dann ist es zu Ende mit dem Sommer, selbst wqpn das Wetter sich wieder erholt. Gerade hier im Süden ist es beinahe die Regel, das dem Hochsommer durch ein solches Gewitter das Genick gebrochen wird, daß er rasch, lodernd und zucken» erlöschen und sterben muh. Dann, wenn die tagelangen wilden Zuckungen eines solchen Gewitters am Himmel vorüber sind, wenn die tausend Blitze, die unendlichen Donnerkonzerte, das wilde rasende Sichergietzen der lauen Regenstöme verrauscht und vergangen sind, blickt eines Morgens oder Nachmittags aus dem verkochenden Gewölk ein kühler, sanfter Him­mel, von seligster Farbe, alles voll Herbst, und die Schatten in ne Landschaft sind ein wenig schärfer und schwärzer, haben an Farbe ver­loren und an Umriß gewonnen, so wie ein Fünfzigjähriger, der gestern noch rüstig und frisch aussah, nach einer Krankheit, nach einem nach einer Enttäuschung plötzlich das Gesicht voll kleiner Fäden und > allen Falten die kleinen Zeichen der Verwitterung sitzen hat. 5urawa ist solch letztes Sommergewitter, und grauenvoll der Todeskampf Sommers, sein wilder Widerwille gegen das Sterbenmüssen, seine schmerzliche Wut, fein Umsichschlagen und Bäumen, das doch alles ver­geblich ist und nach einigem Toben hilflos erlöschen muß.

Dieses Jahr scheint der Hochsommer nicht jenes wilde, dramaill e Ende zu nehmen (obwohl es noch immer möglich ist), er scheint diesmal o

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